Rette mich aus der Schatulle
Wie lange willst du das noch ertragen? hörte Annika die Stimme ihrer verstorbenen Großmutter, als der Aufzug in dem 16stöckigen Wohnhaus in Berlin plötzlich stockte.
Die Familie war von Anfang an zerrissen. Ihr Mann Klaus hatte sie kaum aus der Schultüte geholt. Er ließ sie nicht studieren, drängte sie auf das Trinken, das Auflehnen. Sie bekam erst den Führerschein, weil ihr Vater nie aus der Werkstatt kam sein Freund war Fahrlehrer.
Annika verließ das Haus nur aus einer Not heraus: den Kühlschrank zu füllen. Die Alternative zum Spaziergang war, die Wäsche auf dem kleinen Balkon aufzuhängen.
Klaus kontrollierte sie überall. Selbst beim Müll rausbringen musste sie das Handy im Kittelbeutel behalten, falls er plötzlich anrief und nachhorchte.
Wochenenden, die mit Freitagabend begannen, jagten Annika Angst ein. Klaus kam heim, verlangte ein Abendessen, und auf dem Tisch musste stets eine beschlagene Flasche seines Lieblingskorns stehen. Nach dem Essen, schleppend und mit offener Verachtung, ließ er die ehelichen Pflichten fallen und brüllte: Na, du Dummkopf, Trottel, wann krieg ich endlich einen Erben?
Dann, nachdem er seiner Frau im Schlafzimmer Tränen zugedrängt hatte, kehrte er in die Küche zurück, leerte das Korn und verlangte: Wo ist das Bier?
Annika wusste, dass diese Frage kommen würde. Tagsüber kaufte sie ihm kein Bier, um sich 2030 Minuten für einen Abendspaziergang zu erkaufen, um wenigstens Luft zu schnappen.
Warum schweigst du? drängte die Stimme der Großmutter, während der Aufzug zwischen den Etagen hängen blieb. Gefällt dir, wie dein Mann dich behandelt?
Nein, hauchte Annika, er wischt mir die Füße ab.
Das ist erst der Anfang, warnte die Großmutter, später wird es schlimmer. Willst du, dass er dir die Beine abreißt?
Oh Gott! ihr dicker Hals trocknete sofort, nein, natürlich nicht.
Dann laufe, Kind, lauf!
Wie? Wohin? Zu meiner Mutter, die mit einem neuen Mann in einer Einzimmerwohnung lebt? Zu meinem Vater, der jetzt eine neue Frau hat? Ich bin ein abgeschnittener Würfel, Oma. Ich habe niemanden, ihre Augen flammten, die Nase zuckte.
Und das ist gut, weil du allein bist. Ganze Freiheit, ein neuer Anfang. Stell dir vor, du hättest ein Kind
Aber wohin soll ich gehen? die Augen der Großmutter wurden riesengroß wie Untertassen.
Ein Malheur wird dir bald begegnen. Verpasse es nicht. Schau öfter aus dem Fenster. Du wirst etwas sehen.
Was soll ich sehen?
Ich habe dir schon genug gesagt. Denk selbst, wenn du nicht dumm bist. Der Aufzug rückt an. Fürchte dich nicht. Geh nach dem Bier, meinem Geliebten. Und noch etwas: Durchsuche die Schatulle, die ich dir nach meinem Tod hinterlassen habe. Sie ist nicht leer. Sie hat einen doppelten Boden. Nimm den Inhalt, aber lass die Schatulle zurück, damit dein Mann nichts von deiner Flucht ahnt.
Was ist drin?
Antworten auf deine Fragen.
Der Aufzug setzte sich in Bewegung. Annika zuckte zusammen, obwohl die Stimme nicht warnte.
Er stoppte im Erdgeschoss. Draußen schmolz der Schnee in einer warmen Abendluft. Bäche begannen zu fließen, die Natur erneuerte sich. Warum nicht auch sie?
***
Klaus betrank sich, legte sich flach auf den Küchentisch und schnarchte wie ein wütendes Tier. Während sein Schnarchen durch die Wohnung rollte, nutzte Annika die Gelegenheit, die Schatulle zu untersuchen.
Der Boden der Schatulle fühlte sich tiefer an, als er seinte. Ein Geheimfach musste existieren die Stimme der Oma war kein Hirngespinst. Sie schüttelte die Schatulle über dem Bett. Heraus fielen Garn, Nadeln, Häkelnadeln, Knöpfe, allerlei Krimskrams, den man selten anfasst. Der alte Holzbehälter zeigte kein übermäßiges Interesse an zusätzlichem Kram. Als Annika die Schatulle bekam, verzog Klaus die Augen und knurrte verärgert: Ich werfe das weg. Deine Oma war ein Original! Hat etwas für die Enkelin gefunden, aber ich brauch das nicht!
