Du bist die Frau, du hast Pflichten

Du bist die Ehefrau, das ist deine Aufgabe oder so sagt man ja in den guten alten deutschen Sprichwörtern.

Was gibts heute zum Abendessen? fragte Dieter, während er im Flur stand und die Türschwelle wie ein unbeweglicher Türsteher blockierte.

Gretchen ließ die Augen über den Laptop gleiten, die Finger schwebten über der Tastatur, als könnte das bloße Schließen der Lider das laute Wort in Luft auflösen. Stattdessen flackerte ein Tabellensalat, der von Präsentationen bis zu Chatfenstern reichte, vor ihren Augen.

Hast du den Kühlschrank geöffnet? fragte sie halb im Scherz, halb im Ernst.

Dieter nickte.

Und?

Naja dort stehen ein paar Töpfe, ein paar Behälter.

Gretchen spürte, wie die Anspannung der letzten Arbeitsstunden in ein kratzendes Ärgernis umschlug.

Und das hat dich nicht auf die glorreiche Idee gebracht, das Essen aufzuwärmen? schnippte Dieter, die Stirn gerunzelt.

Warum sollte ich das? Ich komme nach einem langen Tag im Büro nach Hause, völlig erschöpft. Und du kannst mir nicht einmal ein Abendmahl servieren?

Und was, glaubst du, mache ich gerade? drehte Gretchen den Laptop zu ihm, zeigte die überquellende Datenflut. Ich arbeite auch von zu Hause, ich bin müde, aber ich habe Zeit gefunden, etwas zu kochen. Alles, was du tun musst, ist, die Mahlzeit zu erwärmen und auf einen Teller zu legen. Ist das so schwer?

Ihre Stimme bebte ein wenig, als ob ein kleiner Funke fast das ganze Fass zum Überlaufen brachte.

Dieter stapfte aus dem Flur, murmelte: Sie ist jetzt so hart, faul, ich fühle mich nicht geliebt, nicht geschätzt

Gretchen griff nach den Kopfhörern, drehte die Musik lauter. Dieters Beschimpfungen verschwanden im Beat, während ihr Blick erneut auf den Bildschirm fiel doch die Zahlen und Grafiken tanzten nur noch im Hintergrund, während ganz andere Gedanken umherwirbelten. Wie war sie nur hier gelandet? Wann ging alles schief?

Früher war alles anders. Ganz anders. Gretchen liebte das Kochen, es war ihr kleines Hobby, ihr Entspannungsritual nach einem Arbeitstag. Sie und Dieter scherzten oft, sie habe ihn mit ihrem Essen verzaubert.

Beim dritten Date war die Reservierung im Restaurant wegen eines Systemfehlers storniert, das Zimmer ging an andere. Dieter war enttäuscht, doch Gretchen schlug vor, zu ihr nach Hause zu fahren. Sie servierte Hausgemachte Lasagne, knuspriges Brot mit Knoblauch und einen frischen Salat. Dieter verschlang das Essen, die Augen rollten vor Genuss.

Ich glaube, ich verliebe mich, stieß er aus, und Gretchen lachte.

Nachdem er in ihre erste Wohnung eingezogen war, kochte sie fast täglich: französisches Steak, geschmortes Lamm, aufwändige Suppen, sonntags selbstgebackene Kuchen. Dieter gewöhnte sich daran, so sehr, dass er nie mehr bemerkte, wie viel Zeit und Energie sie in die Küche steckte. Damals arbeitete sie noch von 8 bis 18 Uhr, ohne flexible Zeiten. Sie kam müde nach Hause, stand aber trotzdem am Herd, weil sie Dieter sah, wie er erwartungsvoll wartete.

Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Ihre Karriere schoss nach oben, sie wechselte ins HomeOffice, bekam eine Beförderung und leitete große Projekte. Der Terminplan wurde dichter, die Verantwortung größer. Sie hatte einfach keine Kraft mehr, wie früher zu Hausangestellte zu werden. Die Mahlzeiten wurden einfacher: Buchweizen mit Hähnchen, Nudeln mit Frikadellen, Gemüse-Eintopf. Schnell, sättigend, ohne Schnickschnack. Und plötzlich fing Dieter an zu meckern. Zuerst ein Hinweis hier und da, dann offene Vorwürfe.

Die letzten zwei Monate wurden zur Hölle. Ein wichtiger Kunde, ein Projekt, das über eine Bonuszahlung und ihren nächsten Karriereschritt entschied, drängte sie zu zwölfStundenSchichten. Manchmal fuhr sie ins Büro, um sofort mit dem Chef Änderungen zu besprechen, anstatt ewig EMails zu schreiben.

Dieter war permanent unzufrieden: das Haus war nicht sauber genug, das Essen zu simpel, sie schenkte ihm zu wenig Zeit. Er forderte aufwändige Gerichte, schimpfte über ungewaschene Pfannen. Gretchen brach zusammen, schrie, weinte, beruhigte sich kurz, dann ging alles wieder von vorne los.

