Freundschaft
Sie kannten sich, als wäre es ein Jahrhundert geworden. Und jetzt stand er vor ihm und bat um Hilfe.
Sebastian, ich versteh das alles, aber überleg mal: Du bist nicht mehr der Jüngste. Wo soll ich dich denn hinbringen? Du warst früher Chef, und jetzt soll ich dich als Staplerfahrer einschleusen? grinste Peter Peters, während er den grauen Herrn musterte.
Sebastian Müller nickte bedächtig.
Halte durch, Sebastian ich ruf dich an, wenn was Vernünftiges für dich zu tun ist. Kopf hoch, Kumpel! Wir kommen da durch! rief Peter beim Abschied.
Das war nicht die erste Absage in den letzten zwei Wochen. Sebastian hatte sich fast daran gewöhnt und lernte, die Gefühle im Zaum zu halten früher war er ja immer tief betroffen gewesen.
Wie man so schön sagt: Ein Freund erkennt man in der Not. Sebastian Müller hat sein ganzes Leben in leitenden Positionen gearbeitet. Er hatte viele Bekannte, doch wenn es hart auf hart kam, stand niemand an seiner Seite.
Wie üblich brachte der neue Chef seine Leute mit. Und Sebastian wurde höflich, aber bestimmt gebeten, ein Aufhebungsschreiben einzureichen. Die Rente war nicht mehr weit entfernt, jedoch schien das niemanden zu interessieren.
So stand er plötzlich ohne prestigeträchtigen Job und ohne Einkommen da
Doch er ließ den Kopf nicht hängen. In der Stadt kannte er viele Menschen, denen er schon oft beim Jobwechsel, beim Studium oder bei anderen Problemen geholfen hatte.
Kiril wird mir doch nicht den Rücken kehren! Ich habe ihm einst so richtig aus der Patsche geholfen, sagte Sebastian zu seiner Frau Liselotte, als er zu einem weiteren Vorstellungsgespräch aufbrach.
Von dort kam er jedoch finster und schweigsam zurück:
Auch das ist wieder ein Freund, der sich als Freund ausgibt, seufzte er.
Liselotte wusste sofort, was ihr Mann meinte, allein durch den Blick.
Setz dich, Sebastian, iss was. Was auch immer passiert, das ist zum Besten, sagte sie, während sie den Tisch deckte.
Sebastian nickte, dann verbrachte er den Rest des Abends damit, sein Notizbuch mit den Telefonnummern seiner besten Freunde zu durchforsten.
Die Hilfe kam unerwartet, als Sebastian beinahe die Flügel hängen ließ. Ein ehemaliger LKWFahrer, der jetzt Direktor einer kleinen Fleischwarenfabrik am Stadtrand war, nahm ihn auf.
Ich könnte Sie als Lagerverwalter einstellen. Die Arbeit ist stressig, aber Sie schaffen das, sagte er höflich zu seinem ehemaligen Chef.
Sebastian freute sich über jede Beschäftigung und begann am nächsten Tag sofort.
Die kleine Anlage lag am Rande von Berlin, hinter einem rostigen Metallzaun entluden zwei kräftige Arbeiter einen Lastwagen voller Würste. Nicht weit entfernt beobachtete ein Schwarm streunender Katzen das Geschehen.
Sebastian sah mit einem Lächeln die gestreiften Fellknäuel, die synchron mit ihren buschigen Schnurrbärten die neue Lieferung begutachteten.
Später stellte sich heraus, dass das Werksgelände von einer regelrechten Bande streunender Katzen beherrscht wurde, die Eindringlinge nicht gern sahen. Sie waren etwas eigenwillig und nicht besonders zahm. Jedes Mal, wenn Sebastian vorbeikam, versuchte er, einen der streifenbunten Racker zu streicheln, doch dieser schnurrte zurück oder fauchte.
Härtere Jungs habt ihr hier, lachte er, während die Köchin Zina die Reste des Mittagessens an ihre Schützlinge verteilte.
