Die Schwiegermutter nach dem, was sie durch die dünne Wand hörte, nicht hereingelassen

Lass die Kartons nicht anrühren! Liselotte griff das alte Fotoalbum aus Jens Händen und drückte es an die Brust. Ich mach das allein!

Jens hob verwundert die Augenbrauen.

Liselotte, was ist los? Ich wollte doch nur beim Umzug helfen.

Helfen? sie drückte das Album fest an sich. Gestern hast du meine Postkarten weggeworfen und gesagt, das wäre nur Müll!

Aber die lagen doch seit zwanzig Jahren staubig auf dem Dachboden!

Das sind Erinnerungen! Erinnerungen an meine Großmutter!

Jens seufzte, ließ sich auf das Sofa zwischen den Kisten und Tüten fallen. Sie zogen in eine neue Wohnung ein ZweizimmerPlattenbau am Rand von Berlin. Nach fünf Jahren Mietwellen endlich eine eigene Hypothek. Die Wohnung war klein, aber ihr Eigen.

Es tut mir leid, flüsterte er. Ich wusste nicht, dass die Karten dir so viel bedeuten.

Liselotte entspannte sich ein wenig und setzte sich neben ihn.

Ich bin nur müde. Den ganzen Tag packen wir, und morgen geht die Arbeit weiter.

Vielleicht nimmst du dir einen freien Tag?

Das geht nicht. Wir haben Abrechnungsperiode.

Jens legte seinen Arm um Liselotte, sie lehnte sich an seine Schulter. Fünf Jahre Ehe hatten sie gelehrt, Streit schnell zu beenden. Doch in letzter Zeit flammten die Auseinandersetzungen immer öfter auf. Schuld daran war Gertrud Müller, Jens Mutter.

Gertrud wohnte im Nebengeschoss desselben Hauses. Als Jens vorschlug, gerade hier zu kaufen, freute sich Liselotte zunächst die Gegend war ihr vertraut, der Arbeitsweg kurz. Doch als sie vom Nachbarn Gertrud erfuhr, zweifelte sie.

Jens, sollen wir lieber woanders suchen?

Warum? Hier ist perfekt. Und Mama hat es gut wir sind gleich neben ihr.

Genau das stört mich.

Liselotte, warum bist du so kleinlich? Meine Mutter ist nett, das weißt du doch.

Liselotte kannte die Wahrheit. Gertrud war tatsächlich eine tüchtige Grundschullehrerin, die Jens nach seiner Scheidung allein großgezogen hatte. Doch sie sah ihren Sohn als den Mittelpunkt des Universums und war eifersüchtig auf alles, auch auf seine Frau.

Anfangs hielt sich Gertrud aus der Ferne. Sie lebte in einem anderen Stadtteil, besuchte sie wöchentlich. Vor einem Jahr verkaufte sie ihre Wohnung und zog in eine Einzimmerwohnung im selben Haus, weil sie näher bei ihrem Sohn sein wollte.

Seitdem wurden ihre Besuche häufiger. Morgens kam sie mit Kuchen, mittags mit Ratschlägen, abends mit Vorwürfen. Liselotte ertrug das, weil sie wusste, dass Gertrud einsam war.

Ich mache jetzt den Wasserkocher an, sagte Liselotte und stand vom Sofa auf.

Ein Klopfen an der Tür. Sie öffnete Gertrud stand im Flur mit einem Topf in den Händen.

Hallo, mein Kind! Ich habe dir Borschtsch gebracht. Ich weiß, beim Umzug bleibt kaum Zeit zum Kochen.

Danke, Frau Müller, nahm Liselotte den Topf. Komm rein.

Gertrud trat ein, musterte das Chaos aus Kisten.

Ach du meine Güte, so viel Kram! Warum habt ihr so viele Sachen?

Das ist kein Kram, protestierte Liselotte. Das sind unsere Dinge.

Kein böses Wort, Liebes. Heutzutage haben die Jungen ja nur noch Sammelwut. Früher haben wir mit dem Nötigsten auskommen müssen.