Endlich war das Projekt abgeschlossen. Gretchen fühlte sich ausgepresst wie eine Zitrone; jede Zelle schrie nach Ruhe. Sie lag im Bett, starrte die Decke an, selbst das Blinzeln war ein Kraftakt.

Aus dem Flur hörte sie Dieters Schritte. Er kam kurz darauf ins Schlafzimmer und sagte missmutig:

Der Kühlschrank ist leer. Was gibts zum Abend?

Gretchen blickte langsam zu ihm hinüber.

Im Gefrierschrank sind noch Maultaschen, flüsterte sie.

Ich will keine Maultaschen! Ich will gebackenen Fisch mit Gemüse.

Der Gedanke, aufzustehen, verursachte fast körperliche Schmerzen. Ihr Körper weigerte sich zu bewegen, ihr Kopf wollte nicht mehr arbeiten.

Bestell dir doch einfach etwas Fertigessen, die liefern alles, was du willst.

Warum habe ich dann überhaupt geheiratet? knurrte Dieter.

Gretchen setzte sich auf die Bettkante, sah ihm fest in die Augen.

Damit ich Essen aus der Lieferung essen darf? fuhr Dieter fort, lauter werdend. Kochen ist doch die Pflicht einer Frau. Du hast dich in letzter Zeit total gehen lassen. Ich halte das nicht mehr aus!

In Gretchen sprang plötzlich ein Funken Wut auf. Statt Erschöpfung kam ein heißer Zorn, der ihr Kraft gab. Sie sprang vom Bett, schrie:

Ich bin nicht verpflichtet! Wo steht das? Wer hat das unterschrieben?

Ich kann nicht mehr mit diesem Unsinn essen! brüllte Dieter zurück. Ich habe genug davon!

Dann koch selbst! schrie Gretchen, trat zu ihm. Die Küche ist da drüben! Ich verbiete dir nichts!

Das ist deine Aufgabe! Das ist Frauenarbeit! Du musst dich um den Mann kümmern!

Ich bin müde! Zwei Monate war ich voll im Job! Du hast nicht mal den Teller abgewaschen! Warum soll ich allein alles erledigen, während du dich zurücklehnst?

Dieter wurde rot.

Weil ich ein Mann bin! Ich verdiene das Geld!

Gretchen stach sich mit dem Finger an die Brust.

Und ich verdiene es auch! Nicht weniger als du! Du benimmst dich, als wäre ich deine Dienstmagd!

Du bist eine schlechte Ehefrau! Du kümmerst dich nicht um die Familie!

Jetzt fror der Zorn, wurde zu eisiger Kühle.

Dann such dir jemand anderen! Such dir eine, die dir zu Füßen liegt. Ich habe genug davon!

Dieter stockte.

Was?

Gretchen ging zum Kleiderschrank, griff nach seiner Tasche und warf seine Sachen hinein.

Du hast gehört. Geh jetzt sofort.

Gretchen, was soll das?

Geh! Ich habe es satt, deine Dienstmagd zu sein. Ich will eine Partnerin sein, keine Köchin und Putzfrau. Wenn du das nicht verstehst, passen wir nicht zusammen.

Dieter konnte kaum fassen, was geschah. Er versuchte zu argumentieren, sich zu entschuldigen, doch Gretchen ließ nicht locker und stellte ihn vor die Tür.

Eine Woche verging. Dieter rief täglich an, schickte Nachrichten, bat um Verzeihung und versprach Besserung. Gretchen blieb stumm, brauchte Zeit, um nachzudenken.

Sie erinnerte sich daran, wie er nie half, wie er ihre Fürsorge als selbstverständlich ansah, wie er ihre Erschöpfung kleinredete, weil er dachte, sie sei ihm als Ehefrau verpflichtet. Sie erkannte, dass er sich auf ihren Schultern ausgeruht hatte, ohne zu merken, dass sie keine Haushaltshilfe, sondern eine Partnerin war.

Als Dieter schließlich mit Blumen vor ihrer Tür stand, seufzte Gretchen.

Ich will die Scheidung. Du bist mir nicht mehr nötig.

Dieter sah verwirrt aus.

Aber warum? Ich habe doch versprochen, mich zu ändern!

Versprechen reichen nicht. Ich brauchte einen Mann, keinen Dienstboten.

Die Scheidung wurde schnell geregelt. Die Wohnung war noch Gretchens, also gab es nichts zu teilen. Dieter zog zu seinen Eltern zurück.

Endlich fühlte sie sich leichter. Sie kochte wieder aber nur für sich. Probierte neue Rezepte, erinnerte sich an alte Lieblingsgerichte, briet Entenbrust mit Äpfeln, weil ihr danach war. Backte aufwendige Desserts, weil es ihr Spaß machte. Und wenn die Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag zurückkehrte, bestellte sie Pizza, aß sie direkt aus der Schachtel auf dem Sofa vor dem Fernseher. Niemand tadelte sie, niemand forderte sie heraus. Und das war einfach wunderbar.

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Homy
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