Der alte Griesgram schenkte mir einen Kamm. Was dann geschah, veränderte mein ganzes Leben.

Der alte Griesgram schenkte mir eine Kamm. Was danach geschah, wirbelte mein ganzes Leben um.

Er lag auf einem Regal im hintersten Winkel eines kleinen Kiosks in Berlin, als ob er nur auf mich gewartet hätte. Ein Lichtstrahl der Leuchtstoffröhre fing ihn ein, und er erstrahlte in kaltem silbernem Schimmer. Ich blieb wie erstarrt stehen. Es war nur ein Kamm, doch einer, den ich noch nie gesehen hatte. Der Griff, glatt und kantig aus mattem Stahl, die Zähne keine gewöhnlichen Zähne, sondern schillernde Regenbogenstreifen, als wären sie aus Eis gemeißelt, in dem die Sonne spielend tanzte.

Ich griff danach, doch meine Finger erstarrten einen Zentimeter davor. In mir zog ein Widerstreben zusammen. Warum?, krächzte eine innere Stimme. Zu Hause hast du einen hübschen, gewöhnlichen Arbeit­kamm. Geld zum Fenster raus. Unsinn. Ich seufzte und zog die Hand zurück, doch mein Blick blieb gefesselt. Der Kamm wirkte lebendig, hypnotisch. Ich stellte mir vor, wie er über meine widerspenstigen, roten Locken gleitet, und ein Lächeln spielte auf meinen Lippen.

Junge Dame! Einen feinen Kamm, nehmen Sie!, rief die Verkäuferin am Tresen, ihr Gesicht breit wie ein Sonnenschein.
Wir haben nur noch zwei Stücke, die restlichen sind weg, ehrlich. Nicht nur schön, sondern auch praktisch verheddert keine Haare, bestätigte sie.

Nur ich schaue nur, murmelte ich verlegen und trat einen Schritt zurück. Ich habe meinen eigenen, auch gut.

Ich wandte mich vom Regal ab, wollte gehen. Ein kleines Spiegelbild hing im Gang; ein flüchtiger Blick darauf zeigte mir ein paar widerspenstige, rote Strähnen, die aus meinem Hut hervorlugten. Das dürre Verlangen nach dem Kamm keimte erneut.

Nein, sagte ich fest zu mir selbst. Man muss sparsam sein, unnötiges ablehnen lernen.

Ich trat auf die Stufe, stellte mein Gesicht dem kalten Februarwind entgegen. Die Luft rüttelte mich wach aus dem seltsamen Bann. Auf der rutschigen Straße unten schlurfte eine vertraute Gestalt: Hannes Grimm, genannt in unserem Viertel nur der Griesgram.

Eigentlich hieß er Hans Friedrich, doch niemand nannte ihn so. Der alte Mann strahlte eine eisige Kälte aus, die Kinder wegrückte. Er sprach nie, und wenn jemand ihn ansah, erwiderte er mit einem durchdringenden Blick, dass Vorbeigehende sofort die Augen wichen.

Er trug sein übliches Outfit: ein abgewetzter Hasenmantel, ein alter Wollmantel, zerfetzte Stiefel. Und doch trug er an seiner Schulter eine ungewöhnliche Tasche aus grauem Stoff, mit einer perlmuttfarbenen Blume bestickt kunstvoll genäht, als wäre sie ein Gruß aus einer anderen Welt.

Ich starrte diese fremdartige Schönheit an, konnte meinen Blick nicht abwenden. Unsere Augen trafen sich. In seinen blassen, verblichenen Augen funkelte ein Funke uralten Unmuts. Ich wandte mich schnell zum Schaufenster, tat so, als betrachte ich etwas, und mein Herz hämmerte laut in meiner Kehle.

Hey! Du dort oben!, erschallte eine heisere Stimme ganz nah. Ich tat so, als hätte ich nichts gehört.

Hey! Ich spreche dich an!, wurde die Stimme lauter.

Ich drehte mich langsam um. Hannes Grimm kletterte, knarrend, die Stufen hinauf und starrte mich direkt an.

Kommst du aus unserem Haus?, fragte er, während er seine zerzausten, grauen Brauen über die Nasenspitze strich. Ein Hauch von Minze und alter Kleidung stieg von ihm auf.

Ich spürte, wie mein Gesicht rot anlief. Äh ja, also, stotterte ich, fühlte mich wie eine Dummling.

Ja, oder nein? hakte er nach, und in seinen Augen flammten bekannte, boshafte Funken.

Ich nickte schweigend, bereit für einen Streit. Warum also war ich ihm nicht gefallen? Sie sahen mich anders an?