Jens kam aus dem Zimmer, umarmte seine Mutter.

Mama, danke für den Borschtsch! Wir haben richtig Hunger.

Immer gern, mein Schatz, lächelte Gertrud. Jens, du hast etwas abgenommen! Schmeckt dir das Essen von Liselotte nicht?

Ich kümmere mich, antwortete Liselotte kühl. Er hat kaum Zeit, er steckt im Job.

Arbeit ist Arbeit, aber das Mittagessen muss nach Plan gehen! Du musst dich gesund ernähren!

Mama, alles gut, mach dir keine Sorgen.

Sie setzten sich an die Küche, Liselotte wärmte den Borschtsch und schnitt Brot. Gertrud sah sie mit kritischem Blick an.

Liselotte, warum ist das Brot nicht frisch?

Ich habe es gestern gekauft. Heute war kein Zeit, zum Laden zu gehen.

Gesternbrot ist ungesund. Man muss jeden Tag frisches Brot holen.

Frau Müller, wir sind erwachsen, wir entscheiden selbst, was wir essen.

Entschuldige meine Fürsorglichkeit! Ich will nur, dass es dir gut geht.

Mama, mir gehts gut, mischte sich Jens ein. Liselotte kümmert sich prima um mich.

Gertrud wirkte ungläubig.

Nach dem Abendessen stand Gertrud auf.

Ich gehe dann. Morgen komme ich wieder und helfe beim Auspacken.

Danke, aber wir schaffen das allein, sagte Liselotte hastig.

Was heißt allein? Ich will doch helfen!

Mama, wirklich, wir schaffen das, bestätigte Jens. Du hast morgen Schule.

Nach der Schule komme ich. Um drei Uhr bin ich da.

Sie ging. Liselotte ließ sich erschöpft in einen Stuhl fallen.

Jens, kommt sie jeden Tag?

Nicht jeden, aber jetzt beim Umzug will sie helfen.

Deine Mutter will immer helfen, selbst wenn man es nicht will.

Liselotte, fang nicht an. Sie gibt ihr Bestes.

Ich weiß. Ich bin nur müde vom ständigen Kontrollieren.

Am nächsten Tag nahm Liselotte einen halben Tag frei, um weiter die Wohnung einzurichten. Sie packte Kisten aus, stellte Möbel hin. Genau um drei Uhr kam, wie versprochen, Gertrud.

Ach du meine Güte, das ist ja alles verkehrt! schrie sie, als sie das umgestellte Geschirr sah. Das ist alles falsch!

Was ist falsch? fragte Liselotte müde.

Die Teller müssen im oberen Schrank stehen, die Töpfe unten! Das ist doch selbstverständlich!

Mir ist das lieber so.

Lieber? Du organisierst das nicht richtig!

Gertrud fing an, das Geschirr umzustellen. Liselotte biss die Zähne zusammen und zählte bis zehn.

Gertrud, bitte lass das, wie es ist. Das ist meine Küche.

Meine? Und wo soll Jens dann kochen?

Jens kocht nicht.

Weil du ihn nie zum Kochen gebracht hast! Ich habe ihn immer angeleitet, zu helfen, und du hast ihn verwöhnt!

Ich? Verwöhnt? Liselotte fühlte das Blut in den Ohren pochen. Ihr habt ihn verwöhnt! Er konnte bis zur Heirat kein Ei braten!

Wie kannst du mit mir reden! Gertrud schlug mit den Händen. Ich bin nicht deine Freundin!

Entschuldigung, fuhr Liselotte fort. Lass bitte meine Küche in Ruhe.

Gertrud stimmte beleidigt ein, hörte aber auf, das Geschirr zu verschieben. Sie ging ins Wohnzimmer und kritisierte die Möbelanordnung.

Das Sofa muss an die andere Wand, der Schrank muss umgestellt werden! Und warum habt ihr diesen alten Kommode?

Das ist der Kommode meiner Großmutter, sagte Liselotte bestimmt. Er bleibt hier.

Großmutter! Immer diese Altklamotten! Wir müssen alles wegwerfen!

