Marie, schnell! Ich habe gerade deine Schwiegertochter im Supermarkt gesehen!

Maria, schnell! Ich war gerade im Laden und habe deine Schwiegertochter gesehen. Sie hat Rattengift gekauft. Zwei Packungen! Sie sagt, sie hätte Mäuse. Aber ich weiß doch bei dir gibt es keine Mäuse! Maria spürte, wie ihr die Knie weich wurden. Also so war das! So wollte sie das Haus an sich reißen!
Baron, mein treuer Freund, seufzte die Frau, als sie mit einer Schüssel Haferbrei in den Hof trat. Jetzt sind nur noch wir zwei auf der ganzen weiten Welt.
Der Hund hob den Kopf, leckte dankbar ihre Hand und begann zu fressen. Maria Schäfer war fünfundsechzig, wirkte aber jünger kräftig, stattlich, mit akkurat gescheiteltem grauem Haar.
Nur ihre Augen verrieten das erlittene Leid in ihnen lag eine so tiefe Trauer, dass es schmerzte, hineinzublicken.
Vor einem halben Jahr war Hans mit dem Motorrad verunglückt. Zu seinem vierzigsten Geburtstag hatte er sich den stählernen Hengst gekauft, wie er sagte ein lang gehegter Traum. Maria hatte versucht, ihn davon abzubringen, aber konnte man seinem Sohn etwas verbieten? Und dann, einen Monat später, der Anruf aus dem Krankenhaus. Er hatte die Kurve nicht gemeistert.
Nach der Beerdigung hatte Susanne den kleinen Paul genommen und war zu ihren Eltern in die Stadt gezogen. Am Anfang hatte sie noch angerufen, ließ ihn mit seiner Oma sprechen, doch dann wurde sie immer stiller.
Maria versuchte, Besuche durchzusetzen gesetzlich hatte sie das Recht, ihren Enkel zu sehen. Doch Susanne redete sich mit Krankheiten oder Zeitmangel heraus.
Dann änderte sie ihre Nummer. Maria fuhr zu der Adresse die Nachbarn sagten, Susanne hätte die Wohnung verkauft und wäre mit ihren Eltern weggezogen. Wohin? Niemand wusste es.
He, Maria! rief eine Stimme über den Gartenzaun. Lebst du noch?
Es war Nachbar Peter Hoffmann, ein rüstiger Siebzigjähriger und Witwer. Er und Marias verstorbener Mann waren gute Freunde gewesen, und nach dessen Tod hatte Peter sich um die Nachbarin gekümmert.
Ich lebe noch, Peter, wohin soll ich schon? lächelte Maria. Komm rein, trinken wir Tee.
Wann habe ich Zeit für Tee mit dir? winkte Peter ab. Ich fahre in die Stadt, zur Apotheke und zum Einkaufen. Soll ich dir was mitbringen?
Danke, ich habe alles.
Na gut. Aber ich kenne dich du hockst hier wie eine Eule und gehst nirgendwo hin. Das ist nicht gut, Maria. Du musst weiterleben.
Peter fuhr los, und Maria ging ins Haus. Im Flur hingen Fotos ihr ganzes Leben lag wie auf der Handfläche ausgebreitet.
Da war sie jung mit ihrem Mann auf der Hochzeit, da machte Hans seine ersten Schritte, da stand ihr erwachsener Sohn mit Susanne und dem kleinen Paul. Alle lächelten, alle waren glücklich.
Mit schwerem Seufzen ging Maria in die Küche. Der Tag zog sich endlos hin. Sie schaltete den Fernseher ein, konnte aber nicht hinschauen alles wirkte fremd und unnötig.
Sie versuchte zu stricken, doch ihre Hände gehorchten nicht. Schließlich ging sie früher ins Bett, in der Hoffnung, der Schlaf würde sie vergessen lassen.
Mama, Mama!
Maria schlug die Augen auf. Vor ihr stand Hans jung, lächelnd, in dem karierten Hemd, das sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte.
Hans! schluchzte sie. Mein Junge!