Er holte tief Luft, und plötzlich änderte sich sein Blick. Die Wut verflog, ersetzt von einer seltsamen, müden Erschöpfung.

Hilf mir dann, ja? Ein Geschenk auswählen. Du bist ein Mädchen, und Marlies ist meine Enkelin. Meine Urenkelin lebt weit weg, ich habe sie lange nicht gesehen. Und Marlies, flüsterte er fast.

Ein kurzer Blitz der Verzweiflung glomm in seinen Augen, nicht mehr Wut, sondern tierisches Verzweifeln.

Vielleicht solltest du Marlies selbst fragen, was sie will? Vielleicht per Telefon?, schlug ich vorsichtig vor. Ich weiß einfach nicht, was ihr gefallen könnte.

Ich kann sie nicht fragen, schnitt er mir ins Wort, sein Gesicht erstarrte erneut. So ist es. Also, hilfst du mir? Was soll ich auswählen?

Dann erinnerte ich mich an den Kamm. Genau dieser, fremdartige, schöne Kamm, wie die Tasche. Er würde perfekt passen.

Obwohl die Angst nicht verflogen war, zuckte etwas in mir. Ich wagte es, seine Ärmel zu berühren.

Komm, sagte ich leise. Ich habe etwas gesehen. Es scheint das Richtige zu sein.

Ich führte ihn zurück zum Laden, spürte die raue Textur seines Wollmantels unter meinen Fingern. Er ging schweigend, gestützt auf einen Stock, den ich vorher nie bemerkt hatte. Wir standen wieder am selben Tresen.

Hier, zeigte ich auf den glänzenden Gegenstand. Ich glaube, das könnte ihr gefallen.

Hans Friedrich griff langsam, fast mit Anstrengung, nach dem Kamm. Er drehte ihn in seinen großen, von tiefen Falten und Altersflecken gezeichneten Händen. Er sah nicht auf den Kamm, sondern hindurch, als suchte er ein fernes Erinnerungsstück. In diesem Moment war er nicht mehr der Griesgram, sondern ein müder, einsamer Greis.

Nur noch zwei Stück, hallte die Stimme der Verkäuferin erneut. Gute Kämme, gehen schnell weg.

Der alte Mann blickte zu mir, und in seinen blassen Augen zuckte etwas. Seine Mundwinkel zuckten zu einem Anflug von Lächeln, er wirkte wie ein alter, müder Pirat, der einen verborgenen Schatz entdeckt hatte.

Ich nehme beide, bitte, sagte er plötzlich fest und griff in die Innentasche seines Mantels.

Ich wollte widersprechen, doch die Worte blieben im Hals stecken. Er zählte die Geldscheine, sorgfältig, wie ein Mann, der jeden Cent kennt. Die Verkäuferin packte die Kämme in zwei kleine Tütchen. Einer davon legte Hans Friedrich behutsam in seine blumige Tasche, fast wie ein Schatz. Das zweite Tütchen öffnete er, nahm den Kamm heraus und reichte ihn mir.

Nimm.

Ich wich zurück, als ob er mir glühende Kohlen reichen würde.

Was? Nein, das ist für deine Enkelin Ich könnte es selbst nehmen, wenn ich will

Nimm, sagte er, die Hand nicht loslassend, sein Blick nun fast streng. Ein Geschenk. Von mir. Für dich und für Marlies. Ich schicke ihr vielleicht ein Päckchen, wenn sie annimmt Und du hast mir heute geholfen. Danke.

Seine Stimme trug erneut die Spur von Verzweiflung, wenn er von seiner Enkelin sprach. Stumm nahm ich den Kamm. Das Plastik war überraschend warm, fast lebendig.

Wir verließen den Laden und schlichen schweigend zu unserem Haus. Ich trug das Geschenk, drückte das Tütchen fest, als könnte es wegfliegen. In meinem Kopf dröhnte: Warum? Warum hat er das getan? Keine Antwort.

Die Stille zwischen uns war zuerst angespannt, dann wurde sie weicher. Sein schwerer Atem, den er beim Aufstieg die Straße hinauf hatte, war das einzige Geräusch, das die Ruhe der Straße störte. Ich blickte heimlich auf seine Schultern sonst so straff, nun von einer unsichtbaren Last gebeugt.

Danke, brachte ich schließlich heraus, unfähig weiter zu schweigen. Sehr schön. Ich werde sie benutzen.

Er nickte nur, ohne mich anzusehen.

Marlies wird sich freuen, fügte ich vorsichtig hinzu.

Er verlangsamte seinen Schritt, ein tiefer Seufzer verließ seine Lippen, als käme er aus den Tiefen seiner alten Stiefel.