Ja, die passen nicht wirklich zu Händen. Schau, die Kätzchen sind auch nicht gerade kuschelig, nickte die Frau und zeigte auf ein junges Streifenpaar, das zwischen den älteren Katzen hin und her rannte.
Bald hatte Sebastian sich an seinem neuen Arbeitsplatz eingelebt und kannte jede Katze beim Namen. Auch sie gewöhnten sich an den grauen Herrn, weil er sie regelmäßig fütterte. Zwar hielt er zu Hause keine Haustiere, doch er liebte Tiere und half ihnen, wo er konnte.
Jedes Mal, wenn er nach der Arbeit kurz auf den Hof ging, um zu rauchen, umkreisten ihn die Katzen vorsichtig, blickten ihm respektvoll in die Augen und suchten nach etwas Essbarem.
So verging ein halbes Jahr, kaum zu merken. Der Sommer wich dem Herbst mit trüben Winden und grauem Regen. Die Katzen versteckten sich seltener im Hof, ließen sich aber die Mahlzeiten nicht entgehen.
Niemand wusste, woher plötzlich ein neuer Kater im Werksgelände kam. Er hielt sich abseits der Bande. Offenbar akzeptierte die Gruppe den Kleinen nicht, griff aber auch nicht an. Der kleine, dünne, schwarze Kerl mit einer kahlen Stelle am Rücken eroberte bald das Herz des harten Mannes.
Sebastian stand nach dem Mittag wieder auf dem Hof und rauchte, als plötzlich ein winziger, pelziger Ball auf dünnen Beinen direkt zu ihm sprang.
Miau, krächzte er und nieste.
Was für ein Wunderchen?, fragte Sebastian die Katzen.
Sie schauten gleichgültig. Der Kater war eindeutig nicht von ihrer Sorte die anderen waren braun-gestreift mit gelb-grünen Augen.
Der kleine Kerl schmiegte sich an Sebastians Bein und schnurrte.
Sieh nur, wie kuschelig, lächelte Sebastian.
Müsste wohl ein streunendes Kätzchen sein, das hier rumgeschoben wurde, kommentierte Zina, die gerade das nächste Tablett voller Würste heraustrug.
Sebastian war vorsichtig, denn die anderen könnten den Neuankömmling leicht verletzen. Er ging ins Innere der Halle, holte ein Stück Wurst und legte es dem Kater hin, während er den anderen Katzen ein Stück weiter weg reichte. Die Gruppe stürzte sich gierig darauf, doch das Kätzchen leckte das Wurststück an Sebastians Hand, bevor es endlich aß.
Was für ein Schmusetier, murmelte er und sah dem Kätzchen tief in die Augen.
Er nannte den kleinen Racker Wurstchen.
Wem bringst du das Essen hin?, fragte Liselotte skeptisch.
Das ist nur ein kleines, süßes Kätzchen, verstehst du, das wars, stotterte Sebastian ein wenig verlegen.
Vielleicht nimmst du es mit nach Hause?, schlug sie vor, obwohl sie wusste, dass ihr Mann keine Tiere in der Wohnung duldete.
Nein, warum sollten wir einen Kater brauchen?, erwiderte sie.
Na ja, du weißt ja, zuckte sie mit den Schultern.
Eines Tages, als das Wetter eiskalt war und der Himmel grau, hörte Sebastian plötzlich eine vertraute Stimme:
Ach, Sebastian, hallo!
Er drehte sich um. Ein alter Freund, Peter, eilte auf ihn zu.
Wie läufts, hast du einen Job gefunden?, fragte er freundlich und streckte die Hand zum Gruß aus.
Sebastian sah kalt, nickte nur stumm, ließ die Hand in der Tasche und ging weiter. Er hatte längst verstanden, worauf ihre Freundschaft hinauslief.
Du bist ja ganz schön abgehoben, schnaufte Peter und fuhr zu seinem Auto, um nicht zu erfrieren.
Der kleine Wurstchen hockte auf einer schmalen Holzplanke am Lagerausgang, sein schwarzes Fell glitzerte wie Stacheln im Frost.
Was, lassen sie dich nicht rein? Was für Tierfreunde, knurrte Sebastian in Richtung der warmen Katzenhütte.
