Wenn niemand zur Hilfe kommt (mystische Erzählung)

Max, wie oft noch? meine Mutter pochte verärgert mit den Fingerspitzen auf den Küchentisch. Das dumpfe Geräusch hallte durch die winzige Mietwohnung in einem Berliner Altbau, die kahlen Wände spiegelten es wider. Ich habe dir doch gesagt, du sollst das Thema nicht ansprechen.

Aber Mama…

Keine Aber mehr! sie riss abrupt vom Stuhl auf, fast die halb leere Tasse Kaffee vom Rand gestoßen. Ich habe genug eigene Sorgen. Glaubst du, man kann das Leben einfach von vorne beginnen? Einen Job finden? Die Miete zahlen?

Max zog sich zusammen und starrte auf das halb angebratene Rührei, das auf einem Teller mit kitschigen Blumenmustern lag ein Schnäppchen von der Sonderaktion. Der Dotter verteilte sich wie ein trüber Herbstschein durch die Pfanne, das Licht draußen war ebenso fahl und leblos. Ein leichter Regen prasselte an das Fenster, verwandelte das triste Wohnviertel in ein noch deprimierteres Bild: graue NeunStockWohnhäuser lösten sich im Dunst auf, und die wenigen Passanten, eilig ihren Aufgaben nach, wirkten wie Gespenster.

Nur die neue Schule…

Was mit der neuen Schule? unterbrach meine Mutter, richtete hastig ihr Haar im kleinen Spiegel, der schief an den Kühlschrank geklebt war. Du kannst doch nicht immer schüchtern sein! Zeig ein bisschen Mut, dann wird alles besser.

Sie schnappte sich ihre abgewetzte Ledertasche, warf einen flüchtigen Blick ins Spiegelbild des Flurs. Sie war so eng, dass zwei Erwachsene kaum hindurch passten ein weiteres Ärgernis in der neuen Bleibe, an die Max sich einfach nicht gewöhnen konnte.

Ich muss zur Arbeit. Und am Abend erwarte mich Jens.

Die Tür knallte zu, ließ Max allein mit dem abgekühlten Frühstück und dem Gefühl seiner eigenen Wertlosigkeit zurück. In der leeren Wohnung wurde es plötzlich ganz still, nur das Rauschen der vorbeifahrenden Autos und das ferne Bellen eines Hundes aus dem oberen Stockwerk drangen herein. Er erhob sich gemächlich vom Tisch, wusch mechanisch das Geschirr, packte den Rucksack. Zur Schule zu gehen, wollte er überhaupt nicht.

Die neue Schule ein dreistöckiges Backsteingebäude aus den siebziger Jahren war eine exakte Kopie seiner alten Schule, nur dass hier alles noch schlimmer war: spöttische Blicke, hinter dem Rücken geflüsterte Bemerkungen, Tritte in den engen Gängen, in denen nach Kantinenessen und schmutzigen Fußwischern roch. Niemand kannte ihn, niemand wollte ihn kennenlernen. Er war bloß ein Ziel für die gelangweilten Klassenkameraden.

Hey, Stillsein! Was, der Sohn der Mama? Erzähl, wie dein Vater dich verlassen hat! das war sein Soundtrack den ganzen Tag, hallte von den blassgrün gestrichenen Wänden zurück und drang in den abgenutzten Linoleumboden ein. In der letzten Pause hatte er dann besonders Pech.

Vor der Toilette im Erdgeschoss, in jener dunklen Ecke, wo immer eine Glühbirne defekt war, umzingelten ihn drei Oberstufenschüler. Einer von ihnen, ein rothaariger Riese namens EgonTomate, mit rotem Gesicht und Sommersprossen über Nase und Wangen, grinste breit:

Na, Neuankömmling, gib mir ein paar Euros.

Ich habe nichts, murmelte Max, versuchte vorbeizuschlüpfen. Der Raum war kalt, ein unangenehmer Chlorgeschmack lag in der Luft.

Wie kannst du nichts haben? einer der anderen packte ihm den Kragen seiner abgetragenen Jeansjacke, während Egon hastig die Taschen durchsuchte. Was ist das denn?

