Wozu braucht Mama denn zwei Zimmer? Sie ist ja schon fünfundsechzig. Gäste wird sie kaum annehmen, und mit ihren Schwestern den Tanten kann sie höchstens in der Küche Tee trinken.
Ehrlich, eine Einzimmerwohnung reicht ihr mehr als genug.
Liselotte Schneider wusste, warum ihr Sohn Niklas und ihre Tochter Klara zu ihr gekommen waren. Das Thema war bereits eine Woche zuvor in den Gesprächen aufgetaucht, als die ganze Familie zusammenkam, um den Geburtstag der kleinen Sophie, Liselottes Enkelin, zu feiern.
Niklas und Klara waren gerade erst eingetroffen, kaum hatten sie das Gespräch begonnen, klopfte es an der Tür. Eine Nachbarin lugte herein.
Ach, Liselotte, ich komme zur falschen Zeit. Da sind ja Gäste. stammelte die betagte Frau.
Das sind ja meine eigenen, Nina. antwortete Liselotte. Was gibts denn?
Meine Nähmaschine steckt wieder fest das Garn verheddert sich und ich kriege die Spule nicht heraus. Ich schaue später noch mal vorbei, bitte.
Kein Problem, ich schau gleich nach. sagte Liselotte.
Sie drehte sich zu Niklas und Klara um:
Ich geh für fünf Minuten zu der Nachbarin, ihr könnt schon mal in die Küche. Der Wasserkocher steht schon bereit. Also, los, macht euch ein wenig heimlich.
Liselotte löste das Nähmaschinen-Problem im Nu und eilte zurück ins Haus. Im Flur hielt sie jedoch inne, weil das Folgende sie erschütterte.
Klara, ich habe alles durchgerechnet, sagte Niklas, diese Wohnung kann man für mindestens drei Millionen Euro verkaufen, und die kleine Zweizimmerwohnung, in die Mama einziehen will, kostet dort etwa eine Million.
Und du willst, dass Mama uns die Differenz gibt? Je eine Million für jeden von uns? fragte Klara spöttisch.
Natürlich. Aber nicht nur eine Million, sondern eine Million zweihunderttausend. erwiderte Niklas.
Wo soll sie das denn hernehmen? hakte Klara nach.
Ich habe das ja bereits durchgerechnet! Warum soll Mama zwei Zimmer brauchen? Sie ist fünfundsechzig, nimmt kaum Gäste an, und mit den Töchtern ihrer Schwestern kann sie höchstens in der Küche Tee trinken.
Ehrlich, eine Einzimmerwohnung reicht ihr völlig.
Eine ordentliche Einzimmerwohnung mit Renovierung kann man hier für sechshunderttausend Euro kaufen.
Ich habe nach etwas gesucht, das nicht am Stadtrand liegt, sondern näher am Zentrum, in einem relativ neuen Mehrfamilienhaus, wo Supermarkt und Arztpraxis gleich um die Ecke sind. erklärte Niklas.
Ich weiß nicht, ob Mama das überhaupt will. versuchte Klara zu widersprechen.
Warum? Ich bin grundsätzlich gegen die Idee, dass sie umzieht. Aber wenn sie schon in die Rente geht, soll sie wenigstens etwas Gutes für uns tun.
Liselotte dachte in den letzten Monaten immer öfter daran, in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Als sie noch nach Köln gezogen war, war sie fünfundvierzig. In diesem Alter findet man kaum noch enge Freundschaften; sie hatte ein paar Bekannte, aber das war nicht das, was man von Jugendfreundschaften kennt.
Damals wollte sie nicht umziehen nicht ausziehen, die Kinder aus der Schule holen und in eine völlig fremde Stadt ziehen. Doch ihr Mann bekam eine gute Position in einem Chemiekonzern in Dortmund, und sie stimmte zu.
Zwanzig Jahre vergingen: Familie, Arbeit, seltene Besuche in der Heimat. Vor zwei Jahren verstarb ihr Mann plötzlich.
Ihr Sohn und ihre Tochter hatten inzwischen eigene Familien, ihr eigenes Leben, und Liselotte fühlte sich wie in einem Vakuum. Als sie in Rente ging, wurde es völlig einsam, und die Anrufe ihrer Schwestern wurden lauter.
Sie wartete nicht, bis die Tochter antwortete. Sie stürmte laut durch die Tür, als wäre sie gerade erst angekommen.
Niklas und Klara standen in der Küche. Die Tochter hatte bereits den Tee in Tassen gegossen und die Apfelkuchenstückchen angeschnitten, die Liselotte zum Frühstück gebacken hatte.
Mama, bist du dir wirklich sicher, dass du umziehen willst? fragte Klara.
Ja. Jetzt, wo euer Vater nicht mehr da ist, hält mich hier nichts mehr.
Wie denn nichts? Und wir? Und die Enkelkinder? wunderte sich Klara.
Ihr habt euer eigenes Leben, eure eigenen Sorgen. Ich will euch nicht belasten. Eure Kinder sind groß, sie brauchen keine Tagesmutter mehr. Was soll ich hier auf einer Parkbank sitzen, mit anderen Rentnerinnen spazieren gehen und eine Spazierstock schwingen?
