**Tagebucheintrag**
Nicht du bestimmst, wer hier wohnt!, fuhr mich mein Mann an, als meine Nichte bei uns bleiben wollte.
Gertrud, hast du vielleicht etwas Milch?, fragte die Nachbarin Helga und steckte ihren Kopf durch den angelehnten Türspalt. Meine Enkelin ist zu Besuch, ich wollte ihr Brei machen.
Natürlich, antwortete Gerta, legte ihre Strickarbeit beiseite und ging in die Küche. Nimm die ganze Flasche, ich habe noch eine im Kühlschrank.
Helga nickte dankbar und wollte schon gehen, als eine männliche Stimme aus dem Wohnzimmer ertönte:
Wer läuft denn hier jeden Tag rein und raus? Als hätte sie kein eigenes Zuhause!
Gerta errötete. Ihr Mann Bernd war in letzter Zeit so gereizt, alles schien ihn zu stören die Nachbarn, die spielenden Kinder im Hof, sogar sie selbst.
Entschuldige, Helga, sagte sie leise. Bernd ist von der Arbeit gestresst.
Ach, mach dir nichts draus, winkte Helga ab. Männer sind eben so. Danke für die Milch.
Als die Nachbarin gegangen war, setzte sich Gerta wieder ins Wohnzimmer. Bernd blätterte in der Zeitung, als wäre nichts gewesen.
Warum so unfreundlich?, fragte sie. Helga ist doch nett, wir kennen uns seit Jahren.
Du kennst sie. Ich nicht, brummte er. Und wieso muss sie ständig was borgen? Mal Salz, mal Zucker, jetzt Milch. Kann sie sich nicht selbst versorgen?
Was macht das schon? Wir haben doch genug.
Es geht nicht ums Geld, sondern ums Prinzip. Gib ihnen den kleinen Finger, und sie nehmen die ganze Hand.
Gerta schwieg. Mit Bernd zu diskutieren war zwecklos. Früher war er anders gewesen hilfsbereit, warmherzig. Doch seit ein paar Jahren verschloss er sich, wurde mürrisch. Lag es am Alter? Am Job?
Plötzlich klingelte das Telefon.
Hallo?
Tante Gerta?, eine vertraute Mädchenstimme. Ich bins, Lina.
Linchen!, freute sich Gerta. Wie gehts dir? Und das Studium?
Tante Gerta, Linas Stimme zitterte. Darf ich zu euch kommen? Nur für ein paar Tage?
Natürlich, Schatz. Was ist passiert?
Mama und Papa sie haben sich getrennt. Und jetzt wohnt Papa mit einer fremden Frau bei uns. Mama ist zu Oma gezogen. Aber ich ich weiß nicht, wohin. Die Prüfungen stehen an, und
Gertas Herz krampfte sich zusammen. Lina, die Tochter ihres jüngeren Bruders, war ein kluges Mädchen, studierte BWL. Eine glückliche Familie und jetzt das.
Komm zu uns. Wir machen es dir gemütlich.
Danke. Ich fahre morgen, ja?
Natürlich. Ich koche was Gutes.
Als sie auflegte, bemerkte sie Bernds finsteren Blick.
Was soll das jetzt?, fauchte er.
Lina kommt. Die Tochter von Jens. Die Familie zerbricht, das arme Ding hat kein Zuhause.
Und wir haben nichts Besseres zu tun?, warf er die Zeitung hin. Ich komme heim, um Ruhe zu haben nicht um fremde Kinder zu bemuttern!
Bernd, wie kannst du nur? Sie ist unsere Nichte! Mein Bruder
Dein Bruder, nicht meiner! Seine Probleme, seine Verantwortung. Nicht unsere.
Sie ist ein braves Mädchen! Sie braucht uns!
Braucht?, Bernd stand auf. Ich schufte den ganzen Tag, damit wir über die Runden kommen. Und jetzt soll ich noch fremde Mäuler stopfen?
Es ist nur vorübergehend.
