— Du bist nicht meine Mama

Hey, ich muss dir was erzählen, das sich hier bei uns in Berlin ziemlich abgewickelt hat. Stell dir vor, du hast einen Typen, den ich Johannes Krüger nenne, und er lebt mit seiner kleinen Liesel in einer alten Plattenbauwohnung in Friedrichshain. Liesel ist ein richtiges Sturmkind sie zischt, wirft Stoffhasen rum und manchmal sogar ein Stück Plastik, wenn jemand versucht, in ihr Haus zu kommen und sich als Stiefmutter ausgibt.

Eines Tages kommt diese Frau, die sich für die neue Stiefmutter hält, rein, und Johannes sagt nur trocken: Vielleicht bringst du das Mädchen lieber zu einem Therapeuten. Liesel, die gerade eine Geschenktaube von einer Nachbarin zerbrochen hat, schimpft heftig und wirft: Entschuldige Gott, ich dachte nicht, dass sie das tut! Johannes bückelt sich, sammelt die zerbrochenen Federn mit zitternden Händen und murmelt, dass Liesel nie über den Verlust ihrer Mutter hinwegkommt.

Ich hab auch mal meine eigene Hündin verloren, aber ich schrei nicht rum und werfe nichts mehr um sich. Liesel wirft das doch gleich zurück: Du vergleichst den Verlust deiner Mutter mit einem Hund? Ich hab meine Hündin geliebt! Lasst mich in Ruhe, ihr Spinner!

Sie schließt die Tür so fest, dass das Licht im Flur auf allen vier Etagen gleichzeitig angeht das hat hier noch nie jemand erlebt. Johannes kniet dann zu Liesel hinunter und sagt: Weißt du, ich schaffe das nicht allein. Liesel zieht ihm den Kragen und flüstert: Keine Angst, ich helfe dir, die Tante ist mies, alle sind mies. Und sie umarmt ihn fest.

In den nächsten Wochen versinkt Johannes immer tiefer in sich, die kalten Oktoberwinde wehen ihm das ganze Jahr über durch die Seele, bis er eines Tages von Leonie Schmidt gerettet wird. Leonie ist nicht nur hübsch, sie schüttet ihm fast die Hälfte ihres Kaffees im UBahnWagen an, tritt ihm drei Mal aus Versehen aufs Bein und wirft ihm sogar mit einem Regenschirm ins Auge. Sie sagt ganz lässig: Für den Notfall, falls du dir die Nase brichst. Und dann: Kommt das öfter? Ja, passiert immer wieder, meint sie ohne zu zögern.

Nach dem ersten Kaffee mit Leonie beschließt Johannes, sie zu einem zweiten und dann noch zu einem dritten einzuladen. Leonie stellt sich als wandelnder Magnet für blöde Situationen heraus: ein Bus schließt die Tür auf sie, die Nachbarskatze kratzt ihr fast das halbe Gesicht und beim Überqueren einer falschen Fußgängerzone bekommt sie mehr Strafzettel als ein Rennfahrer. Trotzdem nimmt sie das alles mit einem Lächeln und wird für Johannes zur besten Stiefmutter, die man sich vorstellen kann. Sie ist so freundlich, dass sie selbst nicht merkt, wie oft ihr das Pech begegnet.

Johannes meint irgendwann zu Leonie: Wenn wir nach Hause kommen, hör bitte nicht auf ihr Gezappel. Sie ist eigentlich ganz nett, ich weiß nur nicht, wie ich mit ihr umgehen soll. Leonie legt ihm beruhigend die Hand auf den Arm: Keine Sorge, wir müssen nicht zu dir nach Hause. Treffen wir uns einfach hier auf der Straße. Und dann noch: Meine Stiefschuhe riechen nach Katzen, weil ich auf den Kater von meiner Nachbarin aufpassen muss der mag mich nicht so sehr. Johannes lacht, drückt den Türöffner an den Klingelknopf und geht hinein.

Plötzlich ruft Leonie: Ist das deine Brieftasche? Und ein kleines Mädchen, etwa sieben Jahre alt, springt auf und hält die Brieftasche mit allem Geld, den Karten und einem Rezept für Pillen hoch. Vielen Dank, ich hätte fast alles verloren, sagt Leonie und das Mädchen schnuppert: Sei vorsichtiger. Dann erklärt das Mädchen, dass sie nicht allein ist: Ich bin mit meinem Opa Heinrich und Klaus hier. Heinrich schraubt gerade an einem schwarzen Kleinwagen, während ein Junge im gleichen Alter ein paar Werkzeuge hält.

Währenddessen schwebt aus dem Nichts ein Briefumschlag vom Laternenpfahl und das Mädchen kichert: Oh, da hat wohl eine fliegende Ratte gekackt. Leonie lacht und sagt: Das ist nur ein Taubenschlag. Das kleine Mädchen erklärt, dass Tauben die wahren Brieftauben seien, die früher Botschaften zu den Engeln flogen. Leonie meint nur: Klar, warum nicht. Und plötzlich öffnet sich die Tür des Eingangs, Johannes tritt heraus: Da bist du ja! Ich dachte schon, du wärst entführt. Er hebt das kleine Mädchen hoch, fragt nach der Notiz und stellt Leonie und Liesel voreinander.

Liesel wirft einen misstrauischen Blick auf Leonie, und die Stimmung wird ziemlich unangenehm. Nach etwa einer halben Stunde gehen Johannes und Liesel nach Hause, während Leonie leise sagt: Alles gut.