Die Katzen blickten mit gelben Augen neugierig, ob er noch füttern würde.
Am Radio wurde angekündigt, dass in der Nacht ein Schneefall über die Stadt kommen würde.
Hast du gehört, dass morgen alles schneit? Wie soll ich zur Arbeit kommen?, jammerte ein Kollege.
Der Arbeitstag endete und ein Kollege bot an, ihn nach Hause zu fahren. Der Himmel verdunkelte sich, erste Schneeflocken fielen auf den Asphalt.
Hey, Didi, bring mich doch lieber zur Fabrik, sagte Sebastian plötzlich.
Der junge Mann zuckte mit den Schultern und fuhr weiter.
Wieder Arbeit, was?, lachte er, als er Sebastian am Zaun ausließ.
Sebastian hörte das nicht mehr.
Er rannte zurück zum Hof, wo der Schnee die Erde in ein weißes Tuch gehüllt hatte. Er sprang zu den Planken, rief:
Miau, miau, miau!
Doch der kleine Wurstchen blieb verschwunden. Die Streunerkatzen beobachteten ihn misstrauisch, während er verzweifelt um Hilfe rief. Bald schlossen sich die flauschigen Bande und sogar zwei Krähen setzten sich auf den Zaun, um das Geschehen zu verfolgen. Der Schnee fiel immer dichter.
Wurstchen! Wo bist du nur? schrie Sebastian panisch.
Die Katzen, die den Schnee gerochen hatten, zogen sich zurück in ihre Hütte, denn sie wussten, dass heute keine Mahlzeit vom Menschen zu erwarten war.
Sebastian drehte sich um und verließ den Hof.
Am nächsten Morgen, wie von den Wetterfroschen vorhergesagt, lag die ganze Stadt unter einer dicken Schneedecke.
Na ja, das war ein echter Schneesturm, murmelten die Nachbarn, während sie sich durch die Haufen kämpften.
Sebastian kam mit Mühe zur Arbeit, etwas zu spät, wie alle anderen. Der Hausmeister hatte bereits die Wege geräumt, und die Katzen lugten neugierig aus ihrer Hütte.
Er stellte den Katzen ein paar Würstchen hin:
Hier, nehmt das! Wurstchen schickt euch liebe Grüße, sagte er, während er die Bande betrachtete.
Er fühlte sich überraschend glücklich, fast wie ein Kind, das mit den Eltern den Hügel hinunterrutscht. Vielleicht lag es am Schnee, vielleicht am kleinen Kater, der plötzlich aus seinem Versteck kam, als Sebastian sich umdrehte. Er packte das Tier fest und drückte es an sich.
Du hasts geschafft, Wurstchen! Endlich gefunden!, jubelte er.
Der kleine Kater nieste und schnurrte die ganze Strecke nach Hause, klammerte sich mit seinen scharfen Pfoten fest an Sebastian, als wolle er nie wieder loslassen.
Liselotte schaute überrascht, als ihr Mann mit dem neuen Familienmitglied an der Tür stand:
Hast du ihn doch mitgenommen?, fragte sie verschmitzt.
Ja, ich dachte, er braucht ein wenig Wärme im Schnee, antwortete Sebastian leicht verlegen, während er das Kätzchen behutsam auf den Fußboden setzte.
Vielleicht kannst du ihn ja doch bei uns behalten?, schlug sie vor, obwohl sie wusste, dass ihr Mann immer Tiere aus der Wohnung verbannt hatte.
Nein, das geht nicht, antwortete er.
Na ja, wie du meinst, zuckte sie mit den Schultern.
Am nächsten Tag, trotz des eisigen Wetters, hörte Sebastian ein vertrautes Rufen:
Sebastian! Wie gehts? Hast du einen Job gefunden?
Peter kam erneut vorbei, streckte die Hand aus, doch Sebastian sah nur kalt. Er nickte stumm und ging weiter.
Der kleine Wurstchen saß auf einer kleinen Holzbank beim Eingang des Lagers. Sein schwarzes Fell sah im Frost aus wie winzige Nadeln.
