Geht nicht hin, Kinder…

Geht nicht, Kinder
Und wo bist du denn hin gerannt? fragte die Mutter erstaunt, als Kathrin von ihrem Spaziergang zurückkam.
Das Mädchen blickte in den Spiegel. In ihren Haaren hing ein Spinnennetz. Sie zog die Jeans aus und ein Eichel fiel aus der Hosentasche. Kathrin hob sie auf, schlüpfte schnell in ihr Zimmer und steckte die Eichel unter das Kissen.
Geh, wasch dich, gleich kommt Papa, und dann gibts Abendbrot! rief die Mutter.
Kathrin tauchte ins Bad. Sie hatte keinen Appetit.
Am Handy sitzen das ist schlecht, rausgehen das ist auch schlecht, dachte sie düster bei sich.
Die Mutter hörte ihre Gedanken:
Wenn man kultiviert die Straße entlanggeht, bleibt das Spinnennetz außen! ertönte es aus der Küche.
Kathrin ließ das Bad mit warmem Wasser voll, schöpfte Schaum hinein. Ihre Mutter hatte recht, dachte das Mädchen, doch allein durch die Straße zu wandern, war nicht spannend. Besonders, nachdem sie das Gespräch zweier älterer Damen am Gemischtwarenladen vernommen hatte:
Frau Müller, im Haus dort drüben hat sich wieder etwas Unheimliches breitgemacht! flüsterte die eine.
Das Wort dort drüben klang besonders geheimnisvoll. Was die zweite Dame erwiderte, hörte Kathrin nicht mehr sie war abgelenkt vom Kassiermädel. Die reichte ihr die Waren und den Kassenbon und rief zur Frau hinter ihr:
Müssen wir das der Polizei melden!
Kathrin begriff, dass die Kassiererin die Einheimische und über die Vorgänge informiert war.
Ach, was! Welche Polizei? Was können die gegen das Unheimliche tun? riefen Stimmen hinter ihr.
Sie steckte die Einkäufe in eine Tüte und verließ den Laden. Auf dem Vorplatz sah sie die Damen, die wild mit den Händen gestikulierten. Kathrin schnaubte: Ach ja, das Unheimliche im 21.Jahrhundert! Sie schob das Gespräch aus ihrem Kopf.

Am Abend stand sie auf dem Balkon.
Das Haus war erst kürzlich gebaut, die benachbarten fünfstöckigen Altbauten, die etwa zweihundert Meter entfernt standen, waren schon dreißig Jahre alt. Dort gab es einen kleinen Laden, dort wohnten die Damen, die über das Unheimliche redeten. Rund um Kathrins Haus war die Umgebung noch nicht vollständig angelegt. Glücklicherweise blickten ihre Fenster auf einen breiten Streifen großer Bäume, und das Dröhnen der Bauarbeiten der Nachbarhochhäuser war kaum zu hören.
Der Wald war nicht weit. Einst sollte das Gelände ein Park werden, dann kam die Umplanung. Einige Bäume wurden gefällt, neue Häuser darunter das Hochhaus, in dem Kathrins Eltern ihre Wohnung gekauft hatten entstanden. Ein Teil der alten Pappeln blieb stehen und trennte die neuen Bauten von ganz alten Gebäuden, die ebenfalls abgerissen werden sollten, aber als Kulturgut erhalten blieben und von einem hohen Zaun umgeben waren.

Von den Bäumen aus sah Kathrin kaum, doch sie erkannte die Dächer eines alten Hauses.
Vielleicht war das früher ein Gutshof, noch vor der Revolution, überlegte sie.
Sie erinnerte sich an das Gespräch im Laden.
Bestimmt hat dort das Unheimliche Einzug gehalten, lachte sie leise. In einem Hochhaus kann das ja nicht wohnen. Das erste, was ihr einfiel, war die Hexe aus den Märchen. Sie stellte sich vor, wie diese auf dem Dach des alten Hauses parken könnte, und kicherte.
Kathrin, komm zum Abendessen! rief ihre Mutter.
Nach dem Essen sah sie einen Film, redete mit dem Vater und stritt später mit den Eltern. Sie wollten sie in die nächste Schule versetzen, damit sie nicht mehr so weit fahren müsste. Kathrin wollte in ihrer alten Schule bleiben, wo alle Freundinnen waren. Im Sommer wandere ich doch nie allein! beschwerte sie sich. Ihre Mutter erwiderte: In der neuen Schule gibt es auch Freundinnen, und du kannst länger schlafen. Nach langem Hin und Her schickten sie Kathrin schließlich ins Bett, mit dem Versprechen, noch darüber nachzudenken.

