Im Wald Entdeckte Geheimnisse

20. Oktober 2025

Heute begann alles mit einer kurzen Meldung im Newsfeed ein Foto eines Mannes, darunter die Bildunterschrift: Vermisst im Wald, Hilfe nötig. Ich, Matthias, starrte lange auf den Bildschirm, als erwartete ich ein Signal, das mich aus meinem gewohnten Alltag reißen würde. Ich bin achtundvierzig, habe einen sicheren Job, einen erwachsenen Sohn, der in Hamburg lebt, und bin es gewohnt, fremde Probleme nicht zu berühren. Doch an diesem Abend ließ mich die Sorge nicht los, als wäre es ein Verwandter. Ich klickte auf den Link und schrieb an die Koordinatorin des Suchtrupps, AnjaAlert.

Die Antwort kam rasch: höflich, mit klaren Anweisungen. In der Gruppe für Neulinge stand, dass wir um 19Uhr am Rande des Dorfes Waldheim zusammentreffen, eine Taschenlampe, Wasser, Proviant und warme Kleidung mitbringen sollen. Sicherheit hat Vorrang. Ich packte in meinen Rucksack einen alten Thermosbehälter mit Tee, ein Verbandsset und ein frisches Paar Socken. Ein leichtes Zittern in den Fingern es ist ungewohnt, Teil von etwas Größerem zu sein.

Zuhause wurde es stiller: der Fernseher aus, in der Küche duftet es nach frischgebackenem Brot. Mein Handy zeigte noch einmal die Erinnerung der Koordinatorin an die Sammelzeit. Ich fragte mich: Warum gehe ich mit? Will ich mich selbst testen, meinem Sohn etwas beweisen oder kann ich einfach nicht länger wegschauen? Eine Antwort blieb aus.

Draußen war es bereits dämmrig. Auf der Autobahn zogen die Autos vorbei, als würden sie ihre Sorgen mit sich forttragen. Die kühle Abendluft drang bis zum Kragen meiner Jacke. Das Treffen mit den Freiwilligen verlief zurückhaltend: Gesichter, von zwanzig Jahren jüngere bis zu deutlich älteren Menschen. Anja, kurzhaarschnittig, leitete die Einweisung: nicht vom Trupp abweichen, Funk hören, zusammenbleiben. Ich nickte wie die anderen.

Wir marschierten zum Wald entlang eines niedrigen Zauns. Im Zwielicht wirkten die Bäume höher und dichter; am Dorfrand hörte man noch das Zwitschern der Vögel und das Rascheln von Laub. Die Lampen erhellten nasse Gräser und die wenigen Pfützen, die vom Regen des Tages übrig geblieben waren. Ich blieb in der Mitte der Kolonne weder vorne noch ganz hinten.

Ein wachsendes Unbehagen begleitete jeden Schritt ins Dunkel. Der Wald machte seine eigenen Geräusche Äste rieben aneinander, ein Ast knickte irgendwo rechts. Jemand flüsterte einen Scherz über ein MarathonTraining. Ich schwieg und lauschte meinem eigenen Atem: Die Müdigkeit wuchs schneller als die Gewöhnung an die Finsternis.

Jedes Mal, wenn Anja den Trupp anhielt, um den Funk zu prüfen, schlug mein Herz lauter. Ich fürchtete, ein Signal zu verpassen oder mich zu verirren. Doch alles lief nach Plan: kurze Funkbefehle, Durchsagen, Diskussionen über die Route jemand wollte die nassen Niederungen rechts umfahren.

Nach einer Stunde waren wir so tief im Wald, dass das Licht des Dorfes hinter den Baumstämmen verschwand. Die Lampen warfen nur noch einen Kreis um unsere Füße, außerhalb dieser Lichtkugel lag eine undurchdringliche Schattenwand. Mein Rücken schwitzte unter dem Rucksack, die Stiefel wurden feucht von nassem Gras.

Plötzlich hob Anja die Hand, und wir hielten an. Im Dunkeln drang eine leise Stimme:

Ist jemand da?

Die Lampen richteten sich auf einen Busch, wo jemand auf den Knien saß. Ich trat mit zwei anderen Freiwilligen vor.

