Murzik ist verschwunden!

Murrchen ist weg
Natalie, bist du zu Hause? Jörg stürzte in die Wohnung und erstarrte, als er seine Frau im Flur sah. Sie hockte knochengestreckt, die Tränen liefen ihr das Gesicht hinunter. Ich verstehe kaum, was passiert ist. Du hast so laut geschrien, dass ich kein Wort mehr vernahm. Und dann hat das Handy als wärs ein Fluch den Akku verloren. Was ist geschehen, Natalie? Du siehst ganz aus der Fassung.

Murrchen ist verschwunden, hauchte Natalie kaum hörbar. Er ist nicht mehr zu Hause.

Wie kann das sein? Wo kann er nur hin sein? Hast du eine Erklärung? Vielleicht hat er sich irgendwo in der Wohnung versteckt?

Nein. Sie schluckte. Deine Schwester Heike Sie sagte, Murrchen sei aus dem Treppenhaus gerannt, als sie mit Michael spazieren gehen wollte. Aber du weißt doch, Jörg, unser Murrchen Er würde das Haus nicht allein verlassen. Warum sollte er in die Kälte, wo er fast erstickt wäre? Ich glaube, Heike hat ihn absichtlich hinausgelassen

Was?! Jörgs Hände ballten sich zu Fäusten. Wo ist sie jetzt? Wo ist Heike?

Sie sie war wohl im Supermarkt. Ich weiß es nicht. Ich habe die ganze Zeit nach Murrchen gesucht, aber er ist nirgends zu sehen. Niemand hat ihn in der Nähe gesehen. Wie kann das sein, Jörg? Kann ein Mensch zu so einer Niedertracht fähig sein, ein wehrloses Tier mitten im Winter hinauszuwerfen?

Der Mensch nein. Heike ja. Jörg spürte, wie sein Zorn wuchs. Sie hat das schon einmal getan. Heute wird sie nicht mehr in unserer Wohnung bleiben. Was haben wir uns nur nur dabei gedacht, sie überhaupt hereinzulassen?

Ein Monat zuvor

Jörg ging zur UBahnhaltestelle, als er plötzlich etwas Graues unter einer Schneeschicht bemerkte. Zuerst dachte er, es sei ein Stein, doch der Stein vibrierte wie ein alter Kühlschrank im Keller. Ein seltener Anblick kein Stein zittert bei Kälte. Neugierig ging er vom Bürgersteig weg und trat näher. Dort lag kein Stein, sondern ein kleines, graues Kätzchen, das zitternd im Schnee lag.

Na, das ist ja, murmelte Jörg und rieb sich das Kinn. Was machst du hier, du Kleines?

Es war keine Frage, sondern ein Aufschrei des Schicksals. Das Kätzchen hatte keinen Miezlaut von sich gegeben, kein Hilferuf, nur ein leises Zittern. Es hatte sich bereits damit abgefunden, dass niemand sich um es kümmerte, und suchte nur nach Wärme.

Vorsichtig hob Jörg das Friede­gleiche Geschöpf, klopfte den Schnee aus seinem Fell, steckte es in seine Jacke und rannte, die Hände fest um die Jacke geklammert, zur haltenden Tram. Auf dem Heimweg dachte er daran, dass Natalie schon lange ein solches Kätzchen wollte grau, getupft, aber nie die Zeit gefunden hatten, ins Tierheim zu gehen. Das Schicksal hatte ihm das Kätzchen ans Fuß gestülpt. Wer das Schicksal schenkt, muss es annehmen.

Natalie, ich habe eine Überraschung für dich, rief Jörg glücklich, als er die Wohnung betrat.

Ach du meine Güte, du verwöhnst mich ja ständig, lachte Natalie, während sie in den Flur trat. Einmal Goldohrringe, dann ein neues Handy, dann Kinokarten Was solls heute sein? Ein WellnessWochenende?

Noch besser!, strahlte Jörg, öffnete den Reißverschluss seiner Jacke und zog das Kätzchen hervor. Hier, ich habe es draußen gefunden. Du wolltest doch immer so ein graues, getupftes Kätzchen, oder?

Natalie schnappte nach Luft. Er ist ja total durchgefroren, armer Kerl! Leg ihn sofort hierher, ich wärme ihn. Und du ziehst dich aus, wäschst deine Hände und gehst in die Küche das Abendessen steht schon.

