Schwestern: Eine Reise durch das unzertrennliche Band zwischen Geschwistern

Die Schwestern

In einem der Zimmer eines riesigen Plattenbaus in Berlin lebten zwei alte Witwen. Sie waren leibliche Schwestern; wäre nicht das beträchtliche Alterunterschied, hätte man denken können, sie seien Zwillinge. Beide mager, schmächtig, mit always dünnen, gestrafften Lippen und einem kleinen Knopf auf dem Kopf. Sie trugen dieselben grauen, unscheinbaren Kitteln. Das ganze Haus verabscheute, fürchtete und verachtete sie.

Junge Männer hassten sie, weil die Schwestern stets alles kritisierten und nie zufrieden schienen zu laute Musik, zu wilde Partys, zu spätes Kommen. Kinder fürchteten sie, weil die betagten Damen jedes Vergehen sofort den Eltern meldeten, sei es ein nicht ausgeschaltetes Licht im Badezimmer oder ein vergessenes Bonbonpapier im Flur.

Die freundliche, gutmeinende Frau Gerda Kahl verachtete sie aus allen Gründen: Sie selbst hatte nie eine höhere Bildung, während die Schwestern studiert hatten; sie hatte keine Familie, keine Kinder, und ihre ständige Einmischung war unerträglich. Und doch: Gerda mischte sich nie ein, ließ die Kinderstreiche und das späte Heimkehren von Karl und Heinrich unbeachtet. Diese beiden schienen es zu egal zu sein die Schwestern, das waren sie eben.

Die Kinder liebten Gerda. Nie schnappte sie nach den Eltern, egal was passierte, und sie lächelte verschmitzt, zwinkerte und schwieg. Im Haus war immer Lärm und Getöse. Oft kam Alwine Müller, die ältere Schwester, aus ihrem Zimmer, zog die Lippen zusammen und tadelte die Jungen:

Man kann doch nicht so laut schreien! Vielleicht jemand ruht gerade. Der Oberaufseher Peter ist doch gerade von der Schicht zurück, und vielleicht schreibt jemand ein Buch zum Beispiel die andere Schwester, Frau Valentina, dort drüben! Sie zeigte zur Tür, hinter der Valentina tatsächlich ein Buch kritzelte.

Das ganze Haus lachte darüber, und Gerda stand ganz vorne. Val, wann schreibst du das endlich fertig? Ich warte schon ewig! Ich kann das Buch kaum noch lesen, sagte die alte Frau und brach in Gelächter aus. Alle, die es hörten, lachten mit.

Valentina drückte ihre ohnehin schmalen Lippen zusammen und antwortete nicht, sondern ging ins Zimmer, weinte bitterlich auf der Schulter ihrer Schwester:

Al, warum erzählst du ihnen vom Buch? Sie lachen doch schon über uns.

Lass sie lachen, tröstete die Schwester. Sie tun es nicht aus Bosheit. Sie sind Nachbarn, fast Verwandte. Nimm es nicht persönlich, weine nicht!

Dann, im Herbst 1941, brach der Krieg los, im September die Blockade. Der Hunger kam nicht sofort, anfangs war es noch warm. Der Plattenbau gewöhnte sich nach und nach an die neuen Bedingungen: die Rationierungsscheine, die halb leeren Zimmer, die Bestattungen, das Heulen der Sirenen, den Verlust der Küchenaromen, die bleichen, erschöpften Gesichter und die Stille.

Die Jugend sang nicht mehr Gitarre, die Kinder spielten kein Verstecken. Es war still und ruhig, und diese Stille zerriss die Seele stärker als das Vorkriegsgetöse. Alwine und Valentina wurden noch dünner, trugen aber weiterhin ihre grauen Kittel, die wie ein Mantel an den Schultern hingen, und wachten über die Ordnung nun allerdings über etwas anderes.

Gerda kam nur noch bei Notwendigkeit heraus. Und eines Tages verschwand sie ganz. Sie ging und kehrte nicht zurück. Alwine und Valentina suchten sie tagelang, doch vergeblich. Die alte Frau war verschwunden, als hätte sie nie existiert.

Im Frühling 1942 ereignete sich im Haus der erste Todesfall. Die Mutter des kleinen Fritz Huber starb, und er blieb ganz allein zurück. Alle hatten Mitleid mit dem Knaben, doch was sollte man tun? Der Krieg. Bald vergaßen sie Fritz, doch die Schwestern gaben nicht auf, nahmen ihn unter ihre Obhut, fütterten ihn, passten auf ihn auf er war gerade erst elf, als er im Oktober Geburtstag hatte.