Sie drehte die Schatulle, suchte nach einer versteckten Kammer, doch das Holz war massiv, ohne Öffnung. Nur ein Klopfen an den Seiten verriet, dass etwas dahinterlag.
Annika drückte die Erhebungen, aber nichts ließ sich öffnen. Die Großmutter schwieg, wartete, dass Annika selbst die Lösung fand das war richtig, sie war kein kleines Mädchen mehr.
Sie setzte sich auf das zweifelhafte Doppelbett, schloss die Schatulle und ließ ihre Finger über das Deckelmotiv gleiten. Plötzlich klickte etwas, ein kleiner Kasten sprang hervor und prallte schmerzlich in ihren Bauch.
Sie öffnete den Kasten: ein Briefumschlag, Schlüssel und mehrere kleine Tütchen mit Aufschriften wie Schalte das Gehirn ein, Gefriere die Angst, Entzünde die Aufmerksamkeit, Sei kein Dummkopf, Töte die Schwäche im Charakter, Füttere das Fleisch. Ihre Großmutter war immer ein kleiner Spinner gewesen; die Nachbarn im Treppenhaus nannten sie deshalb Hexe. Doch zu Hause buk sie Brot und strickte Socken. Niemand wusste, was sie machte, wenn das Haus leer war.
Sie zerknüllte den Umschlag. Darin lagen Grundbuchauszüge: das Haus, von dem die Großmutter sprach, als Annika klein war solide, ohne einen einzigen Nagel, gebaut von ihrem Großvater, abgelegen, doch jemand wachte darüber. Ein weiteres Dokument bezeugte den Besitz eines alten VW Käfer mit ausländischem Motor, der im Vaterwerkstatt lag wie ein Museumsexponat.
Ein weiteres Schreiben, geschrieben in winzigen, fast künstlerischen Lettern, klang wie die Stimme der Oma:
Liebes Enkelkind, die Stunde ist gekommen, die Schatulle zu öffnen. Alles, was ich besitze, außer der Wohnung, habe ich dir vermacht. Wenn du dieses Schreiben liest, ist es Zeit. Nimm die Papiere, den Inhalt der Schatulle und das Auto. Fahre zum Haus des Opas. Das Geld für die ersten Tage liegt im Handschuhfach. Danach musst du dir selbst etwas verdienen. Vielleicht lernst du ja noch etwas. Deine Oma.
Die Großmutter hatte gewusst, was ihr Mann tun würde, hatte sich deshalb gegen die Hochzeit gestellt. Und doch, selbst als Annika nicht gehorchte, blieb sie still und half ihr nach dem Tod mit Rat.
Annika packte die Dokumente in einen Ordner, legte den Schatulleninhalte dazu. Keine Zeit mehr zum Überlegen, nur noch packen und fliehen.
Erster Punkt: Nimm das Päckchen Entzünde die Aufmerksamkeit. Streue das Pulver in die Milch und trinke. Wirf das Papier nicht weg, schau ab und zu hinein. Keine weiteren Punkte, nur die Anweisung, das Pulver mit der Milch zu schlucken.
Am nächsten Morgen stand sie mit klarem Kopf auf, sah, hörte, fühlte alles intensiver. Unter der Matratze fand sie den Ordner. Keine Träume mehr, nur ein zweites Schriftstück:
Zweiter Punkt: Trinke nüchtern ein Glas Milch mit dem Pulver Sei kein Dummkopf.
Sie schlich in die Küche, wo Klaus noch schnarchte, trank die Milch, öffnete das Fenster, um Luft zu holen, und ging zurück ins Schlafzimmer, blickte erneut in den Ordner. Neues Schreiben:
Dritter Punkt: Verschütte die Mappe nicht, sonst triffst du einen Feind. In einer Stunde trink einen Tee mit dem Pulver Töte die Schwäche im Charakter.
Vierter Punkt: Nach einer weiteren Stunde trink einen Kaffee mit dem Pulver Füttere das Fleisch und sei wachsam.
Annika erledigte alle Aufgaben, fühlte sich danach wie für Heldentaten bereit. Ihr Körper, bisher kein Sportlerkörper, füllte sich mit Muskeln, die im Spiegel des halbhohen Schranks glänzten definierte Arme, Beine, ein fester Bauch, straffe Pobacken, scharf geschnittene Wangenknochen, leuchtende Augen.
Ein Geräusch auf dem Laminat ließ Klaus aufschrecken.