Sie streichelte das zitternde Tier und flüsterte: Wie schön du bist

So fanden Jörg und Natalie Murrchen. Sie überlegten lange, welchen Namen sie ihm geben sollten, probierten viele Varianten, bis sie sich auf den klassischen Murrchen einigten.

Ich glaube, Murrchen passt besser als ein Tom oder ein Lukas, sagte Jörg. Da bin ich ganz bei dir, Liebling.

Der Vorfall ereignete sich Ende November, als der erste Schnee fiel. Das Kätzchen hatte noch nicht die harten Winterbedingungen der Straße kennengelernt Gott sei dank. Und das war ein Segen, denn für manche ist ein solcher Winter der letzte große Test.

Innerhalb von zwei Wochen, seit Murrchen bei ihnen eingezogen war, hatten sich Natalie und Jörg unsterblich an ihn geknüpft. Eigentlich schon am ersten Tag, doch mit jedem weiteren Tag wuchs die Zuneigung noch stärker. Auch Murrchen schien die beiden zu mögen er fühlte sich sicher und geliebt. Wenn er aus Versehen etwas vom Tisch oder vom Schrank fallen ließ, wurde er nicht geschimpft, sondern nur um Vorsicht gebeten.

Versprochen!, schnurrte Murrchen, während er zehnmal hintereinander vom Nachttisch sprang und dabei die Fernbedienung vom Regal schob.

Alles schien gut, bis plötzlich ein Klopfen an der Tür zu hören war.

Wer könnte an einem Sonntagmorgen hier sein?, murmelte Jörg, während er den Zeiger der Wanduhr auf 06:30 zog. Noch war es dunkel draußen.

Vielleicht Nachbarn?, fragte Natalie. Haben sie ein Problem?

Ich schaue nach, antwortete Jörg und öffnete die Tür.

Dort stand Heike, nicht allein, sondern mit ihrem fünfjährigen Sohn Max, der einen kleinen Rucksack trug.

Hallo, Bruderchen, lächelte Heike. Wir sind zu Besuch. Du hast doch nichts dagegen, oder?

Jörg blickte überrascht, doch ließ sie hinein. Das Gepäck wirkte fehl am Platz selten kommt jemand mit Koffern zu Besuch.

Was ist los?, fragte er vorsichtig.

Heike seufzte. Mein Mann hat mich rausgeworfen. Er hat eine andere Frau gefunden. Ich habe nirgendwo ein Dach über dem Kopf. Wenn ihr ein bisschen Platz habt, bleibe ich hier, bis ich etwas finde. Und dann feiern wir zusammen Neujahr. Wir haben uns seit vier Jahren kaum gesehen das ist doch keine Schande, oder?

Wir wissen beide, warum wir uns nicht mehr sehen, erwiderte Jörg. Auf Lügen lässt sich keine gesunde Beziehung aufbauen.

Heike zuckte die Schultern. Ach, das ist doch Schnee von gestern. Wer sich ständig an alte Fehler erinnert, lebt im Gestern. Ich habe mich geirrt, das kann jeder. Wir alle machen Fehler.

Jörg wollte etwas erwidern, hielt sich aber zurück ein Morgen voller Streit war nicht das, was er wollte. Außerdem würde Natalie das sicher nicht gutheißen, wenn er Heike, die von ihrem Mann rausgeworfen wurde, weiter anprangern würde.

Doch Heike hatte ein Motiv: Vor fünf Jahren war ihr Vater Jörgs und Heikes Vater gestorben. Das Erbe einer geräumigen Dreizimmerwohnung in Berlin sollte eigentlich beiden gehören. Heike, schwanger und ohne festen Partner, drängte Jörg, seine Hälfte abzugeben. Die Mutter, einst die Stimme der Vernunft, überredete Jörg, weil das Kind doch ein Zuhause brauchte. Jörg, damals noch in einem Studentenwohnheim, stimmte zu und dachte, er könne später selbst eine Wohnung finanzieren.

Doch nach der Geburt des Sohnes verkaufte Heike die Wohnung und zog zu einem neuen Freund, der Geld für sein Geschäft brauchte. Sie rechtfertigte es damit, dass das ihr Eigentum sei. Jörg protestierte, weil er dachte, sie solle zumindest die Hälfte des Erlöses teilen. Das Geld war jedoch nie sichtbar alles ging angeblich in das Unternehmen.

Zehn Jahre später, als Jörg als Kind ein Kätzchen von der Straße gerettet hatte und es später verschwand, ahnte er nicht, dass Heike dahinterstecken könnte. Jetzt, da das neue Kätzchen wieder da war, keimte der Verdacht wieder auf.

