Der Hund führte die Polizei in den Wald – was sie dort entdeckten, ließ sie sprachlos zurück

Wieder dieser Hund! knurrte Hauptkommissar Paul Weber, als er das altmodische Telefonat beendete. Das klappernde Gerät ließ ein klagendes Geräusch widerhallen. Anna, wir haben erneut einen Anruf wegen eines Hundes im Wald. Das ist bereits der dritte heute!

Anna Schmidt, stellvertretende Kommissarin, blickte von den Akten auf. Welcher Hund denn denn?

Schon den dritten Tag melden Leute, dass ein streunender Hund am Waldrand umherläuft, bellt wie verrückt, zu Menschen läuft, an den Hosen herunterzieht und laut jault. Das treibt die Leute völlig in den Wahnsinn!

Anna runzelte die Stirn. Nach fünfzehn Jahren bei der Polizei verließ sie sich auf ihr Bauchgefühl und das sagte ihr, dass hier etwas nicht stimmte.

Sascha, wir sollten nachsehen, rief sie ihren jungen Kollegen zu.

Ach, das ist doch nur ein Hund, vielleicht tollwütig, vielleicht nur ein bisschen scheu, wischte er ab. Nichts Besonderes.

Anna erinnerte sich an den Fall vor zwanzig Jahren, als ihr jüngerer Bruder Klaus auf dem Heimweg von der Schule verschwunden war. Drei Tage suchten sie mit Polizeihunden, Freiwilligen und Helfern und fanden ihn erst zu spät.

Mach dich bereit, sagte sie entschlossen. Wir prüfen das.

Nach zwanzig Minuten kam ihr ramponierter Dienstwagen, ein alter VW Transporter, am Waldrand zum Stehen und wirbelte Staub über die kiesige Straße. Der Ort wirkte unheimlich: knorrige Bäume mit verdrehten Ästen ragten gen Himmel wie knochige Finger. Überall lagen umgestürzte Baumstämme, und selbst im grellen Mittag war das dichte Gestrüpp ein Schattenreich. Selbst erfahrene Pilzsammler mieden dieses Stück Wald.

Wo ist dieser Hund? fragte Sascha skeptisch, während er sich umsah.

Wie aus dem Nichts ertönte ein Bellen hinter den Bäumen. Dann sprang ein großer, schmutziger, zotteliger Hund auf die Lichtung einst wohl ein Haustier. Er erstarrte beim Anblick der Menschen, dann stürzte er mit wedelndem Schwanz auf sie zu.

Beruhige dich, Kleiner, kniete Anna hin und sprach leise. Was ist los?

Der Hund jaulte, packte Anna an der Jacke und zog sie in Richtung Wald.

Anna, du willst das nicht tun, flüsterte Sascha.

Ich will, sagte sie entschlossen und trat vor. Er will uns etwas zeigen.

Der Hund, erschnüffelt, dass ihr Vorhaben richtig war, bellte freudig und lief weiter, immer wieder zurückblickend, um zu prüfen, ob sie folgten.

Sie gingen etwa zwanzig Minuten, der Wald wurde dichter, der Boden schlammig. Sascha stolperte ein- bis zweimal über Wurzeln, fluchte, blieb aber dicht bei ihr.

Plötzlich blieb der Hund stehen und knurrte.

Was ist das? hielt Anna inne.

Vor ihnen ragte zwischen Bäumen ein altes, moosbewachsenes Schuppengebäude hervor, kaum zu sehen, weil das Unterholz es fast verdeckt hatte.

Bleibt hier, befahl Anna und schlich vorsichtig weiter.

Der Hund blieb ihr dicht auf den Fersen.

Als sie näher kam, bemerkte sie ein massives Vorhängeschloss an der Tür. Ein leises Klopfen drang von innen.

Sascha! Schnell hierher!

Gemeinsam zwangen sie die rostigen Scharniere auf das Schloss war komplett verrostet. Ein muffiger Gestank schlug ihnen entgegen, und als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, flüsterte Anna: Gott sei Dank.

