Zwei Freundinnen, zwei Schicksale

Zwei Freundinnen, zwei Schicksale

Waltraud betrachtete trübselig ihr Spiegelbild.
Alt und weise, aber das Gesicht hängt doch überall herunter, murmelte sie und versuchte, die vom Morgen noch lose gebliebenen Haarspangen aufzusetzen. Ihre Tochter hatte ihr bereits am frühen Tag ein paar Spangen angelegt. Heute stand im Dorf Kleinbach das Fest zum 50. Jahrestag der Eröffnung der örtlichen Mittelschule Waltraud gehörte zu den ersten Abschlussjahrgängen.

Die Schule war festlich geschmückt, Vertreter aus der nahegelegenen Stadt Lichtenau sollten kommen, die Dorfbewohner versammelten sich. Man hatte ehemaligen Klassenkameraden zugesagt, dass sie aus der Ferne anreisen, doch die meisten waren längst verstorben, das Alter hatte die Zeit weggespült.

Bello, der alte Schäferhund, bellte im Innenhof. Waltraud sah aus dem Fenster und erblickte eine Gestalt hinter dem Tor. Sie zog ihre alte Strickjacke an und ging zur Begrüßung. Zuerst erkannte sie die Frau nicht, doch als sie sprach, dämmerte ihr, dass es ihre Schulfreundin Gisela war.

Ich habe die Einladung erhalten und dachte, ich komme endlich zurück in meine Heimat, sagte Gisela. Vielleicht sehe ich sie nie wieder. Hier habe ich kaum ein Dach über dem Kopf.

Natürlich darfst du bleiben, antwortete Waltraud, und die beiden umarmten sich, ein paar Tränen liefen aus Freude oder aus Wehmut, das war schwer zu sagen.

Du siehst ja fabelhaft aus, bewunderte Waltraud Gisela.

Ich lebte in der Stadt. Mein Mann war Oberinspektor, deshalb musste ich immer mitmachen, und vielleicht wäre ich jetzt genauso wie du, fuhr Gisela fort und biss sich dann leicht auf die Zunge, um nicht zu verletzen.

Kein Grund, mir zu wehtun, lachte Waltraud. Der Tee ist nicht blind, ich sehe den Unterschied. Du bist etwa fünfzehn Jahre jünger, obwohl wir gleich alt sind.

Am Abend zogen die festlich gekleideten Dorfbewohner zur Schule. Aus Lichtenau kamen nur acht Personen. Viele hatten sich seit Jahren nicht gesehen und erkannten einander nur schwer. Nach der feierlichen Rede wurden Tische gedeckt, ein Glas Wein erhoben ein Treffen ohne Sekt wäre unvollständig und man erzählte alte Geschichten, lachte und genoss die gemeinsame Zeit bis Mitternacht.

Gisela blieb nach dem Fest bei Waltraud; Schlafen wollten sie nicht. Sie saßen fast bis zum Morgengrauen und redeten. Gisela schilderte ihr Stadtleben: Ein guter Mann, ein enges Leben zu zweit, doch vor drei Jahren war er gestorben. Die einzige Tochter lebt in Berlin, hat ihr Studium abgeschlossen und ist glücklich verheiratet. Sie leben kinderfrei ein Wort, das Waltraud erst nach kurzem Zögern erklärte: Menschen, die bewusst auf eigene Kinder verzichten.

Gisela seufzte. Ihre Tochter besuchte sie nur selten, selbst die Beerdigung ihres Vaters verpasste sie wegen einer verantwortungsvollen Führungsposition. Geld wurde ihr von ihrer Mutter geschickt, damit sie sich einen Kuraufenthalt leisten und ohne jeden Cent zu sorgen das Leben bestreiten kann. Ihre Rente ist klein, weil ihr der Mann nie zugestand zu arbeiten.

Und bei dir? Ich hörte, du bist auch verwitwet, fragte Gisela. Ging dein Nikolaus zu stark mit Alkohol um? Wo sind deine Kinder?

Wie immer, antwortete Waltraud. Auch hier im Dorf tranken die Männer, besonders nachdem die örtliche Holzfabrik zusammenbrach und keine Arbeit mehr blieb. Mein Mann war nüchtern und stille, doch wenn er betrunken war, war er ein Unhold! Wut sprühte aus allen Poren. Ich wurde seine Hauptgegnerin, ich kämpfte, ich verfluchte. Manchmal schliefen wir zusammen in der Kleidung, weil wir wussten, dass der Trunkere früher nach Hause eilen würde.

Er trank, und ich kämpfte, wie ein Fisch am Eis, fuhr Waltraud fort. Ich baute mir einen Stall, züchtete Ferkel, hatte zwei Mutterschweine, verkaufte die Frischlinge und verkaufte das Fleisch. Mein kleiner Falke mein Mann starb an einer unheilbaren Krankheit. Am Ende gab er das Trinken und Rauchen auf, doch es war zu spät. Der ganze Körper war vergiftet. Seit zwei Jahren halte ich mich zurück.

Alle meine Kinder sind noch im Dorf, sagte sie. Meine Tochter Leni hat die Berufsschule abgeschlossen, arbeitet als Lehrerin, mein Schwiegersohn ist Schulleiter und Abgeordneter. Sie haben die Schule vor dem Kürzen auf neun Klassen bewahrt, indem sie an die Hauptstadt schrieben.

Meine beiden Söhne dienten zusammen in der Bundeswehr, jetzt fahren sie gemeinsam zur Arbeit in Van der Meer, das Einkommen ist gut. Sechs Enkelkinder, je zwei pro Familie, lehren uns, dass das Leben ohne Nachkommen kaum vorstellbar ist. Die Männer trinken nur zu Festen, sehen nicht mehr den alten Vaterschen Alkohol.

Am nächsten Tag brachte Waltraud Gisela zur Bushaltestelle. Sie packte ihr ein Stück Schwarzwälder Schinken, ein Glas Himbeermarmelade. Vor dem Haus wirkte Waltraud im Vergleich zu ihrer Stadtfreundin noch etwas altmodisch: Sie trug einen dicken Wollmantel, Filzstiefel und einen flauschigen Schal, während Gisela einen modischen Daunenmantel, einen Pelzmuff und elegante Stiefeletten trug, Lippen in rotem Lippenstift.

Der Bus kam, die Freundinnen umarmten sich zum Abschied, versprachen zu telefonieren. Gisela sprang leicht in den Bus, Waltraud schritt schwerfällig nach Hause.

P.S. Beide Freundinnen starteten mit fast gleichem Anfang, doch das Leben nahm unterschiedliche Wege. Zufall? Glück? Welche verborgenen Kräfte lenken das Schicksal von Frauen? Und doch bleibt die Erkenntnis: Egal, welchen Pfad wir gehen, wahre Freundschaft, Gemeinsinn und das Bewahren von Erinnerungen geben dem Leben Sinn.

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Homy
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