Wann Hilfe nicht nötig ist: Wann man besser nicht eingreifen sollte

Ach, du undankbare Göre! Wir haben dich großgezogen, dich ernährt, und jetzt lässt du deinen sterbenden Vater im Stich!

Mama, es reicht! Ich schicke euch keinen Cent mehr, solange ihr alles versauft. Ich werde eure Saufgelage nicht finanzieren! Martina versuchte, fest zu klingen, doch in ihren Augenwinkeln glitzerten Tränen.

Dann ruf uns auch nicht mehr an. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben! Und deinem Vater verbiete ich es auch, fauchte die Mutter und knallte den Hörer auf.

Martina ließ sich auf einen Stuhl fallen, legte das Handy auf den Tisch und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Aus dem Nebenzimmer hörte sie ihr kleines Söhnchen wimmern. Leise schluchzte sie. Sie musste stark bleiben. Für ihn.

Aber wie sollte sie stark sein, wenn die Erinnerungen sie auffraßen?

Vor ihrem inneren Auge tauchten Bilder aus der Kindheit auf. Der beißende Gestank von Alkohol und Zigaretten. Das Zimmer mit abblätternder Tapete und eingedellten Türen. Hier hatte sie sich verbarrikadiert, wenn ihre betrunkenen Eltern sich anschrien und Geschirr zerschmetterten. Damals hatte sie nicht verstanden, was geschah und das machte es noch schlimmer. Jedes Mal fürchtete sie, einer von ihnen würde am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen.

Als Kind hatte sie sich Spielzeug aus leeren Dosen, Papiertüten und Bierdeckeln gebastelt. Damit spielte sie Familie und träumte davon, dass eines Tages alles gut werden würde. Dass sie liebevolle, glückliche Eltern hätte. Oder selbst einmal eine gute Mutter sein könnte.

Mit ihrer Mutter war es besonders schlimm. Martina versuchte, ihr aus dem Weg zu gehen. Selbst nüchtern war sie gereizt und schrie ihre Tochter bei jeder Kleinigkeit an. Fiel etwas herunter, gab es eine Ohrfeige. Verschüttete sie etwas, holte der Gürtel aus.

Heute wusste Martina, dass sie keine Schuld trug ihre Mutter ließ nur ihren Frust an ihr aus. Doch damals hatte das Mädchen geglaubt, sie sei selbst schuld und verdiene dieses Elend.

Ihr Vater hatte zum Glück klare Momente. Er kümmerte sich um sie, auf seine Art, bevor er zur Flasche griff.

Hanne, hast du die Kleine wenigstens gefüttert? fragte er, wenn er von der Arbeit kam.
Die ist alt genug! Soll sich was suchen, winkte die Mutter ab.
Hanne, sie ist sieben! Zu jung, um selbst zu kochen. Mach was zu essen, befahl er streng.

Die Mutter murrte, kochte aber. Meist Nudeln, manchmal mit Würstchen. Meist jedoch blieb Martina sich selbst überlassen und aß, was sie fand: Brot, eine vergessene Karotte im Kühlschrank, kalten Buchweizen.

Angst und Sorge waren ihre ständigen Begleiter. Sie schlief ein beim Klirren von Flaschen, wachte auf von Geschrei. Und betete, dass es endlich aufhören möge.

Ihr Ausweg war die Schule. Sobald sie konnte, floh Martina in ein Internat in einer anderen Stadt. Sie atmete auf, als sie endlich ihr Zimmer im Wohnheim betrat. Doch nachts würgte sie das schlechte Gewissen. Sie dachte, ihre Eltern würden ohne sie zugrunde gehen, dass sie bei ihnen bleiben müsste. Mühsam schob sie diese Gedanken beiseite.

Der Kontakt zur Mutter brach sofort ab. Sie erkundigte sich nicht nach ihrer Tochter, und Martina wollte nicht anrufen. Mit dem Vater schlief der Kontakt langsam ein.

Hallo, Mäuschen. Wie gehts dir? fragte er, wenn er anrief.

In diesem Moment schossen Martina tausend Gedanken durch den Kopf. *Es ist besser ohne euch. Ich bin müde von den Nebenjobs. Endlich habe ich Freunde, denen ich ohne Scham in die Augen sehen kann.* Doch stattdessen sagte sie nur:

Alles gut. Und bei euch?

Sie wusste, dass sich nichts geändert hatte und heimlich hoffte sie sogar darauf. Denn Veränderung konnte dort nur zum Schlechten führen.

Ach, auch gut, antwortete der Vater.

Dann folgte langes Schweigen, bis er sich verabschiedete. Irgendwann hörten die Anrufe ganz auf.

Das Leben ihrer Eltern wurde Martinas Kreuz, ihr Schmerz, ihr Geheimnis. Sie sprach mit niemandem darüber. Nicht einmal mit ihrem Mann.

Meine Eltern kommen nicht zur Hochzeit, sagte sie möglichst ruhig, obwohl ihr das Herz bis in die Schuhe rutschte. Sie wohnen zu weit weg, in einem Dorf. Die Reise ist zu anstrengend.

Wie denn das? Wir kaufen ihnen die Tickets, bot Philipp an. Das sind deine Eltern. Alle wollen dabei sein, wenn ihr Kind heiratet.

*Alle. Nur meine nicht*, dachte Martina und biss sich auf die Lippe, um die Tränen zurückzuhalten.

Geht nicht. Mama hat Herzprobleme, lange Fahrten sind zu viel. Ich wusste, worauf ich mich einließ, als ich hierherzog und sie auch. Ich schicke ihnen Fotos, rede mit ihnen. Es ist okay.

Philipp zuckte die Schultern und fragte nicht weiter.

Martina wollte keine Szene riskieren. Sie erinnerte sich, wie sie zum zehnten Geburtstag Schulkameraden einladen durfte. Ihre Mutter hatte sich damals mitten am Tisch mit dem Vater gestritten. Und als eine Freundin sich einmischte, um sie zu beruhigen, fuhr die Mutter sie an:

Halt den Mund! Du sitzt in meinem Haus und frisst mein Fleisch!

Die Freundin verschwand im Bad und ließ Martina erst nach langem Bitten ein. Sie weinte. Martina brannte vor Scham.

Die Eltern der Freundin holten sie bald ab. Martina lud nie wieder jemanden ein.

Einen solchen Auftritt wollte sie nicht auf

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Homy
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Wann Hilfe nicht nötig ist: Wann man besser nicht eingreifen sollte
Als mein Nachbar abends um zehn an meine Tür klopfte, hielt er einen fremden Schlüssel in der Hand.