Ach, kommen Sie schon, meine Dame! Ein zartes Mädchen, früh geboren, aber ziemlich kräftig. Machen Sie sich keine Sorgen, es wird alles gut. Sowohl für Ihre Tochter als auch für Ihre Enkelin.

– Was sagen Sie, Frau? Das Kind kam zu früh, ist aber robust. Keine Sorge, es wird alles gut, sowohl für Ihre Tochter als auch für Ihre Enkelin.
– Gott sei Dank, erwidert die Frau, während die Ärztin den Raum verlässt, und murmelt, sobald sie allein ist, das ist das wahre Unglück.

Das Unglück ereignet sich in der Familie von Frau Helga Schmidt vor etwa sechs Monaten, als die neugierige Nachbarin Frau Brigitte, die ständig plaudert, beim Teetrinken mit Apfelmus beiläufig fragt:
– Wann bekommst du endlich wieder Gewicht? Hast du schon Windeln vorrätig?
– Welches Gewicht? Was soll das heißen? stutzt Helga.
– Was? Deine Kuh hat letzte Woche zweimal geklopft. Ich habe gesehen, wie sie mit einem Schürzchen den Mund zuschnappt und aus dem Stall läuft.
– Vielleicht hast du etwas Falsches gegessen, versucht Helga, die Situation zu erklären.
– Ja, und du hast nie selbst die Last der Schwangerschaft getragen, deshalb weißt du nichts. Aber ich bin keine Expertin und verstehe das alles nicht.

Am Abend befragt Tante Helga die junge Klara Becker, dann weint sie lange und schimpft über die Tochter, das ungeborene Kind, den sonnengebräunten Student, der bereits ausgestorben ist, und die ganze männliche Sippe.

Die Ankunft der kleinen, kehligen Liselotte bringt keine Freude, sondern Sorgen, Ärger und ein brennendes Schamgefühl. Klara zeigt weder warme Liebe noch Zärtlichkeit gegenüber dem Kind; sie nimmt es nur in die Arme, wenn sie füttert oder weint, und das ist alles. Tante Helga blickt auf ihre Enkelin gleichgültig, ohne Liebe zu zeigen. Und das ist bereits die vierte Enkelin, um die man sich überhaupt freuen könnte. Auch die Tochter ihrer Tochter hat kaum etwas Gutes hervorgebracht. So wächst Liselotte in einer Welt auf, die sie nicht liebt, und muss mit wackeligen Beinen durchs Leben torkeln.

Ein Jahr später zieht Klara in das Arbeitsdorf Oschatz, um ihr eigenes Glück zu suchen. Liselotte bleibt bei Tante Helga, die ihr wie eine Großmutter erscheint, nicht als Fremde. Das Mädchen braucht keine besondere Pflege, isst, was ihr gegeben wird, schläft zur rechten Zeit und wird nicht krank. Die Ärztin hatte recht: Liselotte ist kräftig, doch leider immer noch ungeliebt.

Bei der Großmutter lebt Liselotte bis zum siebten Lebensjahr. In dieser Zeit hat Klara den Beruf der Malerin erlernt, geheiratet und einen Sohn, den kleinen Klaus, bekommen. Dann erinnert sich Klara an Liselotte und denkt, das Mädchen könnte jetzt als Helferin der Mutter dienen. Sie fährt ins Dorf, doch Liselotte, die ihre Mutter nur zweimal im Jahr sieht, zeigt kaum Freude über das Wiedersehen. Klara wirft ihr einen Vorwurf zu:
– Ach, Liselotte, du bist ja gar nicht mehr meine Tochter. Andere würden sich freuen, sich ankuscheln, und du stehst da wie ein Fremder

Beim Abschied weint Tante Helga ein wenig, sehnt sich ein paar Tage nach ihr, doch am nächsten Samstag kommen die beiden Lieblingsenkelinnen ihrer ältesten Tochter, Lena und Ute, zu Besuch. In den vielen Aufgaben vergisst Helga schnell Liselotte. Liselotte bedauert die Tante nicht wirklich; sie ist ja nicht die Lieblingsenkelin.

In Oschatz gefällt Liselotte nicht besonders, doch sie hat keine Wahl. Mit der Zeit gewöhnt sie sich ein, findet Freundinnen, geht zur Schule, macht Hausaufgaben, läuft zum Laden für Brot und Milch und schrubbt Kartoffeln, wenn ihre Mutter nach Hause kommt. Als sie älter wird, holt sie den kleinen Klaus aus dem Kindergarten ab und sagt zu einem älteren Jungen:
– Pass auf deine Schritte auf, du bist meine Strafe. Meine Kraft reicht nicht für dich! Ich ziehe mich mit letzter Kraft zusammen, und ihr helft mir nicht!

