Du bist bei uns die Vollendete.
Wollen Sie wissen, warum? Weil ich es leid bin, immer die Zweite zu sein!, schrie Heike. Schon immer und überall! Auf der Grundschule warst du Klassenbeste, alle Lehrer haben dich bewundert. An der Uni hast du das rote Diplom bekommen, während ich mich mühsam durch Wiederholungen gekämpft habe. Auf der Arbeit bekommst du Beförderungen und Prämien, und ich sitze seit Jahren auf demselben Platz! Ich will auch ein hohes Gehalt und den Respekt der Chefs! Verstehst du das? Ich will die Erste sein!
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Na super, wieder einen Zoff mit dem Chef bekommen, brummte Heike, schlug den Laptop zu und setzte sich mit einem lauten Knirschen zurück in den Bürostuhl.
Anke blickte von ihrem Bildschirm auf und schenkte ihrer Schwester ein wissendes Lächeln.
Also, du hast doch im Bericht einen Fehler gemacht. Solltest du dafür nicht gleich einen Keks bekommen?
Heike zog die Lippen zusammen und drehte sich zum Fenster. Ihre Wangen röteten sich vor Ärger. Anke ignorierte den missmutigen Blick der jüngeren Schwester, packte ihre Sachen und verließ endlich das Büro. Der Arbeitstag war endlich vorbei, die Unterlagen ordentlich im Ordner, die Tasse in die Spüle gestellt.
Heike schwieg demonstrativ, während sie den Flur zum Ausgang entlangging. Erst als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, sprach die kleine Schwester wieder:
Du hast es leicht, zu lachen. Du bist bei uns die Vollendete.
Anke seufzte. Solche Gespräche wiederholten sich in letzter Zeit zu oft. Früher nahm Heike Kritik des Chefs mit einem Scherz und zog weiter. Jetzt lag in jedem Wort ein bitterer Beigeschmack.
Ich mache einfach nur meine Arbeit gut, Heike. Du kannst das auch.
Na klar, natürlich.
Sie arbeiteten seit drei Jahren in der großen Handelsfirma Deutsche HandelsAG, Abteilung Einkauf. Anke war zuerst dort eingestiegen, ein halbes Jahr später half sie Heike, ebenfalls Fuß zu fassen. Die Schwestern waren immer eng verbunden, unterstützten einander in allem. Nur ihre Arbeitsansätze waren grundverschieden.
Anke blieb oft bis spät, recherchierte Lieferanten, verglich Konditionen von Dutzenden Firmen, bevor sie eine Entscheidung traf. Heike bevorzugte einen lockeren Rhythmus das Minimum zum Termin erledigen, den Rest mit dem Handy verbringen oder in der Kantine mit Kollegen plaudern. Anke verurteilte Heike nie für ihre andere Sichtweise. Jeder hat sein Ding.
Vor einem Monat kam das, was für die ganze Familie ein Grund zur Freude sein sollte. Die Geschäftsleitung rief Anke in das Büro und bot ihr die Position Senior Manager Einkauf mit einer ordentlichen Gehaltserhöhung an. Anke war überrascht, nahm sofort zu. Jahre mühsamer Arbeit hatten sich nicht umsonst ausgezahlt.
Heike umarmte sie damals und gratulierte. Doch Anke bemerkte, wie schnell das Lächeln seiner Schwester verging, wie gezwungen die Worte klangen. An diesem Abend wollten sie den Erfolg in einem Café feiern, aber die Stimmung war seltsam. Heike wechselte ständig das Thema auf Gehälter, fragte, wie viel mehr Anke jetzt verdienen würde, wie viele Überstunden anfallen würden.
Du hast einfach Glück, dass der Chef dich bemerkt hat, sonst hättest du weiter mit schnippte Heike beiläufig.
Glück?, hakte Anke nach. Ich habe zwei Monate lang ohne freien Tag an dem Projekt gearbeitet.
Na klar, natürlich.
Ein halbes Jahr später wurde Anke zur Leiterin der ganzen Abteilung ernannt. Die Neuigkeit verbreitete sich ruckzuck im Büro. Kollegen gratulierten, schüttelten die Hand, wünschten Erfolg. Heike kam zuletzt, umarmte Anke und flüsterte ins Ohr:
Glückwunsch. Jetzt bist du bei uns die Coole.
In diesen Worten fehlte jede Wärme. Anke wich zurück, sah ihrer kleinen Schwester fest in die Augen. Dort lag etwas Kaltes, Fremdes, fast wie eine Schlange, die auf den Sprung wartet.
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In den folgenden Wochen änderte sich Ankes Büroalltag kaum merklich, aber stetig. Zuerst schenkte sie den Kleinigkeiten keine Beachtung. Tanja lud sie nicht mehr zu gemeinsamen Mittagessen ein. Olaf aus der Nachbarschaft kam nicht mehr mit dem Morgenkaffee vorbei. Kollegen grüßten trocken, ohne Lächeln, und wendeten sich sofort ab. Hinter Ankes Rücken hörte man immer wieder Flüstern und halblautes Lachen. Wer sich auch nur umdrehte, tat so, als wäre er beschäftigt.