Warst du im Salon? knurrte er.
Nein, ich war hier, stammelte Annika.
Dein Gesicht sieht aus, als hätte ein Liebhaber dich bearbeitet. zischte er und stürmte auf sie zu.
Seine Hände ballten sich, die Augen zuckten wie Blitze, der Mund verzog sich zu einem Grimm.
Welcher Liebhaber? flüsterte Annika und trat zurück.
Wo warst du, während ich schlief? drängte er weiter.
Ich schlief in unserem Bett, murmelte sie, doch plötzlich erwachte in ihr eine Kraft, ein Selbstvertrauen.
Klaus stürmte, doch Annika blockte jeden seiner Schläge, ließ seine Fäuste an ihrer Haut abprallen, wirbelte seine Arme wie ein Band. Am Ende schlug sie ihm mit der Hand auf die Nase, das Blut spritzte, er sackte bleich zu Boden. Sie sah ihn an, ohne Mitleid, und griff erneut nach dem Ordner.
Fünfter Punkt: Gut gemacht, ich bin stolz. Sieh durch das Fenster des Loggias, zieh dich an, lass das Geländer offen. Lege deine Tasche dort ab, trink einen Saft mit dem Pulver Gefriere die Angst. Wenn du das alte Auto holst, geh ins Café, bestell einen Milchshake und mische das Pulver Schalte das Gehirn ein. Die restlichen Tütchen brauchst du jetzt nicht. Fahr so schnell du kannst. Oma.
Annika rannte zur Küche, löste das Pulver, trank, rannte zur Loggia.
Auf dem Asphalt lag ein Mädchen, mit dem Gesicht nach unten, Haaren, Größe, Gestalt wie ihre eigene, zerbrochen, aus dem Nichts gefallen. Kein Schrei, nur das Gebräu der Großmutter wirkte. Das Mädchen trug graue Jeans, ein schwarzes TShirt exakt das, was Annika anhatte. Es war März, doch das Mädchen stand barfuß, ohne Jacke, ohne Pullover, auf dem schmelzenden Gehweg neben einer warmen Heizung.
Annika zog dieselbe Kleidung an, schnappte die Dokumente, packte die Handtasche, versteckte den Geldbeutel im Ordner und verließ die Wohnung barfuß, ohne Mantel. Im Hausflur fand sie einen Müllsack mit alten HerbstWinterschuhen, die nicht passten, aber brauchbar waren, und einen abgewetzten Daunenmantel. Jemand hatte offenbar alte Kleidung entsorgt.
Sie ließ die leere Tasche des fremden Mädchens zurück, als wäre sie ausgeraubt. Sie rannte durch den Hof, die Schuhe drückten, die Geschäfte waren noch geschlossen, es war zu früh für ein Taxi. Kein Auto mit Schachbrettmuster zu sehen, aber ein Troleybus hielt.
Vielleicht muss ich umsteigen, aber ich komme zum Käfer meines Opas, dachte sie.
***
Annika ging selten ins Büro, doch heute hatte sie Glück. Die alte Sicherheitskraft erinnerte sich an die Tochter des Chefs und ließ sie durch. Sie zeigte die Papiere für das Auto.
Kein Problem, Mädel. Warum brauchst du den alten Käfer? Ruf deinen Vater, er besorgt dir ein schönes Fahrzeug.
Nein, danke. Ich will den Käfer.
Alles klar, hier sind die Schlüssel.
Er griff nach dem Automaten und schenkte ihr einen Milchshake. Die Milch, gemischt mit dem Pulver Schalte das Gehirn ein, schmeckte nach Kakao. Sie kaufte robuste Winterschuhe und eine günstige, aber solide Jacke, steckte das Geld aus dem Handschuhfach in den Ordner.
Dank dir, Oma, flüsterte sie, während sie den Käfer aus der Werkstatt fuhr. Das Fahrzeug war überraschend bequem, als hätte ihr Großvater die Sitze neu gepolstert.
Sie winkte dem Mechaniker, fuhr um die Ecke und gelangte auf die Autobahn, die bereits von unterschiedlichsten Fahrzeugen wimmelte.
Siehst du die Schilder oben? rief die Stimme der Oma in ihrem Kopf.
Ja, lächelte Annika.
Biege nach links nach Sondershausen, dann weiter nach Sering, dort findest du das, was du suchst. Gute Fahrt, Kind.
Auf dem Rücksitz saß ihre Großmutter, genau so, wie Annika sie in Erinnerung hatte: fröhlich, rothaarig, immer mit einem pfeffrigen Schal um den Hals.