Kurz vor dem Schlafen trat sie wieder auf den Balkon, blickte in die dunklen Baumkronen und sah plötzlich ein Aufblitzen, dasmal ein zweites, dann ein drittes Mal genau an der Stelle, wo sie tagsüber die alten Dächer gesehen hatte. Es schien, als würde jemand ein Signal senden. Sie wollte genauer hinsehen, doch die Dunkelheit verdichtete sich und das Licht erstarb.
Kathrin, geh schlafen! rief ihre Mutter.
Ich gehe, Mama, antwortete sie. Fünf weitere Minuten stand sie still, sah jedoch nichts mehr.
Dann dachte sie, es sei nur Einbildung.

Am nächsten Morgen wachte Kathrin auf, während ihre Eltern bereits zur Arbeit gegangen waren. Sie seufzte: ein weiterer langer Tag stand bevor. Sie hätte zu ihren Freundinnen fahren können, doch in der Stadt waren keine, weil alle am Meer oder bei Großeltern waren. Und sie selbst musste umziehen kein Meer, kein Urlaub, nur das ständige Hin und Her.
Nach dem Frühstück ging sie erneut auf den Balkon und überlegte, was sie tun könnte. Die fünfstöckigen Häuser interessierten sie nicht mehr; die gepflegten Straßen waren zu weit. Plötzlich erinnerte sie sich an das Gespräch im Laden: Unheimliches das war doch was! Vielleicht sollte sie zu jenem Haus gehen. Ein Zaun ohne Lücken gab es dort nicht.

Sie zog die Jeans an, holte alte Turnschuhe hervor und, fast tänzelnd, rannte die zwanzigste Etage hinunter. Der Aufzug funktionierte nicht, doch das störte sie nicht. Sie sprang aus dem Haus, umging es schnell und lief zu den Bäumen.
Wohin willst du, Mädchen? hörte sie hinter sich.
Sie drehte sich um. Dort stand die Hexe.
Kathrin blieb erschrocken stehen, schüttelte den Kopf und sah die Gestalt erneut. Auf einen Schlag schien die alte Frau jünger zu werden.
Weniger alte Frauen im Laden lauschen, dachte Kathrin.
Wohin gehst du? wiederholte die Stimme.
Ich gehe spazieren!, erwiderte Kathrin scharf. Ist das verboten?
Die Hexe sah sie verwundert an, dann sagte sie: Gehe nur nicht verloren, Mädchen. Das Wort Mädchen schien ihr fremd.
Ich werde mich nicht verirren, sagte Kathrin entschlossen und ging den schmalen Pfad weiter.
Die Gestalt schickte ihr ein Lächeln zu.

Fünf Meter später sah Kathrin, dass die alte Frau verschwunden war. Sie schüttelte den Kopf, verließ das Bild aus ihrem Kopf und ging weiter. Die Bäume umgaben sie von allen Seiten. Sie blickte rechts, dann links. Früher hatte sie von ihrem Balkon aus eine ordentliche Baumreihe gesehen, doch hier war keine Reihe zu sehen. Der Weg, den sie ging, wirkte plötzlich wie ein schmaler Pfad, kaum mehr als ein schmaler Streifen Erde, als wäre dort seit Jahren niemand mehr gegangen.
Nach kurzer Zeit versperrte ein umgestürzter Baum ein riesiger Baobab den Weg. Sie versuchte, ihn zu umgehen, doch dichte Büsche wuchsen beidseits des Pfades wie eine Wand. Kathrin, nicht besonders kräftig, fand kaum eine Lücke.
Plötzlich schien jemand ihre Gedanken zu vernehmen: Zurück, zurück, zurück!
Doch nein! Ich glaube nicht an das Unheimliche, schon gar nicht am Tag, murmelte sie und kroch unter den dicken Stamm hindurch. Kurz darauf blieb sie stecken, riss sich dann mit Mühe los und schüttelte sich den Staub von den Blättern.
Ein schnaubendes Geräusch ertönte. Sie blickte auf und sah dieselbe alte Frau, die sie zuvor getroffen hatte, und neben ihr einen riesigen schwarzen Kater.
Guten Tag, stammelte Kathrin verwirrt.
Der Kater sah sie missbilligend an.
Hartnäckig, sagte er mit tiefer Stimme.
Kathrin rieb sich erneut die Augen. Es schien unmöglich, dass ein Kater sprechen könnte das war doch nur in Märchen.
Die Frau lächelte, und der Kater schritt zu ihr. Er war gewaltig, fast dreimal so groß wie ein gewöhnlicher Hauskater, doch ohne die üblichen Ohrbüschel. Kathrin streckte die Hand aus und streichelte das Tier. Der Kater zuckte zusammen, fauchte kurz und fragte:
Ist das gruselig?
Kathrin schüttelte den Kopf: Nein. Der Kater sah enttäuscht aus, dann wandte er sich zur Frau.
Was machen wir jetzt? fragte er.
Die beiden schienen zu beraten. Der Kater sprang an einen Baum, kratzte heftig mit den Krallen. Seine Wut war deutlich zu spüren.
Gut, dann lass uns gehen, sagte Kathrin und streichelte weiter den Nacken des Katers, um ihn zu besänftigen.
Der Kater schnurrte und sagte: Du hast keine Angst?
Kathrin kicherte. Kein bisschen. Der Kater beruhigte sich, stupste sie mit der Schnauze an und rief:
Los, weiter!

