Du gehst!, rief die Ehefrau ihrem Mann entgegen.
Lena Schräger war gerade dabei, die Wohnung für Silvester gründlich zu säubern, als sie eine kleine USBStick unter dem Sessel, ganz hinten rechts neben dem Heizkörper, entdeckte. Auf den ersten Blick unsichtbar, wie ein verborgener Dienst, doch Lena krabbelte über den Boden, wischte jede Ecke ab so kam das Gerät ans Licht.
Es war kurz vor Neujahr, die Stimmung war festlich. Wie im Gedicht: viele arbeitsfreie Tage, ein geschmückter Tannenbaum, Kerzen in den Gläsern, gedämpftes Licht vom Stehlampe, und vieles mehr das Unerwartete und das Angenehme zugleich. Der Baum stand noch kahl; Lena hatte keine Zeit zum Schmücken. Und ihr Mann, der robuste Jonas, war dafür kaum zu gebrauchen:
Weißt du, Häschen, ich schaffe das nicht, die Lichterkette zu entwirren und aufzuhängen!
Er konnte die Kugeln nicht symmetrisch anbringen.
Lena erwiderte: Warum, Jonas? Sieh nur der Stamm ist die Achse, rechts und links die Äste! Häng links, dann rechts und prüfe, ob Lücken sind.
Doch Jonas sah weder Achse noch Schieflage: an einer Stelle türmten sich Spielzeuge, an einer anderen war nichts ein echtes Durcheinander. Er nannte das wohl Kuddelmuddel.
Wenn es dir nicht gefällt, häng du es selbst auf!, schimpfte er, was ihm gerade recht war.
Das Prinzip war klar: Wenn es nicht passt, mach es selbst, räum es selbst auf. Lena erledigte alles allein, weil es einfacher war, als später hundertmal neu zu beginnen.
Jonas war wenig geschickt seine Mutter hatte ihm nichts beigebracht. Doch das war nicht kritisch; Lena war großzügig und wollte nur, dass ihr lieber Mann an ihrer Seite war. Der Rest ließ sich mit einem Regenschirm regeln, wie ein altes Sprichwort sagt.
Lenas Leben war schlicht. Sie arbeitete für die LuxusimmobilienGmbH in München, die exklusive Penthäuser und mehrstöckige Wohnungen vermietete. Viele Kunden verlangten nach DachgeschossLuxus, andere wollten nur ein wenig Perlen. Das Geld floss nach dem Motto Wie du hast, so bekommst du. Lena schuftete den ganzen Tag, um ihrem Mann Brot, Butter, Orangen und einen roten Fisch zu besorgen ihr Lieblingsgericht.
Jonas hingegen hatte nie einen festen Job; seine Eltern hatten ihn nie zum Arbeiten erzogen. Kinder hatten sie noch nicht Wir leben nur für uns selbst, sagte er einst, und begann es zu tun. Er war ein stattlicher, kraftvoller Mann, fast wie ein moderner Ritter, der plötzlich zu seiner Mutter zurückkehrte.
Drei Jahre nach ihrer Hochzeit war er einmal entlassen worden:
Kannst du glauben, dass sie mich herabgestuft haben!
Und? fragte Lena.
Nur herabgestuft, nicht gedemütigt das ist Betriebsnotwendigkeit, erklärte Lena logisch. Zumindest haben wir noch irgendeinen Job!
Er nahm also eine niedrigere Position an, weil das Geld nur ein bisschen weniger wurde. Doch dann kündigte er aus Trotz und verbrachte Monate in der Kälte, bis sein Schwiegervater ihm half, bei einem Freund einzusteigen. Der Weg dorthin dauerte vierzig Minuten mit der SBahn, doch Lena fuhr mit dem Auto zur Arbeit, weil ihr das nötig war. Nach zwei Tagen harter Arbeit verschmolz Jonas völlig.