Er zog eine zerknitterte 5EuroMünze hervor Geld für Lebensmittel, das Max nach der Schule kaufen sollte.

Das ist alles, was ich noch habe, stammelte Max, während Schweiß den Rücken hinablief.

Jetzt ist es meins, lachte Egon und drückte ihn gegen die Wand. Max spürte einen harten Aufprall im Rücken. Und denk nicht, du könntest dich beschweren…

Ein Schlag traf ihn in den Bauch. Max krümmte sich, schnappte nach Luft, die nach Staub und Feuchtigkeit roch. Der zweite Treffer ließ seine Augen schwarz werden.

Er ging nicht zum Unterricht. Beim Blick in den trüben Spiegel der Schultoilette, aus dem ständig Wasser tropfte, fasste er einen Entschluss. Genug. Das hielt er nicht mehr aus.

Der Aufstieg zum Dach war in weniger als einer Minute erledigt. Die alte Stahltür war nicht verschlossen und ließ sich überraschend leicht öffnen. Der Wind zerrte an seinen Haaren, unten dröhnte die Stadt: Autos brummten, Hunde bellten, Kinder schrien auf dem Spielplatz. Max trat an den Rand. Der Betongeländer war kalt und rau unter seinen Handflächen.

Stopp! ein Schrei ließ ihn zusammenzucken.

Der Hausmeister, ein schmächtiger Greis in einem grauen, abgewetzten Pullover, reagierte überraschend schnell. Er packte Max am Jackett, zog ihn zurück vom Rand. Seine von Altersflecken übersäten Hände waren stärker, als man erwarten würde.

Dann folgten laute Rufe. Die Schuldirektorin, eine füllige Frau im strengen Hosenanzug, zupfte nervös an einer Perlenkette. Die Schulpsychologin, eine junge Dame mit warmen Augen, redete von verpflichtender Therapie und Traumabewältigung. Meine Mutter, die nach der Arbeit völlig aufgelöst nach Hause kam, schminkte sich wild, Tränen standen ihr in den Augen. Ihre Stimme hallte noch immer in meinen Ohren:

Bist du verrückt geworden? Willst du mich blamieren? Hast du noch genug Probleme?

Max Ausbruch wurde sofort runtergebrochen niemand brauchte weitere Probleme. Am nächsten Tag schaffte er es kaum, zur Schule zu gehen. Das graue Gebäude thronte über ihm wie ein Urteil. Jetzt kamen zu den üblichen Spottbemerkungen neue hinzu: Psychopath, Suizidgefahr, Idiot. Sie schwirrten ihm durch die Flure, prallten von den Wänden ab, verstärkten sich im Echo. Doch er wusste, er würde einen Weg finden, das Geschehene zu beenden, und diesmal würde ihm niemand im Weg stehen.

Als er in der Klasse saß, bemerkte er plötzlich jemanden am Tisch neben ihm.

Darf ich hier Platz nehmen? eine ruhige, leicht spöttische Stimme durchbrach das Durcheinander.

Ich sah nach oben. Vor mir stand ein großer, schlaksiger Junge mit auffallend hellgrauen Augen. Verwaschene Jeans, ein Kapuzenpullover, abgenutzte Turnschuhe nichts Besonderes.

Gibts noch freie Plätze? murmelte Max und zeigte auf die leeren Tische.

Ja, das tut es, antwortete der Junge.

Ich bin Lukas, streckte er die Hand aus. Seine Hand war warm und trocken.

Max, erwiderte ich.

Für Max wurde Lukas der erste echte Freund.

Weißt du, worin dein Problem liegt? sagte Lukas eines Nachmittags, als sie gemeinsam auf dem Schulhof saßen. Die Herbstsonne brach durch die Äste alter Bäume und malte seltsame Muster auf den Boden. Du lässt andere bestimmen, wer du bist.

Was meinst du?

Sie nennen dich Schwächling du glaubst es. Sie sagen, du bist nichts du nimmst es an. Versuch selbst zu entscheiden, wer du bist.