Klaus hört keine liebevollen Worte von seiner Schwester, und das überrascht nicht; Liselotte hört ebenfalls keine. Sie erwartet keine Liebe, denn sie war immer ungeliebt. Fast nie leidet sie, weil sie nicht weiß, dass es anders sein könnte.

Sie hört jedoch, wie ihre Freundinnen von ihren Müttern liebevoll gerufen werden, und ihre eigene Mutter nennt Klaus immer Sonnenschein oder Kätzchen. Liselotte, früher Zinaida, glaubt fest, dass sie nie die Sonne sein darf; sie ist erwachsen, im Gegensatz zu Klaus.

Zuhause wird Liselotte zwar nicht geknüpft, aber auch nicht geärgert; ein Stück Brot wird ihr nicht vorenthalten. Natürlich gibt es keine teuren Geschenke, aber hungrig und zerlumpt geht es ihr nicht.

Mit fünfzehn verlässt Liselotte das kalte Haus, das ihr seit acht Jahren fremd ist. Sie nimmt an einer städtischen Berufsschule teil, studiert Konditorei und träumt davon, sich mit Kuchen zu übergeben. In der Stadt gefällt ihr das Leben, drei andere Mädchen wohnen im gleichen Wohnheim, und nach den Kursen kümmert sie sich selbst um alles.

Als sie dann Wolfgang trifft, wird ihr Leben bunt. Trotz des trüben Novembers lässt die Sonne für Liselotte besonders hell scheinen. Die Mitbewohnerinnen schauen gemeinsam fern im roten Eck. Wolfgang zögert nicht, flüstert schöne Worte, die Liselotte den Kopf drehen lassen.
– Du bist meine Liebste, haucht er, und Liselotte, die ewige Unbeliebte, schmilzt vor Glück.

Kurz darauf wird ihr morgens übel. Sie will sofort zum Arzt, doch sie verpasst den Termin. Mit achtzehn muss Liselotte ärztliche Atteste besorgen und mit dem plötzlich schüchternen Wolfgang zum Standesamt gehen. So beginnt ihr Familienleben, während ihre kurze Jugendliebe endet. Das junge Paar zieht in das Haus von Wolfgangs Eltern. Die Mutter und Großmutter von Wolfgang zeigen kein besonderes Herz zu Liselotte, aber sie erlaubt ihr, in der eigenen Wohnung zu wohnen. Was soll man sonst tun? Sie ist nicht die Erste und nicht die Letzte, die hier ein bisschen lebt. Vielleicht ist es das Beste, ein Kind zu bekommen, Wolfgang wird reifer.

Eine Freundin aus dem Dorf beneidet Liselotte:
– Du hast Glück, du wirst in der Stadt leben.

Liselotte widerspricht nicht. Man muss nicht überall erzählen, dass das Stadtleben nur ein Wort ist. Das Haus liegt im Vorort, die Annehmlichkeiten sind wie auf dem Land, das Wasser muss vom Brunnen am Ende der Straße geholt werden. Liselotte beschwert sich nicht, sie ist gewohnt. Jeden Tag füllt sie Eimer, läuft zum Brunnen, das Wasser spritzt, die Füße werden kalt. So spritzt sie neben der kalten Quelle auch ihr ungeborenes Kind. Ihre Schwiegermutter schimpft, aber ist das wirklich ihr Fehler?

Wolfgang tut ihr anfangs noch etwas wohltätig, ein oder zwei Tage, dann verschwindet er mit Freunden. Die Mutter und Großmutter werfen Liselotte nicht aus dem Haus, sie darf bleiben und helfen. Doch bald bringt Wolfgang eine andere Frau, sagt, er liebe Liselotte nicht und habe sie nie geliebt.

Liselotte klagt sich bei den Freundinnen, weint kurz, aber ihr Leben war immer von Unbeliebtheit geprägt. Sie sammelt ihre Sachen, hört den Anweisungen der Schwiegermutter zu, geht durch alle vier Himmelsrichtungen und schließt die Tür zum fremden Haus hinter sich.

Sie zieht ins Werkswohnheim. Dort gibt es Kantine, Aufenthaltsraum und einen Club gleich neben dem Werkseingang. Das Leben ist nicht mehr schwer, sie lebt und freut sich. Mit den Kolleginnen geht sie zur Arbeit, ins Club, ins Kino.

Nach Hause zu ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und Bruder fährt sie selten. Sie werden nicht auf sie warten, und sie drängt sich nicht auf. Die Großmutter Helga stirbt, als Liselotte einundzwanzig ist. Sie fährt zur Beerdigung, sieht die einstigen Orte.

Helgas Haus geht an die Lieblingsenkelinnen Lena und Ute. Liselotte ist nicht beleidigt; sie waren die Lieblingskinder, die Erdbeeren der Großmutter. Liselotte ist das abgeschnittene Stück, die ungeliebte Enkelin.

