**Tagebucheintrag: Krankenhausbesuch**
Seit einem halben Jahr schwieg meine Schwiegermutter. Doch heute sprach sie endlich ihre ersten Worte ließen ihre eigene Tochter erstarren.
“Mama, bitte sag doch nur ein Wort!” Sabine drückte die kalte Hand ihrer Schwiegermutter, die auf dem Krankenbett lag. “Ich weiß, dass du mich hörst. Die Ärzte sagen, dein Gehör sei intakt.”
Gertrud Schmidt starrte mit leeren Augen an die Decke. Seit ihrem Schlaganfall vor sechs Monaten hatte sie kein einziges Wort gesprochen. Nur manchmal blinzelte sie, wenn Sabine ihr die Briefe der Enkel aus den USA vorlas.
“Gabi hat heute angerufen”, fuhr Sabine fort und richtete das Kissen. “Lena geht jetzt in den Kindergarten. Sie spricht besser Englisch als Deutsch. Kannst du dir das vorstellen?”
Plötzlich flog die Tür auf. Auf der Schwelle stand Helga, Gertruds älteste Tochter. Ihr Haar war zerzaust, in den Händen hielt sie eine große Tüte mit Lebensmitteln.
“Du machst hier wieder den Ton an!” rief sie, ohne zu grüßen. “Denkst du, ich weiß nicht, was du den Ärzten erzählst? Dass wir, ihre eigenen Kinder, sie im Stich gelassen hätten?”
Sabine seufzte. Diese Streitereien wiederholten sich jede Woche.
“Helga, bitte nicht schreien. Mama wird von deinem Geschrei nur müde.”
“Meine Mama!” Helga drängte sich ans Bett und schob die Schwägerin beiseite. “Hörst du, Mama? Deine eigene Tochter ist hier. Nicht irgendeine Fremde, die sich in deiner Wohnung breitmacht.”
Gertrud zuckte mit der Hand, als wollte sie etwas sagen, doch nur ein Stöhnen entwich ihren Lippen.
“Siehst du, wie schlecht es ihr geht, wenn du brüllst?” Sabine stellte sich schützend vor die Kranke. “Können wir nicht draußen reden?”
“Oder verschwindest du lieber gleich? Ich habe deine Schauspielerei satt! Glaubst du, ich weiß nicht, warum du jeden Tag hierher kommst? Das schlechte Gewissen, oder? Nach dem, was mit Michael passiert ist?”
Sabine wurde blass. Über ihren Sohn sprachen sie nicht in Gegenwart der Mutter die Ärzte hatten gewarnt, jedes Aufwühlen könne einen neuen Schlaganfall auslösen.
“Helga, ich bitte dich…”
“Ich bitte nicht, ich verlange!” Helga griff in die Tüte. “Hier, selbstgemachter Aprikosenkompott. Das liebt Mama. Nicht dieses Krankenhauszeug, das du ihr vorsetzt.”
“Sie darf nichts Saures, das weißt du. Strenge Diät.”
“Ja, ja, du weißt immer alles besser!” Helga stellte Gläser auf den Nachttisch. “Hier, selbstgemachter Quark, gekochtes Hühnchen, Fleischbrühe im Thermobecher. Und was hast du mitgebracht? Wieder diese widerlichen Joghurts?”
Sabine bemerkte, wie ihre Schwiegermutter mit den Augen den Bewegungen ihrer Tochter folgte. Zum ersten Mal seit Langem zeigte ihr Blick etwas wie lebendiges Interesse.
“Mama, möchtest du Quark?” Helga setzte sich auf die Bettkante. “So wie früher, erinnerst du dich? In Mulltuch abgetropft, mit ein bisschen Zucker…”
Gertrud nickte kaum merklich.
“Siehst du?” Helga triumphierte. “Sie versteht mich! Nicht dich mit deinen Krankenhausregeln!”
Sabine schwieg. Vielleicht hatten die Ärzte recht manchmal sei emotionale Nähe wichtiger als Medikamente.
“Helga…” flüsterte die Kranke plötzlich.
Beide Frauen erstarrten.
“Mama! Du sprichst!” Helga packte die Hand ihrer Mutter. “Du erkennst mich!”
Mühsam wandte Gertrud den Kopf:
“Wo… ist Michael?”
Stille. Helga sah hilflos zu Sabine.
