„Gib mir eine zweite Chance!“, schniefte das Mädchen erneut, zog ein kleines Taschentuch aus ihrer Tasche und wischte sich schnell die Nase ab.

Gib mir noch eine Chance, fleht das Mädchen erneut, zieht ein Taschentuch aus der kleinen Tasche und wischt hastig ihre Nase. Das Tuch ist weiß, hat einen hellblauen Saum und kleine Blumen an den Ecken.

Wie rührend, denkt Andreas Jürgen. Na, wie? Ich habe keine Lust, weibliche Tränen zu ertragen!

Keine Hoffnung, sagt er. Versuchs nächstes Jahr, mein Lieber. Wollen Sie lieber als Krankenschwester im Krankenhaus arbeiten? Der Job ist schmutzig und hart, aber Sie sehen dann von innen, wie es wirklich zugeht.

Andreas blickt über den kompletten Innenhof der Hochschule, wo die Studenten stehen, und sagt: Stellen Sie sich den weißen Kittel, die glänzenden Instrumente, die sterilen, sonnigen Flure vor. Sie gehen, halb Götter, nicken den Patienten zu, und sie schauen Sie flehend an.

Er neigt sich unter die bunte Kopfbedeckung des Mädchens, stockt. Wie viele Sommersprossen hast du, Lieselotte! Die Sonne küsst dich überall. Dann lacht er laut. Die warmen Sommersprossen auf Lieselottes Gesicht und die Vorstellung, dass die Sonne sie leidenschaftlich küsst, machen ihn fröhlich. Zudem hat seine Frau heute Geburtstag, sie fahren zum Schrebergarten, dort schwimmen Karpfen, ein wendiger Zander schlüpft durch das Wasser, und die Bienen summen laut, während Andreas mit ihnen spricht und ihnen die Vernunft erklärt.

Lieselotte reibt die Augen, wirft einen verwirrten Blick zu ihm. Professor, Sie lachen das ist komisch. Und das ist alles nicht richtig! Ich war so gut vorbereitet und dann habe ich mich vor der Kommission blamiert, halte das Ticket mit verschwitzten Händen, fürchte mich, hinaufzusehen.

Ähm Entschuldigung, ich lache nicht über Sie. Sie, Lieselotte, sind ein hübsches Mädchen, gesteht Andreas. Komm, lass uns ein Eis holen! aber es ist so heiß. Er zieht den Kragen seiner Hemd hoch, drückt den abgenutzten Aktenkoffer an die Achsel. Hier, nimm das Geld. Er kramt in der Tasche seiner Hose, zieht zerknitterte Scheine heraus. Kauf dir und mir jeder ein Eis, ich warte an der Bank.

Lieselotte zuckt mit den Schultern. Welches soll ich nehmen?, fragt sie leise. Egal, nur schnell. Sonst bleibt mein Platz leer und du bekommst den Job nicht.

Er beobachtet, wie Lieselotte mit ihren dünnen, kleinen Beinen zur Eisdiele schlendert. So ein Kind!, schüttelt er den Kopf. Wie kommt man nur zu so etwas?

Auf einer Bank setzt er sich, legt den Koffer neben sich und greift nach einem Taschentuch aus seiner Jacke. Im Gegensatz zu Lieselottes Taschentuch ist es riesig, in grobe blaugrüne Karos und völlig hässlich. Er reibt sich die Stirn, schnauft. Mist! Schwitzen, müde und alt sein das nervt. Er fühlt sich ungeachtet seiner Würde neben dem sommersprossigen Mädchen. Ich liebe meine Frau mehr als alles, ich will keine Studentinnen. Es schmerzt nur, dass das Leben weitergeht und ich nur noch das junge, mutige Leben von Lieselotte bewundern kann.

Lieselotte schaut ihn verlegen an. Warum schauen Sie mich so an? Hier, das Eis, ich nehme ein Vanilleeis. Sie reicht ihm ein in Papier gewickeltes Eis.

Und für dich?, fragt er irritiert. Ich wollte doch zwei Stück. Hörst du nicht zu? Er blinzelt nervös, seine Augen werden groß wie ein Fisch, den er morgen fangen will. Nichts! Du wirst dir befehlen lassen, aber du tust nichts!

Lieselotte wirft das zweite Vanilleeis zurück, rennt zur Eisdiele, kauft ein zweites Stück und wirft sich erschöpft auf die Bank neben Andreas Koffer. Iss!, befiehlt er. Dann verabschiede dich, ich muss meine Frau zum Schrebergarten bringen.

Sie schiebt das Taschentuch an die Mundwinkel, seufzt. Das Eis schmeckt zu süß, zu fettig, sie hat nur Durst.

Du weißt doch, wo du bist, knurrt Andreas und stampft mit dem Fuß. Ich frage mich, wo du herkommst.

Lieselotte erklärt, dass sie bei ihrer Tante wohnt, die bald Verwandte aus Vorkuta erwartet, und dass sie deswegen bald ausziehen muss. Die Tante, Lena, sagt ihr, sie solle Verantwortung übernehmen, weil die Wohnung nicht ewig da ist.