Liselotte verließ schweigend das Zimmer, schloss die Tür zur Badewanne und stand vor dem Spiegel. Ihr Gesicht war blass, die Augen von dunklen Ringen umspielt. Der Umzug und die Schwiegermutter zehrten an ihr.

Am Abend kam Jens, erschöpft, aber zufrieden.

Wie liefs? Hast du viel geschafft?

Ein bisschen. Deine Mutter war da.

Und?

Sie hat alles kritisiert, alles umgestellt.

Jens seufzte.

Halt durch. Sie gewöhnt sich, sie hört irgendwann auf.

Pasha, sie lebt ja schon ein Jahr hier. Wann gewöhnt sie sich?

Keine Ahnung. Aber sie ist meine Mutter, ich kann sie nicht vertreiben.

Ich will sie nicht vertreiben, ich will nur mit dir reden. Sag ihr, wir sind erwachsen.

Ich versuche es.

Doch das Gespräch half nichts. Gertrud kam fast täglich brachte Suppe, bot Wäsche an, plauderte und kritisierte: Staub auf den Regalen, Geschmack des Essens, Jens Kleidung.

Liselotte ertrug das, weil sie wusste, dass Gertrud einsam war und ihr Sohn alles bedeutete. Doch das Geduldsschmelzen kam.

Der Höhepunkt kam an einem Samstag. Liselotte wachte mit Kopfschmerzen auf. Am Vortag war ein harter Arbeitstag gewesen, dann noch zu Hause gekocht und geputzt. Jens war für drei Tage auf Dienstreise. Sie lag im Bett, das Schmerzmittel half nicht. Ein Klopfen an der Tür. Sie stand mühsam auf und öffnete.

Auf der Schwelle stand Gertrud mit einem weiteren Topf.

Liselotte, ich habe Gulasch gekocht. Pjotr ist ja nicht da?

Auf Dienstreise.

Dann lass ich es dir.

Gertrud stellte den Topf auf den Herd. Liselotte hielt sich an der Wand fest, ihr Kopf drehte sich.

Was ist das mit dir? Du bist so blass.

Kopfschmerzen. Ich lege mich hin.

Kopfschmerzen? Vom Nichtstun! Du sitzt den ganzen Tag zu Hause!

Ich arbeite, Gertrud. Fünf Tage die Woche.

Arbeiten? Sitzen ist doch kein Arbeiten! Ich bin den ganzen Tag in der Grundschule auf den Beinen!

Liselotte schwieg, ging ins Schlafzimmer, legte sich hin, deckte sich zu. Gertrud schritt durch die Wohnung, tat etwas in der Küche, dann kam sie ins Schlafzimmer.

Ich räume auf, weil du so lagst.

Nein, das mache ich später.

Du machst das nie! Sieh den Staub auf dem Nachttisch!

Liselotte schloss die Augen, versuchte, das Geräusch der flüsternden Wände auszublenden. Dann hörte sie durch die dünnen Wände des Plattenbaus ein Telefonat.

Anna? Hier ist Gertrud. Ja, zu Hause. Nur dass ich mit Pjotr und seiner Frau zu tun habe.

Liselotte lauschte. Anna war Gertruds Nachbarin, ebenfalls Lehrerin.

Stell dir vor, er liegt hier und hat Kopfschmerzen! Am Samstag! Jung, gesund, aber dann krank!

Ein kurzer Moment des Schweigens, dann

Was für eine Sauerei! Er kann nicht mal ein ordentliches Essen bekommen! Ich bringe ihnen jeden Tag Essen, sonst würde er verhungern!

Liselotte stand auf, schlug mit der Faust gegen die Wand.

Gertrud! Ich höre alles!

Stille fiel. Dann ein dumpfes Geräusch: Anna, ich rufe zurück.

Liselotte setzte sich, zitternd vor Zorn. Sie wählte ihr Handy und rief Jens an.

Hallo, Liebes. Wie gehts?

Normal, ihre Stimme bebte.

Was ist passiert? Du weinst?

Deine Mutter sie hat wieder alles kritisiert und mich beleidigt!

