Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich eines Tages die Koffer meiner Frau vor die Tür stellte Du wohnst hier nicht mehr. Wir lassen uns scheiden. Niklas bleibt bei mir,sagte ich mit knappen Worten und schob die Taschen hinter ihr hervor.
Nichts. Hans ist ein nachgiebiger Mensch. Er wird sich beruhigen, sie wird um Verzeihung bitten, und dann wird alles wieder wie früher sein. Bis dahin wohnt sie bei ihrer Mutter.
Alles war bis zu diesem Punkt gut für Klara. Vor sieben Jahren hatte sie den ruhigen, fast schon trägen Programmierer Hans geheiratet und von bei ihrer Mutter im kleinen Dorf nach Hamburg in seine Wohnung gezogen.
Zwei Jahre später brachte sie den Sohn Niklas zur Welt, den ihr Mann über alles liebte und sich gerne um ihn kümmerte, sodass Klara sich voll und ganz ihrer Karriere in einer Handelsfirma widmen konnte.
Auch beruflich lief es für sie hervorragend ihre Vorgesetzten schätzten ihre Zuverlässigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen. Nach einer einmonatigen Dienstreise nach Berlin sollte sie endlich die begehrte Stelle als Abteilungsleiterin übernehmen. Vielleicht würde sich dann sogar ein Weg in die Hauptstadt öffnen.
Sie hatte auch einen Liebhaber den gutaussehenden Kollegen Thomas, der stets seine Zunge im Zaum hielt.
Sie trafen sich nicht oft, doch für Klara reichte das, um ihr ruhiges Eheleben zu würzen und sich wieder begehrt zu fühlen.
Ach, du wirst noch alles bereuen, Klara!, schimpfte ihre Mutter Elisabeth, die über jedes Detail des Lebens ihrer Tochter Bescheid wusste, einschließlich des Liebhabers. Hans wird dir nie verzeihen, wenn er es erfährt. Niklas bleibt dann ohne Vater.
Mama, beruhige dich!, winkte Klara ab. Ich bin vorsichtig, und Hans liebt mich und vertraut mir völlig.
Mit der Zeit begann Hans jedoch misstrauisch zu werden, wenn Klara länger im Büro blieb, und er mochte ihre Idee, nach Berlin zu ziehen, überhaupt nicht. Sie stritten sich ein paar Mal darüber, doch Hans war stets nachgiebig, und bald war alles wieder Frieden.
Klara ließ den Kontakt zu Thomas vorerst fallen, doch Thomas war darüber sehr verärgert. Er meinte, er leide unter der seltenen Begegnung mit seiner Lieblingsfrau mit ihr. Doch die Realität sah anders aus.
Was ist los, Thomas? Hat Klara dich verlassen?, hörte er zufällig, wie Thomas mit dem Kollegen Jürgen sprach.
Er ist schon ganz fertig!, knurrte Thomas. Mein Mann hat etwas bemerkt! Habe ich das ganze Jahr nicht umsonst investiert?
Eigentlich wollte ich dich nach Berlin mitnehmen, fuhr Thomas fort, und im Notfall hier bleibe, bis ich abreise. Und du willst jetzt doch weiterziehen.
Ach, laß das!, lachte Jürgen. Ich dachte, ihr seid verliebt
Wovon redest du?, schnaufte Thomas verächtlich. Diese alte Hexe macht mich fertig!
Klara spürte das Brennen im Gesicht. Eine Hexe? Sie ist drei Jahre jünger als ich!, fluchte sie.
Gerade, als die beiden sich weiter stritten, kam ihr Chef, Herr Kurt Schneider, ganz plötzlich die Treppe hinunter. Was ist hier los?, rief er, und beide zuckten zusammen. Habt ihr hier ein Rendezvous veranstaltet?
Thomas begann etwas zu sagen, doch Kurt ließ ihn nicht ausreden. Von dir, Klara, habe ich das nicht erwartet, sagte er eisig. Ich überlege jetzt, ob du überhaupt befördert wirst und ob du überhaupt einen Platz in Berlin bekommst.
Herr Schneider, das ist ein Missverständnis, stammelte Klara. Ich erkläre alles
Und bleibst du überhaupt in der Firma, Thomas?, fuhr Kurt weiter, ohne Klara zu hören, und ging dann wieder davon, wobei er ein kühles Lächeln hinterließ.
Kurt dachte nicht lange darüber nach. Klara war eine wertvolle Mitarbeiterin, sie hatte das Unternehmen fast von Anfang an mit aufgebaut, Thomas kam erst vor ein paar Jahren dazu. Sie entließen ihn nicht, aber versetzten ihn in eine Zweigstelle am anderen Ende der Stadt.
Die groben Worte, die Thomas ihr beim Abschied entgegenschlug, versuchte Klara zu verdrängen ebenso wie den Mann selbst. Doch nur wenige Tage später musste sie an ihn denken.
Hast du wieder Überstunden?, grummelte Hans, als er sie nicht freundlich begrüßte.
Ja, antwortete Klara, ohne Schuld zu empfinden. Ich habe Probleme mit einem neuen Kunden. Hans warf ihr mehrere Fotos zu, die Klara und Thomas in einem Café, auf der Straße und vor einem Hotel zeigten. Wer nicht blind wäre, erkannte sofort: Sie waren zusammen.
