Die Nacht vor dem Morgengrauen

Die Nacht vor dem Morgengrauen

Als Anke plötzlich die Wehen bekam, zeigte die Uhr viertel vor drei. In der Wohnung herrschte ein feuchter Dämmerzustand: Draußen nieselte ein leichter Regen, die Laternen warfen verschwommene Lichtflecken auf den Asphalt. Markus sprang schon aus dem Sessel er hatte fast die ganze Nacht wachgesessen, wankte auf einem Küchenhocker, checkte immer wieder die Tasche an der Tür und lugte aus dem Fenster. Anke lag auf der Seite, drückte die Hand gegen den Bauch und zählte die Sekunden zwischen den Schmerzstößen: sieben Minuten, dann sechs einhalb. Sie versuchte, die Atemtechnik aus dem YouTubeVideo zu wiederholen einatmen durch die Nase, ausatmen durch den Mund aber es klang alles etwas holprig.

Schon? rief Markus aus dem Flur, seine Stimme klang gedämpft, weil die Schlafzimmertür noch halb zu war.

Sieht so aus murmelte Anke vorsichtig, setzte sich auf die Bettkante und spürte den kalten Fußboden unter den nackten Zehen. Die Wehen kommen immer öfter.

Den ganzen letzten Monat hatten sie sich darauf vorbereitet: Sie hatten eine große, blaue Kliniktasche gekauft, alles nach einer Checkliste von einer ElternWebseite eingepackt Reisepass, Krankenversicherungskarte, Mutterpass, eine Ersatznachtwäsche, das HandyLadegerät und sogar einen Schokoriegel für alle Fälle. Jetzt wirkte selbst diese Ordnung wackelig. Markus wühlte um den Kleiderschrank, sortierte die Dokumente.

Der Pass ist hier Die Versicherungskarte Wo ist denn der Mutterpass? Hast du ihn gestern nicht mitgenommen? sprudelte er schnell und leise, als fürchte er, die Nachbarn durch die Wände zu wecken.

Anke stand schwerfällig auf und ging ins Bad sie wollte wenigstens ihr Gesicht waschen. Dort roch es nach Seife und leicht feuchten Handtüchern. Im Spiegel sah sie eine Frau mit dunklen Augenringen und zerzausten Haaren.

Sollen wir gleich ein Taxi rufen? rief Markus aus dem Flur.

Ja Aber check noch mal die Tasche

Beide waren noch jung: Anke war siebenundzwanzig, Markus ein bisschen über dreißig. Er arbeitete als Entwicklungsingenieur in einem Maschinenbauwerk in Berlin, sie hatte bis zur Elternzeit Englisch an einer Gesamtschule unterrichtet. Die Wohnung war klein: KücheWohnzimmer und ein Schlafzimmer mit Blick auf die KarlMarxAllee. Alles schrie nach Veränderung: Im Eck stand schon das Kinderbett, aber ein Stapel Windeln lag darauf; daneben eine Kiste mit Geschenken von Freunden.

Markus bestellte das Taxi über die App das gelbe Symbol tauchte auf dem Handybildschirm fast sofort auf.

Das Auto ist in zehn Minuten da

Er versuchte, ruhig zu klingen, doch seine Finger zitterten über dem Bildschirm.

Anke zog einen Hoodie über ihr Nachthemd, suchte nach dem Ladekabel: Der Akku zeigte achtzehn Prozent. Sie steckte das Kabel zusammen mit einem Gesichtstuch in die Jackentasche vielleicht später noch nützlich.

Im Flur roch es nach Schuhen und leicht nasser Jacke Markus hatte seine Jacke nach dem gestrigen Spaziergang noch trocknen lassen.

Während sie sich fertig machten, wurden die Wehen spürbarer und etwas häufiger. Anke verzichtete darauf, auf die Uhr zu schauen; besser zählte sie Ein und Ausatmen und dachte an die Straße, die vor ihr lag.

Fünf Minuten vor dem erwarteten Ankunftszeitpunkt verließen sie das Treppenhaus: Das flackernde Licht des Flurlichtschalters warf einen bleichen Fleck neben dem Aufzug, von dem ein Zugluftstoß nach oben zog. Die Treppe war kühl; Anke zog die Jacke enger um sich und drückte die Dokumentenmappe an die Brust.

Unten war die Luft feucht und kühl, selbst im Mai: Regentropfen liefen den Vordachvorsprung hinab, ein paar Passanten hasteten über den Gehweg, eingehüllt in Mäntel oder tief ins Kapuzenpullis gezogen.

Die Autos im Innenhof standen wirr geparkt; aus der Ferne dröhnte ein dumpfes Motorgeräusch jemand schaltete wahrscheinlich den Wagen für die Nachtschicht an. Das Taxi kam bereits fünf Minuten zu spät; das Symbol auf der Karte wanderte träge weiter: Der Fahrer schien zwischen den Höfen zu zickzacken oder Umleitungen zu suchen.