Das mag manchen gefallen. Mir nicht. sagte Klara. Was bleibt denn sonst? Bücher und Fernseher? Ich habe Schwestern, viele Bekannte. Nicht weit vom Dorf, das Elternhaus, wo die ganze Familie im Sommer zusammenkommt.
Ich träume schon oft, dass ich zurück in meine Heimatstadt gehe, die Straße entlang gehe und alle Menschen mir bekannt vorkommen.
Gut, Mama, und was ist mit der Wohnung? lenkte Niklas das Gespräch zurück zur Praxis.
Was? Ich verkaufe sie und kaufe eine neue. antwortete Liselotte.
Möchtest du Hilfe beim Verkauf? fragte ihr Sohn.
Ich gehe über eine Maklerin. Die Anzeige steht schon. Ich fange dann langsam an, alles zu packen.
Mama, ich biete dir nicht einfach nur Hilfe an. Es gibt überall Betrüger. Ohne Geld und ohne Wohnung kann man schnell in Schwierigkeiten geraten.
Mach dir keine Sorgen. Liza Köhler, die Frau von Onkel Heinrich, meinem Stellvertreter, wird mir beim Verkauf helfen.
Sie hatte ihre eigene Immobilienagentur. Und dort kenne sie auch die zuverlässige Maklerin Natalia, die vor Kurzem Pavel beim Kauf einer Wohnung unterstützt hatte, erklärte Liselotte.
Für wie viel willst du die Wohnung verlangen? fragte Niklas.
Liza meinte, drei Millionen Euro seien ein realistischer Preis. Man könnte auch etwas höher ansetzen. Ich habe die Portale selber durchsucht das stimmt.
Und die anderen Wohnungen sind günstiger, meinte Klara.
Ja, eine vergleichbare Zweizimmerwohnung kostet hier etwa zwei Millionen.
Mama, Klara und ich haben eine Bitte: Könntest du uns nach dem Verkauf wenigstens je eine Million geben? fragte Niklas.
Eine Million? Dann würde ich nicht genug für die neue Wohnung haben.
Warum nicht? Wir könnten doch eine kleinere, zum Beispiel eine Einzimmerwohnung, kaufen. schlug Niklas vor.
Eine Einzimmerwohnung wäre für mich unbequem, ich brauche zwei Räume: ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer. antwortete Liselotte.
Manche Familien zu dritt wohnen in Einzimmerwohnungen, sagte ihr Sohn.
Ja, die, die sich keine größere leisten können. Ich habe die Möglichkeit, und ich verstehe nicht, warum ich darauf verzichten soll. Ich will in Komfort leben.
Mama, das wäre fair gegenüber uns beiden. Es ist schließlich eine Familienwohnung.
Niklas, ich habe nie gedacht, dass ich das besprechen muss, aber denkt daran, dass ihr laut Erbvertrag alles bekommen habt, was euch zusteht.
Er hat euch nicht übergangen. Ich habe nur die Wohnung bekommen, und jetzt willst du das mit uns teilen?
Niklas hat sich nicht ganz klar ausgedrückt, erklärte Klara. Er meinte, du könntest uns etwas geben, wenn du Geld übrig hast.
Er hat eine Hypothek, wir wollen mit Ilja eine Hütte kaufen. Statt einer Million wären fünfhunderttausend schon eine große Hilfe.
Selbst wenn du eine Wohnung für zwei Millionen kaufst, bleibt dir immer noch eine Million übrig. Das reden wir doch.
Ja, das bleibt. Aber ich brauche das Geld für den Umzug, für Renovierung und für die Einrichtung, weil ich neue Möbel und Geräte brauche.
Was übrig bleibt, ist mein Sicherheitskissen, falls ich mal krank werde. Ich will euch nicht zur Last fallen.
Also bekommst du uns nichts? fragte Niklas.
Niklas, ich bin überrascht, dass ihr das Thema überhaupt ansprecht. Du bist siebenunddreißig, Klara vierunddreißig, ihr habt beide Hochschulabschluss und arbeitet.
Du wirst noch einige Jahre die Hypothek zahlen müssen. Aber ihr habt keinen Mangel. Hättet ihr mich nicht umziehen lassen, hättet ihr dann einen anderen Plan gehabt?
Nein. sagte Klara. Entschuldige, Mama, dass wir das Thema aufgeworfen haben.
Ihr dachtet, meine Mutter, die euch immer geholfen hat, würde diesmal nicht nein sagen. antwortete Liselotte.
Ich würde nicht nein sagen, wenn ihr wirklich in Not wärt, aber ich glaube, ihr schafft das selbst: Niklas zahlt die Hypothek, ihr spart für die Hütte, und alles wird gut.
Liselotte setzte ihren Plan in die Tat um: Sie verkaufte die Wohnung, zog zurück nach Dresden, ihrer Heimatstadt. Dort kaufte sie eine neue Wohnung ganz in der Nähe des Hauses, in dem sie einst mit ihrem Mann und den Kindern gelebt hatte.
Verwandte halfen ihr beim Einrichten und beim Renovieren. Und jetzt, wenn sie morgens aufwacht, fühlt sich Liselotte Schneider wirklich zu Hause.





