Späterer Anruf
Lade sie nicht ein! Verstehst du? Unter keinem Vorwand!
Aber das ist dein Geburtstag. Fünfunddreißig ein bedeutendes Datum.
Mir egal. Ich will sie nicht sehen.
Klaus, reicht das noch? Zehn Jahre sind vergangen.
Und noch zehn werden kommen. Und zwanzig. Für mich sind sie schon Vergangenheit.
Liselotte setzte sich neben ihn, nahm seine Hand heiß, angespannt. Immer wenn es um die Eltern ging, wurde ihr Herz schwer.
Jürgen hat angerufen. Er wollte wissen, ob er kommen darf.
Lukas ja. Einer. Ohne die Anderen.
Er sagte, die Mutter weint. Sie will dich sehen.
Lass sie weinen. Wo war sie, als ich aus dem Haus geworfen wurde? Als ich nachts von Freund zu Freund zog?
Die Geschichte kannte Liselotte auswendig. Das zweite Semester, eine harte Prüfungsphase, die Drohung, das Studium zu verlieren. Ihr Vater war ein pensionierter Oberst, ein Mann mit harten Prinzipien. Schänd die Familie verschwinde. Und Klaus war fort. Ins Nirgendwo
Du hast dich durchgerungen. Hast ein anderes Institut abgeschlossen, einen Job gefunden.
Allein! Ohne sie! Und Lukas hat später eine Wohnung gekauft, ein Auto. Einen Liebling!
Sei nicht böse auf deinen Bruder. Er ist nicht schuld.
Ich bin nicht wütend. Doch meine Eltern will ich an der Schwelle nicht mehr sehen.
Liselotte seufzte. Ein vergebliches Gespräch, wie immer.
Am Abend spülte sie das Geschirr und dachte an ihre Mutter, die sie drei Jahre vor ihrem letzten Atemzug nicht mehr gesehen hatte. Eine alte Wut über das ständige Zurechtweisen, die grundlosen Strafen, die Demütigungen. Sie war in eine andere Stadt gezogen, hatte die Telefonnummer gewechselt.
Dann rief die Tante an, dass die Mutter gestorben sei Lebererkrankung. Sie lag allein im Krankenzimmer.
Noch heute hörte Liselotte nachts die Stimme ihrer Mutter:
Liselotte, vergib mir. Und das Telefon war schon wieder aufgehängt.
Worüber nachdenkst du?Klaus umarmte sie von hinten.
An die Mutter.
Gräbst du dich erneut aus?
Kann nicht loslassen. Ich hätte kommen sollen, mich wenigstens verabschieden.
Sie hat dich betrogen, Liselotte! Dein Stipendium verspielt.
Aber sie war krank. Die Vorliebe für das Kräftige ist eine Krankheit.
Und? Ist das eine Entschuldigung?
Nein. Aber ich hätte ihr verzeihen können. Jetzt ist es zu spät.
Klaus drehte sie zu sich um.
Quäl dich nicht. Du hast getan, was du konntest. Du hast dich gerettet.
Doch meine Seele habe ich verloren.
Unsinn. Du hast die reinste Seele, die ich kenne.
Er küsste sie an der Schläfe, und Liselotte schmiegte sich an ihn. Er verstand nicht, wie man mit Schuld lebt.
Den Geburtstag wollten sie zu Hause feiern. Fünfzehn Gäste enge Freunde, Kollegen, Jürgen mit seiner Frau.
Am Morgen wirbelte Liselotte in der Küche. Salate, heiße Suppe, ein bestellter Kuchen. Klaus half, schnitt das Gemüse, deckte den Tisch.
Kommt Lukas wirklich allein?fragte er zwischen den Aufgaben.
Er hat versprochen.
Gut.
Um sieben Uhr begannen die Gäste zu kommen. Jürgen tauchte um halb acht auf, gefolgt von zwei Gestalten.
Der Vater grau, aufrecht wie ein Stock, im strengen Anzug. Die Mutter klein, in einem Kleid mit Blumen, eine Schachtel in den Händen.
Klaus erstarrte mit einer Flasche in der Hand.
Was soll das bedeuten?
Klaus, mein Sohndie Mutter trat vor.
Ich habe euch nicht eingeladen.