Anke war ratlos. Was war passiert? Sie war immer offen, half Menschen, teilte ihr Wissen. Hatte die Beförderung das Verhältnis zu den Kollegen wirklich so stark verändert? Sie selbst war doch nicht zur Chefin geworden, die auf dem Podest steht, sondern blieb die, die ruhig arbeitet.
Eines Abends, kurz bevor Anke gehen wollte, klopfte Kollegin Maren an ihrer Bürotür.
Komm rein, rief Anke. Was ist los?
Maren schloss die Tür und ließ sich auf den Stuhl gegenüber fallen. Ihr Gesicht zeigte Verlegenheit und Unbehagen.
Ich muss dir etwas sagen. Es tut mir leid, aber du hast ein Recht auf die Wahrheit.
Anke legte den Stift beiseite und sah Maren aufmerksam an. Maren räusperte sich und begann:
Heike verbreitet Gerüchte über dich, spinnt Unwahrheiten. Schon seit mehreren Monaten sagt sie allen, dass die Ideen in deinen Projekten eigentlich ihre seien, dass du ihre Arbeit klaust, dass du die Beförderung nur dank Beziehungen und Schmeicheleien bekommen hast. Sie meint, du würdest die Kollegen von oben herab sehen und uns alle für Dummköpfe halten.
Heike? Die jüngere Schwester, die Anke in die Firma gebracht hatte? Die, deren Arbeit er oft heimlich korrigierte? Heike richtet das ganze Büro gegen sie?
Bist du sicher? Du verwechselst doch nicht etwas?, fragte Anke.
Absolut. Ich wollte es zuerst nicht glauben, dachte, es sei ein Missverständnis. Doch sie sagt das ständig, immer wieder. Die Leute fangen an zu glauben. Du weißt ja, wie schnell Gerüchte sich verbreiten. Und je verrückter sie sind, desto mehr fängt man an, sie zu glauben
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Anke verließ das Büro, fuhr nach Hause. Auf dem Heimweg kreisten die Gedanken wie ein wilder Schwarm. Warum? Warum? Sie hatten immer zusammengehalten. Anke hatte die Schwester unterstützt, verteidigt, geholfen. Und jetzt die Schuld?
Heike öffnete die Tür, ein kurzer Schreck zuckte über ihr Gesicht.
Anke? Was ist los?
Anke ging ohne zu warten hinein, drehte sich zu ihrer Schwester und sah ihr fest in die Augen.
Warum? Warum machst du das ganze Büro gegen mich? Warum erzählst du, dass ich deine Ideen klaue? Warum verbreitest du Lügen? sagte Anke kühl und distanziert.
Heike zuckte zusammen, verschränkte die Arme. Ihr Gesicht verfärbte sich plötzlich rot.
Was, hat dir Maren was angedreht?, schnappte sie zurück.
Egal, wer es gesagt hat! Antworte!, fuhr Anke weiter.
Ruf mich hier nicht an! Das ist mein Zuhause!, schrie Heike.
Ich schreie nicht, Anke. Ich fordere Erklärungen. Wie konntest du so etwas tun? Wir sind doch Schwestern!
Heike sprang vor, ihre Augen glühten mit einer Wut, die Anke noch nie gesehen hatte.
Willst du wissen, warum? Weil ich es leid bin, immer die Zweite zu sein!, schrie Heike. Schon immer und überall! Auf der Grundschule warst du Klassenbeste, alle Lehrer haben dich bewundert. An der Uni hast du das rote Diplom erhalten, während ich mich mit Wiederholungen durchgeschlagen habe. Auf der Arbeit bekommst du Beförderungen und Prämien, und ich sitze auf dem gleichen Platz! Ich will auch ein hohes Gehalt und den Respekt der Chefs! Verstehst du das? Ich will die Erste sein!
Anke schwieg. Heike fuhr unbeirrt fort:
Du warst immer vorne. Immer perfekt. Anke die GenieSchauspielerin, Anke die Schöne, Anke die Fleißige. Und ich? Ein Schatten. Die unfähige kleine Schwester, die immer alles vermasselt!
Dann hättest du einfach arbeiten müssen, erwiderte Anke. Schuften, statt während der Arbeitszeit Videos zu schauen und mit Kollegen zu plaudern. Du wolltest Respekt? Verdiene ihn. Aber wirf mich nicht in den Dreck dafür.
Heike öffnete den Mund, doch Anke ließ sie nicht zu Wort kommen. Sie drehte sich um und verließ die Wohnung. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klick. Tränen liefen Heike über die Wangen, die sie hastig mit der Hand abwischte. Durchhalten, musst du durchhalten.
