A Ich bin jetzt für dich keine Mama mehr!

Ich bin jetzt nicht mehr deine Mutter, knurrte Nathalie, während Tränen über ihr Gesicht liefen.
Weißt du, wir müssen die Wohnung verkaufen, murmelte Sebastian, den Blick gesenkt, die Hände locker um die Kanten des knarrenden Stuhls geklammert. Und auch das Auto. Diese Typen lassen uns nicht in Ruhe. Nicht nur ich, sondern auch du und Marleen könnten in die Klemme geraten.

Wir könnten doch zur Polizei gehen, flüsterte Nathalie, die Hoffnung in der Stimme fast erstickt.

Polizei? Die schulden mich doch noch, erwiderte Sebastian endlich, sein Blick traf ihre Augen, doch die Angst war klar. Jeden Tag häufen sich die Zinsen, bis man lieber hängen bleibt. Wir werden wohl bei meiner Mutter wohnen, bis das Kind groß genug ist.

Und du? fragte sie, das Herz schlug wie ein Trommelschlag.

Ich muss von hier verschwinden. Die Firma ist erledigt, die Gläubiger haben die Tür eingetütet. Ich will nach Norddeutschland, wo die Bergarbeiter gut bezahlt werden. Vielleicht legt sich das alles dort.

Nathalie wusste, dass es ernst wurde, als finstere Gestalten mit kriminellem Hintergrund vor ihrer Tür standen und Sebastian zu Gesprächen auf die Straße zerrten. Nach solchen Begegnungen kam er zurück, leer und wütend, und schrie Marleen wegen kleinster Vergehen an. Das vierjährige Mädchen war keineswegs ein dressierter Hund.

Sebastians Geschäft war ein Rätsel. Offiziell verkaufte er Computerzubehör über das Netz, doch woher die Laptops und Monitore kamen, blieb im Dunkeln. Es war vermutlich Raubkopien, weil ganze Lieferungen plötzlich aus dem Verkehr gezogen wurden. Dann musste er Kredite aufnehmen, um über Wasser zu bleiben und das hatte er bisher mehrfach geschafft. Dieses Mal jedoch war das Glück ausgeblieben, und die Schulden drückten wie Blei.

Nathalie war auf dem Land aufgewachsen und hätte in der elterlichen Scheune wohnen können, doch sie wollte ihren Job nicht aufgeben. Sie war stellvertretende Schulleiterin einer Elite-Privatschule, wo Englisch das Hauptfach war, und die Direktorin Dr. Andrea Schiller hatte bereits angekündigt, nach einem Jahr in den Ruhestand zu gehen die nächste Stelle als Schuldirektorin war bereits in Aussicht. Auf den Elternhaus zu fliehen, schien ihr unvernünftig.

Das Leben bei der Schwiegermutter, Frau Dr. Claudia Weber, war jedoch kein Himmel. Seit dem ersten Treffen hatten sie Schwierigkeiten. Zuerst war Nathalie die unwillkommene Braut aus dem Hinterland, das man von Weit entfernt sehen kann. Nachdem sie das Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte und an der englischen Spezialschule unterrichtete, wurde sie zur Ausländerin, die Borschtsch kaum kochen kann. Und doch lobte Sebastian ihre Borschtsch, solange sie Zeit fand, zwischen endlosen Nachmittags­klassen zu kochen.

Claudia schaltete ein, ihr Ton war scharf:

Gute Frauen laufen nicht nach Norden, um ihre Männer zu retten.

Er rennt nicht vor mir weg, sondern vor seinen Gläubigern.

Und wo warst du? Eine gute Ehefrau hält die Finanzen im Griff. Früher hieß das hier Hauswirtschaft, heute nennt ihr es Business.

Wenn ich Zeit habe, koche ich.

Warum hast du keine? Was ist das für eine Schule, in der bis spät in die Nacht unterrichtet wird? Ich werde das prüfen. Du hast dich ja schon als Ehefrau ohne Mann abgesetzt.

Claudia erschien eines Abends in der Schule, um zu prüfen, und jede Ecke war mit fremdsprachigen Schildern übersät. Katzen überall das ist unhygienisch! Das ist keine Zirkusmanege, das ist ein Lernort. Sie blickte scharf auf Nathalie, als würde sie sie mit bloßen Augen ausziehen.

Der lange Mann, Dietmar Schwab, ebenfalls Englischlehrer, war offensichtlich an Nathalie interessiert, aber er respektierte ihre Familie und überschritt keine Grenzen.

Die Schule hatte ein britisches Konzept eingeführt: Katzen aus der Rasse British Shorthair sollten die Kinder emotional stärken. Die Tiere durften sogar auf die Tische springen, doch sie benahmen sich meist anständig.

Sebastian schickte gelegentlich EMails, in denen er kaum etwas preisgab. Zweimal tauchten Männer mit kriminellem Hintergrund auf, fragten nach seinem Aufenthaltsort. Kurz darauf verstummte er völlig. Nathalie geriet in Panik, dachte, die Gläubiger hätten ihn gefunden, doch Claudia blieb unbeirrt.

Wenn sie ihn gefunden hätten, würden sie nicht mehr zu uns kommen.

Warum also das Schweigen?

Du ahnst es nicht. Er ist ein gutes Stück, wird nicht lange allein bleiben.

Ein Jahr später schrieb Sebastian kurz vor Schuljahresende: er habe eine andere Frau gefunden und wohne nun bei ihr. Er sah keinen Ehebruch, weil er nie offiziell mit Nathalie verheiratet war, und erwähnte das Kind nicht, als wäre Marleen nie existiert.

Claudia fand sofort eine Ausrede:

Er weiß wohl, dass Marleen nicht seine Tochter ist.

Wie? Sie wurde doch bei ihm geboren.

Bei ihm, ja, aber nicht von ihm.

Nathalie brach zusammen:

Ich bin nicht mehr deine Mutter. Vielleicht bleibe ich Großmutter für Marleen, aber für dich heiße ich jetzt Elisabeth Markow. Oder ich bin einfach niemand das ist vielleicht besser.

Die Wohnung der Schwiegermutter musste verlassen werden. Die Miete für eine kleine Stadtwohnung kostete 900, und sie brauchten noch das Geld für Marleens Bedürfnisse. Ein Umzug nach Norddeutschland schien unmöglich, weil niemand außer dem Kind noch in der Stadt blieb. Ihre Eltern luden sie ins Dorf ein, wo es stets Lehrkräfte gab.

Dr. Andrea Schiller stellte sofort klar:

Du, Mädchen, mach dir nicht zu viele Sorgen. Ich will die Schule erhalten, die Stifter unterstützen das. Wir finden eine Lösung.

Wo sollen wir wohnen?

Ich spreche mit den Stiftern, vielleicht gibt es einen Zuschuss für die Miete oder ein Darlehen. Bis dahin könnt ihr zu mir aufs Landhaus.

Der Sommer stand bevor, das Schuljahr endete, das Landhaus brauchte keine Heizung. Sie würden am Wochenende dort wohnen, im Sommer könnte sie zu ihren Eltern fahren.

Dietmar Schwab bot an, die wenigen Kisten mit seinem Wagen zu transportieren. Das Eigentum bestand nur aus Kleidung und ein paar Töpfen. Auf dem Weg fragte er:

Wo werdet ihr im Winter wohnen?

Frau Schiller hat versprochen, etwas Passendes zu finden.

Ich habe ein freies Zimmer. Meine Mutter ist krank, ich helfe ihr beim Kochen von Fertignudeln wird man nicht lange satt.

Im Sommer fahre ich ins Dorf zu meinen Eltern, vielleicht bleibe ich dort für immer.

Und die Schule? Du sollst doch Direktorin werden.

Man hat mich früher schon verheiraten wollen. Schulen gibt es überall.

Auf dem Landhaus erholte sich Marleen, die frische Luft ließ ihre Wangen rosig werden. Sie freundete sich schnell mit Dr. Andrea Schiller und ihrem Mann an sie wurden zu einer Familie.

Nathalie dachte seltener an ihr altes Leben zurück. Es war schmerzhaft, aber vielleicht das Beste, denn Sebastian hätte sie sowieso verlassen, er wollte das Standesamt nicht betreten.

Dietmar brachte sie und das Kind ins Dorf. Nachdem das Abschiedsdinner von Dr. Andrea Schiller serviert war, fuhren sie bei Einbruch der Dämmerung an. Beim Ausladen wollte Dietmar zurückfahren, doch Claudia hielt ihn auf:

Bleibt noch hier, ich bringe frische Milch, wir essen zusammen.

Nathalie folgte ihr, murmelte:

Warum hast du Dietmar als meinen Schwiegersohn vorgestellt?

Ist das nicht so?

Wir haben keine Beziehung, und es wird auch keine geben.

Du siehst doch selbst, wie er dich ansieht. Und Marleen könnte

Nathalie sah von weitem zu Dietmar, wie er mit Marleen lachend scherzte. Vielleicht, dachte sie, ist das genug. Ein kurzer Blick, ein Lächeln, und das Herz wurde ein wenig wärmer fast wie in den unbeschwerten Tagen ihrer Kindheit.

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Homy
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