MUTTER WILL NICHT GEHEN
Vor ein paar Wochen hat uns ein harter Schlag erwischt: Die Schwester meiner Schwiegermutter ist von uns gegangen. Sie war verwitwet und hinterließ ihre vierjährige Tochter Leni. Mein Mann und ich haben uns sofort bereit erklärt, Leni zu übernehmen. Kaum hatte das Mädchen vom Tod der Mutter erfahren, hat sie sich in ihr Zimmer verkrochen und das Haus nie wieder verlassen. Sie weigerte sich sogar, mit uns umzuziehen, also sind wir in die Wohnung eingezogen, in der sie und ihre Mutter lebten. Wir dachten, nach der Beerdigung würde sie zu uns kommen doch das war ein Wunschtraum. Das Wohnen dort wurde fast unerträglich. Nachts flackerte das Wasser von selbst, das Licht spielte Verstecken, und die Türen knarrten, als würde eine unsichtbare Katze von Raum zu Raum sprinten. Ich habe versucht, die Wohnung zu segnen, aber das half genauso wenig wie ein Glückskeks.
Eines Nachts, als ich nicht schlafen konnte und mein Mann fest schlief, hörte ich ein Flüstern aus Lenis Zimmer. Ein Schaudern überkam mich, aber ich weckte den Mann nicht. Leise schaltete ich das Licht an, schlich zur Tür und lauschte. Nur die Stimme meiner kleinen Leni drang heraus.
Ich will nicht schlafen, ich will mit Käthe spielen. (Käthe ist ihr Lieblingspüppchen.) Nur noch ein bisschen und dann lege ich mich hin.
Ich öffnete die Tür. Leni kauerte in einer Ecke hinter dem Schrank, hielt ihr Püppchen fest und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an, als wäre ich ein Gespenst.
Leni, mit wem hast du gerade gesprochen? fragte ich.
Mit Mama
Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter. Ich brachte sie ins Bett, kuschelte mich an meinen Mann und döste ebenfalls ein. In der nächsten Woche hörte Leni ständig jemandem zu, aber ich schob das einfach auf den Schock ein Kind, das seine Mutter verloren hat, redet manchmal mit unsichtbaren Freunden. Die Wohnung testete weiterhin meine Geduld.
Eines Tages, während ich das Mittagessen zubereitete, rief ich Leni mehrmals zum Essen, doch sie schrie nur, dass sie nicht will. Sie hatte nie viel Appetit, und ihre Mutter war, sagen wir milde, ungeduldig wenn Leni nicht essen wollte, wurde sie mit einer Handvoll Schokolade zur Tafel gezerrt. Beim zehnten Versuch, sie zu Essen zu rufen, hörte ich ein dumpfes Krachen und ein lautes Heulen. Ich rannte ins Zimmer und sah ein Bild, das selbst einen Horrorfilm alt aussehen ließ: Ein riesiger Kleiderschrank war umgestürzt und lag neben dem Bett. Zum Glück hatte er nur die Kante berührt; sonst wäre Leni wohl nicht mehr aufgewacht. Sie schrie in die Ecke, biss sich die Lippen zusammen und war den Rest des Tages in Panik.
Noch am selben Abend hörte ich wieder ihr Schluchzen. Ich trat ein, um sie zu trösten. Sie kletterte in meine Arme, drückte sich fest an mich und starrte immer wieder in dieselbe Wand, als säße dort jemand. Ihr Blick war voller Angst.
Leni, wer ist da? fragte ich.
Mama hauchte sie.
Leni, sag deiner Mama, dass du sie loslassen willst und dass sie gehen soll.
Mama will nicht gehen!, flüsterte sie.
Am vierzigsten Tag nach dem Tod besuchten wir das Grab, legten Blumen hin und verteilten Süßigkeiten an die Nachbarskinder, damit sie an die Verstorbene denken. Endlich kehrte Ruhe ein. Wir verkauften die gruselige Wohnung und zogen Leni zu uns. Und nun, wenn das Wasser wieder zu tanzen beginnt, lachen wir nur und sagen: Na, dann haben wir wohl wieder ein kleines Gespenst in der Leitung.