Klara war es leid, sich bei der Arbeit für die missglückte Affäre rechtfertigen zu müssen, und hoffte, dass Hans verzeihen würde. Sie wollte nur gestehen: ein paar Mal war sie nachlässig, ein anderer war ihr Begleiter, und so weiter.
Zu ihrer Überraschung reagierte Hans nicht so, wie sie es erwartet hatte. Am Abend sprach er kein Wort mehr mit ihr, zog sich ins Zimmer des Sohnes zurück und am nächsten Morgen packte er allein ihre Sachen und stellte sie im Flur zur Seite.
Du wohnst hier nicht mehr. Wir lassen uns scheiden. Niklas bleibt bei mir,wiederholte er monoton und schob die Koffer zur Tür.
Sie war so fassungslos, dass sie nicht einmal widersprach. Nichts. Hans sei nachgiebig, sie würde sich entschuldigen, und dann wäre alles wie früher. Bis dahin bliebe sie bei ihrer Mutter.
Ich habe es dir doch gesagt!, sah Elisabeth streng zu ihrer Tochter, wechselte dann aber schnell zu milderem Ton. Alles wird gut. Nur schade, dass Niklas ohne Mutter leben muss
Mama, ich regel das!, flammte Klara auf, als die Erwähnung ihres Sohnes sie irritierte.
Sie hegte allerdings den Wunsch, sich an denjenigen zu rächen, der Hans alles verraten hatte nach ihrer Ansicht nur Thomas konnte das.
Am nächsten Tag stellte sie Thomas an seinem neuen Arbeitsplatz.
Na toll!, knurrte er. Nun habe ich wegen dir alles von Neuem aufzubauen und muss Kurt Schneider beweisen, dass ich noch etwas wert bin.
Ihr seid ja ein Gespann, nicht wahr?, fuhr Thomas fort. Doch ich spiele nicht mehr mit.
Dann wer?, fragte Klara ratlos.
Keine Ahnung, zuckte Thomas mit den Schultern. Ich hätte die Fotos selbst nicht machen können, verstehst du. Das Drucken ist völlig aus meiner Zeit!
Da war für Klara jetzt keine Lust mehr, den Schuldigen zu finden Hans wollte keinen Kontakt mehr zu ihr, er hatte das Sorgerecht für Niklas fast komplett entzogen. Der Junge ging nicht mehr in den Kindergarten, und bei Spaziergängen schaffte es Klara nie, ihn zu erwischen. Hans hatte sogar die Türschlösser ausgetauscht.
Mein Sohn braucht keine solche Mutter, sagte er mit steinernem Blick. Wenn du hier herumirrst, entziehe ich dir das Sorgerecht, wie einer Frau mit geringer sozialer Verantwortung.
Bist du verrückt?!, schrie Klara. Hans, was redest du da? Lass uns vernünftig reden!
Nichts half.
Elisabeth versuchte ebenfalls, mit ihrem Schwiegersohn zu reden, bat ihn nicht um Verzeihung, sondern flehte um das Enkelkind. Hans blieb freundlich, doch unbeirrbar.
Klara entschied, sich vorerst zurückzuziehen und sich in die Arbeit zu stürzen. Vielleicht änderte Kurt Schneider seine Meinung und schickte sie doch nach Berlin, damit sie endlich die Leitung übernehmen durfte.
Sie fühlte neuen Schwung vielleicht würde sich die Familie wieder vereinen.
Mama, gratuliere mir!, rief sie eines Abends, als sie das Haus ihrer Mutter betrat. In einer Woche fahre ich in die Hauptstadt, und danach
Elisabeth wirkte plötzlich blass, nicht aus Freude. Sie lehnte sich erschöpft zurück, zog das Gesicht in die Hände und schluchzte.
Mama Was ist los?, fragte Klara verzweifelt. Was ist passiert?
Was ist passiert?!, fuhr Elisabeth plötzlich auf, die Augen trocken, aber brennend. Willst du mich ganz allein zurücklassen? Du sitzt nie still, und meine Mutter ist dir egal!
Mama, ich komme doch zweimal die Woche zu dir, und jetzt wohne ich sogar vorübergehend bei dir, protestierte Klara.
Danke!, rief Elisabeth spöttisch. Du hast deiner leiblichen Mutter einen Gefallen getan! Niemand braucht mich, schluchzte sie erneut.
Mama, was soll das?, fragte Klara, während sie an den Bildern dachte. Hast du Hans von den Fotos erzählt? Hast du die Bilder gemacht?
Was sollte ich sonst tun?, weinte Elisabeth. Ich war allein, alle haben mich verlassen! Ich dachte, ihr trennt euch, und du ziehst mit Niklas zu mir wo soll das hinführen? Und wir leben alle glücklich zusammen Wer hätte das gedacht?
Klara stand einen Moment schweigend da, dann warf sie ihre Sachen in den Koffer und verließ das Haus. Einige Nächte verbrachte sie bei einer Freundin, dann fand sie eine kleine Wohnung.
Nach einem Monat ließ Hans ihr endlich wieder den Kontakt zu Niklas zu. Die drei verbrachten viel Zeit zusammen, und es schien, als könnte die Familie wieder zusammenfinden.