Dann kam das Schicksal erneut: Die Mütter von Karl und Heinrich waren fort, ihr Vater kämpfte an der Front und man hörte nichts mehr von ihm. Auch die beiden schnappten die strengen Valentina und Alwine auf und wurden zu ihren Pflichten. Nicht nur über sie, sondern über alle Kinder des Hauses, von denen es viele gab.

Die Schwestern kochten einmal täglich eine Suppe, rührten lange, fügt etwas hinzu, was immer verfügbar war. Man weiß nicht, aus welchem Rest alles entstand, denn die Lebensmittel wurden knapp, doch die Suppe war köstlich. Jeden Tag zur gleichen Stunde speisten die Kinder davon. Sie nannten sie Lahmleg ein Wort, das die Kinder selbst erfunden hatten.

Oma Al, warum Lahmleg? Du hast das doch früher Vicki genannt, fragte Fritz neugierig über den seltsamen Namen.

Bei der Erwähnung von Vicki kam Alwine eine Träne entgegen, denn seit einem halben Jahr war kein Junge mehr lebendig, doch sie antwortete:

Anton! Wir kochen die Suppe nach Lahmleg-Art! Darum heißt sie so, nicht anders.

Was bedeutet das, LahmlegArt? fragte der Junge verwirrt.

Na, wer wirft alles Mögliche in die Suppe: Buchweizen, Gerste, sogar den Klebstoff vom Tapetenpapier! Und wenn das Glück mitspielt, ein paar Löffel Konservenfleisch! Alwine streichelte den Kopf des Jungen, zog ein winziges Stück Zucker aus ihrer Tasche, zerbrach es in kleine Kristalle und schob sie sofort in den Mund, damit beim Weitergeben nichts verloren ging.

Fritz, schau mal, hat Oma Valentina Kleber geklebt? Dann muss ich die Lahmleg auffüllen.

Bald nahmen sie sämtliche Waisenkinder in ihr Zimmer auf. Zusammen lebten sie, wärmten sich, und die Angst der Kinder schwand. Sie kuschelten sich eng zusammen, und Oma Valentina erzählte am Abend Märchen aus ihrem eigenen, unvollendeten Buch. Das Buch war längst zum Heizen gedacht, doch Valentina kannte jede Geschichte auswendig und erfand noch neue. Die Kinder baten immer wieder:

Oma Val, erzählst du heute die Geschichte von der Schönsten aus den Schneebergen?

Natürlich, begann Valentina und ließ die Geschichte beginnen.

Jeder hatte Aufgaben: Oma Alwinte sorgte streng dafür, dass alle beschäftigt waren. Fritz hämmerte das Feuer an, Karl sammelte Holz, die Mädchen holten Wasser, die Rationierungsscheine wurden verteilt, die Suppe geholfen. Sie sangen morgens Lieder, und Heinrich war der Hauptstimme. Man sang, egal ob man wollte oder nicht, und jeder stimmte mit.

Im Sommer brachte Alwine ein Mädchen von der Straße herein, das beinahe tot war. Später brachte Valentina einen Jungen. Und noch weitere Am Ende der Blockade fanden sich zwölf Kinder im Zimmer der Schwestern. Alle hatten überlebt ein Wunder, das kaum zu erklären war.

Nach dem Krieg kochten sie die Suppe weiter, die Lahmleg. Die Kinder wuchsen, verteilten sich, doch man vergaß nie Oma Alwinte und Oma Valentina. Sie blieben bis ins hohe Alter im alten Haus, wurden fast hundert Jahre alt. Das Märchenbuch, das sie einst schrieben, wurde weitergegeben, und Valentina ergänzte es immer wieder. Der Titel lautete: Meine geliebte Wohnanlage.

Einmal im Jahr, am 9.Mai, versammelten sich alle, solange Alwinte und Valentina lebten, um gemeinsam zu feiern, als wäre die ganze Nachbarschaft eine große Familie, die jedes Jahr wuchs, bis sogar Urenkel geboren wurden.

Und welches Gericht stand immer auf dem Tisch? Richtig gedacht: die Suppe Lahmleg. Nichts war schmackhafter als diese blockadenzeitliche Suppe, gewürzt mit Güte und unbeugsamen Geist, die Kinderleben gerettet hat.

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Homy
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