Im Licht der Taschenlampe zeigte sich ein alter Mann, dünn, mit grauen Schläfen und schmutzigen Händen. Er blickte ängstlich und verwirrt, die Augen huschten von Gesicht zu Gesicht.

Sind Sie Herr Johann Andreas?, fragte Anja leise.

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

Nein Ich bin Peter Ich habe mich am Morgen beim Pilzsammeln verlaufen Mein Fuß tut weh Ich kann nicht weitergehen

Ein kurzer Moment der Stille: Wir suchten nach einer vermissten Person und fanden einen ganz anderen. Anja meldete sofort über den Funk:

Ein älterer Mann gefunden, nicht unser Gesuchtes, Evakuierung mit Trage nach aktuellen Koordinaten nötig.

Während sie weitere Details mit dem Hauptquartier abklärte, legte ich dem alten Herrn eine Decke aus meinem Rucksack über die Schultern.

Seit wann sind Sie hier?, flüsterte ich.

Seit dem Morgen Ich war nach Pilzen unterwegs, dann habe ich den Weg verloren Und jetzt der Fuß

Seine Stimme verriet sowohl Erschöpfung als auch Erleichterung. In mir wuchs die Erkenntnis, dass die Aufgabe sich in einem Augenblick verwandelt hatte: statt zu suchen, mussten wir jetzt helfen.

Wir untersuchten seine Schwellung am Sprunggelenk er konnte kaum gehen. Anja befahl, bis die Trageeinheit eintrifft, an Ort und Stelle zu bleiben.

Die Zeit zog sich, die Dämmerung wich der Nacht. Mein Handy zeigte nur ein schwaches Signal, der Funk wurde immer schwächer, die Batterie schmolz schneller in der Kälte. Bald brach die Verbindung völlig ab. Anja versuchte, das Hauptquartier zu erreichen vergeblich. Nach Anweisung musste alle fünf Minuten Lichtsignale mit den Lampen geben.

Zum ersten Mal war ich allein mit der Angst: Der Wald um uns herum drängte dichter, jedes Geräusch wirkte bedrohlich. Der alte Mann zitterte unter der Decke und murmelte leise vor sich hin. Die anderen Freiwilligen setzten sich im Halbkreis um uns, teilten den Rest meines Tees, reichten ihm ein Butterbrot aus den Vorräten. Seine Hände zitterten stärker vor Kälte und Müdigkeit.

Ich hätte nie gedacht, dass jemand mich findet Danke euch, flüsterte er.

Ich sah ihn an, und in mir verschob sich etwas: Die Furcht wich einer festen Ruhe. Jetzt zählte ich nicht mehr nur mich selbst, sondern das Dasein neben ihm.

Der Wind trug den Geruch von feuchter Erde und verwelkten Blättern, die Kleidung wurde von der nächtlichen Feuchte durchtränkt. In der Ferne rief eine Eule, und die Nacht schien endlos zu werden.

Wir saßen, bis die Zeit bedeutungslos wurde. Ich hörte seine Geschichten von seiner Kindheit im Krieg, von seiner Ehefrau und dem Sohn, der schon lange nicht mehr zu Besuch kam. In diesem Gespräch fand ich mehr Vertrauen und Leben als in vielen Begegnungen der letzten Jahre.

Der Funk blieb still, die Batterie des Senders blinkte nur noch mattrot. Ich prüfte mein Handy immer wieder ohne Erfolg. Ich wusste nur eines: Auf keinen Fall dürfen wir gehen.

Als ein erster Lichtstrahl den Nebel zwischen den Bäumen durchbrach, glaubte ich kaum, dass Rettung bereits in Sicht war. Aus der Dunkelheit traten zwei Personen in gelben Warnwesten, gefolgt von weiteren mit Tragen. Anja rief meinen Namen, und in ihrer Stimme lag Erleichterung, als würde sie nicht nur den alten Mann retten, sondern uns alle.

