Eisenbahnromantik: Eine Reise durch die Gleise der Träume

Sie blicken sich sofort an.
Frei?
Natürlich! Darf ich beim Koffer helfen?
Danke ach, wie stickig!
Fenster öffnen?
Ja, wenns geht.

Die Räder klackern, draußen senkt sich die Nacht über die Schienen.

Ich heiße Liselotte.
Und ich bin Andreas.

So beginnt ein einfacher Plausch zweier zufälliger Mitreisenden. Zwei junge Menschen, sie ist zweiundzwanzig, er fünfundzwanzig. Die Unterhaltung dauert eine Stunde, dann zwei, dann drei und sie ist kein Gespräch von Trunkenen oder Kolleg*innen, sondern ein ungeplantes Kennenlernen von Menschen, die sich drei Stunden vorher noch nicht einmal die Existenz des anderen vorstellen konnten.

Worum geht das Gespräch? Überhaupt um nichts, und trotzdem um alles. Wie es im Zug üblich ist, fängt es mit dem Wetter an, dann mit Preisen Wie viel kostet das Ticket? und schließlich, ganz natürlich, über das Leben.

Andreas erzählt zuerst von seiner Kindheit, seinen Eltern und seiner Arbeit: Er ist Musiker an der Berliner Philharmonie, spielt im Schlagzeugensemble. Er zieht ein Fotoalbum aus seiner Aktentasche hervor Der blaue Spatz, Edelsteine, Fröhliche Gesellen. Und er steht zwischen diesen Bildern wie ein Stern.

Wow, das klingt spannend!

Und Sie, Liselotte?

Ich arbeite beim Zentralkomitee der Jungen Union in Berlin.

Ach du meine Güte! Direkt im Herzen der Hauptstadt?

Genau dort. Ich habe leider keine Fotos dabei. Ich habe gerade Urlaub und bin zurück in meine Heimatregion, wo meine Großeltern wohnen. Ich könnte ewig erzählen, wie ich nach Berlin kam.

Dann erzählen Sie doch. Wohin wollen wir weiterfahren?

Andreas schildert, wie er zum Ensemble kam, und das Gespräch bleibt noch lange, Nacht für Nacht, Auge in Auge, Seite an Seite.

Bei Tagesanbruch lässt Andreas Liselotte an einem verlassenen Bahnhof aussteigen, winkt zum Abschied und verschwindet dann völlig aus dem Blickfeld. Von da an kann er mit keiner Frau mehr reden, ohne an die nächtliche Mitreisende zu denken. Keine andere Frau berührt sein Herz.

Mehrfach ruft er Frauen hinterher, die ihm vom Rücken her ähnlich sehen, entschuldigt sich rot wie ein Schürzchen und schreibt unzählige Briefe, die nie abgeschickt werden. Wohin sollten sie gehen? Nach Berlin? Zum Zentralkomitee? Ohne Namen, ohne Adresse, hat er damals nicht einmal nach ihrem Nachnamen gefragt ein echter Trottel!

Er wird fast schon lächerlich: Auf jeder Bühne, hinter seinem Schlagzeug, späht er ins Publikum, ob dort nicht sie sitzt. Er malt ihr Porträt aus dem Gedächtnis, klebt es über das Kopfkissen in jeder Hotelzimmerei.

Die ganze Welt scheint für ihn nur noch aus einer einzigen Frau zu bestehen Liselotte.

Das Leben rast weiter: Die Wende, die Wiedervereinigung, Sparprogramme, die Auflösung der DDR, das Ende alter Parteistrukturen. Und Musiker bleiben Musiker sie singen, sie tanzen, ihr Leben rollt weiter auf Schienen.

Während einer Tour landet Andreas im Speisewagen. Und tatsächlich, dort sitzt Liselotte, die ihm über Jahre in Träumen begegnet ist, ganz allein, ohne Begleitung. Er erstarrt in der Tür, sie hebt den Blick.

So, Andreas, sagt er und zündet sich eine weitere Zigarette an, schüttet das restliche Bier aus den Gläsern, nippt und fährt fort: Da im Speisewagen habe ich verstanden, was wie ein Brett vor dem Kopf bedeutet. In meinen Ohren hämmern Geräusche, bunte Kreise tanzen vor den Augen, meine Beine geben nach, ich könnte direkt auf den Boden des Wagens fallen. Ich stehe da wie ein Trottel im Dunkeln. Und Liselotte Liselotte steht auf, kommt zu mir, legt ihren Kopf auf meine Brust und flüstert, als wäre es ein Filmszitat: Endlich habe ich dich gefunden! Und das ist die ganze Geschichte, Andreas. Ich habe sie mit nach Sibirien genommen, und dort stellte sich heraus, dass sie all die Jahre genauso durch die Städte streifte, in den Gesichtern der vorbeigehenden Männer nach dem einen Schlagzeuger suchte. Auch sie hoffte, dass eines Tages an einem perfekten Tag unser Weg sich kreuzt. Und genau das ist dann geschehen. Ich habe meine Zigaretten im Zug verbraucht und bin zum Speisewagen zurückgekehrt. Den Rest kennst du ja, Andreas.

Ich wusste das schon, weil unser Freund und Studienkollege Andreas mir die ganze Geschichte am zweiten Tag ihrer Hochzeit erzählte, während wir abends in der Küche saßen. Die Gäste waren gegangen, Liselotte ruhte sich in ihrem Zimmer aus. Wir hatten uns zufällig während einer Tour etwa zwei Wochen vor ihrer Hochzeit wiedergetroffen, und ich war eingeladen, an ihrer Feier teilzunehmen.

So lautet ihr EisenbahnRoman, und sie leben bis heute.

Das Leben geht weiter! Und vielleicht öffnet genau jetzt in einem Abteil eines Zuges die Tür und:

Frei?

Natürlich! Darf ich beim Koffer helfen?

Danke! Ach, wie stickig!

Fenster öffnen?

Wenns geht

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Homy
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Eisenbahnromantik: Eine Reise durch die Gleise der Träume
— Wer seid ihr alle? — fragte die Gastgeberin erstaunt, als sie die Tür ihrer Wohnung öffnete.