Wir sind von selbst gekommen, sagte der harte Vater. Wir haben das Recht!
Ihr habt kein Recht! Jürgen, was soll das?
Bruder, nicht streiten. Das sind doch meine Eltern!
Mir egal! Verschwinde!
Die Gäste erstarrten, einige mit Glas, andere mit Teller. Eine unbeholfene Stille legte sich.
Klaus, das ist nicht nötig, flüsterte Liselotte und berührte seine Hand.
Nein, es ist nötig!er brach aus. Zehn Jahre kennt ihr mich nicht! Ihr habt meine Hochzeit ignoriert! Den Enkel nicht anerkannt! Und jetzt taucht ihr auf?
Wir wollten nur gratulieren, reichte die Mutter die Schachtel. Zum Geburtstag.
Steckt eure Glückwünsche in die Tasche! Ich will nichts von euch!
Stanislaus, reicht die Tirade!, brüllte der Vater. Benimm dich wie ein Mann!
Wie habt ihr mich erzogen? Einen Sohn auszuschmeißen, der strauchelt?
Du hast die Familie entehrt!
Ich war Student! Ein einfacher Student, der die Prüfungen nicht bestand!
Wegen Feiern und Mädchen!
Und? Ist das Grund, den Sohn vor die Tür zu setzen?
Die Mutter weinte, der Vater wurde rot.
Wir wollten dir eine Lektion erteilen!
Ihr habt mein Leben zerstört! Ohne Liselotte, ohne Freunde, wo wäre ich jetzt?
Übertreib nicht! Ich habe überlebt!
Ohne euch habe ich überlebt! Und ich werde weiterleben!
Jürgen versuchte, sich einzumischen.
Beruhigt euch. Die Gäste
Lass sie gehen!, drehte Klaus zur Tür. Fort! Beide!
Der Vater richtete sich noch aufrechter.
Nun, ich weiß, ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Alles, was wir besitzen, geht an Jürgen. Bis zum letzten Cent! Und du nichts. Eine leere Stelle!
Mir egal, was ihr habt!
Wir werden sehen, wie du singst, wenn wir nicht mehr sind.
Zur Hölle mit euch!
Die Eltern gingen. Die Mutter schluchzte, der Vater stapfte mit schweren Schritten davon. Jürgen folgte ihnen, rief etwas nach, versuchte zu überreden.
Im Raum lag eine bedrückende Stille.
Entschuldigung, sagte Klaus zu den Gästen. Familiäre Auseinandersetzungen.
Schon gut, das passiert, versuchte jemand, die Stimmung zu lockern.
Doch die Feier war ruiniert. Die Gäste zerstreuten sich schnell. Nur Jürgen blieb, blass und bedrückt.
Warum hast du sie doch mitgebracht?, fragte Klaus müde.
Dachte, ihr versöhnt euch. Meine Mutter hat es so gewünscht.
Sie kann fragen, so oft sie will. Mir egal.
Bruder, das ist nicht richtig. Sie sind alt.
Und? Das Alter ist ein Vorwand?
Der Vater sprach ernst vom Testament. Er wird dir nichts hinterlassen.
Gott sei Dank. Ich brauche ihre Almosen nicht.
Jürgen ging. Liselotte räumte schweigend den Tisch ab. Klaus setzte sich auf das Sofa, legte das Gesicht in die Hände.
Hab ich das Richtige getan?
Weiß ich nicht. Aber ich verstehe dich.
Sie haben sich nicht einmal entschuldigt. Sie kamen, als wäre nichts gewesen.
Stolz lässt das nicht zu.
Und mein Stolz? Hätte man mich zerquetschen können?
Liselotte setzte sich neben ihn, umarmte ihn.
Nicht. Aber manchmal manchmal ist Verzeihen besser, solange es noch nicht zu spät ist.
Wie geht es deiner Mutter?
Es ist
Das ist etwas anderes, Liselotte. Deine Mutter war krank. Meine Eltern waren einfach grausam.
Vielleicht. Vielleicht können Menschen einfach nicht anders lieben.
Drei Jahre vergingen. An einem gewöhnlichen Morgen stand Klaus bereit zur Arbeit, als das Telefon klingelte Jürgen.
Bruder, mein Vater liegt im Krankenhaus. Schlaganfall.
