Verheiratet sein!
Am dritten Tag begannen die Finger sich zu regen. Die Bewegung setzte an den Spitzen ein jenen, die wie die Kappe eines roten Fliegenpilzes aussahen, nur ohne die weißen Punkte. Bald zuckte auch der graue Teil, und bis zum Mittag bewegten sie sich über ihre ganze Länge. Keine Knochen waren darin und die wurmartigen Gebilde nutzten das aus. Einer nach dem anderen krümmten sie sich im Topf, versuchten, sich an den Rand zu krallen. Marlene lächelte amüsant, dass sie sich ausgerechnet einen Topf in Form eines Menschenkopfes gekauft hatte. Man konnte fast sehen, wie er mit den Gedanken arbeitete.
Die Finger hörten auf, ihre Umgebung zu erkunden, und erstarrten eine Fliege summte zum Fenster. Mit zuckenden Flügeln landete das Insekt auf der bunten Gardine und krabbelte hinunter. Nachdem es mit seinem Rüssel die Fasern geprüft hatte, flatterte es weiter auf die Scheibe. Die Finger regten sich nicht, als wollten sie die Fliege nicht erschrecken. Schließlich kroch sie auf die rote Spitze eines Fingers, probierte sie und wanderte weiter hinab.
Doch der Finger reagierte blitzschnell. Die rote Spitze schnellte hinunter und klemmte die Fliege ein. Ein Knacken beendete das Summen, alle sieben Finger verkrampften sich zur Faust und duckten sich in der Erde des Topfes. Der Pilz glich nun einem grauen Gehirn mit roten Adern.
Nahrung für den Geist, murmelte Marlene und holte einen kleinen Kessel aus dem Ofen. Die Fleischbrühe begann bereits zu verdampfen.
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Marlene füllte eine Schüssel mit Brühe, rührte mit dem Löffel, prüfte die Konsistenz gut genug, und der Geruch war auch nicht übel. Sie schöpfte eine Portion heraus und goss die dampfende Flüssigkeit über den Topf. Die Finger zuckten gierig, saugten die Fleischbrühe durch ihre Adern auf. Marlene trat vom Fenster zurück und beobachtete weiter. Plötzlich bebten die Finger und platzten, beginnend an den Spitzen. Die grauen Stränge öffneten sich zu roten Blütenblättern, übersät mit winzigen Noppen auf ihrer Innenseite. Nun lag der voll ausgereifte Pilz wie eine blutrote Blume auf dem tönernen Kopf.
Marlene grinste in sich hinein und hob den Topf hoch. Einer der Fortsätze zuckte in Richtung ihres Fingers. Sie pfiff scharf und er erstarrte.
So ists recht, flüsterte sie und ging zum offenen Kellerloch.
In der dunklen Grube regte sich etwas sie warf den Topf hinein. Ein gedämpftes Quieken, dann ein feuchtes Platzen.
Marlene kehrte zum Herd zurück und hob den Kessel. Das dicke, nasse Wolltuch rutschte leicht in ihren Händen, die Hitze des Gusseisens brannte an ihren Fingerspitzen. Die trübe, dickflüssige Brühe ergoss sich in den Schlund des Kellers und dieser antwortete mit schmatzender Dankbarkeit.
Das Mädchen stellte den Kessel beiseite und beleuchtete den Keller mit einer Laterne. An den Wänden regten sich Pilze mit grauen Fingern. Einer nach dem anderen entfalteten sie sich zu roten Blüten Tentakeln, gesättigt von der Fleischbrühe nach Großmutters Rezept.
Marlene stellte die Laterne auf den Tisch und schob das Bett zurück, die eisernen Füße quietschten über die Dielen. Sie überprüfte den Mechanismus, glättete die Decke und verhängte das Loch unter dem Bett.
Auf den Tisch kam ein schneeweißes Tischtuch, auf die Teller dampfende Speisen aus dem Ofen. Der Boden glänzte frisch gefegt, die Öllampen waren aufgefüllt. Sie wechselte ihr abgetragenes Kleid gegen eine neue Tracht, kneiff sich in die Wangen und spähte aus dem Häuschen.
Von einem Stein an der Weggabel näherte sich ein Reiter in schimmernder Kettenrüstung. War das nicht herrlich vielleicht würde sie heute noch heiraten! Und wenn der Freier nicht taugte dann blieb immer noch der Keller mit seinen Pilzen.
Der Bräutigam ritt direkt vor die Haustür und die Erbhexe Marlene grinste ihn an, als wolle sie ihn gleich verschlingen.





