Lautlose Stille

**Lautloses Schweigen**

Er spricht einfach nicht mit mir! Annika kämpfte mit den Tränen, als sie am Telefon mit ihrer Freundin sprach. Ich habe mich schon fünf Mal entschuldigt und sogar drei verschiedene Käsesorten gekauft! Keine Reaktion. Er sitzt nur da, starrt auf den Bildschirm, als wäre ich Luft.

Dann lass ihn doch in Ruhe und komm zu uns, schlug Lena vor. Meine Mutter backt gerade Kohlpasteten deine Lieblingsspeise! Hier riecht es nach Geborgenheit, nicht nach Eiszeit.

Annika musste schmunzeln. Der Duft von Lenas Mutter Backwaren war unvergesslich, genauso wie der Geschmack ihrer Pasteten. Jede Woche nach der Schule hatten sie und Lena davon gegessen. Die beiden waren nicht nur Nachbarinnen, sondern auch die unzertrennlichsten Freundinnen.

Wie oft hatten sie von der Zukunft geträumt? Von ihren Berufen, ihren Traummännern, davon, wie ihre Familien eines Tages zusammen sein würden. Annika liebte es, bei Lena zu sein bei ihr war das Leben laut, warm und voller Gelächter. Vielleicht fehlte es manchmal an Ordnung, aber dafür gab es immer Gäste, gute Laune und natürlich Lenas Mutter, die wie niemand sonst kochen konnte.

Bei Annika zu Hause war es anders. Ihre Mutter war streng und schweigsam, die Wohnung klinisch sauber, Freunde mitbringen war tabu. Streit gab es nie, nicht einmal laute Worte. Doch ihre Mutter konnte wochenlang schmollen, wenn sie sich beleidigt fühlte. Das traf Annikas Vater genauso wie sie selbst. Sie erinnerte sich noch, wie sie als Kind diese eisige Stille gehasst hatte, wie sie sich unsichtbar fühlte. Mit sechzehn hatte sie ihr einmal ein Buch hinterhergeworfen nur um eine Reaktion zu provozieren. Ihre Mutter hob nur die Augenbrauen und verließ wortlos den Raum. Damals hatte Annika geschworen, nie so zu leben.

Und jetzt tat ihr Mann genau dasselbe.

Natürlich gab es Warnzeichen vor der Hochzeit. Sogar große.

Markus hatte einmal im Freundeskreis scherzhaft angedeutet, Annika hätte mit ihm den Jackpot geknackt einen Mann mit Eigentumswohnung. Sie hatte zurückgewitzelt, wer hier eigentlich Glück hatte. Doch statt zu lachen, war er tief gekränkt und drei Tage lang unnahbar.

Ein andermal war er wütend, weil sie nicht bis Mitternacht mit seinen Freunden sitzen wollte und stattdessen schlafen ging. Eine Woche lang ignorierte er sie. Doch in der rosaroten Verliebtheit schien das alles nebensächlich.

An dem Tag, an dem Annika Lena anrief, schwieg Markus bereits seit vier Tagen. Der Grund? Sie hatte vergessen, seinen Lieblingskäse zum Frühstück zu kaufen. Keine Absicht, einfach nur ein Versehen. Verzweifelt versuchte sie, der Stille zu entkommen, in der sie sich schuldig und unsichtbar fühlte. Und das Schlimmste: Es kam ihr schrecklich bekannt vor. Es war das gleiche Spiel wie bei ihrer Mutter eines, das sie niemals wiederholen wollte.

Als Lena sie zu sich einlud, packte Annika sofort ihre Sachen und ging. Wenn Markus allein sein wollte, bitte. Sie würde ihre Zeit lieber mit Menschen verbringen, die sie schätzten. Lenas Mutter freute sich über ihren Besuch. Im Gespräch erfuhr sie schnell, warum Annikas Augen so traurig blickten. Sie schüttelte nur den Kopf und sagte:

Kindchen, wenn du deinem Markus nicht früh genug zeigst, dass sein Schweigen nichts bringt, wirst du immer das fünfte Rad am Wagen sein. Offenbar hat man bei ihm zu Hause nie gelernt, Konflikte auszutragen.

Meine Eltern haben auch nur geschwiegen und verbittert dreingeschaut.