Etwas in ihm brach.
Ernsthaft?
Die Ärzte sagen vielleicht wird er nicht mehr.
Verstanden.
Kommst du?
Weiß nicht.
Klaus, er ist dein Vater. Was auch immer passiert.
Er legte auf. Liselotte sah fragend zu ihm.
Dein Vater ist am Ende.
Fahr.
Warum? Er will mich nicht sehen.
Und du? Willst du, dass er einfach verschwindet?
Klaus schwieg. Erinnerte sich an Kindheitstage: Vater, der ihm das Fahrradfahren beibrachte, Angeln am See, der erste Schultag mit dem schweren Ranzen und der festen Hand des Vaters.
Als war der Vater vom Beschützer zum Tyrann geworden?
Fahr, wiederholte Liselotte. Später wird es zu spät sein.
Im Krankenhaus roch es nach Medikamenten. Die Mutter saß im Flur klein, grau, verloren. Sie erblickte Klaus und sprang auf.
Klaus! Du bist da!
Sie umarmte ihn, er stand wie ein Pfahl, sprachlos.
Wie geht es dem Vater?
Schlecht. Die Ärzte geben kaum Hoffnung.
Darf ich zu ihm?
Er ist bewusstlos, aber man sagt, er hört.
Das Zimmer: Vater im Bett, Schläuche, Tropf, Monitore. Nicht mehr der strenge Oberst, sondern ein schwacher Greis.
Klaus setzte sich daneben, drückte eine trockene Hand leicht wie ein Vogel.
Vater, ich bin’s. Klaus.
Stille. Nur das Piepen der Geräte.
Ich ich muss sagen. Ich war wütend auf dich. Lange zürnte ich. Weil du mich rausgeworfen hast. Wegen deiner Gleichgültigkeit. Wegen deiner Liebe zu Lukas, nicht zu mir.
Die Hand des Vaters zuckte leicht.
Aber weißt du was? Ich vergebe dir. Hörst du? Ich vergebe dir alles.
Die Augen des Vaters öffneten sich, trüb, doch er erkannte.
Vater?
Seine Lippen zitterten. Klaus beugte sich.
…Entschuldige
Ein Wort, kaum hörbar, doch Klaus vernahm es.
Ich habe vergeben, Vater. Alles ist gut.
Der Vater schloss erneut die Augen, nun mit friedlichem Ausdruck.
Klaus blieb sitzen, hielt seine Hand, erzählte von der Arbeit, von der Familie, vom Enkel, den der Greis nie gesehen hatte.
In der Nacht verstarb der Vater leise, im Schlaf. Die Mutter sagte, er habe auf die Entschuldigung gewartet.
Nach der Beerdigung saßen Klaus und Liselotte zu Hause, tranken Tee, schweigend.
Wie geht es dir? fragte sie.
Seltsam. Ich dachte, ich würde mich befreien. Aber innerlich leer.
Du hast richtig gehandelt, wegzufahren.
Weißt du, er hat gesagt verzeih das erste Mal in meinem Leben.
Stolz zerbrach vor einer anderen Welt.
Ja, meiner ebenso.
Liselotte richtete den Kopf.
Liselotte, vergib dir selbst. Für die Mutter. Sie hätte nicht gewollt, dass du dich quälst.
Woher weißt du das?
Weil Eltern ihre Kinder lieben auch wenn es krumm, schmerzhaft und fehlgeleitet ist. Und sie vergeben alles.
Liselotte weinte. Klaus umarmte sie, zog sie fest an sich.
Wir sind beide töricht. Wir hielten an Groll fest, nagten uns selbst. Wir hätten einfach einfach vergeben sollen.
Jetzt wissen wir es.
Jetzt ist es zu spät für sie.
Für uns aber noch.
Draußen lag der erste Schnee des Jahres rein, weiß wie Vergebung, wie ein neues Blatt.
Klaus dachte an den Vater, wie sie früher hätten versöhnen können, wie viel Zeit durch Zorn verloren ging. Doch er hatte es noch geschafft, ein Wort zu sagen, ein Hören. Und das war genug.
Möge Weisheit uns lehren zu vergeben, denn Eltern sind nicht ewig, und wir wählen sie nicht.




