Hey, du, stell dir vor meine Nichte Liselotte ist endlich aus Hamburg angereist, um ein paar Wochen hier in Berlin zu verbringen, bevor sie an die Uni hier startet. Sie will ja im Studentenwerk ein Zimmer beziehen und muss noch ein paar Prüfungen schreiben und die Einschreibung persönlich erledigen. Meine Schwester Claudia hat mit mir abgesprochen, dass Liselotte bei mir einzieht, bis sie dann ins Studentenwohnheim zieht.
Wir haben gar nicht über das Essen geredet, weil Claudias Mutter Gabriele das immer stillschweigend regelt. Ich seh sie aber schon im Wohnzimmer rumlungern und frag sie, was los ist. Sie meint, sie habe gedacht, ich würde ihr ein richtig warmes Mittagessen auf den Tisch stellen. Ich habe ihr sofort gesagt: Ich kümmere mich nicht mehr um dein Essen, ich habe meinen eigenen Rhythmus. Ich muss jetzt dringend los! Ruf deine Mama an, lass dir das Geld auf dein Konto überweisen, kauf dir ein paar Quarkbällchen, ein paar Brötchen und trink dazu einen Tee. Und besorg dir auch neuen Tee, ich bin völlig leer! Und dann noch: Du bist doch schon 18, kein kleines Kind mehr!
Gabriele und ich haben lange nicht mehr über das Leben geredet, denn seit die Kinder flügge waren, hat sich mein Mann irgendwo in die Ferne zurückgezogen und ich habe mich voll in die Arbeit gestürzt. Meine Arbeitszeiten sind jetzt so verrückt, dass ich kaum zu Hause bin, und die Energie für Hausarbeiten hat mich einfach verlassen. Schlafen gehen und dann auch noch richtig ausruhen, das wäre ein Traum.
Ich freu mich natürlich riesig, Liselotte wiederzusehen. Sie ist so erwachsen geworden, feminin und alles, aber ich bin nicht mehr die lockere Tante Lotte, die früher noch einen Elefanten in der Pfanne brutzeln konnte, ohne über Zeit und Kraft nachzudenken. Ich sag ihr, sie soll ihre Lebensmittel selbst besorgen, schneiden, kochen oder braten am besten sogar etwas Fertiges holen, damit ich nicht meine Küche oder die ganze Wohnung ruinier.
Sie war erst richtig sauer, hat sich dann ein bisschen beruhigt, aber bleibt jeden Tag still vor Wut. Sie hatte wohl mit einem kompletten AllInclusive bei ihrer Mama gerechnet. Vielleicht legt sich das ja irgendwann wieder. Es ist schwer, plötzlich nicht mehr die gute, immer hilfsbereite Tante zu sein, wenn man jahrelang friedliche Verhältnisse zu allen gepflegt hat. Trotzdem bin ich immer noch freundlich: ich habe ihr ein kostenloses Bett gestellt, nur eben ohne das VersorgungsElement, das früher selbstverständlich war. Ich war beim Psychologen, um zu lernen, wie ich meiner Familie behutsam erklären kann, dass ich jetzt nicht mehr so funktional bin wie früher. Also: ein bisschen weniger auf mich zählen lassen, das wäre gut!