Ich weiß nicht, ob sie sich freuen wird, hauchte er. Vielleicht bekommt sie sie nie. Meine Tochter Jana Sie würde es nicht zulassen.

Er verstummte, wir gingen ein paar Schritte weiter im drückenden Schweigen.

Sie wirft mir die Schuld zu, platzte es plötzlich aus ihm, als breche ein Damm. Für das, dass ich ihre Mutter nicht beschützen konnte. Olja

Seine Stimme brach, er hustete, als ob er sich verschluckt hätte.

Sie starb in meinen Armen. Man sagte, es sei eine Blinddarmentzündung, dann Peritonitis. Der junge Arzt hat einen Fehler gemacht Zwei Tage kostbaren Lebens verloren. Ich vertraute dem Arzt, aber er Ich wünschte, ich hätte selbst ins Krankenhaus gehen können.

Er wischte sich das Gesicht mit der Manschette, und ich tat so, als hätte ich es nicht bemerkt.

Meine Tochter kam erst, als alles geschehen war. Fünf Jahre vergingen, seit wir das letzte Mal gesprochen haben. Die Enkelin versuchte zu schreiben, anzurufen, doch Jana verbot es. Sie liebte ihre Mutter sehr. Auch ich liebte sie. Mein Leben endete an jenem Tag.

Wir erreichten unser Haus. Er blieb vor der Tür stehen, drehte sich zu mir um. Sein Gesicht war verzerrt von einer stummen Qual, die mich innerlich zusammenzog.

Mila, geh bitte zu mir hinein. Ich zeige dir, was Olja gesponnen hat. Alles ist noch da. Komm, ja?, sagte er mit einer Verzweiflung, die keine Ablehnung zuließ.

Ich nickte schweigend. Die Angst verschwand, löste sich in einem bitteren Verständnis seiner Trauer. Ich folgte ihm ins Treppenhaus, das warme Glas des Kamms fest im Ärmel.

Er öffnete die schwere Tür, und ein seltsamer, unbewegter Duft umfing mich nicht Moder, sondern die Stille eingeschlafener Zeit, trockene Kräuter, altes Papier und ein Hauch von Parfüm, das längst verflogen, doch nicht ganz verschwunden war.

Ich trat ein und erstarrte. Die Wohnung war nicht nur ordentlich, sie war erstarrt wie ein Foto. Der Boden spiegelte einen Glanz, alle Flächen waren makellos mit Spitzenservietten bedeckt. An der Wand hing ein alter Grammophon mit riesigem Trichter, daneben ein Stapel Schallplatten. Auf den Fensterbänken standen dichte, gepflegte Geranien, deren Blätter glänzten, als wären sie gerade poliert.

Am Rücken eines Sessels hing ein zarter rosa Nachthemd mit kleinen Blumen, als hätte die Besitzerin es gerade abgelegt, um sich umzuziehen. Auf dem Schminktisch lagen ein paar Ringe, eine kurze Perlenkette, ein offenes Puderhäckchen und ein getrocknetes Mascara.

Es war kein gewöhnliches Heim, sondern ein Museum, ein Tempel der Erinnerung, in dem die Zeit seit fünf Jahren stillstand.

Hans Friedrich legte seinen Wollmantel behutsam auf einen Kleiderbügel neben das rosa Nachthemd. Er ging zur Küche, dort wirkte jede Bewegung rituell, fast tänzerisch.

Setz dich, Mila, ich mach dir Tee. Olja trank gern Tee mit Marmelade. Wir haben eigene Kirschen, murmelte er, seine Stimme leiser, wie in einer Bibliothek.

Ich setzte mich zögerlich auf den Stuhl, um die zerbrechliche Harmonie nicht zu stören. Mein Blick fiel auf einen kleinen Tisch am Fenster. Dort lag ein Stapel Briefe, fest mit einem Stück Schnur zusammengebunden. Ich beugte mich, sah die alte, feste Handschrift: An Jana, meine Tochter. Jeder Umschlag trug den Stempel: Zurück an Absender. Empfänger nicht mehr erreichbar. Sie wurden nie geöffnet. Das brach mein Herz.

Probier, sagte Hans, brachte ein Tablett mit zwei alten Teetassen, einem kleinen Blumentopf und einem ungewöhnlichen Marmeladenglas.

Ich nahm die Tasse. Der Tee roch nach Minze und Flieder. Die Marmelade war tatsächlich erstaunlich gut.

Sehr lecker, sagte ich ehrlich. So etwas habe ich nie probiert.

Er lächelte traurig, blickte an mir vorbei.