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Am nächsten Morgen reichte Anke ihren Antrag auf Versetzung in die Filiale der Firma im Bezirk München ein. Der Personalchef war überrascht, unterschrieb das Dokument aber ohne weitere Fragen. Anke war ein wertvoller Mitarbeiter, den man nicht verlieren wollte. Die Versetzung wurde binnen zwei Tagen genehmigt.
Heike erfuhr davon von den Kollegen und rief am Abend an. Anke starrte lange auf den Namen, der auf dem Bildschirm blinkte, bevor sie abnahm.
Du wechselst die Filiale? sagte Heike ohne Begrüßung.
Ja.
Du läufst also weg.
Nein. Ich gehe nur dorthin, wo hinter meinem Rücken keine Intrigen gesponnen werden.
Du verrätst mich! Verräterin! Schwester, du bist ein
Anke antwortete nicht. Sie legte auf. Mehr Gespräch war nicht mehr nötig.
Drei Monate in der Münchner Filiale vergingen wie im Flug. Die Arbeit lief gut, das Team nahm sie herzlich auf, die Projekte liefen reibungslos. Anke begann, das Geschehene zu vergessen, bis eines Abends Maren anrief.
Anke, hast du das gehört? Heike wurde gefeuert.
Anke erstarrte, das Telefon an ihrem Ohr.
Was?
Letzte Woche. Sie hat Fristen bei drei Aufträgen verpasst, Fehler in den Berichten gemacht. Die Chefs hatten lange genug geduldig gewartet, aber dann beschlossen sie, sie zu entlassen. Ohne dich ist alles schiefgelaufen. So ist das
Aber ich
Anke, du hast ihre Fehler jahrelang korrigiert, nur dass niemand es gesehen hat. Als du gegangen bist, kam alles ans Licht. Heike kam nicht mehr zurecht ohne deine Unterstützung.
Anke legte auf und saß lange schweigend da.
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Am folgenden Tag klopfte Heike an Ankes Wohnungstür. Zerzaust, mit roten Augen, in zerknitterter Kleidung. Sie stürmte ins Flur und brüllte:
Bist du zufrieden?! Sie haben mich gefeuert! Du hast dich extra versetzt, nur um mich zu Fall zu bringen! Ja? Hast du das extra gemacht?
Anke sah ihre Schwester ruhig an.
Woran soll ich schuld sein, Heike? Du hattest die Chance, dich zu beweisen. Ich habe dich nicht blockiert. Was hast du getan? Alles zerstört.
Du bist schuld! Du!
Nein. Du bist schuld an dem, was passiert ist. Und jetzt vergiss den Weg zu meiner Wohnung.
Anke öffnete die Tür weit. Heike erstarrte, konnte nicht fassen, dass ihre Schwester sie wirklich hinauswarf. Doch Anke blickte kalt und bestimmt. Heike wandte sich um und sprintte den Flur hinunter. Die Tür schlug mit lautem Knall zu.
Kurz darauf rief die Mutter an. Sie schrie ins Telefon:
Was machst du da?! Du bist schuld, dass Heike gefeuert wurde! Du hast sie im Stich gelassen! Egoistin! Du warst immer egoistisch! Du hättest ihr helfen, unterstützen sollen, statt in ein anderes Büro zu fliehen! Du hast das Leben deiner eigenen Schwester zerstört! Alles ist deine Schuld!
Anke versuchte zu erklären, erzählte von den Gerüchten, vom Verrat, davon, dass Heike selbst die Situation verursacht hatte. Aber die Mutter hörte nicht zu. Sie schrie weiter, beschuldigte, verlangte sofortige Wiedergutmachung.
Du hast die Familie verraten, Anke. Merk dir das. Das ist deine Sünde.
Am anderen Ende des Anschlusses hörte man ein Pfeifgeräusch.
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Sie blieb allein zurück. Die Familie hatte sich in dem Moment abgewendet, in dem Anke sich selbst verteidigte, als sie aufgehört hatte, sich für die Schwester zu opfern.
Nichts. Sie wird es schaffen. Anke war immer stark. Und jetzt brauchte sie diese Stärke mehr denn je.
Sie öffnete die EMail vom Management: Versetzung in die Hauptstadt, Berlin. Neue Position, neue Stadt. Und ein neues Leben. Wenn sie früher gezweifelt hatte, das Angebot anzunehmen, tat sie es jetzt mit fester Überzeugung.
Wenn alle mich abgewendet haben, hält mich hier nichts mehr zurück. Auf mich selbst zu achten ist an der Zeit.
Wochen vergingen im Trubel des Umzugs. In Berlin angekommen, fand sich Anke schnell zurecht. Sie schaute nicht zurück, passte sich nicht an alte Muster an. Die Familie blieb nur noch aus trockenen Glückwünschen zu Feiertagen. Doch Anke war nicht mehr der, der sich Sorgen machte, dass sie nicht geliebt wurde, weil man sich so leicht abgewendet hatte.