Die Helfer prüften den Zustand des Mannes, füllten das Papierprotokoll, legten einen Verband an und legten ihn behutsam auf die Trage. Ich half beim Heben meine Arme brannten, doch gleichzeitig fühlte ich eine seltsame Leichtigkeit: Die Verantwortung war nun auf viele Schultern verteilt. Ein junger Helfer zwinkerte mir zu, als wolle er sagen, dass alles gut wird. Ich nickte, ohne Worte zu finden.

Anja meldete kurz über Funk: Verbindung wiederhergestellt, Hauptquartier hat zwei Gruppen entsandt eine zu uns, eine nach Norden zu den Spuren des vermissten Mannes. Dann kam die klare Durchsage: Zielgruppe zwölf, gefundener älterer Mann bereit zur Evakuierung, Zustand stabil, Rückweg. Das Knistern des Funkgeräts verfolgte das Signal, bis das Hauptquartier bestätigte: Hauptziel von anderer Gruppe gefunden, lebendig und zu Fuß. Alle melden Ende.

Ich hielt den Atem an, während der alte Mann mit fester Hand meine ergriff. Danke, hauchte er kaum hörbar.

Ich sah ihm in die Augen und spürte zum ersten Mal seit Stunden, dass ich nicht nur ein zufälliger Beobachter war, sondern ein Teil von etwas Bedeutungsvollem.

Der Rückweg war länger, als er in der Dunkelheit erschien. Die Trage wechselte sich ab: zuerst die jungen Helfer, dann zog ich die Griffe, spürte das Zittern des Grases unter den Füßen und die feuchte Luft, die mein Gesicht kühlte. Im Wald hörte man bereits das morgendliche Zwitschern, ein Drossel flitzte über unseren Köpfen. Jeder Schritt brachte die vertraute Müdigkeit zurück, doch mein Geist blieb erstaunlich ruhig.

Am Waldrand traf uns der erste Dunst des Morgens. Die Helfer tauschten leise Worte, machten Scherze über das nächtliche FitnessTraining. Anja blieb leicht voraus, prüfte den Funk und markierte den Ausgangspunkt für das Hauptquartier. Ich ging neben dem alten Mann bis zur Rettungswagen, achtete darauf, dass die Decke nicht abrutschte.

Als der Krankenwagen den Mann aufnahm, dankte Anja jedem persönlich. Sie drückte mir die Hand fester als bei den anderen:

Sie haben heute mehr geleistet, als Sie sich am Morgen vorstellen konnten.

Ich errötete unter ihrem Blick, ließ jedoch nicht los. In mir hatte sich etwas verändert die Grenze zwischen meinem Ich und den Problemen anderer wurde dünner.

Auf dem Rückweg zum Dorf wirkte die Straße ganz anders: der feuchte Kies glitzerte im ersten Licht, meine Stiefel schlugen im tauigen Gras. Rosa Strahlen des Morgens zerrissen das graue Firmament über den Dächern. Die Luft war schwer von Feuchtigkeit, doch jeder Schritt wurde sicherer.

Das Dorf lag still, die Fenster noch dunkel, vereinzelte Gestalten huschten zum kleinen Laden. Ich stellte mich vor mein Tor, ließ den Rucksack fallen und lehnte kurz an dem Holzzaun. Ein leichtes Zittern durchlief mich Kälte und das Erlebte, doch es fühlte sich nicht mehr nach Schwäche an.

Mein Handy vibrierte: Eine neue Nachricht von Anja Danke für die Nacht. Darunter eine weitere: Können wir im Bedarfsfall wieder auf Sie zählen? Ich antwortete knapp: Ja, selbstverständlich.

Ich dachte darüber nach, wie früher solche Entscheidungen fremd und unmöglich schienen. Jetzt erschien alles anders. Die Erschöpfung hindert mich nicht an innerer Klarheit: Ich weiß, dass ich wieder einen Schritt nach vorne machen kann.

Ich hob den Kopf, das Morgenlicht breitete sich aus, tauchte Bäume und Dächer in ein rosa Leuchten. In diesem Moment begriff ich: Das Hier und Jetzt, mein Mitwirken, ist die Antwort auf die Frage nach meiner eigenen Bedeutung. Ich bin kein passiver Beobachter mehr.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Im Wald Entdeckte Geheimnisse
Die Lektion des SelbstvertrauensDie Lektion des Selbstvertrauens