Eine Woche später sieht Leonie Liesel, die hinter einer Bank sitzt und Tauben füttert. Hey, was machst du?, fragt sie. Liesel antwortet: Ich fange die Tauben. Leonie lacht und meint: Da musst du wohl ein Netz benutzen. Liesel fragt, wo sie das hernehmen soll, und Leonie antwortet: Ich bringe dir eins. Sie läuft zur nächsten Haltestelle, holt ein riesiges Vogelnetz und einen Sack Sonnenblumenkerne und kommt zurück. Zusammen streuen sie die Kerne aus, das ganze Viertel füllt sich mit flatternden Tauben, die auf das Netz zu fliegen beginnen. Leonie wirft das Netz, Liesel schnappt zu, und plötzlich flattern die Vögel überall hin.

Ein Hausmeister kommt, schimpft: Jetzt ist alles voll mit Dreck, der ganze Asphalt ist ein Durcheinander. Leonie schnappt Liesel am Arm und zieht sie zum Aufzug: Lass uns nach Hause gehen. Sie fragen Johannes, ob er zu Hause ist, und er bestätigt. Leonie sagt: Wir müssen nicht erklären, warum wir hier waren. Liesel nickt, geht rein, holt ein Paket und ein Stück Schnur. Leonie legt den Finger an die Lippen, zeigt auf die Taube am Fenster, Liesel lächelt und ihre Augen leuchten.

Leonies Hand reicht der Taube ein paar Kerne, die Taube pickt sie vorsichtig. Als die Taube abgelenkt ist, versucht Leonie sie zu fangen, doch das Tier ist schneller. Es fliegt knapp an ihr vorbei, schlägt mit den Flügeln um ihr Gesicht und kratzt sie mit den Krallen. Leonie läuft die Treppe hinunter, versucht das Tier loszuwerden, während die Nachbarn aus den Fenstern schauen und laut lachen. Zehn Minuten später wischt Leonie den Treppenabsatz mit feuchten Tüchern ab, das Taubchen fliegt aus dem Fenster und verschwindet. Liesel verschwindet in ihrer Wohnung, kommt aber mit einem Eimer Wasser und einem Mopp zurück. Sie schlägt den Mopp auf den Boden, und ein stechender Geruch nach nassem Stein liegt in der Luft.

Johannes erscheint im Flur, leicht verwirrt über das Chaos, und fragt: Was ist hier los? Leonie zwinkert nur und sagt: Keine Fragen. Liesel murmelt: Ja, Papa, das ist nichts, worüber du Bescheid wissen musst. Johannes schließt die Tür, und Leonie meint: Ich habe darüber nachgedacht, warum wir die Tauben überhaupt fangen. Es gibt doch Taubenschläge, wo echte Brieftauben wohnen. Liesel springt sofort: Kann ich mitkommen? Leonie lacht und sagt: Morgen, wenn du willst.

Am Abend ruft Leonie Johannes an und erklärt alles. Er sagt: Findest du das eine gute Idee? Wenn sie älter wird, könnte sie wütend auf uns sein. Leonie antwortet: Wenn man mir von klein auf alles erzählt hätte, wäre ich vielleicht verrückt geworden. Johannes stimmt zu: Ihr werdet das schon schaffen, und Liesel ist echt schlau.

Am nächsten Tag nehmen Leonie und Liesel ein Taxi zum Taubenschlag. Dort staunt Liesel über die vielen weißen Vögel: Kann ich irgendeinen auswählen? Wird er den Brief richtig zustellen? Hat er ein Navi? Der Züchter lächelt und sagt: Wichtig ist nur die richtige Postleitzahl. Liesel erklärt ihm den Hausanschluss und fügt hinzu, dass das Schreiben von ihrer Mutter an die Engel gehen soll. Leonie gibt dem Züchter das Geld in Euro, er befestigt den Brief am Bein der Taube und lässt sie los.

Zwei Tage später ruft Johannes an: Liesel hat einen Brief erhalten, er kommt vom Himmel und steht da was von dir. Leonie ist so gerührt, dass sie früher von der Arbeit geht, verliert aber aus Versehen das Projekt, an dem sie den ganzen Tag gearbeitet hat, weil sie den Computer ausschaltet. Sie läuft zur Wohnung, klopft an die Tür und Johannes begrüßt sie. Liesel ist mit dem Nachbarsjungen im Hof, sie hat dir einen Brief auf den Tisch gelegt. Leonie nimmt das zerknitterte Blatt auf, darauf steht in kindlicher Handschrift:

Danke, Liesel, für den Brief. Ich vermisse dich sehr und habe dich lieb. Ich denke jeden Tag an dich und Papa. Ich habe Leonie gesehen, sie ist nett. Sie ist nicht deine Mama, aber ihr könnt Freundinnen sein. Ich würde das gern.

Leonie schluckt und fast weint, weil die Tinte vom Wasser läuft. Johannes legt den Arm um sie, sagt: Ich dachte immer, ich müsse ihr eine Mama finden, dabei braucht sie nur eine Freundin. Leonie seufzt, blickt aus dem Fenster, wo die Taube sitzt und ihr nachschaut, als würde sie den Engeln alles erzählen. Und das wars das ganze verrückte, aber irgendwie schöne Kapitel aus unserem Berliner Leben. Bis bald!

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Homy
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