Vorübergehend?, er lachte spöttisch. Bis wann? Bis sie heiratet?
Gerta starrte ihn an. Dieser Mann war nicht der, den sie vor dreißig Jahren geheiratet hatte.
Also gut, sagte sie leise. Dann sage ich ihr ab.
Endlich Vernunft!, brummte Bernd und griff wieder zur Zeitung.
Gerta ging in die Küche, starrte aus dem Fenster. Auf dem Spielplatz lachten Kinder. Irgendwo packte Lina ihre Sachen, voller Hoffnung.
Sie rief sie an.
Linchen? Ich es tut mir leid. Wir haben kaum Platz. Vielleicht findest du woanders?
Stille. Dann ein leises: Schon gut, Tante Gerta. Ich werde mich irgendwie durchschlagen.
Gerta weinte.
Am nächsten Tag ging Bernd wie immer zur Arbeit. Ein Kuss auf die Wange, als wäre nichts geschehen.
Mittags rief Helga an.
Was war gestern los? Dein Bernd hat so gebrüllt.
Ach, nur Stress im Job.
Ich hörte was von deiner Nichte. Soll sie nicht zu euch?
Gerta seufzte. Ihre Eltern trennen sich. Sie wollte vorübergehend her. Aber Bernd
Und das Mädchen? Wo soll sie hin?
Keine Ahnung.
Hör mal, sagte Helga entschieden, wieso lässt du dir das gefallen? Die Wohnung gehört euch beiden. Und es ist deine Familie!
Ich kann doch nicht gegen ihn
Familie bedeutet Zusammenhalt nicht Unterwerfung!
Gerta dachte lange über diese Worte nach. Wann hatte sie aufgehört, mitzureden?
Abends kam Bernd wütend nach Hause.
Keine Bonuszahlung!, knurrte er. Als ob ich schuld wäre!
Möchtest du essen?, fragte Gerta vorsichtig.
Was gibts?
Rouladen mit Rotkohl.
Schon wieder? Kannst du nicht mal was anderes kochen?
Früher hatte er sie geliebt. Jetzt war alles falsch.
Bernd, sie holte tief Luft. Könnte Lina nicht doch kommen? Sie würde sich anpassen.
Er sah auf. Das Thema ist durch.
Aber sie ist Familie!
Gerta!, sein Ton wurde scharf. Schluss jetzt! Verstanden?
Sie nickte. Doch innerlich brodelte es. Wie lange noch?
Dann, zwei Tage später, stand Lina plötzlich vor der Tür.
Tante Gerta ich hatte keine Wahl.
Gerta zögerte. Einerseits Freude. Andererseits Bernd.
Komm rein, Schatz.
Am Küchentisch erzählte Lina alles. Der Vater mit der Neuen. Die Mutter bei der kranken Oma. Das überfüllte Studentenwohnheim.
Bleib erstmal hier, sagte Gerta entschlossen. Wir kriegen das hin.
Aber Onkel Bernd?
Der wird es akzeptieren.
Abends kam er, sah Linas Tasche. Was soll das?!
Bernd, sie hat keine andere Möglichkeit!
Lina trat nervös näher. Es ist nur für kurze Zeit, versprochen.
Kurze Zeit?, er lachte höhnisch. Bis wann? Bis zum Abschluss?
Hör auf, sie einzuschüchtern!, fuhr Gerta dazwischen.
Hier bestimme ich! Nicht du!
Doch!, ihre Stimme bebte. Sie bleibt.
Bernd packte wütend eine Tasche. Dann bin ich weg.
Bernd
Zu meiner Mutter. Dort bin ich wenigstens willkommen.
Die Tür knallte.
Lina weinte. Es tut mir leid
Gerta umarmte sie. Nicht du hast unsere Familie zerstört. Sondern der, der vergaß, was Familie bedeutet.
Die Wochen vergingen. Lina half im Haushalt, erzählte von der Uni, brachte Leben in die Wohnung. Bernd rief täglich an, verlangte ihre Ausweisung. Doch Gerta blieb hart.
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