Sag mir, wo hast du das Kätzchen hingebracht!, schrie Jörg. Heike blieb stumm, doch ihre Augen verrieten die Lüge. Das erste Kätzchen hatte ihr seit dem ersten Tag Sorgen bereitet. Dann brachte Jörg ein zweites, das ebenfalls verschwand. Zufall? Unwahrscheinlich.

Natalies Mutter verdrehte nur die Schultern, Heike zuckte mit den Schultern und leugnete jegliche Beteiligung. Seitdem brachte Jörg keine Tiere mehr nach Hause.

Die Spannung zwischen den Geschwistern wuchs, bis Heike eines Morgens mit Max und Koffern vor der Tür stand.

Wohin soll das Kind denn gehen?, seufzte Natalie schwer. Lass es doch hier wohnen, bis es eine Wohnung findet. Nicht auf die Straße mit dem Kind. Und das Neujahr ist bald vielleicht könnt ihr euch ja endlich versöhnen.

In Ordnung, winkte Jörg abweisend. Wenn du einverstanden bist, darfst du bleiben. Doch er spürte intuitiv, dass nichts Gutes daraus entstehen würde.

Am nächsten Tag beschwerte sich Heike über Murrchen. Er störe ihren Schlaf, laufe durch die Wohnung, liege auf ihrer Couch, sehe sie komisch an. Ihr Sohn Max bekam eine Erkältung.

Das ist sicher eine Allergie gegen eure Katze, sagte Heike. Früher war mein Kater ein süßer Kerl völlig unproblematisch.

Nicht unbedingt, widersprach Jörg. Vielleicht hat er sich nur erkältet, weil ihr mit ihm draußen spazieren geht. Wenn es eine Allergie ist, was soll ich tun? Murrchen ist Teil unserer Familie.

Du bist ein Narr, lachte Heike. Familienmitglied Ich dachte, deine Kindheit sei längst vorbei. Wie kannst du immer noch Tiere aus der Straße holen und nach Hause bringen? Wie hält deine Frau das aus?

Natalie liebt Tiere genauso wie ich, sagte Jörg. Du scheinst sie zu hassen. Was haben sie dir getan?

Sie stören unser normales Leben. Ich schlafe schlecht wegen Murrchen. Und mein Sohn kann nachts nicht schlafen. Das ist Stress! Wenn du eigene Kinder hättest, würdest du das verstehen, fuhr Heike fort.

Jörg schwieg. Das Thema Kinder war für ihn ein empfindlicher Punkt. Seit Jahren versuchten er und Natalie vergeblich, ein Kind zu bekommen; die Ärzte konnten nichts Konkretes sagen. Heike kannte das nur zu gut.

Ich schlage vor, wir geben die Katze ins Tierheim, sagte Heike. Mischas Sohn ist mein Neffe, ich bin deine Schwester wir brauchen keine Konflikte um Murrchen. Eine Katze ist nur ein Tier, wir sind die wahre Familie.

Welches Tierheim?, platzte Jörg. Murrchen lebt hier, nicht bei dir! Wenn dir etwas nicht gefällt, musst du dich hier nicht aufhängen. Ich habe dich nicht eingeladen. Such dir eine Wohnung, zieh aus.

Gib dein Kind ins Tierheim, wenn du so schlau bist, dachte Jörg, doch er sagte nichts laut.

Heike beruhigte sich kurz, doch ließ die Feindseligkeit weiter schweben. Während Jörg und Natalie nicht zu Hause waren, schob Heike Murrchen vom Sofa in die hinterste Ecke, damit er nicht mehr gesehen wurde. Der kleine Kater ertrug das lange Schweigen, dann begann er zu rächen: Er ließ Heikes Handy vom Nachttisch fallen, zerrte an ihrer Lieblingsjacke.

Du zerstörst meine Sachen!, schrie Heike. Warum hast du überhaupt ein Tier, wenn ihr es nicht erziehen könnt?

Heike hielt sich zurück, doch sie schnappte Murrchen am Schwanz und nahm ihm sein Lieblingsspielzeug weg, versteckte es im Koffer.

Hör zu!, befahl Jörg laut. Du wohnst in meiner Wohnung. Wenn du hier bleiben willst, lass den Kater in Ruhe!

