Wir haben ein Haus im Dorf gekauft.

Wir kauften ein altes Bauernhaus im kleinen Dorf Oberhain. Es verkauften uns ein junges Ehepaar sie behaupteten, die Großmutter sei gestorben und die Eltern bräuchten das Ferienhaus nicht mehr. Seit dem Tod der alten Frau hatte niemand mehr das Haus betreten; die neuen Besitzer kamen nur, um zu übernehmen.

Wollen Sie noch Sachen mitnehmen? fragte ich.

Wozu? Da liegt nur Gerümpel. Die Ikonen haben wir mitgenommen, den Rest könnt ihr wegwerfen, antworteten sie gleichgültig.

Mein Mann blickte an die leeren Wandflächen, wo einst rechteckige Gipsbilder hingen einst die Plätze für die Ikonen.

Und die Fotos? flüsterte er. Warum habt ihr die nicht genommen?

An den Wänden hingen Gesichter: Männer, Frauen, Kinder eine ganze Familie, Generationen. Früher schmückten die Menschen ihr Heim nicht mit Tapeten, sondern mit Erinnerungen.

Ich dachte an meine Oma Gertrud, die immer ein neues Bild im Rahmen aufstellte: meins oder das meiner Schwester. Morgens stehe ich auf, verbeuge mich vor Gott, küsse meinen Mann, lächle den Kindern zu und zwinkere Euch zu so beginnt der Tag, sagte sie immer. Nachdem sie gestorben war, hängten wir ihr Portrait neben dem von Opa Heinrich.

Jetzt, wenn wir das Dorf, das wir inzwischen unser Feriendomizil nennen, besuchen, schicken wir der Oma jeden Morgen einen Luftkuss. Und plötzlich riecht das Haus nach Apfelkuchen und warmer Milch, und ihre Gegenwart ist spürbar.

Wir haben Opa nie kennengelernt er fiel im Krieg. Dennoch hängt sein Bild in der Mitte der Wand, und Oma erzählte oft von ihm. Wir sahen sein Gesicht, fühlten, als säße er mit uns am Tisch. Er wirkte noch jung, während sie gealtert war. Jetzt hängen ihre Bilder nebeneinander. Für mich sind diese verblichenen Fotos unbezahlbar. Würde ich wählen, was ich mitnehmen könnte, würde ich genau diese beiden auswählen. Sie nannten alles Gerümpel, doch nicht jeder erkennt den wahren Wert.

Nach dem Kauf begannen wir aufzuräumen. Und ich konnte die Sachen dieser Frau nicht einfach wegwerfen. Es war, als lebte sie für ihre Kinder und Enkel, aber sie waren vergessen. Woher ich das weiß? Sie schrieb ihnen Briefe. Zuerst schickte sie, aber keine Antwort kam. Dann hörte sie auf. In der Kommode lagen drei ordentliche Stapel ungeänderter Briefe, mit Bändern gebunden, voll Liebe und Zärtlichkeit. Wir lasen sie.

Da wurde klar, warum sie sie nicht abschickte: Sie fürchtete, sie gehen zu verlieren, hoffte, dass die Kinder sie nach ihrem Tod finden und lesen würden. In diesen Briefen stand ihr ganzes Leben: Kindheit, Krieg, Familiengeschichte, Erinnerung an Generationen. Sie schrieb, damit das Gedächtnis nicht erlischt. Ich weinte.

Wir bringen diese Briefe zu ihren Kindern, sagte ich zu meinem Mann. So etwas darf man nicht wegwerfen.

Glaubst du, sie sind besser als die Enkel? knurrte er. Keiner hat sie je gesehen.

Vielleicht sind sie krank und alt

Ich rief sie an. Durch Bekannte fanden wir die Nummer. Am anderen Ende hörte ich eine fröhliche Frauenstimme:

Schmeißt alles weg! Sie hat uns die Briefe immer im Stapel geschickt. Wir lesen sie nicht mehr. Sie hat sich das nur ausgedacht!

Mein Mann legte sofort auf, ohne zuzuhören. Sie säße jetzt hier und ich wüsste nicht, was ich aus Ärger sagen würde, murmelte er. Dann sah er mich an: Du schreibst doch. Dokumentiere ihr Leben, damit es nicht verschwindet.

Und wenn die Verwandten wütend werden?

Die lesen keine Bücher, seufzte er. Aber ich kümmere mich um die offizielle Genehmigung. Und er tat es fuhr los, holte das schriftliche Einverständnis.

Währenddessen stieg ich in den Keller der alten Scheune hinab. Dort war es kühl, roch nach Erde und Zeit. Auf Regalen standen Gläser mit Marmelade und Eingemachtem. Jedes hatte ein verblichenes Etikett: Wanja seine liebsten Pilze, Sonnenschein Pfifferlinge, Gurken für Anton, Himbeeren für Sascha. Wanja war vor zehn Jahren gestorben, ebenso Sonnenschein und Anton.

P.S. Anna Lückens hatte sechs Kinder. Alle starben vor ihr, bis auf die jüngste Tochter, die alles Gerümpel nannte. Und die Mutter wartete. Sie sortierte die Gläser, unterschrieb jedes mit Liebe. Die letzten Pilzgläser trugen das Datum vom letzten Jahr. Sie war dreiundneunzig.

Die Geschichte lehrt uns, dass das, was wir als nutzlos abtun, oft das Kostbarste ist Erinnerungen, Liebe und die Bindungen, die Generationen überdauern. Wer das Herz öffnet, sieht den wahren Wert im Vergangenen.

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Homy
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