Markus prüfte sein Handy alle halben Minuten:

Schreibt: Zwei Minuten. Aber er legt einen extra Block um Vielleicht Baustelle?

Anke lehnte sich an das Geländer des Eingangs und ließ die Schultern locker. Plötzlich erinnerte sie sich an den Schokoriegel, griff in die Seitentasche der Tasche und stellte fest er war noch da. Kleinigkeit, aber ein bisschen Trost, etwas Vertrautes in diesem Chaos.

Endlich tauchten Scheinwerfer um die Ecke des Gebäudes auf: Ein weißer VW Passat bremste vor dem Treppenhaus und hielt vorsichtig vor der letzten Stufe. Der Fahrer, ein Mann um die fünfundvierzig, mit müdem Gesicht und kurzem Bart, öffnete schnell die Hintertür und half Anke, das Gepäck zu verstauen.

Guten Abend! Klinik? Alles klar, Anschnallen nicht vergessen

Er sprach laut, aber nicht zu schrill; seine Bewegungen waren geübt, aber ohne Hast. Markus setzte sich hinter den Fahrer, die Tür schlug etwas lauter zu als sonst im Auto roch es nach frischer Luft gemischt mit Resten von Kaffee aus der Thermosflasche neben dem Handschuhfach.

Als sie den Innenhof verließen, gerieten sie sofort in ein leichtes StauGefühl: Vor ihnen blinkten Einsatzlichter von Baustellenfahrzeugen Arbeiter verlegten nachts Asphalt unter spärlichen Laternen. Der Taxifahrer schaltete das Navigationsgerät lauter:

Ach du meine Güte Man hatte doch versprochen, bis Mitternacht fertig zu sein! Jetzt gehen wir über die Nebenstraße

In diesem Moment erinnerte sich Anke an den Mutterpass:

Stopp! Ich habe den Pass zu Hause gelassen! Ohne den kommen sie nicht hinein!

Markus wurde blass:

Ich spring gleich rüber! Wir sind ja gleich da!

Der Fahrer blickte in den Rückspiegel:

Ganz ruhig! Wie lange dauert das? Ich warte, solange ihr wollt die Zeit haben wir noch.

Markus rannte fast aus dem Auto, spritzte Wasser aus Pfützen auf dem Weg zum Treppenhaus und zurück. Nach vier Minuten kehrte er keuchend zurück den Pass hatte er in der Hand, zusammen mit dem Schlüsselbund, den er aus dem Schloss gezogen und wieder hochgeklettert war. Der Fahrer hatte die ganze Zeit schweigend die Straße im Blick behalten. Als Markus wieder Platz nahm, nickte der Fahrer nur kurz:

Alles gut? Dann weiter!

Anke drückte die Unterlagen fest an die Brust, ein Wehenstoß traf stärker als zuvor sie versuchte, gleichmäßig durch die Zähne zu atmen. Das Auto schlängelte sich langsam entlang der Reparaturstelle; durch die beschlagene Scheibe sah man nasse Schilder von 24StundenApotheken und vereinzelte Gestalten mit Regenschirmen.

Im Innenraum herrschte angespannte Stille: Nur das Navigationssystem verkündete gelegentlich neue Umleitungen, das Heizungssystem knisterte leise.

Nach ein paar Minuten brach der Fahrer das Schweigen:

Ich habe drei Kinder Der Älteste kam auch nachts, wir sind damals zu Fuß zur Klinik gelaufen: Der Schnee war knöcheltief Aber das war dann das schönste Abenteuer!

Er lächelte schief:

Keine Panik zu früh Hauptsache, die Papiere habt ihr dabei und haltet euch fest an den Händen!

Anke merkte, dass ihr zum ersten Mal seit einer halben Stunde leichter wurde: Die ruhige Stimme des Fremden wirkte besser als jedes InternetRatgeberVideo oder jede Selbsthilfegruppe für werdende Mütter. Sie sah zu Markus er lächelte ebenfalls leicht, kaum wahrnehmbar hinter der Anspannung.

Am Klinikum kamen sie knapp vor fünf Uhr morgens an. Der Regen nieselte weiter, aber jetzt eher träge, als würde er faul an das Autodach klopfen. Markus bemerkte zuerst den hellen Streifen am Horizont die Stadt wurde von einem blassen Morgengrauen überflutet. Der Fahrer bog behutsam in die Einfahrt und hielt dort, wo am wenigsten Pfützen lagen. Neben ihnen standen zwei Rettungswagen, doch noch Platz für ein schnelles Ausladen blieb.

Fertig, wir sind da! sagte der Fahrer, drehte sich über die Schulter. Ich helfe mit der Tasche, keine Sorge.

Anke streckte sich mühsam, hielt den Bauch und drückte die Dokumentenmappe fest in die Hand. Markus sprang zuerst aus, griff nach seiner Frau und half ihr, auf den nassen Asphalt zu treten. In diesem Moment schlug ein neuer Wehenstoß so heftig zu, dass sie kurz innehalten und ein paar tiefe Atemzüge nehmen musste. Der Fahrer griff geschickt nach der blauen Kliniktasche und stellte sie direkt vor die Tür.

