Meine Tochter verkündete mir, dass ich bis morgen aus meiner Wohnung ausziehen müsse.
Der Wasserkocher pfiff leise auf dem Herd, während Lena die Teebeutel sortierte Kamille, Minze, Schwarztee mit Bergamotte Viktoria hatte sie von ihrer letzten Dienstreise nach Berlin mitgebracht. Lena lächelte, als sie daran dachte, wie ihre Tochter ihr vor fünf Jahren feierlich diese Wohnung geschenkt hatte.
Jetzt, Mama, hast du dein eigenes Heim, sagte Viktoria damals und reichte ihr die Schlüssel. Keine gemieteten Zimmer mehr.
Die alte Küche war längst ihr Lieblingsort geworden. Dort atmete alles Gemütlichkeit: ein abgenutztes Tuch auf dem Tisch, Geranien in den FenstersimsTöpfen, sogar ein Riss im Fliesenboden wirkte vertraut. Gerade wollte Lena sich einen Tee einschenken, da klopfte es an der Tür.
Im Türrahmen stand Viktoria in einem strengen BusinessAnzug, mit perfektem Haarschnitt und einem eiskalten Blick.
Mama, wir müssen reden.
Lena wich beiseite, ließ die Tochter passieren. Etwas in Viktorias Stimme ließ ihr Herz zusammenziehen.
Komm rein, Liebste. Ich habe gerade deinen LieblingsTee aufgebrüht, den du mitgebracht hast.
Nein, danke, blieb Viktoria mitten in der Küche stehen. Ich bin nur kurz. Mama, du musst die Wohnung räumen. Bis morgen.
Lena erstarrte, den Wasserkocher noch in der Hand. Es schien, als hätte sie das nicht gehört.
Wie bitte?
Die Wohnung muss bis morgen frei sein. Ich kann das nicht länger hinziehen.
Heißer Tee spritzte auf ihre Hand, doch Lena spürte keinen Schmerz.
Viktoria, ich verstehe nicht Das ist mein Zuhause. Du
Es ist nur eine Wohnung, Mama, sagte Viktoria, zog ihr Handy hervor und prüfte hastig etwas auf dem Bildschirm. Du hast hier gelebt, aber ich kann dich nicht länger halten.
Halten?, lachte Lena nervös. Liebling, ich zahle die Nebenkosten, putze
Mama, lass das, runzelte Viktoria. Entscheidung ist getroffen. Die Schlüssel bleiben auf dem Tisch.
Sie drehte sich zum Ausgang, doch Lena ergriff ihre Hand.
Warte! Erklär wenigstens, warum? Was ist passiert?
Nichts, nur das Geschäft, Mama. Man kann die Wohnung besser vermieten.
Die Tür schlug zu, und Lena blieb allein zurück. Ein leises Klingeln erfüllte ihre Ohren. Sie ließ sich langsam auf den Hocker sinken, blickte auf die Teepfütze, in deren Spiegelung die Abendsonne tanzte.
Wie im Schlaf schwebte sie ins nächste Zimmer. An der Wand hingen Fotos: hier Viktoria in ihrem Abschlussgewand, strahlend in weißem Kleid; dort am Meer, wie die Tochter eine Sandburg baute, während Lena lachte und sie vor den Wellen schützte. Dann hatte sie gerade das Ferienhaus verkauft, um Viktorias Studium zu finanzieren. Opfern? Nein, einfach Liebe.
Kindchen, flüsterte Lena, den Finger über das Bild streichend. Wie konnte das geschehen?
Der Abend verwandelte sich langsam in die Nacht. Lena verstaute mechanisch ihre Sachen in den alten Koffer, blieb immer wieder stehen, um vertraute Details der Wohnung zu betrachten: abblätternde Farbe in der Ecke, das warme Licht der Lieblingslampe, den Schatten der Geranie an der Wand. Jede Kleinigkeit wurde plötzlich unermesslich kostbar.
Tief in ihr keimte die Hoffnung, dass am Morgen das Telefon klingeln und Viktoria sagen würde, es sei ein Missverständnis. Ein dummer Scherz. Doch das Gerät blieb stumm, während die Zeiger der Uhr unerbittlich die letzten Stunden ihres Heims herunterzählten.
Die erste Nacht war drückend. Lena saß auf einer Parkbank, drückte den abgewetzten Koffer an sich und starrte in die Sterne. Dort, in warmen Wohnungen, schliefen Menschen in ihren Betten, und sie dachte: Gott, wie konnte es soweit kommen?