“Mama, er… kann nicht kommen. Er arbeitet weit weg”, log Sabine.
“Lüge”, hauchte die Schwiegermutter. “Ich weiß… alles…”
Helga brach in Tränen aus.
“Mama, denk nicht daran. Bitte nicht.”
“Er… hat getrunken?”, fragte die Kranke und sah Sabine an.
“Ja”, antwortete diese ehrlich. “In den letzten Jahren sehr viel.”
“Hast du… ihm vergeben?”
Sabine nickte, unfähig zu sprechen.
“Dann… vergebe… ich auch.”
Gertrud schloss die Augen, Tränen liefen über ihre Wangen.
“Mama, wein nicht”, flehte Helga. “Alles wird gut. Du wirst gesund, kommst zu uns. Ich habe ein großes Zimmer, hell…”
“Nein.” Gertrud schüttelte den Kopf. “Nach Hause… zu Sabine…”
Helga zuckte zusammen.
“Aber Mama, ich bin doch deine Tochter! Dein eigenes Kind!”
“Und sie… ist auch… eine Tochter. Dreißig Jahre… bei mir. Ihr… nur an Feiertagen.”
“Wir haben gearbeitet!” rechtfertigte sich Helga. “Eigene Familien, Kinder!”
“Sie hatte… auch ein Kind”, sagte Gertrud leise. “Ein guter… Junge. Ich half… ihn großzuziehen.”
Sabine wandte sich zum Fenster. Draußen fiel leichter Regen, der ihre Seele so sehr vermisst hatte. Sie sehnte sich danach, hinauszugehen, ihr Gesicht den Tropfen entgegenzustrecken, den Schmerz der letzten Jahre abzuwaschen.
“Michael… rief an”, fuhr die Schwiegermutter fort. “Vor seinem… Tod. Bat um… Vergebung. Ich verzieh.”
“Mama, sprich nicht davon”, bat Helga. “Die Ärzte sagten, keine Aufregung.”
“Ich will… es sagen. Sabine… ist gut. Sie hütete… ihn. Pflegte ihn. Verließ ihn nicht… als es schlimm wurde.”
Gertrud sah die Schwiegertochter an:
“Danke… dir.”
“Wofür, Mama?”
“Dass mein Sohn… nicht allein… starb. Dass du… bei ihm warst.”
Sabine setzte sich, die Knie gaben nach.
“Er hat euch sehr geliebt. Sagte immer, niemand habe so eine Mutter wie er.”
“Und jetzt… bin ich krank… eine Last.”
“Nein!” Sabine schüttelte heftig den Kopf. “Sag das nicht. Du bist keine Last. Du bist die einzige Familie, die mir geblieben ist.”
“Du hast… Enkel. In Amerika.”
“Sie bauen ihr Leben dort auf. Gabi heiratete nach dem Studium, hat jetzt die Staatsbürgerschaft. Für die Jungen ist es dort wohl besser.”
“Vermisst du sie?”
“Lena fehlt mir sehr. Aber das Leben ist nun mal so.”
Helga hörte zu, ihr Gesicht wurde finster.
“Rührend”, platze sie heraus. “Und wenn ich sage, dass auch ich Rechte habe? Dass ich meine Mutter nicht einer Fremden überlasse?”
“Helga!”, tadelte Gertrud.
“Was denn? Ich habe dreißig Jahre geschuftet, Kinder allein großgezogen, weil mein Mann nicht weniger soff als dein Michael! Und jetzt, wo ich helfen könnte, bin ich plötzlich die Fremde?”
“Das hat… niemand gesagt”, seufzte die Kranke. “Ich will… nach Hause. In meine… Wohnung.”
“Zu ihr?” Helga deutete auf Sabine. “Und wenn sie wegzieht? Zu ihrer Tochter? Was dann?”
Sabine stand auf, trat ans Fenster. Dämmerung senkte sich über die Stadt, in den Fenstern des Nachbargebäudes gingen Lichter an. So viele Leben, so viele Schicksale jedes mit eigenem Glück und Leid.
“Ich gehe nicht”, sagte sie, ohne sich umzudrehen. “Ich verspreche es.”
“Und wenn du nochmal heiratest? Wenn ein Mann auftaucht?”
Sabine lächelte müde.
“Mit zweiundfünfzig? Wer will mich denn jetzt noch? Alt, krank, mit allen Problemen.”
“Nicht alt”, widersprach