Weine nicht, Mama. Ich kam, um dich zu warnen. Pass auf. Das Böse ist nah, sehr nah. Halte dich fern.
Was meinst du? Welches Böse? Hans!
Doch ihr Sohn löste sich schon im Morgengrauen auf. Maria wachte mit Tränen auf. Draußen begann der Tag, die Hähne krähten. Der Traum war so lebendig gewesen, als wäre Hans wirklich da gewesen.
Sie wusch sich mit kaltem Wasser und trat hinaus. Die Morgenluft war frisch und klar. Weit hinten, hinter dem Fluss, stieg Nebel auf. So schön, dass es im Herzen wehtat.
Oma Maria! Oma Maria!
Ein etwa neunjähriges Mädchen, Lina, die Enkelin von Marias verstorbener Freundin, lief zum Gartentor. Ihre Eltern waren vor zwei Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen, und sie lebte im örtlichen Kinderheim.
Maria besuchte sie oft, brachte Süßigkeiten und half bei den Hausaufgaben.
Lina, mein Sonnenschein! Warum so früh?
Wir fahren zur Kartoffelernte aufs Feld. Ich wollte mich verabschieden. Erst in einer Woche bin ich zurück.
Warte, Maria ging schnell ins Haus und kam mit einer Tüte zurück. Hier, nimm. Kohlkuchen, Äpfel aus dem Garten und Bonbons. Teile mit den anderen.
Danke! Das Mädchen umarmte sie fest. Ich hab dich so lieb!
Ich dich auch, Kleines. Pass auf dich auf.
Lina ging, und Maria schaute ihr lange nach. Wie oft hatte sie darüber nachgedacht, das Mädchen zu sich zu nehmen! Doch als alleinstehende ältere Frau bekam sie keine Pflegeerlaubnis.
Man braucht eine vollständige Familie, sagten die Behörden, ein stabiles Einkommen, ärztliche Gutachten. Aber welche Familie hatte sie?
Der Tag verging mit den üblichen Arbeiten. Maria jätete Beete, fütterte die Hühner, kochte Mittag. Abends war sie erschöpft und ging früh ins Bett. Und wieder kam der Traum.
Diesmal stand Hans am Gartentor und winkte abwehrend, als wolle er jemanden aufhalten.
Lass sie nicht rein! rief er. Mama, lass sie nicht ins Haus! Gefahr!
Maria erwachte von Klopfen an der Tür. Es war halb elf. Wer konnte um diese Zeit kommen?
Wer ist da? fragte sie, ohne zu öffnen.
Maria, ich bins, Susanne. Mach auf, bitte!
Die ehemalige Schwiegertochter? Überrascht öffnete Maria. Vor ihr stand Susanne zerzaust, mit einer großen Tasche, in zerknitterten Klamotten.
Entschuldige die späte Stunde. Mein Haus ist abgebrannt. Völlig. Ich bin gerade noch rausgekommen.
Mein Gott! Und Paul? Wo ist Paul?
Bei meinen Eltern. Sie sind ans Meer gefahren, er ist mit. Maria, kann ich bei dir bleiben? Nur kurz, bis ich was finde.
Maria musterte sie scharf. Susanne hatte nie viel Zuneigung zur Schwiegermutter gezeigt, und nach Hans Tod mied sie sie ganz. Und jetzt tauchte sie mitten in der Nacht auf.
Lass sie nicht ins Haus! Hans Worte aus dem Traum fielen ihr ein.
Aber wie konnte sie sie abweisen? Ein Mensch in Not, dazu die Mutter ihres Enkels.
Komm rein, seufzte Maria. Hans Zimmer ist frei.
Die ersten Tage verhielt sich Susanne ruhig. Sie half im Haushalt, kochte, ging sogar einkaufen. Maria begann zu denken, sie hätte ihr Unrecht getan. Vielleicht hatte das Leid sie geläutert?
Es ist so schön hier, Maria, sagte Susanne beim Abendessen. So ruhig. In der Stadt nur Hetze, hier ist Frieden.
Das Haus ist groß, Platz genug für alle, antwortete Maria. Bleib, solange du musst.
Doch nach einer Woche änderte sich Susannes Verhalten. Sie half nicht mehr, lag nur noch auf dem Sofa, verlangte besonderes Essen.
Maria, kannst du den Fernseher in mein Zimmer stellen? Im Wohnzimmer ist es unbequem.
Nimm ihn aus meinem Schlafzimmer, ich schaue eh nicht.
Und die Hauspapiere hast du die mal geprüft? Man weiß nie, ob da Fehler sind. Ich kann helfen, ich habe in einer Kanzlei gearbeitet.
Maria wurde misstrauisch. Warum interessierte sich Susanne für die Papiere?
Danke, nicht nötig. Alles in Ordnung.
Susanne verzog den Mund und ging. Nachts träumte Maria wieder von Hans.
Mama, sie plant Böses. Pass auf. Iss und trink nichts von ihr. Schütz dich.
Hans, was soll ich tun? Wie soll ich sie rauswerfen? Sie ist Pauls Mutter.
Paul ist sicher. Du bist in Gefahr. Denk an meine Worte.
Am Morgen wachte Maria mit Kopfschmerzen auf. Susanne war schon in der Küche.
Guten Morgen! Haferbrei ist fertig, Kaffee auch. Komm, frühstücke.
Danke, später. Erst füttere ich die Hühner.
Maria ging nach draußen und grübelte. Wollte Susanne ihr wirklich etwas antun? Aber was? Da kam Peter zum Zaun.
Hallo, Nachbarin! Alles ruhig?
Ja, ich denke nur.
Hörte, deine Schwiegertochter ist zurück. Wie gehts ihr?
Lebt halt hier. Behauptet, ihr Haus sei abgebrannt.
Peter runzelte die Stirn.
Seltsam. Ich war neulich in der Stadt, traf den alten Klaus der arbeitete in derselben Firma wie deine Susanne. Er sagt, sie wurde vor einem halben Jahr wegen Diebstahls gefeuert.
Und kein Brand. Sie lebte bei einem Mann, der sie rauswarf. Darum ist sie zu dir gekommen.
Maria erstarrte. Die Träume waren also Warnungen gewesen. Hans hatte recht gehabt.
Danke, Peter, dass du es gesagt hast.
Sei vorsichtig mit ihr, Maria. Wer weiß, was sie vorhat.
In den nächsten Tagen war Maria wachsam. Sie kochte selbst, beobachtete Susanne heimlich. Die wurde immer frecher. Befahl im Haus herum, lud Freundinnen ein.
Maria, dein Haus ist groß. Warum vermietest du nicht Zimmer? Gutes Geld.
Ich brauche kein Geld. Ich will Ruhe.
Immer nur Ruhe! Man muss leben! Vielleicht heiratest du noch Peter ist Witwer, du Witwe, passt doch.
Maria schwieg, merkte aber: Susanne wollte sie loswerden. Aber wie? Überredung klappte nicht.
Die Antwort kam unerwartet. Am Morgen stürmte Peter aufgeregt herbei.
Maria, schnell! Ich sah deine Schwiegertochter im Laden. Sie kaufte Rattengift. Zwei Packungen! Sagt, sie hätte Mäuse. Aber ich weiß bei dir gibt es keine!
Maria zitterte. Also das war ihr Plan! So wollte sie das Haus bekommen!
Was tun, Peter?
Tu so, als wüsstest du nichts. Aber sei bereit. Bei Verdacht komm sofort zu mir.
Abends war Susanne besonders freundlich.
Maria, ich habe Apfelkuchen gebacken, wie du ihn magst. Und Tee mit Kräutern.
Danke, Liebes. Stell es auf den Tisch, ich komme gleich.
Maria ging ins Schlafzimmer und schickte Peter eine SMS: Es beginnt. Sei bereit.
In der Küche schenkte Susanne schon Tee ein. Zwei Tassen für sich und Maria. Der Kuchen lag auf einem Teller.
Komm, er wird k

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Homy
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