Willst du nicht nach meinen Regeln leben? Dann verschwinde!, verlangte die Schwiegermutter beim Familienessen.
Elfriede, vielleicht versuchen wir die Kartoffeln mal anders? Ich habe ein leckeres Rezept mit Pilzen, schlug Marina vorsichtig vor, während sie die Suppe umrührte.
Ich brauche deine Rezepte nicht!, schnitt Elfriede scharf ab, ohne von der Karotte aufzublicken, die sie schälte. Dreißig Jahre koche ich, habe die Familie ernährt, und jetzt kommst du mit deinen Ideen!
Marina seufzte und rührte weiter. Seit einem halben Jahr lebten sie und Denis bei seiner Mutter, nachdem ihre Wohnung abgebrannt war. Ein halbes Jahr voller kleiner Streitereien, böser Blicke und spitzer Kommentare, die Elfriede als Fürsorge tarnete.
Mama, warum so streng?, betrat Denis die Küche und küsste seine Frau auf den Kopf. Marina kocht doch gut, warum probieren wir nicht mal was Neues?
Ach, jetzt bist du auch gegen mich!, rief Elfriede empört. Zweiunddreißig Jahre habe ich dich großgezogen, und jetzt schmeckt dir mein Essen nicht mehr?
Mama, darum geht es doch nicht…
Worum denn dann?, schlug die Schwiegermutter wütend das Messer auf das Schneidebrett. Erst kommen sie in mein Haus, jetzt wollen sie mir sagen, wie ich kochen soll!
Marina spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. In mein Haus gekommen als wären sie Bettler, nicht Opfer eines Brandes, die kein Zuhause mehr hatten.
Elfriede, ich sage dir nicht, wie du kochen sollst, ich habe nur einen Vorschlag gemacht, sagte sie leise und drehte den Herd ab.
Genau das ist es! Wer hat dich gefragt? Mein Haus, meine Küche!, Elfriede stemmte die Hände in die Hüften. Hier bestimme ich!
Denis sah hilflos von seiner Mutter zu seiner Frau. Marina sah seinen inneren Kampf, und das tat noch mehr weh.
Gut, ich decke den Tisch, sagte sie und verließ die Küche, ohne die Tür zuzuschlagen.
Im Wohnzimmer saß die vierzehnjährige Lena, ihre Tochter, über ihren Schulbüchern. Sie blickte auf, als sie die Schritte hörte.
Schon wieder Streit?, fragte sie leise.
Kein Streit, nur eine Diskussion, versuchte Marina zu lächeln, während sie Teller aus dem Schrank nahm.
Mama, wann ziehen wir endlich in eine eigene Wohnung?
Das war die große Frage. Die Versicherung hatte nur einen Teil des Schadens gedeckt, und für eine neue Wohnung fehlte das Geld. Denis arbeitete als Busfahrer, sie als Lehrerin ihre Gehälter waren bescheiden.
Bald, mein Schatz. Halte noch ein bisschen durch.
Ich kann nicht mehr!, platzte Lena heraus. Sie nervt mich! Gestern habe ich Musik gehört, und sie schrie, das sei keine Musik, sondern Lärm! Heute morgen meinte sie, ich laufe zu laut! Ich gehe schon auf Zehenspitzen!
Marina strich ihrer Tochter über den Kopf. Lena war ein braves Mädchen, aber auch ihre Geduld war am Ende.
Elfriede ist es einfach nicht gewohnt, mit anderen zu leben.
Oma? Echte Omas lieben ihre Enkel, aber die…
Psst, sie hört dich.
Ist mir egal!
Aus der Küche drang ein lautes Klirren, gefolgt von Denis Stimme und Elfriedes schrillem Ton. Marina eilte zurück.
Was ist passiert?
Dein Mann hat einen Teller fallen lassen!, rief Elfriede und zeigte auf die Scherben. Das Service meiner verstorbenen Schwiegermutter! Das Einzige, was ich noch habe!
Denis stand mit einem Besen da und starrte auf die Scherben.