Heike murmelte: Okay, okay, keine Aufregung

Am Vorabend des Neujahrs rief Natalie, schluchzend, immer noch nicht ganz klar, was geschehen war. Jörg verließ die Arbeit früher und fuhr nach Hause.

Natalie, bist du zu Hause? Jörg stürmte in die Wohnung, erstarrte, als er seine Frau im Flur sah, zusammengekauert, schluchzend. Ich verstehe nichts. Du hast so geweint, dass ich kein Wort mehr hören konnte. Dann hat das Handy, wie verflucht, den Strom verloren. Was ist passiert, Natalie? Du bist nicht du selbst.

Murrchen ist weg, flüsterte sie kaum hörbar. Er ist nicht mehr zu Hause.

Wie kann das sein? Wo ist er hin? Vielleicht hat er sich irgendwo versteckt?

Nein. Deine Schwester Heike sagte, er sei aus dem Treppenhaus gerannt, als sie mit Michael spazieren gehen wollte. Aber du weißt doch, Jörg, unser Murrchen Er würde das Haus nicht allein verlassen. Warum sollte er zur Straße, wo er fast gestorben wäre? Ich glaube, sie hat ihn absichtlich hinausgelassen

Was?! Wo ist sie? Wo ist Heike?

Sie ist wohl im Supermarkt Ich weiß es nicht. Ich habe die ganze Zeit nach Murrchen gesucht, doch nirgends ein Anzeichen. Und niemand hat ihn gesehen. Wie kann das sein, Jörg? Kann ein Mensch so böse sein, ein hilfloses Tier mitten im Winter rauszuwerfen?

Der Mensch nein. Heike ja. Jörgs Blick verengte sich. Sie hat das schon einmal getan. Heute wird sie nicht mehr in unserer Wohnung sein. Ich werde Murrchen finden.

In der dämmernden Nacht, als Heike mit Max und dem Koffer zurückkam, verfolgte Jörg sie mit einem wütenden Blick, als würde er sie geradezu foltern.

Warum hast du das getan? Warum hast du den Kater nach draußen geschickt? Du weißt, dass er fast gestorben wäre!

Heike zuckte die Schultern. Ich habe nur die Tür geöffnet und er lief raus. Ich habe nicht nach ihm gejagt. Mein Kind kommt zuerst, nicht dieser Kater.

Jörg sah ihr in die Augen und erkannte die Lüge. Heike lachte nur höhnisch. Natalie hatte Recht Heike hatte das Tier absichtlich hinausgelassen, vielleicht sogar weiter fortgebracht.

Morgen ist Neujahr, ich habe Sekt gekauft. Lass uns nicht um sowas streiten, versuchte Heike zu schlichten.

Dann pack dein Gepäck, sagte Jörg. Hörst du? Pack deine Sachen, sonst werfe ich sie aus dem Fenster. Und geh!

Er brachte Heike und Max zum Bahnhof, gab ihnen ein paar Euro für das Ticket etwa 15, und sagte: Fahr zu deinem Mann, zu deiner Mutter, wo immer du willst. Aber ich will dich nie wieder sehen.

Am selben Tag rief die Mutter Jörg an und beschuldigte ihn, kaltherzig zu sein: Heike hat dich wie einen Bruder behandelt, und du hast sie rausgeschmissen, sogar mit Kind. Wie kannst du das zulassen?

31.Dezember, am festlich gedeckten Tisch, schwebte ein unruhiger Schleier über Jörg und Natalie. Nur zehn Minuten bis Mitternacht, und die Sektflaschen standen noch ungeöffnet. Wie sollte man feiern, wenn das geliebte Haustier verschwunden war?

Jörg, hörst du das?, fragte Natalie plötzlich ängstlich. Jemand klopft an der Tür.

Heike wieder?, murmelte Jörg, stand auf.

Doch als er die Tür öffnete, stand dort kein Mensch sondern Murrchen. Das ganze Fell zitterte vor Kälte, doch er hatte die Nacht überlebt und den Weg nach Hause gefunden.

Natalie! Er ist zurück!, schrie Jörg, hob den zitternden Kater hoch.

Sie wärmten Murrchen schnell, fütterten ihn, und Natalie drückte ihn fest an ihr Herz, ließ ihn keine Sekunde los.

Jörg, nur noch eine Minute bis Mitternacht, flüsterte sie. Willst du den Sekt öffnen?

NatürlichAls das Mitternachtsfeuerwerk über dem Himmel erstrahlte, fühlten sie, dass ihr Zuhause nun endlich vollständig und glücklich war.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: