Haben wir sie etwa zum Zerbrechen gebracht?
Liebst du mich nicht mehr, Mama? Geht sie weg, weil wir ihr zur Last fallen? schniefte Lukas, die Tränen fast aus den Augen sprudelnd.
Sein Blick glitt schief zu Margarete, die ihre Koffer zusammenpackte, so kläglich, dass sie fast selbst in Tränen ausbrechen wollte. Sie erstarrte, ein Zittern ging durch ihren Körper wusste sie nicht mehr, ob ihr Gewissen oder die Erschöpfung schwerer wog.
Alles begann mit einer scheinbar harmlosen Bemerkung des Vaters. Am Vortag hatte Margarete verkündet, den Internationalen Frauentag allein zu feiern, ohne Familie. Ein Wirbelsturm an Aufregung folgte. Anton konnte das nicht verhindern, sagte aber offen, was ihm durch den Kopf ging, und stichelte dann die Kinder, fünfjährigen Lukas und siebenjährigen Felix, an.
Habt ihr das Neueste gehört, ihr Kleinen? Unsere Mutter fährt jetzt weg. Wir haben sie nämlich genug genervt, warf Anton mit einem halbschmunzelnden Ton, doch mit einem unterschwelligen Vorwurf.
Die Kinder erstarrten. Felix runzelte die Stirn, Lukas weitete die Augen.
Fährt sie für immer weg? fragte der Kleine verwirrt.
Na ja, das weiß ich nicht. Noch nicht. Aber wer weiß, vielleicht wird das ja zur Gewohnheit, zuckte Anton die Schultern.
Für ihn war das alles nur ein Scherz. Für die Kinder jedoch ernst. Lukas brach in ein kleines Schreien aus, und Heike, ja Heike, beruhigte ihn den ganzen Abend. Sie hoffte, Anton habe etwas gelernt diesmal jedoch nicht.
Na, warum weinst du nicht, Lukas? Papa liebt dich doch. Ich gehe ja nicht weg, nur zur Arbeit, meinte Anton lässig zum Sohn.
Heike hielt inne, doch Tränen in ihren Augen hielten sie zurück. Sie setzte sich zu ihrem jüngsten Sohn und streichelte ihm sanft die Wange.
Lukas, das ist nicht so, wie du denkst. Ich will nur einen Tag für mich allein, erklärte sie, fast wortwörtlich wie am Vortag. Siehst du, Papa verbringt jeden Sonntag mit Onkel Poldi und seinen Freunden. Auch die Mutter braucht mal eine Auszeit.
Früher hätte Heike nie gedacht, dass ihr Herz von den Menschen, die sie liebt, ermüden könnte. Anton und sie schienen das Traumpaar zu sein: gemeinsam Radfahren, Kino, Bücher diskutieren. Jeden Sonntag ein neues Café oder Restaurant auszuprobieren, neue Gerichte zu kosten das war ihre kleine FamilienTradition.
Jetzt gehörte der Sonntag ganz Anton. Statt Bücher diskutierten sie Impfpläne und KindergartenGebühren. Gemeinsam gingen sie höchstens zu KinderMessen oder zum Supermarkt.
Als Felix geboren wurde, hielt das noch irgendwie. Manchmal saß Anton mit dem Sohn, manchmal die Großmutter. Heike hatte gelegentlich Zeit für sich. Mit dem zweiten Kind jedoch änderte sich alles. Nur Heike schaffte das mit beiden.
Heike, ich liebe sie beide, verteidigte die Schwiegermutter. Aber versteh mich bitte richtig ich komme kaum mit einem klar. Mit beiden haben sie das letzte Mal das Schaukelpferd neben dem Fernseher zerlegt! Sie war stärker als sieben Kinder! Und diese Rabauken haben es komplett zerstört, während sie sich gleichzeitig draufsetzen wollten.
Die Mutter half immer seltener, höchstens als moralische Unterstützung. Die Enkel nahm sie nicht mehr mit, weil sie behauptete, ihr eigenes Leben sei schon voll.
Anton für ihn war der Umgang mit den Kindern wie ein Snack zum Bier: selten und nach Lust und Laune. Wenn er müde war, schloss er die Tür zu seinem Zimmer und verbrachte den Abend dort.
Was ist das Problem? Ich sitze still, ich störe dich nicht, wunderte er sich, wenn Heike Beschwerden äußerte. Das liegt nicht an mir, sondern an dir. Du kannst dich nicht entspannen. Du musst die ganze Zeit putzen und waschen. Beruhige dich, leg dich hin. Du bist zu angespannt.
Es fiel ihm leicht zu reden, weil er zu Hause nichts tat. Heike dachte: Wenn sie ihre Hände auch nur ein Stückchen hebt, wachsen dort Moos.
Sie fühlte sich emotional ausgebrannt. Mit der Zeit schrie sie öfter und platzte. Die Kinder nervten sie, wenn sie zum fünften Mal in zwei Minuten meckerten, dass sie keine Tomaten mehr essen wollten. Anton ärgerte sie, wenn er von der Arbeit kam und die Tür zuschlug. Praktisch alles um sie herum brachte sie an den Rand der Verzweiflung. Doch sie hielt durch bis zu Lukas Geburtstag.
Die letzten drei Tage hatte Heike putzen und kochen müssen. Lukas wollte seine KindergartenFreunde einladen, das bedeutete, auch die Eltern einzuladen. Heike schmiss die ganze Wohnung auf Hochglanz, buk zwei Kuchen, bereitete Salate vor und marinierte das Fleisch im Voraus. Sie plante alles so, dass sie danach endlich ausschlafen konnte.
Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Zuerst wachte Lukas auf. Er versuchte sofort, Mama zu wecken.
Schlaf weiter!, brüllte Heike. Oder setz dich still hin, bis ich wieder wach bin. Lasst Mama schlafen!
Lukas schniefte, weil ihm langweilig war und er Hunger hatte.
Halt durch, sagte die Mutter streng.
Heike war so erschöpft, dass sie kaum aufstehen konnte. Schlafen ging auch nicht: Lukas Weinen half nicht.
Bald darauf erwachte Felix. Als verantwortungsbewusster großer Bruder nahm er Lukas bei der Hand und führte ihn in die Küche. Heike atmete tief durch, in der Hoffnung, endlich ein bisschen Ruhe zu finden, als plötzlich Geschirr klirrte.
Sie sprang auf, als wäre nicht nur ein Teller, sondern ihre letzte Nervenzelle zerbrochen. Die Jungen wirbelten in der Küche, sammelten Scherben auf. Auf dem Tisch stand eine Packung Müsli und eine Flasche Milch. Neben dem Geschirrschrank stand ein Stuhl offenbar wollten die Kinder selbst frühstücken und hatten das Gewicht ihrer Idee überschätzt.
Ich habe euch doch gesagt!, schrie Heike. Wie oft muss ich das noch wiederholen? Könnt ihr nicht einmal fünf Minuten ohne mich überleben? Wenn ich nicht da bin, würdet ihr erst merken, was ich für euch tue!
Sie schrie drei Minuten lang, Worte strömten mit voller Wucht, wirr und wütend. Lukas klebte den Kopf zwischen die Schultern, Felix verschränkte die Hände hinter dem Rücken und senkte den Blick. Heike stoppte erst, als der Kleine weinte und mit den Fäusten die Augen rieb.
Okay, okay, alles gut Jetzt räume ich auf, und danach gehen wir spazieren und holen Spielzeug.
In diesem Moment erschrak Heike wirklich. Ja, sie hatten einen Teller zerbrochen, aber sie reagierte, als hätten sie das ganze Haus zerstört. Das war nicht normal.
Am nächsten Tag suchte sie Rat bei ihrer Freundin. Lena hatte drei Kinder und war noch nicht völlig durchgeknallt, also hatte sie ein gutes Gespür für Familienprobleme.
Ach, das kenne ich! Du trägst alles allein. Lass mich raten der Internationale Frauentag steht bevor und du musst wieder Schwiegermutter und deine eigene Mutter versorgen. Wieder ein HomeMarathon und zwei Tage Kochen.
Genau.
