Ein Schritt nach vorn
Anneliese stand früh auf, noch bevor das fahle Morgenlicht das Schlafzimmer erhellte. In der Küche setzte sie den Wasserkocher an und blickte hinaus in den Hof des Plattenbaus in Prenzlau: Auf dem Ahorn an der Hauswand zeigten die ersten Blätter bereits gelbe Flecken, und über dem Asphalt lag ein leichter Nebel.
Vor einem halben Jahr, beim abendlichen Kaffee, hatten Karl und sie beschlossen, ein Pflegekind aufzunehmen. Unter den vielen Anfragen fiel ihr ein dünner Jugendlicher mit wachsamen blauen Augen ins Auge. Kinder werden schneller vermittelt, und er ist fünfzehn die Chancen sind gering, sagte Karl damals. Die Medizinischen Gutachten, das Gespräch mit dem Jugendamt und der Kurs für Pflegeeltern zogen sich über Monate, und jede Behörde wiederholte: Erwartet keine Wunder, Hilfe kommt, doch es wird nicht leicht sein.
Karl war achtundvierzig. Er arbeitete Schicht als Lokomotivmechaniker im Betrieb der Deutschen Bahn in Berlin. Anneliese war Fachkraft für berufliche Bildung an einem Berufskolleg in der Nähe. Gegen sechs Uhr abends war sie meist zu Hause. Ihr Leben verlief geordnet: Arbeit, Sonntagsausflüge, Kinobesuch zum Sonderpreis. Gerade diese geordnete Lebensführung erschien plötzlich brüchig. Jetzt oder nie, sagte Karl, als er das letzte Formular unterschrieb.
Ende August fuhren die beiden ins Kinderheim inRostock. Das Besprechungszimmer roch nach Desinfektionsmittel und abgestandener Haferbrei. Der Junge saß auf der Fensterbank, schwang mit dem Fuß im abgetragenen Turnschuh und antwortete nur kurz. Auf den Scherz über Kassettenrekorder zuckte er mit den Schultern. Auf dem Rückweg drückte Karl Annelieses Hand Worte fanden keinen Weg.
Für Lukas wurde ein separates Zimmer vorbereitet: Die Wände wurden in ein graublaues Blau gestrichen, ein Schreibtisch, ein neues Bett und eine kleine Lautsprecherbox ein Geschenk für Musik gestellt. Auf den Tisch legten sie ein leeres Notizbuch und einen Kugelschreiber.
Der KinderheimTransport kam gegen Mittag vor ihrer Tür. Der Fahrer brachte zwei Tüten und einen abgenutzten Rucksack. Lukas ging ohne Fragen den Flur entlang, stellte die Tüten an die Wand und drückte den Rucksack an die Brust. Das ist jetzt deins, flüsterte Anneliese. Er nickte, ebenfalls ohne Worte.
Zum Mittagessen Suppe und Hähnchenschnitzel aß der Junge hastig, ohne ihr in die Augen zu sehen. Karl erzählte von der weiterführenden Schule, in die er bereits versetzt war, Anneliese von einer regionalen Unterstützung: Das ist dein Geld, wir geben es gemeinsam aus. Lukas erwiderte nur ein dumpfes: Kann man das ohne Lineal am ersten September? Muss, antwortete Anneliese milde.
Der Regen Anfang September brachte Feuchte. Nach einer Woche begannen Spannungen. Lukas kam spät nach Hause: War mit den Jungs unterwegs. Einmal vergaß er den Schlüssel, und Anneliese musste vor der Tür warten, den Elternabend verpasst. Karl schlug vor, gemeinsam einen Computer für die Schul-AG zu bauen, doch der Jugendliche starrte nur auf sein Handy.
In der Nacht vor dem Wochenende verschwand eine Schachtel Pralinen. Anneliese fragte vorsichtig, was geschehen sei. Kauft neue, warf Lukas und schloss die Tür lautstark. Karl erinnerte streng an gegenseitigen Respekt, doch die Worte verhallten im leeren Raum.
In der Schule lief es schlechter. Die Klassenlehrerin rief fast täglich bei Anneliese an: Verspätungen, Streit im Unterricht. Lukas versteckte sein Heft unter die Matratze und meinte, er sei nicht verpflichtet, diese dummen Regeln zu befolgen. Die formellen Unterlagen zur Pflegefamilie halfen wenig, wenn vor der Tür ein müder Jugendlicher mit Kopfhörern saß.
Mitte September wurde es in der Wohnung kälter. Die Heizkörper sollten erst nach dem fünfzehnten aktiviert werden. Karl stellte den Wasserkocher an, Anneliese zog einen alten Pullover an, Lukas saß hinter geschlossener Tür unter der Schreibtischlampe. Jeder fror auf seine Weise.
Am Samstag im Morgengrauen weckte ein dumpfes Klopfen Anneliese. Im Zimmer von Lukas lag ein offener Rucksack, Kleidung war überall verstreut. Der Junge, barfuß, wühlte in einer Seitentasche. Suche das Ladekabel, sagte er, ohne ihr in die Augen zu sehen. Eine Stunde später bemerkte Anneliese, dass zweitausend Euro aus dem Geldbeutel im Flur fehlten.