Wieder auf dem Sofa?, spottete seine Großmutter, die von seinen Erfolgen gehört hatte. Zwei weitere Stellen wurden abgelehnt: ein Bewerber mochte den Interviewer nicht, der andere war ein wahnsinniger Chef. Jonas sollte eigentlich ein Adeliger sein, ein Besitzer eines Gutshofs, ein Sultan, doch er wirkte eher wie ein Faulpelz, geschaffen, um Frauen zu erfreuen in diesem Fall Lena.
Lena liebte ihren Mann trotz der harten Worte der Großmutter, die ihn General der Sofakräfte nannte.
Was soll das, Oma?, verteidigte Lena, er liegt ja nicht bei dir zuhaus!
Mir ist das zu schade, antwortete die Großmutter, eine schöne, kluge Frau sollte nicht einen Trottel tragen.
Jonas ging dann mit Freunden in die Sauna, ließ Lena allein mit der Vorweihnachtssauerei zurück: Du schaffst das allein, Häschen. Ich bin schlecht darin.
Die USBStick blieb unbeachtet; das Haus stand mehrere Stockwerke höher, denn vielleicht ist irgendwo in Brasilien ein Pedrón, dachte sie und verstaute den Stick in einem Aschenbecher. Jonas suchte nie nach Sticks. Das Gerät gehörte Lena, die regelmäßig Wohnungsangebote darauf speicherte. So lag er dort etwa zwei Wochen.
Plötzlich, wie von einer alten Großmutter gesagt, hat etwas geknackt, und Lena beschloss, den Stick zu öffnen. Jonas ging nach draußen zum Spaziergang, das frische LuftTherapieWerkzeug. Was auf dem Bildschirm auftauchte, war ein wirrer Mix aus heißem Tango, thailändischer Massage, morgendlichen Kursen und etwas Unanständigem. Der Hauptdarsteller war ihr Mann, begleitet von einer synchronen, fast tänzerischen Gestalt. Alles spielte sich in einem unbekannten Raum ab.
Ach, Puschkin, ach, murmelte Lena, als sie das Video nach ein paar Sekunden stoppte. Sie dachte, das sei nur ein weiterer Trick des Prokurators, ein Erpresser, der doch nur ein Niemand war, ohne Geld, ohne Wert. Aber irgendetwas in ihr sagte, dass dieser Mann noch gebraucht wurde.
Lena nahm sich frei, schnappte den Stick und fuhr zur klugen Freundin Lotte, die ebenso schlau war wie die berühmte Fimma Söder.
Denkst du, er ist ein Geheimbote? fragte Lena hoffnungsvoll.
Hast du einen Anfall?, lachte Lotte. Dein Onkel war Seemann, also reden wir hier von Seemannssprache.
Dein Seehund ist ein Agent? Sein bester Erfolg ist das Liegen!, spottete Lotte.
Weißt du, was du tun musst? Einen FrauenPartner finden!, sagte die schlaue Lotte, schlürfend einen Kaffee.
Und was ist mit dem Stick? fragte Lena.
Lade ihn ins Netz hoch!, schlug Lotte vor.
Warum sollte ich das tun? wunderte sich Lena.
Weil alle Dinge im Netz landen. Schau doch, was Dzhuba hochgeladen hat.
Wie soll ich das wissen? erwiderte Lena.
Sie diskutierten mögliche Wege: die Sache wegschicken, kompromittieren, vergeben und vergessen, oder weiter dem Mann psychisch zusetzen. Lotte schlug vor, doch das Video zu Ende zu schauen die Szene wurde immer surrealer, neue Techniken wurden gezeigt, die beiden Frauen unbekannt waren. Am Ende des Films erschien eine weibliche Stimme: Wenn ihr darüber reden wollt, ruft mich an. Eine handgeschriebene Nummer lag auf einem Stück Papier.
EuropaUSA, flüsterte Lotte, da hat der Hund ein Loch gegraben!
Lena rief sofort die Nummer an, verabredete ein Treffen im Café, und Lotte bot an, als Anwältin aufzutreten, um Lena vor übereilten Entscheidungen zu schützen.