Sie gingen weiter, bis plötzlich ein Hohebunker aus alten Baumstämmen den Weg versperrte. Fünf Meter hohe, spitze Stämme ragten empor eine kleine Festung.
Film drehen wir hier? fragte Kathrin den Kater.
Nö, schnurrte er, weiter. Er schlüpfte durch die Lücke zwischen den Stämmen, Kathrin folgte. Als sie wieder auf die andere Seite trat, standen die Stämme wieder an ihrem Platz. Sie streckte die Hand nach einem der Baumstämme er war alt und knorrig. Am Fuß des Zauns lag eine Eichel. Sie steckte sie in die Tasche, doch wie sollte sie zurück?
Sie wandte sich zum Kater.
Ich komme mit, sagte er verwirrt. Vielleicht finde ich einen Ausgang. Kathrin klopfte auf den Kater und gemeinsam gingen sie weiter durch das dämmrige Unterholz. Der Pfad führte sie zu einem hohen, mit Ranken bewachsenen Vordach. Der Kater sprang hinauf, öffnete eine Tür, aus der ein helles Licht strömte. Kathrin folgte ihm, trat hindurch und stand plötzlich in einem großzügigen Raum.
Ein warmes Licht erfüllte die Stube, doch keine Lampen waren zu sehen. Alles war aus Holz, kunstvoll geschnitzt: Wände, Tisch, Bänke. Auf dem Tisch standen hohe Kerzenleuchter mit flackernden Flammen.
Gefällt dir das, Mädel? fragte ein kleiner, bärtiger Altenmann.
Sehr!, rief Kathrin begeistert.
Der Kater schnurrte: Er lügt nicht.
Der alte Mann nickte zustimmend.
Setz dich, sagte er. Kathrin streichelte die geschnitzte Bank und setzte sich. Der Tisch war zunächst leer, doch dann erschienen Teller mit allerlei Speisen.
Guten Appetit, sagte der Mann. Kathrin nahm ein Stück Kuchen. Der Kater ergriff ein ganzes Gebäck und verschlang es in einem Zug.
Der Kuchen war mit unbekannten Beeren gefüllt, überraschend köstlich. Kathrin trank aus einem hohen Becher und fühlte sich völlig gesättigt.
Noch etwas? bot der Kater an, doch Kathrin schüttelte den Kopf.
Danke, ich bin satt. Der alte Mann sprach: Du bist mutig, nicht geizig, gutherzig. Ich möchte dir einen Wunsch erfüllen. Sag, was du willst!
Kathrin überlegte. Ihr sehnte sich nach einem Kätzchen. Ihre Eltern hatten versprochen, ein Haustier zu besorgen, sobald die neue Wohnung fertig war, doch der Umzug hänge noch.
Ich wünsche mir ein Kätzchen, sagte sie.
Der Mann lachte: Nur ein Kätzchen? Kein Gold, keine Edelsteine?
Nein, danke, erwiderte Kathrin. Das reicht.
Der alte Mann nickte, ließ den Kater, den er Bauernkater nannte, den Tisch verlassen. Der Kater sprang zur Tür, schob sie weit auf und rief:
Raus!

Kathrin trat hinaus, doch der Raum war verschwunden. Auf einem Lichtweg sah sie ihr Haus zwischen den Bäumen. Der Kater war nicht mehr zu sehen. Sie drehte sich, streckte die Hand nach dem Beutel, sah die Eichel darin und lächelte.
Sie kehrte nach Hause zurück.

Kurz darauf läutete es an der Tür. Kathrin sprang aus der Badewanne, froh über das Geräusch: Vater ist da. Sie trocknete sich, zog einen Bademantel an.
Schau, was ich dir mitgebracht habe! hielt ihr Vater ein rotgetigertes Kätzchen hoch.
Ich nenne ihn Bauklötzchen!, rief Kathrin begeistert.
Den Rest des Abends verbrachte sie mit dem Kätzchen, das sich sofort heimisch fühlte, fraß Milch und schnurrte laut. Als es Zeit zum Schlafen war, kuschelte es sich an ihr Kissen und schnurrte:
Gute Nacht, kleine Kathrin!
Gute Nacht, Mama! schloss die Tür hinter ihr.
Der kleine Kater schnurrte weiter.

Im Traum hörte Kathrin eine Stimme flüstern:
Verlier die Eichel nicht

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Homy
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