Wenn Liselotte nicht um das Erbe kämpft, streiten die Verwandten wegen Helgas fünfhundert Euro. Am lautesten schreit Klara, Liselottes Mutter, über den fehlenden Löffel für ihren geliebten Klaus. Ist er nicht ihr Enkel? Ist das nicht schlimmer als das Glück von Lena und Ute? Klara erinnert sich nicht an die ältere Tochter. Liselotte bekommt keinen gebogenen Löffel.

Liselotte versucht ein- bis zweimal ihr Leben zu ordnen, lernt Männer kennen, aber es klappt nicht. Im Standesamt führt niemand Liselotte hin, sie will nicht hinein. Sie war einmal dort, das reicht.

Ihr Liebesleben scheitert beide Male aus ähnlichen Gründen: ein Mann trinkt und schlägt, der andere trinkt und verprügelt. Entscheide selbst, was schlimmer ist. Liselotte ist froh, dass sie nicht mehr zum Standesamt muss, sonst gäbe es noch mehr Ärger. Sie wirft ihre Sachen in einen Lederkoffer und kehrt zurück ins Bett der Freundinnen.

Abends eilt sie nicht mehr ins Wohnheim, zieht seit über zehn Jahren von Wohnheim zu Wohnheim, die Betten werden fremd. Kein Wunder, dass Liselotte fast dreißig ist; in diesem Alter will jede Frau ihre eigene Ecke, ihren eigenen Topf auf dem eigenen Regal. Allein bekommt man erst spät eine Wohnung, Familien brauchen sie mehr.

Manchmal besucht sie die Hauswirtschaft von Tante Asta, die abends in der Werkstatt die Böden wäscht, um zu reden. Nach drei oder vier Monaten entwickelt Tante Asta ein Gespräch:
– Lis, vor einem Jahr ist meine Nichte bei der Geburt gestorben, jetzt bleibt das Kind und der Mann. Ich sehe dich schon lange, du bist fleißig und stark. Matthias, der Ehemann der Nichte, ist ein guter Mann. Vielleicht könnt ihr zusammenkommen. Er schlägt nicht, trinkt nur zu Festen und in Maßen. Er ist nicht besonders wortgewandt, aber er hat unser Kind geschont. Denk nach, Lis. Das Mädchen ist ganz klein, wird dich Mama nennen

Liselotte überlegt und zieht zu Matthias. Sie macht sein Zimmer für den Maifeier sauber, kauft Vorhänge, näht aus Grün und Weiß Blumen, aus Gelb und Blau kleine Kleider für das Mädchen. Das Kind, Sonnenschein, beginnt zu sprechen und nennt Liselotte Mama.

Matthias ist ein stiller Mann, beleidigt seine Frau nicht, gibt sein Gehalt, sagt keine harten Worte. Auch von ihm hört Liselotte nie Liebesworte, doch das ist ihr egal, sie hat ihr ganzes Leben schon als ungeliebt erlebt.

Nach drei Jahren Ehe hört sie doch Worte der Liebe, jedoch nicht von Matthias. Ein Tag kommt Sonnenschein vom Hof, hält gelbe Löwenzahnblumen im Arm, umarmt Liselotte, küsst sie süß auf die Wange und flüstert:
– Mama, ich liebe dich. Ich liebe dich mehr als Papa, mehr als Asta und mehr als die Puppe Yvonne.

Liselotte umarmt die Tochter, lacht und weint zugleich, endlich ist sie geliebt.

Ein Jahr später bekommt Liselotte ihren Sohn Ivo. Matthias kümmert sich nachts um das Baby, wechselt Windeln, hilft, den Kinderwagen aus dem Treppenhaus zu tragen. Bald erhalten sie von der Fabrik eine große, helle Wohnung. Liselotte freut sich, es gibt Grund zu jubeln.

Gemeinsam ziehen sie Kinder groß, warten auf Enkel. Auf dem Schrebergarten kocht die graue Liselotte Kompotte, während die Enkel herumlaufen.
– Oma, ich liebe dich, ruft Olya.
– Ich liebe dich auch, erwidert Denis.
– Omi, ich hab dich lieb, murmelt die kleine Mascha.

Der Großvater Matthias sagt: Wir alle lieben die Oma, verbergen ein Lächeln hinter den grauen Haaren.

Liselotte wischt heimlich eine Träne weg. Vor vielen Jahren hat sie nie gedacht, dass das Schicksal ihr, einst ungeliebt, so viel Liebe schenken würde.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Ach, kommen Sie schon, meine Dame! Ein zartes Mädchen, früh geboren, aber ziemlich kräftig. Machen Sie sich keine Sorgen, es wird alles gut. Sowohl für Ihre Tochter als auch für Ihre Enkelin.
Zwei Jahre nach unserer Scheidung traf ich meine Ex-Frau wieder: Plötzlich wurde mir alles klar, doch sie schenkte mir nur ein bitteres Lächeln, bevor sie meine verzweifelte Bitte nach einer zweiten Chance abwies.