Mama, es war ein Unfall! Ich wollte dir helfen…
Hilfe! Bring deiner Frau lieber bei, mit fremden Sachen umzugehen!
Was habe ich damit zu tun?, rief Marina. Denis hat ihn fallen lassen!
Weil ihr alles durcheinanderbringt!, Elfriede drehte sich zu ihr um. Seit ihr hier seid, benimmt sich mein Sohn wie ein Kind! Vor der Hochzeit war er ordentlich!
Mama, das ist nicht fair…, versuchte Denis einzugreifen.
Nicht fair? Früher hast du dich um mich gekümmert, jetzt denkst du nur noch an deine Frau!
Marina spürte, wie die angestauten Tränen hochkamen. Ein halbes Jahr voller Vorwürfe und Spannungen.
Elfriede, reicht es nicht langsam?, sagte sie leise. Wir bemühen uns, helfen im Haushalt, zahlen die Nebenkosten…
Zahlen!, schnaubte Elfriede. Fünfzig Euro im Monat! Allein der Strom kostet dreißig!
Wir haben angeboten, mehr zu zahlen, aber du hast Nein gesagt.
Als ob ich betteln würde! Ich bekomme meine Rente, ich komme allein zurecht!
Denis kehrte die Scherben zusammen und warf sie weg. Sein Gesicht war verzweifelt.
Mama, lass uns essen. Die Suppe wird kalt.
Essen? Ihr habt mir den Appetit verdorben!
Wir haben keinen Streit angefangen, sagte Marina. Du schreist uns an.
Ich schreie? In meinem eigenen Haus darf ich nicht mal meine Stimme erheben?
Doch, natürlich. Aber warum wirfst du uns ständig etwas vor?
Was werfe ich euch vor? Dass ihr mir das Leben schwer macht? Das ist die Wahrheit! Seit einem halben Jahr kann ich nicht mehr in Ruhe leben! Immer Lärm, immer irgendwas!
Wir haben uns doch abgesprochen…
Abgesprochen! Hörst du das, Denis? Als ob ich hier die Dienstmagd wäre!
Denis seufzte schwer.
Mama, Marina meint das nicht so…
Wie meint sie es dann? Dass ich hier nicht willkommen bin? In meiner eigenen Wohnung?
Lena lugte aus dem Wohnzimmer.
Darf ich zu Lisa gehen?
Nein!, fuhr Elfriede sie an. Hast du deine Hausaufgaben fertig?
Fast…
Dann mach sie zu Ende! Nicht bei anderen rumhängen!
Lena verschwand. Marina sah, wie traurig sie war, und etwas platzte in ihr.
Schrei das Kind nicht an.
Du hast mir nichts zu befehlen! Hier bestimme ich!
Lena ist mein Kind, nicht deins!
Umso schlimmer! Erzieh sie anständig, damit sie Respekt hat!
Sie hat Respekt! Aber wenn man sie grundlos anschreit…
Grundlos? Den ganzen Tag Musik, Getrampel soll ich das einfach hinnehmen?
Sie ist ein Teenager! Das ist normal!
Normal?, Elfriede funkelte sie an. Normal ist, wenn Leute in ihrem eigenen Zuhause leben und sich nicht aufdrängen!
Stille. Denis stand da, die Fäuste geballt.
Mama…
Was Mama? Seit einem halben Jahr beiße ich mir die Zunge ab! Und ihr? Ihr macht, was ihr wollt!
Marina spürte die Tränen auf ihren Wangen.
Wir wollen nur in Frieden leben.
Frieden! Ihr macht nur Chaos!
Wir räumen alles auf!
Lüge! Gestern stand ein Teller in der Spüle!
Das war dein Teller! Du hast Haferbrei gegessen!
Meiner? Jetzt schiebst du alles auf mich!
Mama, hör auf, sagte Denis endlich.
Du hältst den Mund! Du hast sie geheiratet, also leide! Aber warum soll ich leiden?
Marina wischte sich die Tränen ab