Dann wach auf! Der Frauentag ist für uns Frauen, nicht dafür, dass wir den ganzen Familienbetrieb schieben. Meine Mutter hat mich für einen Tag aufs Land geschickt. Kommst du mit? Ich habe ein Häuschen gemietet, da gibts noch Platz.
Heike überlegte kurz und stimmte zu. Es klang vernünftig. Sie bestellte sich zwei Bücher, die sie schon lange lesen wollte, packte einen Korb mit Lebensmitteln und informierte die Familie, dass ihre Pläne sich geändert hatten.
Ihre Mutter nahm es gelassen. Ja, mach das, du hast es verdient, dich zu erholen. Die Schwiegermutter war überrascht, aber nicht verärgert. Anton jedoch
Also willst du uns verlassen? Die Leute verbringen diesen Tag mit der Familie, nicht, indem sie sie im Stich lassen.
Heike erklärte lange, dass es kein Verrat sei, sie brauche einfach nur einen Moment für sich. Anton stimmte nicht zu, ließ sie aber auch nicht aufhalten.
Geh, wohin du willst, wirf dich an die Wand des Weltalls, wenn du willst.
Dann flieg ich das nächste Mal. erwiderte sie spitz.
Aber dann neckte er wieder die Kinder. Das gefiel Heike gar nicht mehr. Als Lukas und Felix endlich eingeschlafen waren, wandte sie sich an Anton.
Hör zu, hör mit den Witzen auf. Durch dich denken die Kinder, ich liebe sie nicht. Hast du Lukas Augen heute Morgen gesehen?
Ach, das ist doch nur Kleinigkeiten. Kinder. Sie vergessen das alles bis zum nächsten Morgen. Und was wäre das? Du musst doch zu Hause sein, nicht herumlaufen.
Heike seufzte langsam. Er winkte ab, hörte sie nicht. Sie hatte die Nase voll.
Weißt du, Liebling, deine Abende sind still, weil Papa müde heißt, und Sonntag ist dein Tag. Ich kämpfe seit sieben Jahren an vorderster Front, ohne freien Tag. Ich renne nicht weg, ich will nur ein bisschen zu mir finden, damit ich nicht an den Kindern ausbreche. Nicht sie, du bist es.
Ich? Was habe ich damit zu tun?
Genau das! Ich habe dir tausendmal erklärt, aber du hörst nicht zu. Lass uns was ändern. Sonntag ist dein Tag? Na gut. Aber jetzt sind alle Samstage meine. Verbringe wenigstens einen Tag die Woche mit den Kindern. Sie sind ja schließlich auch deine Kinder.
Anton protestierte, doch am Ende musste er nachgeben, denn die Alternative war, dass jeder ein Kind allein betreuen müsste das schaffte Heike nicht.
Der 8. März verlief ungewöhnlich still. Sie hatten das Häuschen bereits am Vorabend bezogen, sodass Heike nicht von Kinderlärm geweckt wurde, sondern von sich selbst. Sie lag noch lange im Bett, ein Buch in der Hand. Dann lachten sie und Lena und Heike über ihre Studentenzeit und überlegten, wie sie die anderen Mädchen aus ihrer Clique zu einem Ausflug ohne Internet locken könnten.
Am Abend saß Margarete auf der Veranda, atmete die frische Luft und beobachtete, wie Ameisen ein Stück Brot transportierten, das sie liegen gelassen hatte. Ihr Kopf war leer, doch es fühlte sich hell an wie ein Zimmer, das man gerade aufgeräumt und dessen Fenster weit geöffnet hat. Zum ersten Mal seit sieben Jahren wurde sie nicht gezogen, nicht gerufen, nicht kritisiert
Lena hob ihr Glas und prostete Heike zu.
Auf den 8. März, meine Liebe. Endlich bist du nicht nur Mutter.
Heike lächelte zurück. Es war nur ein Tag, aber sie erinnerte sich wieder daran, wie es ist, einfach sie selbst zu sein nicht Mutter, nicht Ehefrau, sondern ein Mensch mit eigenen Wünschen und dem Recht auf eine kleine Auszeit.