Max schnaubte, trat mit dem Schnürsenkel seiner nassen Turnschuhe in den Regenboden.

Und wer bin ich dann?

Siehst du, grinste Lukas verschmitzt. Seine hellen Augen funkelten wie silberne Fäden im schrägen Sonnenlicht. Das sagst du dir selbst. Übrigens, komm mit, ich hab was gefunden.

Etwas stellte sich als kleiner Fitnessraum im Untergeschoss eines Wohnhauses in der Nähe der Schule heraus. Ein abgeblättertes Schild verkündete: Boxen  Kurs.

Ich schaffe das nicht begann Max, als er die trainierenden Jungs sah.

Versuchs einfach, ließ Lukas ihn nicht ausreden.

Und Max probierte es. Am Anfang war es hart die Muskeln schmerzten, der Körper hörte nicht zu. Schweiß lief ihm in die Augen, und der Trainer ein stämmiger Mann mit grauen Schläfen und einer Narbe über der Braue wirkte wie ein Tyrann. Doch hier lachte niemand über ihn. Nach und nach begann sich etwas zu verändern. Nicht nur der Körper, auch er selbst wandelte sich.

Lukas ging ebenfalls ins Fitnessstudio, trainierte aber nie selbst, sondern saß nur auf einer alten Bank an der Wand und beobachtete Max.

Es kommt nicht auf die Schlagkraft an, sagte er, als sie zusammen durch die abendlichen Straßen nach Max Wohnung liefen, wo die Laternenlichter in Pfützen spiegelten. Es kommt auf das Vertrauen in sich selbst an, darauf, das Recht zu haben, man selbst zu sein.

Eines Tages, als EgonTomate wieder versuchte, ihn im Flur zu ärgern, sah Max ihm ruhig in die Augen. Gelassen und sicher. Der Riese zog sich zurück, murmelte etwas vor sich hin.

Siehst du? lächelte Lukas. Du hast dich verändert.

An diesem Abend traute sich Max zum ersten Mal seit langem zu einem ernsthaften Gespräch mit seiner Mutter. Sie saß müde am Küchentisch, eine Tasse lauwarmen Tees in der Hand.

Mama, wir müssen reden.

Schon wieder? seufzte sie erschöpft.

Ja, weil ich dein Sohn bin und existiere. Meine Probleme sind keine Launen.

Etwas in seiner Stimme ließ sie innehalten und ihn aufmerksam ansehen.

Du hast dich verändert sagte sie, als würde sie ihn zum ersten Mal wirklich sehen.

Ja. Ich will, dass wir wieder eine Familie sind.

Sie redeten den ganzen Abend. Zum ersten Mal hörten sie einander wirklich zu. Die Mutter weinte, ihr Makeup lief ihr die Wangen hinab, sie erzählte von ihren Ängsten, von der harten neuen Lebenssituation. Max sprach über seine Einsamkeit, das Mobbing in der Schule, die dunkle Verzweiflung, die ihn aufs Dach getrieben hatte. Während des Gesprächs machten sie Tee, fanden eine Packung Kekse im Schrank, und die sonst so karge Küche wurde plötzlich wärmer.

Am nächsten Tag war Lukas nicht zur Schule erschienen. Sein Platz am Tisch blieb leer, und niemand schien es zu bemerken. Max fragte die Klassenkameraden, die Lehrer alle schauten verwirrt, niemand erinnerte sich an den Jungen, der ihm bei Algebra geholfen und beim BiologieProjekt unterstützt hatte.

Auch im Fitnessstudio, wo Max am Abend trainierte, sah er keinen hohen Jungen mit hellen Augen, der immer mit ihm gekommen war.

Als er später in seinem kleinen Zimmer den Rucksack auspackte, an den Wänden schon ein paar Poster hingen und ein Foto vom Training auf dem Schreibtisch lag, fand er ein gefaltetes Blatt. Darauf standen nur zwei Worte: Du schaffst das. Max starrte sie lange an, dann lächelte er. Sein Freund hatte recht er würde es schaffen.

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Homy
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