Sie war eine AllrounderKünstlerin. Strickte, nähte, gärtnete, und bastelte diese Taschen aus Reststoffen. Das Stück mit der perlmuttblumen bestickten Tasche trug sie immer bei sich. Sie sagte mir, ich solle sie nicht vergessen, wenn ich zum Markt gehe.

Er schwieg, und die Stille füllte den Raum wieder mit seiner stillen Traurigkeit. Ich aß die Marmelade zu Ende und fragte plötzlich:

Hans, können Sie mir zeigen, wie man das macht? Meine Mutter schafft es nie.

Seine Augen leuchteten, als hätte ich etwas Wichtiges gesagt.

Natürlich, das ist nicht schwer.

Er begann zu erzählen nicht vom Schmerz, sondern vom Leben. Wie er und Olja den Garten pflanzten, wie sie über zu viel Stoff für ihre Bastelarbeiten stritten, wie sie zusammen Pilze im Wald sammelten. Ich hörte zu, und der Geist des einstigen Griesgrams löste sich auf, machte Platz für einen alten Mann, der jahrzehntelang Liebe gehütet hatte, ohne zu wissen, wohin sie gehört.

Am Ausgang blickte ich noch einmal auf den Stapel ungeöffneter Briefe. Der Gedanke, der im Laden entstanden war, verwandelte sich in einen festen Entschluss. Ich durfte das nicht unbeantwortet lassen.

Darf ich noch einmal vorbeikommen, um das Rezept zu holen? fragte ich an der Tür.

Komm, Mila, komm jederzeit, antwortete er, und in seinen Augen lag zum ersten Mal seit diesem Abend Wärme, nicht Eis. Ich erzähle dir auch, wie man Zucchinimarmelade macht das ist ein Trick.

Ich trat die Treppe hinab, die Tür schloss leise hinter mir und sperrte ihn wieder in sein Museum der Stille und Erinnerung. In meiner eigenen Wohnung ließ ich die Kamm wieder auf den Tisch fallen. Er glänzte dort, mit seinen regenbogenfarbigen Zähnen, nicht mehr nur ein hübsches Stück, sondern ein Schlüssel. Ein Schlüssel, der die Tür zu einer fremden Tragödie geöffnet hatte.

Ich setzte mich, nahm ein Notizbuch und einen Stift. Ich konnte nicht alles auf einmal schreiben. Zu viele Gefühle drängten sich in mir. Aber ich begann die ersten Zeilen, das Wichtigste:

Liebe Jana, wir kennen uns nicht. Ich heiße Milena, ich wohne neben Ihrem Vater. Bitte finden Sie die Kraft, diesen Brief bis zum Ende zu lesen

Draußen wurde es finster. Ich schrieb, strich Wörter, löschte und schrieb neu, spürte die schwere Verantwortung, aber auch eine seltsame Zuversicht die Zuversicht, das Richtige zu tun.

Drei Wochen vergingen. Drei Wochen Stille. Der Brief war abgeschickt, doch keine Antwort kam kein Anruf, keine Nachricht, nur das bedrückende Schweigen, das Hans Friedrichs Wohnung erfüllte.

Ich besuchte ihn oft. Wir tranken Tee mit Marmelade, er erzählte immer neue Details seiner Rezepte, ich notierte eifrig, tat so, als wäre ich sehr interessiert, und scheute den Blickkontakt, aus Angst, dass er die Täuschung erkenne. Jedes Mal, wenn ich ging, fühlte ich, wie sein Blick weniger misstrauisch und mehr dankbar wurde.

Eines Tages, zurück vom Institut, sah ich am Treppenhaus ein Bild: Die Nachbarsinnen, unsere Küchenfreundinnen, diskutierten lebhaft und deuteten zur Bank, wo gewöhnlich Hans saß. Er war nicht da, doch sie flüsterten weiter.

man nennt ihn doch den Griesgram. Er stritt mit jedem, war nie freundlich. Man sagt, er hat sogar seine Frau

Ich erstarrte. Blut schoss in mein Gesicht. Alles, was ich von ihm gesehen hatte, die Tragödie, die sie nicht kannten, kam in einer heißen Welle zurück. Ich sagte nichts, ging direkt zu ihnen.

Sie verstummten, sahen mich mit überraschter Neugier an.

Sie reden von Hans Friedrich?, fragte ich, meine Stimme laut im Abend.

Eine der Frauen, die wildste, lachte: Ach, war er nicht ein Griesgram? NiemandAls ich ihr dann die zweite, silbrig schimmernde Haarbürste überreichte, erkannte sie im Glanz ihres eigenen Lächelns die Heilung, die wir alle so lange gesucht hatten.

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Homy
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Der alte Griesgram schenkte mir einen Kamm. Was dann geschah, veränderte mein ganzes Leben.
„Das vergessene Kind“