Woher kommst du?, fragt Andreas, während er das Eis kaut. Ist egal. Nimm mich auf, mach mir noch eine Prüfung, bitte!

Hör auf damit, das ist doch unsinnig, schimpft er mit dem Finger. Wie sollst du später arbeiten, wenn du dich jetzt verhedderst? Du willst den Blinddarm entfernen, aber lieber die Milz?

Wie kann man das verwechseln?, fragt Lieselotte entgeistert. Willst du noch ein Eis? Zwei? Sie packt ihm den Arm, er wehrt sich und schnauft.

Nein, danke. Und ich rate dir, damit aufzuhören. Ich habe genug zu tun, meine Frau wartet. Er steht auf, verneigt sich und geht den Weg entlang des Parks, während Lieselotte traurig in ihrer rotweißen Mütze auf der Bank sitzt. Sie zieht einen winzigen Koffer aus dem Gebüsch hervor kaum größer als ein Spielzeug.

Alles das ist alles, schluchzt sie, die Nase voll Sommersprossen, die Hände auf den Knien. Zuhause werden sie lachen. Niemand glaubte, dass ich Ärztin werden will

Im kleinen Ort Hohenberg, halb Stadt, halb Dorf, der durch eine kurvige Landstraße in zwei Hälften geteilt ist Hochhäuser und Fachwerkhäuser mit bunten Fassaden glaubt niemand, dass das winzige, zirpenähnliche Lieselotte jemals das Medizinstudium abschließen und im örtlichen Krankenhaus in weißem Kittel umhergehen wird.

Die jungen Leute aus dem Hohenberger Klinikum laufen los. Es gibt kaum Instrumente, keine modernen Geräte, die Fenster sind alt und die Heizung knackt. Der Chefarzt, Klaus Friedrich, glaubt fest daran, dass Alkohollappen jede Krankheit heilen. Deshalb geht der Alkohol schnell aus, und Klaus sieht aus wie ein rotes, geschwollenes Gesicht mit blauen Adern, geschwollene Augen und trockenen Lippen. Er nimmt kaum neue Ärzte auf, ist immer schlecht gelaunt.

Lieselotte will ihm entgegenstehen, hat aber Biologie und Genetik verhauen kein Glück.

Andreas Jürgen ist längst verschwunden, Lieselotte sitzt noch immer auf der Bank und hält den Eisklatsch in der Hand.

Jetzt will ich trinken, murmelt sie, zieht den Koffer aus dem Gebüsch, blickt umher und eilt zur Bushaltestelle, um den Zug zu erwischen.

Abends fürchtet sie das Alleinsein, jedes Gebüsch scheint Gespenster zu verbergen, die ihr ihre Großmutter immer als Dämonen erzählt hat. Das Knarren des Zauns, das Rascheln der Äste, das Krachen eines Apfels, das Gackern von Hühnern und das Bellen der Hunde all das lässt Lieselotte zittern. Hinter der Tür im Großmutterschlafzimmer hört sie den Schnarchen ihres Opas, der im Schlaf vor sich hin murmelt. Dieses Geräusch beruhigt sie ein wenig.

Der Opa ist inzwischen im Krankenhaus gestorben, an einer Lungenentzündung. Klaus Friedrich hat weiterhin nur alte Alkohollappen verordnet.

Eine Pflegerin, Tamara Egger, ruft hinter Lieselotte: Er hat es nicht mehr ausgehalten Der Weg nach Hause von der Haltestelle bleibt düster, gesäumt von Büschen, Bäumen und verlassenen Backsteinhäuschen, wo sicher Ungeheuer hausen. Lieselotte humpelt mit ihrem Koffer weiter.

Du hast nicht genug Punkte, meine Liebe. Nächstes Jahr probiers wieder!, meint der Professor in ihrem Kopf.

Ein junger Mann, Vasil, tritt aus dem Gebüsch, bückt sich, nimmt den Koffer und reicht ihn ihr. Lieselotte erschrickt, will schreien, erkennt aber Vasil.

Was machst du hier? Du hast doch gesagt, du würdest nicht an die Uni gehen! wirft sie ihm vor. Gib her, ich trage ihn selbst!

Beruhige dich, du Tor!, brummt er. Ich habe immer für dich gekämpft. Deine Tante hat angerufen, du kommst zurück, also warte ich.

Er bleibt stehen, Lieselotte stürzt sich in seine Arme, umarmt ihn und weint kindisch. Dann küsst Vasil sie. Es ist ein unbeholfener, feuchter Kuss, als würden zwei Vögel sich picken. Lieselotte schaut verwirrt, dann zieht sie ihn zu sich.

Ich bin froh, dass du zurück bist, flüstert Vasil, wenn du hier geblieben wärst, hätte ich dich abgeholt.

Lieselotte nickt, alles ist gut. Der Opa fehlt nur noch im Gedächtnis.

Andreas Jürgen schnappt sich plötzlich die Liste der Bewerber, die an der Tafel hängt, und läuft zu Nadine, die gerade die Anmeldungen sortiert. Sie wischt sich die Nase mit einem weißen Taschentuch, das einen blauen Saum und Blumen hat.

