Dienstag, 12. Oktober
Heute kam ich nach Hause und fand meine Frau, Klara Müller, in der Küche, wo sie bereits den Tisch für das Abendessen gedeckt hatte. Ich ergriff ihre Hand, bat sie, kurz Platz zu nehmen, denn ich musste ihr etwas Wichtiges sagen: Ich möchte die Scheidung einreichen. Sie hielt einen Moment inne, dann fragte sie nur nach dem Grund. Ich blieb sprachlos, und mein Schweigen löste bei ihr ein aufgewühltes Aufbäumen aus. Sie hörte nicht mehr zu, schrie wirr, verstummte wieder und fing dann erneut an zu schreien Am Ende weinte sie die ganze Nacht. Ich verstand ihre Verzweiflung, konnte ihr jedoch keinen Trost spenden meine Liebe zu ihr war erloschen, meine Zuneigung richtete sich nun auf Anna Weber.
Mit schwerem Gewissen reichte ich ihr ein Trennungsdokument zum Unterschreiben, in dem ich ihr die Wohnung in Berlin und unseren VW Golf überließ. Sie zerriss das Papier in Stücke, warf die Reste aus dem Fenster und brach erneut in Tränen aus. Ich fühlte nichts außer Schuldgefühlen. Die Frau, mit der ich ein Jahrzehnt meines Lebens geteilt hatte, war mir völlig fremd geworden.
Ich bedauerte die zehn Jahre des Zusammenlebens und sehnte mich danach, die Ketten zu sprengen und zu meiner wahren Liebe zu fliegen. Am nächsten Morgen lag ein Brief auf dem Nachttisch, in dem Klara bat, die Scheidung um einen Monat zu verschieben und während dieser Zeit die Fassade einer glücklichen Familie aufrechtzuerhalten unser Sohn Felix stand vor wichtigen Prüfungen. Außerdem erinnerte sie sich an den Tag unserer Hochzeit, als ich sie noch auf den Armen nach Hause trug, und bat mich, sie im kommenden Monat jeden Morgen erneut aus dem Schlafzimmer zu tragen.
Seit Anna in mein Leben trat, hatte Klara kaum noch physischen Kontakt zu mir: gemeinsames Frühstück, gemeinsames Abendessen, aber getrennte Betten. Als ich sie nach langer Zeit das erste Mal wieder auf den Armen trug, überkam mich ein seltsames Gemisch aus Schuld und Erleichterung. Unser Sohn klatschte begeistert, und Klara lächelte glücklich, während mir ein unerklärlicher Schmerz im Herzen steckte. Vom Schlafzimmer zur Küche waren es zehn Meter; während ich sie trug, schloss Klara die Augen und flüsterte kaum hörbar: Bitte sag Felix nichts von der Scheidung, bis die Frist abgelaufen ist.
Am zweiten Tag fiel mir die Rolle des verliebten Ehemanns leichter. Klara legte ihren Kopf auf meine Schulter, und ich bemerkte, wie lange ich nicht mehr in die einst geliebten Details ihres Gesichts geschaut hatte sie sah ganz anders aus als vor zehn Jahren. Am vierten Tag, als ich sie erneut hob, dachte ich daran, dass sie mir ein ganzes Jahrzehnt ihres Lebens geschenkt hatte. Am fünften Tag spürte ich das Zögern eines kleinen, schutzbedürftigen Wesens, das sich an meine Brust schmiegte. Mit jedem weiteren Tag wurde das Tragen leichter.
Eines Morgens erwischte ich sie beim Aussuchen ihrer Kleidung: ihr ganzer Kleiderschrank war ihr nun zu groß, ihr Körper war magerer geworden. Erst jetzt bemerkte ich, wie sehr sie abgenommen hatte. Dieses Gewicht ließ meine Last mit jedem Tag leichter werden ein plötzlicher Erkenntnisschlag traf mich wie ein Sonnenstrahl ins Herz. Instinktiv streichelte ich ihr Haar. Klara rief Felix, umarmte uns beide fest. Tränen stiegen in meine Kehle, doch ich wandte mich ab, weil ich meine Entscheidung nicht ändern wollte. Ich hob sie erneut hoch, trug sie aus dem Schlafzimmer, sie umschlang meinen Hals, und ich drückte sie an meine Brust, so wie am Tag unserer Hochzeit.
In den letzten Tagen der vereinbarten Frist herrschte Unruhe in mir. Etwas in mir hatte sich gewandelt, ein tiefes Umstürzen, das ich nicht benennen konnte. Ich ging zu Anna und sagte ihr, dass ich die Scheidung nicht einreichen würde. Auf dem Heimweg dachte ich darüber nach, dass der Alltag und die Monotonie einer Ehe nicht daraus entstehen, dass die Liebe erloschen ist, sondern weil die Menschen die Bedeutung des Anderen aus den Augen verlieren.
Ich bog vom Weg ab, kaufte einen Blumenstrauß und fügte eine Karte hinzu: Ich werde dich bis zum letzten Tag meines Lebens auf den Armen tragen. Mit klopfendem Herzen trat ich ein, durchsuchte die ganze Wohnung und fand Klara im Schlafzimmer sie lag leblos. Monate lang, während ich in den Wolken der neuen Liebe schwebte, kämpfte sie still gegen eine schwere Krankheit. In ihren letzten Kräften wollte sie unseren Sohn vor Stress bewahren und mein Bild als guter Vater und liebevoller Ehemann erhalten.
Ich habe gelernt, dass das wahre Gewicht einer Beziehung nicht in rechtlichen Papieren liegt, sondern in der stillen Verantwortung, die wir füreinander tragen solange wir noch die Kraft haben, den anderen auf den Armen zu halten.