Die Schlüssel hatte sie sauber mit einer Serviette vom Tisch genommen, damit sie glänzten. Vielleicht würde Viktoria das bemerken und sich an Mamas Genauigkeit erinnern.
Ein rauer Männerstimme dröhnte neben ihr. Ein bärtiger Mann in einer abgewetzten Jacke setzte sich am anderen Ende der Bank. Guten Abend, krächzte er. Keine Angst, ich setze mich nur. Nächtigst du auch?
Lena zog den Koffer noch näher.
Nein, ich gehe nur spazieren.
Der Mann schnaufte: Um drei Uhr nachts mit einem Koffer?
Ja, stell dir vor, versuchte Lena zu lächeln, doch ihre Lippen zitterten. Ich liebe nächtliche Spaziergänge.
Er zog ein glänzendes Apfel aus der Tasche und reichte es ihr. Möchtest du? Frisch, gerade im Brunnen gewaschen.
Lena schüttelte den Kopf, doch ihr Magen knurrte. Sie hatte seit dem Morgen nichts gegessen.
Übrigens, ich heiße Semen, biss er in den Apfel. Seit drei Monaten auf der Straße, meine Frau hat mich rausgeworfen. Und du?
Tochter, murmelte Lena überrascht über ihre eigene Offenheit.
Hm, schüttelte Semen den Kopf. Kinder haben jetzt andere Wege. Mein Sohn lebt in Amerika, seit zwei Jahren warte ich auf Anruf.
Bis zum Morgengrauen kühlte es. Lena döste, gelehnt an die Rückenlehne der Bank. Semen war längst verschwunden, ließ ihr ein zweites Apfel und die Adresse eines Notheims zurück. Dort ist es warm, sagte er, und ab und zu gibt es etwas zu essen.
Als die Sonne aufging, stand sie auf, streckte ihre verkrüppelten Beine. Wohin? Das Notheim war nicht das, was sie sich vorgestellt hatte. Vielleicht Gisela? Die Nachbarin war immer freundlich und kam gelegentlich zum Tee.
Der Ruf nach der bekannten Tür im fünften Stock fiel ihr schwer. Lena hob mehrmals die Hand, bevor sie es wagte.
Leni? Gisela erschien im bunten Hausmantel. Gott, was ist passiert? Du hast kein Gesicht mehr!
Gisela, ihre Stimme zitterte. Kann ich bei dir ein paar Tage bleiben?
In Gisas kleiner Küche lag der Duft von Puderzucker. Sie buk morgens Brötchen, um sich selbst zu verwöhnen.
Ach ja, nickte Gisela, lauschte der wirren Geschichte. Ich habe immer gesagt, du hast dich verwöhnt. Erinnerst du dich, wie sie dir zum Geburtstag ein Lied gesungen hat? Und du hast immer Kindchen, Kindchen gesagt
Bitte, Gisela
Du musst, Leni!, riss Gisela die Tasse vom Tisch. Wie lange kannst du dich noch belügen? Du warst immer so. Erinnerst du dich, wie du ihr bei der Hochzeit das ganze Erspartes geschenkt hast? Und sie hat nie Danke gesagt!
Lena sah aus dem Fenster, wo die Stadt langsam erwachte. Menschen eilten zur Arbeit, hatten ein Heim, Familie, Zuversicht für den nächsten Tag.
Du wirst aufstehen, Leni, legte Gisela ihr eine Hand auf die Schulter. Du schaffst das immer.
Drei Tage vergingen wie im Flug. Lena half, kochte, putzte, reparierte sogar den kaputten Wasserhahn von Gisela. Doch mit jedem Tag drückte das Gewicht stärker.
Vladimir!, rief sie plötzlich, blätterte in einem alten Notizbuch. Der langjährige Freund der Familie, einst mit ihrem Mann zusammengearbeitet, hatte vor Jahren Hilfe angeboten
Die Nummer anzurufen war beängstigend. Was, wenn er nicht zurückruft? Oder schlimmer, er sagt ab?
Hallo, Vlad? Hier ist Leni Ja, Leni Petri
Eine Stunde später saß sie in seinem Büro einem kleinen, papierüberhäuften Raum im städtischen Sozialzentrum, wo Vladimir als Leiter tätig war.
Also, deine Tochter hat dich rausgeworfen?, trommelte er mit dem Bleistift auf den Tisch. Mmh Wir haben gerade eine Köchin für die Mensa frei. Nur vorübergehend, aber du hast Erfahrung?
Ich habe mein ganzes Leben, stammelte Lena. Aber wo soll ich wohnen?
Hier kannst du wohnen, lächelte Vladimir. Ein kleines Dienstzimmer, klein, aber dein eigenes. Du bist stärker, als du denkst, Leni. Du schaffst das.