Genau! Und hat das ihnen gutgetan? Willst du das auch?

Nein. Aber Markus sagt nur Lass mich in Ruhe, wenn ich das Gespräch suche.

Dann tu genau das. Leb so, als wäre er nicht da. Koche nur für dich, geh mit Freundinnen ins Kino, besuch uns. Wenn er merkt, dass sein Schweigen nichts bewirkt, wird er vielleicht aufwachen.

Glaubst du, das klappt? Was, wenn er noch wütender wird?

Keine Ahnung. Aber ich würde es versuchen. Und wenn nicht dann lauf. Ich könnte nicht mit jemandem leben, der mich wie Luft behandelt.

Am nächsten Morgen, als Markus ihr den Rücken zukehrte, spürte Annika keine Wut mehr. Nur eine eiskalte Entschlossenheit. Nein, dachte sie. So nicht. Er ist nicht meine Mutter. Ich werde nicht schweigen.

Sie erinnerte sich an Lenas Worte über ihre Eltern: Bei uns wird stundenlang diskutiert aber schweigen? Niemals! Selbst wenn sie streiten, ist es nach zwei Stunden wieder vorbei.

Zwei Stunden! Das klang wie ein Märchen. Aber es war ihr neues Ziel.

An ihrem freien Tag las Annika Ratgeber, schaute Liebesfilme und als Markus abends wieder schweigend vor dem Fernseher saß, schaltete sie ihn aus.

Markus, wir müssen reden. Nicht über Käse. Über uns.

Er griff demonstrativ zum Handy.

Ich mache nicht mehr mit. Schweigen löst keine Probleme. Es ist nur Quälerei.

Lass mich in Ruhe, knurrte er.

Gut, sagte sie ruhig. Aber dann lebe ich ab jetzt mein Leben. Ich koche für mich, treffe mich mit Freunden. Du wirst mein Mitbewohner. Wenn das okay ist, schweig weiter.

Sie ging. Zum ersten Mal bettelte sie nicht, rechtfertigte sich nicht. Sie hatte neue Regeln aufgestellt.

Markus schaltete den Fernseher wieder ein.

Am nächsten Morgen gab es kein Frühstück für ihn. Er trank Kaffee und ging wortlos. Abends stand kein Essen bereit. Annika telefonierte lautstark mit einer Freundin über Kino-Pläne.

Später sprach sie ihn an: Du hast das Recht, wütend zu sein. Aber wir setzen eine Frist. Zwei Stunden. Um neun kommst du in die Küche, und wir reden. Wenn nicht, dann liegt das Problem nicht bei mir, sondern bei dir.

Markus starrte sie verblüfft an. Das ist absurd.

Nein, absurd ist, wenn Erwachsene tagelang schweigen. Zwei Stunden.

Um neun kam er nicht. Doch um elf, im Bett, brach er das Schweigen.

Du benimmst dich wie aus einer dieser Seifenopern.

Annika atmete tief durch. Früher hätte sie geweint. Jetzt antwortete sie nur: Es tut weh, ignoriert zu werden. Ich höre dir gern zu. Aber ich werde nicht raten, was falsch war.

Er schwieg. Doch diesmal nicht eisig sondern nachdenklich.

Vergesslicher Käsekauf ist respektlos, murmelte er schließlich.

Vergesslichkeit ist Respektlosigkeit? Sie lächelte. Oder bin ich einfach menschlich?

Er fand keine Antwort. Am nächsten Morgen machte er Frühstück für beide.

Waffenstillstand? fragte sie vorsichtig.

Er nickte.

Perfekt! Dann koche ich heute dein Lieblingsessen.

Ein halbes Jahr später gibt es noch immer Schweigephasen alte Gewohnheiten sterben schwer. Doch jetzt gibt es Regeln.

Schweigst du wieder? fragt Annika gelassen. Gut. Zwei Stunden. Dann reden wir.

Und es funktioniert. Markus brütet, aber nach zwei Stunden kommt er meistens zurück. Manchmal braucht er einen Tag. Dann geht sie aus und wartet, bis er sein Versöhnungsfrühstück macht.

Annika hat gelernt: Um das alte Muster zu brechen, reicht Flucht nicht. Man muss neue Regeln schaffen und sie leben.

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Homy
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