Sie war nur wütend? Jens versuchte zu beruhigen.

Sie hat mich unverschämte Sau genannt! Und das vor der Tür!

Ich komme sofort, wir reden.

Nein, ich will das allein regeln.

Jens legte auf. Liselotte fühlte das Adrenalin. Sie ging durch die Wohnung, prüfte die Schlösser. Gertrud hatte einen Ersatzschlüssel.

Ein lautes Klopfen. Sie schaute durch den Türspion Gertrud.

Liselotte, öffne! Ich muss mit dir reden!

Liselotte blieb stumm.

Ich weiß, du bist zu Hause! Öffne!

Geh weg, Gertrud!

Wie kannst du das sagen? Ich will nur erklären!

Ich habe alles gehört.

Du hast mich falsch verstanden! Öffne, lass uns reden!

Nein.

Ich bin deine Schwiegermutter! Ich habe Recht zu kommen!

Nicht in meiner Wohnung! Das ist mein Zuhause ebenso!

Gertrud schwieg, dann ganz leise:

Liselotte, ich habe überreagiert. Ich wollte dich nicht verletzen.

Aber du hast mich verletzt, und das nicht zum ersten Mal. Du kritisierst mich ständig.

Ich wollte nur helfen!

Ich brauche diese Art von Hilfe nicht. Geh bitte.

Gertrud verließ die Tür, doch sie blieb stehen, klopfte weiter, schrie:

Öffne sofort! Undankbare!

Liselotte setzte sich aufs Sofa, nahm ihr Handy und filmte die Szene. Nach einigen Minuten ging Gertrud erschöpft weg. Liselotte atmete auf. Der erste Kampf war gewonnen.

Am Abend rief Jens wieder an.

Meine Mutter hat geweint. Sie sagt, du hast sie nicht hingehen lassen.

Nicht hingehen lassen.

Sie ist meine Mutter!

Gertrud hat mich als undankbare Sau bezeichnet. Und das vor der Tür geschrien.

Sie ist doch betagt!

Ich habe das Video, hör dir das an.

Jens hörte das Aufzeichnen, in dem Gertrud schrie:

Was für eine fürsorgliche Mutter! Sie sieht, wie ich dich behandle?

Liselotte schwieg. Jens seufzte.

Ich komme morgen, wir klären das.

Am nächsten Tag ließ Liselotte einen Schlosser kommen, tauschte die Schlösser. Jetzt passten Gertruds Schlüssel nicht mehr.

Gertrud kam noch ein paar Mal, klopfte, rief, bat, drohte. Liselotte öffnete nie. Die Nachbarn fragten, was los sei. Liselotte erklärte kurz: Familienstreit.

Jens kam nach einer Woche zurück. Er trat leise an den Tisch.

Gertrud wartet noch immer. Ich gehe zu ihr und dann reden wir.

Er ging zu seiner Mutter, kam zwei Stunden später zurück, mit finsterem Blick.

Sie ist in Aufruhr. Sie sagt, du hast sie beleidigt.

Ich? Sie hat mich beleidigt!

Sie ist alt, du musst nachsichtiger sein.

Ich bin kein Kind mehr! Sie ist älter als meine eigene Mutter!

Trotzdem, sie ist meine Mutter.

Und ich deine Frau! Ist das egal?

Jens legte die Hände auf den Tisch, nahm einen Schluck Kaffe.

Wir finden einen Kompromiss. Sie wird nicht mehr kritisieren, du lässt sie rein.

Nein.

Warum?

Weil sie sich nie ändert. Sie lächelt, doch im Rücken schmäht sie mich.

Du übertreibst.

Ich sehe klar. Gertrud will uns zerstören, bis wir uns scheiden.

Rede nicht wirr!

Das ist keine Fantasie, das ist die Wahrheit, die du nicht sehen willst.

Sie legten sich ins Bett, unverAm nächsten Morgen öffnete Liselotte die Tür, blickte in einen stillen, goldenen Himmel und spürte, dass endlich Frieden in ihr Zuhause eingezogen war.

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Homy
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