Im hinteren Teil des Schuppens lag ein junger Mann auf einer abgewetzten Matratze, bedeckt von schmutzigen Lappen. Er war blass, die Wangen eingefallen, die Augen trüb. Seine Hände, fest um eine raue Schnur gebunden, waren bis zur Blutfärbung abgenutzt. Er blinzelte im schwachen Licht, als könne er nicht fassen, was vor ihm stand. In seinem Blick lag ein wilder, tierischer Schrecken, gemischt mit einem Funken Hoffnung. Ein rauer Husten riss ihn schließlich los.

Wer bist du? stürzte Anna vor, zog ein Messer, um die Schnur zu durchtrennen.

Ar­tem, kam eine heisere Stimme.

Artem? Artem Schwarz?, stockte sie. Der Junge, den wir vor drei Tagen vermisst haben

Der Junge nickte schwach.

Vor drei Tagen hatte die Polizeistation einen Bericht über das Verschwinden eines fünfzehnjährigen Schülers erhalten. Die alleinerziehende Mutter arbeitete zweier Jobs; ihr Sohn kam nach der Schule nicht nach Hause.

Sascha, ruf Verstärkung und den Rettungsdienst!, befahl Anna, half Artem aufzustehen. Halt durch, mein Junge, alles wird gut.

Der Hund, bis dahin still beobachtend, spannte plötzlich das Fell am Nacken, ein tiefes Knurren entwich ihm.

Ein Ästenknacken ertönte jemand rannte durch das Gestrüpp.

Auf den Boden!, schrie Anna, zog einen Revolver.

Doch der Hund war bereits losgerissen. Ein Schrei, ein dumpfer Aufprall und ein wütendes Fluchen hallten durch den Wald.

Als Anna und Sascha, durch Gestrüpp kämpfend und über Wurzeln stolpernd, die Szene erreichten, sahen sie einen breitschultrigen Mann in einer schwarzen Lederjacke, der wie ein Schatten am Boden lag. Auf seinem Rücken, festgepresst, lag der Hund, dessen Fell wie Stacheln wirkte, und aus seinem Maul drang ein furchterregendes Knurren, das selbst der hartgesottenen Kommissarin Gisela Krause einen Schauer über den Rücken jagte. In diesem Moment erwachte im harmlosen Streunerdog ein echter Wolf Beschützer und Jäger zugleich.

Beruhige dich, Balu, flüsterte Anna, ihr erster Gedanke an den Hundesnamen. Wir schaffen das.

Und erstaunlicherweise hörte der Hund zu. Er wich zurück, behielt den Täter jedoch im Visier.

Kurz darauf trafen die Einsatzgruppe, Sanitäter und Ermittler ein. Der Täter, ein Mann namens Viktor Müller, gestand sofort. Es stellte sich heraus, dass er ein professioneller Entführer war, der Kinder lockte, kidnappte und Lösegeld forderte ein Lösegeld, das die alleinstehende Mutter kaum aufbringen konnte.

Eine Woche später saß Anna in ihrer kleinen Küche, deren Wände noch mit alten, vergilbten Tapeten bedeckt waren, und trank abgekühlten Tee aus ihrer Lieblingstasse. Die Lokalzeitung lag auf dem Tisch, die Schlagzeile prangte in fetten Lettern: Heldenhafter Hund löste Kriminalfall! Darunter ein Foto von Balu, nicht mehr völlig zerzaust und schmutzig, aber immer noch aufmerksam und ernst.

Na, Held, streichelte sie Balu hinter dem Ohr, während er faul auf dem Sofa döste. Wie gefällt dir dein neues Leben?

Der Hund leckte ihre Hand und legte den Kopf auf ihren Schoß.

Man sagt, Zufälle gibt es nicht. Und wer weiß vielleicht war diese Begegnung Schicksal für beide: für die Polizistin, die vor fünfzehn Jahren ihren Bruder nicht retten konnte, und für den streunenden Hund, der einen anderen Jungen rettete.

Weißt du, sagte Anna, während sie den warmen, flauschigen Kopf streichelte, manchmal geschehen Wunder, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Balu seufzte zustimmend. Er kannte diese Wahrheit schon lange. Der wahre Wert liegt darin, dass Mut und Mitgefühl egal ob von Mensch oder Tier das Dunkel erhellen können.

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Homy
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