Die Eltern riefen Lukas zu einem Gespräch. Hast du das Geld gesehen?, fragte Karl. Nein. Anneliese versuchte milde zu klingen: Wenn du es genommen hast, sag es, dann klären wir das gemeinsam. Der Junge schwieg, verschränkte die Arme. Dann wurde Karl streng: In unserem Haus nimmt man nichts, das einem nicht gehört. Das ist nicht mein Haus! Ihr tut so, als wärt ihr nett, und dann wollt ihr mich trotzdem bestrafen!, explodierte Lukas.
Er stürmte zur Tür und rannte die Treppe hinunter. Karl packte ihn am Ärmel. Durch das angekippten Fenster zog eine kalte Luft. Gib das Geld zurück, dann reden wir, sagte er. Ich habe nichts genommen. Lukas zuckte zusammen, und plötzlich rutschten Geldscheine aus seiner Tasche. Karl ließ los, erkannte seine Härte, und Anneliese, die im Flur stand, spürte den eisigen Zug und die Angst, das Vertrauen nie zurückzugewinnen.
Lukas hob das Geld auf und reichte es ihr. Seine Lippen bebten. Ihr werdet mir sowieso nicht glauben, flüsterte er. In diesem Moment entschied Anneliese, das Gespräch sofort zu führen. Sie winkte die beiden herein.
Der Luftzug verstummte, als die Tür schloss. Anneliese, immer noch die Scheine fest umklammernd, ging in die Küche und legte sie auf den Tischrand. Setzt euch, bat sie. Karl und Lukas setzten sich auf Hocker, die Anspannung lag in der Luft, doch nun teilten sie sie zu dritt.
Anneliese goss heißen Tee ein. Der warme Dampf stieg über die Tassen und schien die Grenze einer neuen Szene zu markieren. Wir sind hier, weil wir dich bewusst gewählt haben, begann sie, bemüht, gleichmäßig zu sprechen. Wir alle machen Fehler, doch wegzulaufen ist keine Lösung.
Karl nickte leise. Ich fürchtete, du würdest sagen: Uns egal. In Wahrheit ist es schrecklich, dich zu verlieren, noch bevor wir überhaupt angefangen haben.
Lukas richtete den Blick ab, drehte an den Schnürsenkeln seines Rucksacks und ließ einen tiefen Seufzer hören: Ich wollte den Jungs zeigen, dass ich Geld habe. Ich dachte, dann würden sie mich akzeptieren. Jetzt sehe ich, dass ich es vermasselt habe.
Anneliese hörte nicht Übermut, sondern Verzweiflung in seiner Stimme. Sie reichte ihm das Geld: Wir nehmen es als Grundstock deiner Taschengelder. Jede Ausgabe besprechen wir zusammen. Einverstanden? Der Jugendliche blickte sie zum ersten Mal direkt an und nickte.
Sie redeten lange: über die Schule, darüber, dass Regeln kein Käfig, sondern ein Sicherheitsnetz seien; darüber, dass es im Pflegeverhältnis einen Psychologen gebe, zu dem man zu dritt gehen könne. Karl schlug vor, klein anzufangen gemeinsam einen Wochenplan zu erstellen und einen Abend pro Woche ohne Handys zu verbringen. Lukas widersprach nicht, fragte nur, ob er gelegentlich seine neuen Freunde zu Besuch einladen dürfe. Die Antwort war kurz: Ja, aber zunächst lernen wir sie kennen.
Zum Abend hin ließ der Wind nach, im Hof drehten sich träge die letzten Blätter. Anneliese trat auf den Balkon und spürte zum ersten Mal den warmen Strahl der Heizkörper das Wasser kam früher als versprochen. Sie lächelte und ging zurück in die Küche, wo Karl die Ausgaben notierte und Lukas im Notizbuch schrieb: Wochenende Ausflug zur Hütte.
Am Sonntag fuhren sie zu dritt aus der Stadt. Die kühle Luft roch nach Nadelholz, auf der Landstraße dröhnte der Verkehr. Karl zeigte Lukas, wie man einen alten Gartenzaun repariert, Anneliese bereitete Sandwiches zu. Es geschah nichts Heroisches, doch als sie zurückfuhren, bemerkte Anneliese im Rücksitz des Wagens Lukas Rucksack der Reißverschluss war ordentlich zugeknöpft.
Spät am Abend, wieder zu Hause, legte Lukas die Schlüssel auf das gemeinsame Regal im Flur und sagte leise: Morgen komme ich sofort von der Schule. Dann muss ich den Plan einhalten. Diese einfachen Worte klangen wichtiger als jedes Versprechen. Anneliese spürte, wie sich in ihr ein Raum für die Zukunft weitet, in dem Fehler gemeinsam korrigiert werden können.
Durch das Fenster leuchtete das Licht einer Laterne, das die letzten gelben Blätter aus der Dunkelheit zog. Der September neigte sich dem Ende zu. Es standen noch viele Gespräche, Schulberichte und Besuche beim Psychologen bevor, doch den ersten Schritt hatten sie und das zusammen.