Vorsicht, hier ist rutschig rief er über die Schulter. Seine Stimme klang, als wäre das kein besonderes Ereignis, sondern einfach Teil des großen Berliner Alltags.

Am Eingang der Klinik roch es nach feuchter Erde und etwas Medizinischem: eine Mischung aus Desinfektionsmittel und Regen. Unter dem Vordach sammelten sich Tropfen, die gelegentlich auf Ärmel oder Wangen platschten. Markus blickte umher: keine Menschen in Sicht, nur eine diensthabende Krankenschwester hinter einer Glastür und ein paar Männer in blauen Kitteln an der hinteren Wand.

Der Fahrer stellte die Tasche neben Anke, richtete sich auf und wirkte plötzlich ein wenig verlegen über seine eigentliche Rolle. Er zuckte mit den Schultern:

Na, dann mal viel Glück! Wichtig ist, dass ihr euch nicht aus den Augen verliert. Der Rest kommt von selbst.

Markus wollte etwas sagen, fand aber keine Worte zu viel war in der Nacht geschehen. Stattdessen schüttelte er dem Fahrer fest die Hand, wirklich dankbar. Anke nickte, lächelte ein wenig verlegen und flüsterte:

Danke wirklich.

Nichts zu danken! wischte er ab, blickte zur Seite und fuhr dann zurück zum Auto. Alles wird gut!

Die Tür des Klinikgebäudes öffnete sich mit einem leisen Quietschen, die diensthabende Krankenschwester lugte heraus, musterte die Situation mit einem schnellen Blick und winkte:

Kommt rein! Papiere bereit halten Männer dürfen nicht rein, nur im Notfall. Die Mappe?

Anke nickte und reichte die Mappe durch die angelehnte Tür. Die Tasche folgte sofort. Markus blieb unter dem Vordach stehen: Der Regen trommelte auf die Kapuze seiner Jacke, doch er bemerkte das kaum.

Wartet hier. Wenn etwas fehlt, rufen wir euch. sagte die Schwester aus dem Inneren.

Anke drehte sich kurz um, ihr Blick traf Markus durch das Glastürchen. Sie zeigte mit der Hand ein kurzes Alles gut Daumen hoch, ein schwaches Lächeln. Dann wurde sie weiter den Flur entlang geschoben; die Tür schlug leise zu.

Markus stand allein im Morgenlicht. Der leichte Regen ließ nach, die Nässe drang bis zum Kragen, doch das störte ihn kaum mehr. Er prüfte reflexartig sein Handy: Der Akku zeigte gerade noch ein paar Prozent später würde er wohl nach einer Steckdose suchen oder jemanden um ein Ladegerät bitten.

Der Fahrer fuhr nicht sofort weg: Er spielte noch ein wenig im Auto, schaltete die Scheinwerfer an und blickte durch das Seitenfenster zu Markus. Ihre Blicke trafen sich erneut kurz, ohne Worte. In diesem Schweigen lag mehr Unterstützung als in manch langen Rede.

Markus hob den Daumen ein einfaches Zeichen von Dankbarkeit und ein stilles Danke. Der Fahrer nickte, lächelte müde, aber breit, und fuhr schließlich los.

Als das Auto um die Ecke verschwand, wirkte die Straße ungewöhnlich leer. Für einen Moment war es so still, dass man nur das Tropfen des Regens auf das Metall des Vordachs und das ferne Summen der Stadt hörte, die gerade erst zu erwachen begann.

Markus blieb noch eine Weile unter dem Vordach stehen. Durch das Fenster sah er die Anmeldeschalter, an denen Anke jetzt auf einem Stuhl saß und gemeinsam mit der Schwester etwas ausfüllte. Ihr Gesicht wirkte ruhiger, die Anspannung der letzten Stunden schien mit dem Regen zu verschwinden.

Er spürte zum ersten Mal seit Stunden ein leichtes Aufatmen als hätte er die Luft unter Wasser gehalten und jetzt endlich die Oberfläche erreicht. Alles hatte geklappt: rechtzeitig da, die Unterlagen dabei, Anke in guten Händen, und ein neuer Morgen vor ihnen.

Der Himmel über Berlin färbte sich langsam in einen perlmuttgleichen Morgengrauen; die feuchte Luft roch nach Frische nach dem nächtlichen Schauer. Markus atmete tief ein einfach so, ohne Grund, nur um den Moment zu genießen.

In diesem Augenblick schien fast alles möglich.

Die Zeit zog für Markus quälend langsam, er schlenderte im kleinen Garten rund um das Klinikum, verzichtete darauf, auf sein Handy zu schauen, damit es nicht komplett leer wurde.

Ungefähr anderthalb Stunden nachdem Anke eingetroffen war, vibrierte sein Telefon in der Tasche. Es war Anke, die anrief:

Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt Papa, unser Sohn heißt Boris 4200, alles gut!

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Homy
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Das Recht auf Selbstbestimmung