Am Abend trat sie das erste Mal als Angestellte über die Schwelle des Heims. Der Geruch von Borschtsch vermischte sich mit Chlor. In der Mensa dröhnte das Stimmengewirr ein pensionierter Intellektueller in abgenutztem Sakko erzählte begeistert einer jungen Mutter mit Kind etwas. Semen, wie ein Zufall, half beim Decken der Tische.
Olga Sergejewna!, rief eine mittelalte Frau. Ich bin Tamara, ich führe dich ein. Keine Sorge, wir alle haben hier etwas durchgemacht
Im kleinen Dienstzimmer war es überraschend sauber und heimelig. Lena setzte sich aufs Bett, nahm das Handy. Der Finger zitterte über Viktorias Nummer Nein. Nicht jetzt.
Nun, sagte sie zu ihrem Spiegel im Fenster, das Leben geht weiter?
Drei Monate zogen wie ein Tag vorbei. Lena fand Gefallen an der Arbeit das Kochen für große Veranstaltungen war sogar lustiger als für zwei Personen. Die permanente Beschäftigung ließ wenig Raum für bittere Gedanken.
Olga Sergejewna, kam Tamara in die Küche, eine neue Kollegin ist da, ein junges Mädchen. Möchtest du ihr Tee machen?
Gleich, einen Moment, wischte Lena die Hände und holte ein verstecktes Kekspaket vom obersten Regal.
Ein schlankes Mädchen um die zwanzig saß im Speisesaal, zupfte nervös an ihrem zu großen Pullover.
Möchtest du Tee?, stellte Lena die Tasse hin. Mit Bergamotte, aus Berlin.
Das Mädchen hob tränenreiche Augen:
Danke. Und Sie sind Sie schon lange hier?
Drei Monate, setzte sich Lena daneben. Weißt du, ich dachte ebenfalls, das sei das Ende der Welt. Doch es war der Anfang von etwas Neuem.
Am Abend begann sie zu schreiben. Erst einfache Notizen in ein altes Heft, dann Verse. Unreif, naiv, aber so ehrlich, dass Tamara, der sie zeigte, zu Tränen gerührt war.
Schreiben Sie weiter, Olga Sergejewna, sagte sie. Ihre Seele singt.
Eines Abends nahm sie ein blankes Blatt und schrieb: Hallo, Viktoria. Der Brief wurde lang. Sie erzählte ihrer Tochter alles: die Nacht im Park, den Apfel vom Obdachlosen Semen, die Angst und die Einsamkeit. Und wie sie gelernt hatte, neu zu leben.
Du wirst immer meine Tochter sein, schrieb sie, aber ich werde nicht mehr nur für dich leben. Ich schreibe jetzt für mich. Erinnerst du dich, wie ich dir als Kind meine ersten Gedichte vorgelesen habe? Du lachtest und sagtest, ich sei wie ein moderner Heine. Jetzt schreibe ich für mich. Und lebe für mich. Vielleicht verstehst du eines Tages, dass das richtig ist.
Den Brief schickte sie nicht ab, doch das Gewicht von ihr fiel.
Olga Sergejewna!, rief Tamara, schwenkte ein Blatt Papier. Neuigkeiten! Erinnern Sie sich an Maria Stepanowa, die zu unseren Literaturabenden kommt? Sie vermietet ein Zimmer, günstig. Sie meint, Sie gefallen ihr Sie kochen gut und schreiben schöne Verse
Eine Woche später trug Olga ihre wenigen Habseligkeiten in das helle Zimmer im zweiten Stock des alten Gebäudes. Maria Stepanowa, eine schmale Frau mit klugen Augen, half beim Aufhängen der Vorhänge.
Wissen Sie, sagte sie, reichte Olga Nägel, ich habe Ähnliches erlebt. Mein Mann war nach dreißig Jahren Ehe rausgeworfen. Ich dachte, ich schaffe das nicht. Dann fing ich an zu malen. Können Sie sich das vorstellen?
Abends stand Olga am Fenster und sah den ersten Schnee fallen. Flauschige Flocken wirbelten im Licht der Laternen und hüllten die Stadt in ein weißes Tuch. Irgendwo, ganz woanders, schaute Viktoria vielleicht ebenfalls aus dem Fenster.
Auf dem Tisch lag das offene Heft. Ich hege keinen Groll, schrieb Olga. Und zum ersten Mal seit langem war das eine reine Wahrheit. Das Leben ging weiter und nun wusste sie genau, dass sie für sich selbst leben würde, nicht für jemanden sonst.





