Rückkehr ins Leben
Klara hatte das Appartement ihres Sohnes lange nicht betreten. Es wollte ihr nicht gelingen, die Tränen waren längst versiegt. Der Kummer hatte sich in eine dumpfe, ständige Qual verwandelt, aus der kein Ausweg mehr zu sehen war.
Ihr Sohn, Sven, war achtundzwanzig Jahre alt gewesen, hatte nie über seine Gesundheit geklagt, das Ingenieurstudium abgeschlossen, in einem Büro in Berlin gearbeitet, das Fitnessstudio besucht und eine Freundin namens Leni gehabt. Vor zwei Monaten legte er sich schlafen und erwachte nicht mehr.
Klara war geschieden, als Sven sechs war sie war damals dreißig, er sechs Grund war ein wiederholter Seitensprung ihres Mannes, der keinen Unterhalt zahlte und sich immer wieder versteckte. Der Junge wuchs ohne Vater auf, die Eltern halfen aus. Weitere Beziehungen kamen und gingen, doch die Ehe blieb ein fremder Traum.
Als Augenärztin betrieb Klara zunächst einen kleinen Stand in einem Supermarkt, verkaufte Brillenfassungen und Gläser. Mit einem Kredit erwarb sie schließlich ein eigenes Ladenlokal in einem Altbau von München, gründete eine solide Optik, in der sie neben dem Verkauf auch ihre Praxis führte, Patienten beriet und Brillen anpasste.
Im letzten Jahr kauften sie und ihr Mann eine Einzimmerwohnung für Sven in einer ruhigen Seitenstraße, renovierten sie ein wenig ein Platz zum Wohnen, zum Atmen.
Staub lag überall. Klara griff nach einem Lappen, schob das Sofa beiseite, und aus dessen Tiefen rollte Svens Handy heraus. Sie legte es ans Ladegerät.
Zuhause, Tränen in den Augen, blätterte sie durch die Fotos auf dem Telefon: Sven im Büro, am See mit Freunden, mit Leni im Sommer. Dann öffnete sie Viber und ganz oben stand eine Nachricht von einem alten Freund, Denis. Ein Bild: eine junge Frau mit einem kleinen Jungen, der Sven fast zum Spiegelbild glich.
Erinnerst du dich an die Silvesterparty bei Lena, damals noch Studenten? Sie hatte eine Freundin, die einen Jungen hat, und die wohnt gegenüber. Der Kleine sieht aus wie dein Sven, schau mal.
Die Nachricht war eine Woche vor dem Unglück gesendet worden. Also hatte Sven wohl etwas gewusst und nichts gesagt.
Klara kannte Denis Adresse. Am nächsten Tag fuhr sie nach der Arbeit dorthin. Der Junge, den sie sofort als ihren eigenen Blutstamm erkannte, rannte hinter einem anderen Jungen mit dem Fahrrad her und bat, mitfahren zu dürfen.
Klara beugte sich zu ihm und fragte: Hast du kein Fahrrad?
Der Junge schüttelte den Kopf.
Eine junge Frau trat zu ihnen, etwa zwanzig, mit grell geschminktem Gesicht, das ein wenig von ihrer natürlichen Schönheit verbarg.
Wer sind Sie? fragte sie.
Ich glaube, ich bin die Großmutter dieses Jungen, sagte Klara.
Ich bin Maya, die Mutter. Schön, Sie kennenzulernen.
Klara brachte sie in ein kleines Café. Der Junge, den sie Dimka nannten, bekam ein Eis, Klara einen Kaffee.
Maya erzählte, dass sie vor sechs Jahren aus einem Dorf in Oberbayern kam, damals siebzehn war, eine Lehre zur Schneiderin begann. Zu den Weihnachtsferien lud ihre Klassenkameradin Lena sie ein, weil Lenas Eltern verreist waren. Lena war mit Denis befreundet, der zusammen mit Sven an diesem Silvester gefeiert hatte. In dieser Nacht hatte Maya mit Sven ein Verhältnis, er hinterließ seine Handynummer, versprach zu rufen, aber tat es nie.
Als Maya merkte, dass sie schwanger war, rief sie Sven an. Er war wütend, schrie sie an, gab ihr Geld für eine Abtreibung und befahl ihr, aus seinem Leben zu verschwinden. Seitdem hatte sie ihn nie wieder gesehen.
Die Lehre brach sie ab, das Wohnheim war ihr verwehrt, das Dorf war nicht mehr erreichbar, ihre Eltern waren längst tot, Vater und Bruder tranken. Maya wohnte nun in einem Zimmer bei einer alten Witwe, passte das Kind während Maya arbeitete. Fast ihr ganzes Einkommen ging an die Witwe, die einen Platz im Kindergarten nicht zuließ. Maya arbeitete in einer kleinen Teigwarenfabrik in Hamburg, bekam wenig, doch es reichte.
Am nächsten Tag brachte Klara Maya und Dimka in Svens Wohnung. Dort begann ein neues Kapitel.
Der Junge bekam einen Platz in einem angesehenen privaten Kindergarten. Klara musste neue Kleidung für Maya und den Enkel besorgen, kaufte Möbel, half beim Anziehen, beim Schminken, beim Kochen, beim Aufräumen sie lehrte alles, was sie konnte.
Eines Abends saßen sie zusammen, sahen fern, Dimka schlang die Arme um seine Großmutter und flüsterte: Du bist mein Lieblingsmensch! In diesem Moment spürte Klara, dass die Leere in ihrer Seele nicht mehr drückte, der Kummer wog nicht mehr wie Blei. Sie hatte das Leben wiedergefunden, gefüllt mit kleinen Freuden, dank dieses winzigen Menschen, ihres Enkels.
Zwei Jahre vergingen. Klara und Maya begleiteten Dimka zum ersten Schultag. Maya wurde zu Klaras unverzichtbarer Assistentin. Sie hatte einen Freund, der eine feste Beziehung wollte; Klara hatte nichts dagegen das Leben geht weiter.
Ein alter Freund drängte Maya, zu heiraten, und sie überlegte. Sie war attraktiv, selbstständig, hatte eine schöne Figur, einen ruhigen Charakter und war erst fünfundfünfzig.
So träumte Klara weiter, im Nebel der Erinnerung, während der Duft nach frischem Kaffee und Polaroid-Fotos das Zimmer durchzog.