Lassen sie dich nicht rein? Was für Tierliebhaber, murmelte Sebastian, während er zur warmen Katzenhütte hinübersah.
Die Katzen blickten mit funkelnden gelben Augen, ob er noch füttern würde.
Im Radio wurde angekündigt, dass über Nacht ein intensiver Schneefall das ganze Berlin bedecken würde.
Hast du das mitbekommen, das wird ein richtiger Weißer? Wie kommst du morgen zur Arbeit?, fragte ein Kollege.
Der Arbeitstag endete, und ein Fahrer bot an, Sebastian nach Hause zu bringen. Der Himmel war grau, und die ersten Schneeflocken fielen lautlos auf den Asphalt.
Hey, Didi, bring mich doch lieber zur Fabrik, rief Sebastian plötzlich.
Der Fahrer zuckte mit den Schultern und fuhr weiter.
Wieder Arbeit, was?, lachte er, als er Sebastian am Zaun ausließ.
Sebastian hörte das kaum.
Er rannte zurück zum Hof, wo der Schnee alles in Weiß getaucht hatte. Er sprang zu den Holzplanken, rief:
Miau, miau, miau!
Doch das Kätzchen blieb verschwunden. Die Streunerkatzen beobachteten ihn misstrauisch, während er verzweifelt rief. Bald versammelten sich die flauschigen Racker und sogar zwei Krähen setzten sich auf den Zaun, um das Geschehen zu verfolgen. Der Schnee fiel unaufhörlich.
Wurstchen! Wo bist du? schrie Sebastian, während er panisch um sich blickte.
Die Katzen, die den Schnee gerochen hatten, krochen zurück in ihre Hütte, weil sie merkten, dass heute keine Futterlieferung vom Menschen zu erwarten war.
Sebastian drehte sich um und verließ den Hof.
Als der Morgen dämmerte, lag die Stadt wie vorhergesagt unter einer dicken Schneeschicht.
Mensch, das war ein ordentlicher Schneesturm, sagten die Nachbarn, während sie sich durch die Haufen kämpften.
Sebastian kam mühsam zur Arbeit, etwas zu spät, wie alle anderen. Der Hausmeister hatte bereits die Wege geräumt, und die Katzen lugten neugierig aus ihrer Hütte.
Er stellte vor den Katzen ein paar Würstchen hin:
Hier, nehmt das! Wurstchen schickt euch liebe Grüße, sagte er mit einem Lächeln, während er die Bande beobachtete.
Ein warmes Gefühl breitete sich in ihm aus, fast wie die kindliche Freude, wenn man im Schnee einen Hügel hinunterrutscht. Vielleicht lag es am Schnee, vielleicht am kleinen Kater, der plötzlich aus seinem Versteck kam, als Sebastian sich umdrehte. Er packte das Tier fest, drückte es an sich und flüsterte:
Du hast’s geschafft, Wurstchen! Endlich gefunden!.
Der kleine Kater nieste, schnurrte und hielt sich die ganze Strecke nach Hause mit seinen scharfen Pfoten an Sebastian fest, als wolle er nie wieder loslassen.
Liselotte blickte überrascht, als ihr Mann mit dem neuen Familienmitglied an der Tür stand:
Hast du ihn doch mitgenommen?, fragte sie mit einem Augenzwinkern.
Ja, ich dachte, er braucht etwas Wärme im Schnee, antwortete Sebastian leicht verlegen, während er das Kätzchen behutsam auf den Fußboden setzte.
Vielleicht kannst du ihn ja doch bei uns behalten?, schlug sie vor, obwohl sie wusste, dass ihr Mann normalerweise keine Haustiere im Haus duldet.
Nein, das geht nicht, erwiderte er.
Na ja, wie du meinst, zuckte sie mit den Schultern.
Und so lebten der raue Sebastian Müller und sein kleiner Kater Wurstchen fortan in einer eigenwilligen Freundschaft, die weder Verrat noch Heuchelei kannte ein Band, das selbst den tiefsten Schnee überstehen konnte.