Woher hast du das?, fragt Andreas streng.

Vom Markt. Dort gab es welche mit gelben Blumen, aber mir gefällt das blaue besser, antwortet Nadine verlegen.

Nichts!, knurrt er. Krukowski, Müller, Schulz Wo ist sie?

Nadine, schwanger, zuckt mit den Schultern, nimmt einen Apfel aus ihrer Tasche und kaut.

Sie ist nicht hier! Sie kam nicht! Ich habe wegen ihr alles versucht, sogar den Dekan angerufen.

Nadine nickt, sie wird keinem mehr vertrauen.

Andreas wird von Dozentin Frieda Kappel, einer schlagfertigen, etwas verbitterten Frau, angesprochen: Suchen Sie jemanden, Ihren Protegé?

Nein!, wirft er ihr nach und geht zur Eisdiele zurück. Er kauft ein weiteres Vanilleeis, setzt sich wieder auf die Bank und kaut nachdenklich.

Na gut, sagt er schließlich, ich habe einen Zander im Teich und meine Frau hat wieder Geburtstag.

Warum er gerade Lieselotte im Gedächtnis behält, ist nicht klar viele Studenten wollten ihn bestechen, doch sie bot nur an, gut zu lernen. Das war für ihn rein und ehrlich.

Am Abend sitzt seine Frau, Anja, auf einem harten Metallstuhl, schläft. Andreas versucht, ihre Hand zu berühren, kann sich aber nicht rühren, keucht und schließt die Augen.

Plötzlich öffnet sich die Zimmertür, eine Frau in blauem Kittel mit Kopftuch tritt ein, richtet das Tuch gerade, geht zu ihm und sagt: Wasser, bitte! Sie legt ihm ein Glas vor.

Lieselotte? Sie sind es? fragt er überrascht, das Gesicht voller Sommersprossen.

Ja, ich bins, lächelt sie. Der Chefarzt hat gesagt, es war kein Herzinfarkt, aber du darfst dich nicht beunruhigen.

Er trinkt ein paar Schlucke, dankt ihr.

Lieselotte, was machst du hier? Ich habe dich zwei Jahre lang gesucht, protestiert er, doch sie legt ihm einen Finger auf die Lippen und sagt, sie komme im nächsten Jahr zurück, heirate Vasil, habe einen Sohn Sergej und arbeite jetzt als Pflegerin.

Wie soll man hier etwas lernen?, fragt er verzweifelt.

Deshalb will ich Ärztin werden, antwortet sie. Dann ändere ich alles.

Er lacht: Dann wirst du dich wohl auch mit meinem alten Chefarzt anlegen.

Ich dachte auch immer, du bist ein bisschen wie ein moderner Rumpelstilzchen, sagt Lieselotte.

Du bist doch Lieselotte, stammelt er.

Ja, ich bin LieselotteKrause. Und du bist Professor, nicht der Zauberer.

FrauHofmann, ich bringe Ihnen Tee und Lebkuchen. Möchten Sie welche?

Sie nimmt sie, geht zur Küche, schenkt ihr einen Tee.

Plötzlich erscheint Kolja, ein schmächtiger, ungepflegter Mann, der früher Chefarzt war. Sein weißer Kittel ist grau geworden, schmutzig wie sein Leben.

Ich bins, Kolja, sagt er lachend. Hab mich nicht umgebracht, nur anders.

Wie hast du das überlebt?, fragt Andreas, halb erstaunt.

Hab mich selbst umgebracht, aber rückwärts, erklärt Kolja. Jetzt will ich helfen, die jungen Leute zu motivieren, sonst gehen sie alle zugrunde.

Er spricht von Lieselotte, von ihrem kleinen Sohn, und bittet Andreas, ihr zu helfen.

Andreas nickt, siehende, dass das Bett in der Klinik kahl und kalt ist, das Licht schummrig, die Wände blaugrau.

Anja, wach auf!, ruft er, während er versucht, die Pflegerin zu beruhigen.

Ein Arzt, Klaus Friedrich, betritt den Raum, benommen und mit starkem Geruch nach Alkohol, schimpft: Was ist das hier für ein Lärm?

Lieselotte legt ihm die Hand auf die Schulter, sagt: Wir schaffen das.

Andreas steht schließlich wieder vor der Tafel, das Namensschild LieselotteKrause blinkt. Sie ist zugelassen. Jetzt wird Klaus noch einen Tag warten müssen.

Andreas lächelt, schnappt sich den letzten Eisbehälter und geht zur Eisdiele. Er sagt sich: Wenn ich will, kann ich Berge versetzen.

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Homy
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„Gib mir eine zweite Chance!“, schniefte das Mädchen erneut, zog ein kleines Taschentuch aus ihrer Tasche und wischte sich schnell die Nase ab.
„Ich fahre in den Urlaub, also kümmere ich mich nicht um jemanden! Wie ich meiner Schwiegermutter heimgezahlt habe, nachdem sie mich versetzt hat“