Durch meine zwölfjährige Tätigkeit im abgelegenen Nordkrankenhaus an der Ostsee habe ich etwa zwölftausend Neugeborene zur Welt gebracht. Doch manche Fälle brennen sich ein und dazu gehört meine einzige Drillingsgeburt! Darauf will ich jetzt näher eingehen.
Es war ein junges Ehepaar, das sein erstes Kind erwartete. Der Vater, ein Luftfahrtmechaniker am kleinen Regionalflughafen von Kiel, wurde uns per Dienstzuweisung zugeteilt. Die beiden lebten in einem winzigen Zimmer im Studentenwohnheim. Die Mutter war eine echte Berliner sprühend vor Energie, leuchtend rötlich im Haar und umwerfend hübsch. Einen passenden Frauenbegriff dafür zu finden, fällt mir schwer.
Der Vater, ein bodenständiger Mann aus der Türkei, war kräftig, gelassen und ein wenig gemütlich. In jenen guten alten, noch unbeschwerten Zeiten der alten DDRErinnerungen war das völlig normal. Schon früh erfuhren sie, dass sie Zwillinge erwarten würden.
Die Frau wollte wegen der Geburt nach Berlin zu ihrer Mutter fahren. Doch die Wehen setzten bereits nach 32Wochen ein und gerade in meiner Schicht kam Vika, die werdende Mutter, ins Haus. Das Hauptgebäude war wegen einer gründlichen Reinigung gesperrt, also arbeiteten wir temporär in den Räumen der Gynäkologie.
Die diensthabende Geburtshelferin war Dr. Karin Schröder, eine erfahrene und herzliche Ärztin. Beim ersten Blick verdächtigte sie, dass die Babys falsch liegen könnten. Das hieß, eine natürliche Geburt wäre zu riskant also wurde ein Kaiserschnitt beschlossen. Zusätzlich machten wir eine Röntgenaufnahme, um die Lage genau zu prüfen.
Wie die frühen Untersuchungen zeigten, lagen tatsächlich zwei Kinder im Bauch! Einer mit Köpfchen nach vorne, der andere kopfüber.
Nachdem wir die Situation eingedämmt hatten, ging es operativ los. Zuerst kam ein Junge, 1800g schwer, zur Welt. Während ich und die Krankenschwester ihm die nötige Hilfe leisteten, holten die Kollegen den zweiten Jungen, 1600g, heraus.
Kaum war das erledigt, hörte ich hinter mir die Stimme der Ärztin:
Jetzt kommt das dritte!
Da war kein Witz zu machen die beiden Jungen hatten schon einen zarten Anfang. Ich schimpfte leicht mit den Spaßvögeln im OPTeam, doch ein lauter Aufschrei ließ mich erschauern. Und dann
Ein Drittel kam! Ein kleines Mädchen, 1400g, schlüpfte heraus. Ich war völlig perplex. Wie war das möglich? In den Scans und der Untersuchung war sie nicht zu sehen! Es stellte sich heraus, dass die beiden Jungen nebeneinander entlang der Gebärmutter lagen, während das Mädchen quer darunter schlummerte ein echter Geheimtipp der kleinen Gentlemen, um ihre Dame vor neugierigen Blicken zu schützen.
Wären Dr. Schröder und ihr Team nicht auf einen Schnitt bestanden, hätten die Kinder vermutlich nicht überlebt. Wir packten das Mädchen und versorgten zu dritt die Neugeborenen, obwohl unser Kinderzimmer nur ein einziges Isolierbabybett für Frühgeborene hatte. Alle drei passten hinein.
Die ganze Nacht blieb ich bei den Kleinen, völlig besorgt. Am Morgen stabilisierten sich die Werte, und das Klingeln der Telefonklingel riss mich aus der Trance. An der Tür erschien ein gutaussehender Mann in Fliegeruniform.
Was habe ich denn bekommen? fragte er, noch etwas benommen.
Herzlichen Glückwunsch! Sie haben zwei Söhne und ein Mädchen, sagte ich zögernd.
Die Information kam bei ihm mit Verzögerung an. Mehrmals murmelte er vor sich hin:
Zwei Söhne und ein Mädchen Zwei Söhne klar Mädchen? Nicht verstanden Wie viele? Drei?
Ja, genau, versuchte ich, ihn zu beruhigen. Er kletterte langsam die Wand hinunter, setzte sich auf einen Stuhl und bekam ein Glas Wasser. Man musste verstehen, dass er gerade erst aus einer fernen Stadt angereist war, kaum Geld in Euro verdiente und in einer winzigen Wohnung lebte und plötzlich Drillingseltern geworden war!
Die Kinder verbrachten noch einige Wochen auf unserer Station, um ihr Gewicht zu steigern und ihre Gesundheit zu festigen. Ich liebte es, in ihr Zimmer zu gehen und das Wunder der Natur zu bewundern. Trotz ihrer Dreiheit waren sie stets gepflegt und gut gefüttert. Die Mutter, stets mit einem strahlenden Lächeln, war eine wahre Glücksbringerin.
Es war das erste Drillingsbaby in unserem kleinen Ort, und das Glück des Paares war kaum zu fassen. Die Verwaltung stellte ihnen sofort eine geräumige Dreizimmerwohnung im Neubau zur Verfügung und sorgte für alles Nötige. Zusätzlich erhielten sie für die ersten Monate eine eigene Fachkrankenschwester.
Doch die eigentliche Heldin war die Mutter eine atemberaubend schöne junge Frau, die ihre drei Sprösslinge auf die Beine brachte und großzog. Zehn Jahre später stolperte ich zufällig in den Aufenthaltsraum der Klinik. Dort trat Annika mit ihren Kindern ein, um den Vater zu besuchen. Zwei dunkelhaarige Jungen, ein Spiegelbild ihres Vaters, folgten ihr, und kurz darauf rannte ein quirliges, feuerrotes Mädchen, das ihr unverkennbares Ebenbild war, lachend zu uns.
Ich konnte kaum fassen, wie glücklich ich war, diese wundervolle Familie zu sehen. Es schien, als würden meine Hände noch die Wärme der kleinen Herzen spüren, die ich einst begleitet hatte. Und ich hörte immer noch das leise Pochen ihrer winzigen Herzen.