Im Café spielten sie das klassische Szenario durch:
Wir lieben uns, lassen Sie ihn bitte gehen!, sagte eine hübsche Dame im gleichen Alter wie Lena.
Wieso soll ich ihn halten?, fragte Lena.
Weil er kein Geld hat und nicht scheiden will!, entgegnete die Anwältin.
Lena antwortete kühl: Ihr seid falsch informiert, nehmt ihn weg, ich habe nichts dagegen.
Direkt wegnehmen? fragte die überraschte Anwältin.
Ja, er ist ein Nichtsnutz.
Lotte nickte: Nehmt, was ihr wollt.
Kommt heute Abend mit den Koffern, fügte Lena hinzu.
Die Anwältin verließ den Raum, die Liebhaberin blieb sitzen, voller Hoffnung, dass ihr Traum an diesem Abend wahr werden würde. Jonas schlief nach einem deftigen Mittagessen Pilzsuppe, Rinderbraten mit Pflaumen, Kompott und schnarchte zufrieden.
Lena packte seine Sachen, stellte einen Koffer im Flur ab. Als Jonas erwachte, sagte sie:
Du gehst!
Aber ich kann nicht mal einkaufen!, protestierte Jonas, überzeugt, dass er zum Supermarkt geschickt wurde.
Dann geh du selbst!, erwiderte Lena.
Das Zimmer war warm, der kleine Tannenbaum jetzt geschmückt leuchtete, im Fernsehen liefen alte Filme, wie nach jedem Neujahrsfest. Es war kurz vor Taufe, der Wind wehte draußen, das Thermometer sank, und plötzlich musste er doch noch zum Laden.
Die Mittagszeit kam: Pfannkuchen mit Fruchtkompott.
Ich schicke dich nicht zum Laden!, sagte Lena.
Wohin?
Dorthin, wo du zeigen kannst, was du am besten kannst.
Zur Mutter? fragte Jonas, weil das Haus seiner Mutter sein Lieblingsort war.
Zur Oma!, schrie Lena.
Welche Oma? fragte er, denn beide Großmütter waren bereits im Himmel.
Zur jener, bei der du akrobatische Wunder vollbringst!, flüsterte sie und schaltete den Fernseher ein.
Jonas war fassungslos, das Interieur wirkte wie aus einem alten Märchen. Plötzlich zog er aus seiner Tasche ein Taschentuch und die USBStick, die er wie ein ästhetischer Künstler immer aus Stoff herausholte.
Sag doch etwas Kluges, forderte Lena. Vielleicht warst du ein Schauspieler, der jetzt hypnotisiert ist.
Sie dachte an den Prokurator, der sich wie ein Löwe wütete: Ich bin nicht ich, das Pferd ist nicht meins!
Jonas schwieg; er war kein kompletter Narr. Seine Flucht war nicht geplant, und er wollte nicht zu einer kommunalen WG ziehen. Die Zeit verging, und Lena fand das Gerät wieder, um es ihrem Vater zu zeigen, Stallone!.
Jonas verschwand irgendwo, das Interesse ließ Lena nicht mehr los. Der Tannenbaum blinkte, der Fernseher rauschte, das alte Sofa war leer. Das war das französische Ende, das Finale.
Die Schwiegermutter rief an, drängte um Mitleid und erinnerte an die Vernunft: Wie geht es dem guten Jungen? Jonas kehrte nicht in die Kommune zurück, er zog zurück in das kleine Zimmer bei seiner Mutter.
Seinen Unterhalt zu sichern war schwer; Lena blockierte alle Nummern, weil die Schwiegermutter nie wirklich mit ihr sympathisiert hatte. So endete die Geschichte: Lena reichte die Scheidung ein. Das war wirklich das se fini. Und was hättet ihr erwartet? Pfannkuchen mit Fruchtkompott, nicht mit der Mutter.





