Nicht die Mutter, sondern die Kuckucksmutter

Nicht die Mutter, sondern die Kuckucksuhr
Wohin willst du? Ich frage dich was hast du dir nur ausgedacht?

Der schrille Aufschrei ihres Bruders riss die Olga Schneider aus ihrem morgendlichen Halbschlaf. Sie setzte sich wackelig auf die Hände in dem schmalen Bett des Gästezimmers und lauschte den Geräuschen hinter der dünnen Wand. Seit zwei Wochen wohnte die Olga vorübergehend bei ihrem älteren Bruder Maximilian Becker, während sie in Berlin nach einer Arbeit und einer eigenen Wohnung suchte. Der Umzug war hart gewesen, doch ein anderer Ausweg schien unmöglich in ihrer Heimatstadt gab es keine Perspektiven.

Plötzlich zerriss das Schreien eines Babys die Stille. Der vier Monate alte Leon wachte wegen eines Streits seiner Eltern auf. Olga verzog das Gesicht, zog ihren Morgenmantel enger und setzte sich an den Rand des Bettes.

Ich habe ein Vorstellungsgespräch, murmelte leise Lena, Maximilians Ehefrau, aus dem Flur.

Ein Vorstellungsgespräch? Bist du verrückt?, schrie Maximilian lauter. Du hast ein Kleinkind! Von welcher Arbeit sprichst du? Dein Platz ist zu Hause bei dem Jungen!

Olga wartete auf Lenas Antwort, doch das ganze Appartement blieb still. Nur Leon schrie weiter, dann knackte die Haustür kräftig zu. Lena hatte das Zimmer verlassen.

Olga verließ das Zimmer und ging in die Küche. Maximilian stand mitten im Raum, schaukelte das weinende Baby unsicher in den Armen. Sein Gesicht war ein Mix aus Zorn und Hilflosigkeit.

So läuft das immer, murmelte der Bruder, als er Olga bemerkte. Sie wirft das Kind weg und läuft ihren eigenen Dingen nach.

Ohne ein Wort nahm Olga den Neffen aus Maximilians Händen. Der Kleine beruhigte sich langsam, indem er seinen Kopf an Olgas Schulter legte. Maximilian ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen und fuhr mit den Händen über das Gesicht.

Lena ist völlig durchgedreht, fuhr er fort, starr in die Leere. Wie kann man so ein Kleines zurücklassen und an irgendeine Arbeit denken? Wenig besser, dass ich jetzt Urlaub habe und mich um Leon kümmern kann.

Olga wiegte das Kind behutsam und dachte über seine Worte nach.

Max, vielleicht solltest du mit Lena reden ruhig, ohne zu schreien, schlug Olga sanft vor. Vielleicht hat sie ein Problem? Postpartale Depressionen kommen bei vielen Frauen vor. Sie könnte professionelle Hilfe brauchen.

Maximilian wischte die Hand ab, als wäre er von einer nervigen Fliege befreit.

Keine Depression! Lena war immer zu freiheitsliebend, Karrieretyp. Ich dachte, nach der Geburt wird sie zur richtigen Mutter. Sie will aber nichts ändern. Ihr Kind ist ihr egal!

Olga wollte widersprechen, schwieg aber. Leon schlief endlich ein, und sie legte ihn vorsichtig in das Kinderbett.

Lena kehrte erst am Abend zurück. Gerade als Olga Leon ins Bett legte, hörte sie das Klicken des Schlosses. Die Schwiegertochter schritt an der Tür des Kinderzimmers vorbei, ohne hineinzusehen. Olga trat ins Flur und sah Lena schweigend ihr Abendessen in der Küche zubereiten. Maximilian saß demonstrativ still im Wohnzimmer vor dem Fernseher, ohne ein Wort zu sagen.

Die Stimmung in der Wohnung wurde unerträglich. Olga eilte in ihr Zimmer, nahm das Telefon und wählte ihre Mutter.

Mama, hier passiert etwas Merkwürdiges, flüsterte Olga in den Hörer und berichtete vom Tag.

Ihre Mutter atmete schwer durch das Telefon.

Ja, meine Liebe, Lena war schon seit Leibesbeginn so. Maximilian hat mir das oft erzählt. Es scheint, als hätte ihr mütterlicher Instinkt nie geweckt. Mein armer Junge, wie schwer es für ihn sein muss. Und ein Kind bei einer lebenden Mutter? Ich kann mir das gar nicht vorstellen das Kind spürt doch alles

Nach diesem Gespräch lag Olga lange im Bett. Sie konnte nicht begreifen, wie das möglich war. Vor der Schwangerschaft kannte sie Lena als eine liebe, freundliche und hilfsbereite Frau. Maximilian war von ihr verrückt verliebt. Jetzt war diese kalte Haltung gegenüber dem eigenen Kind und dem Ehemann unverständlich etwas stimmte nicht.

Lena verließ das Haus regelmäßig. Die Schwiegertochter verschwand von morgens bis abends, ließ Maximilian allein mit dem Baby. Der Bruder nahm Leon mit zum Supermarkt, spazierte mit ihm, versuchte, die Kinderbetreuung mit den Haushaltsaufgaben zu verbinden. Olga half, wo sie konnte, doch ihr war klar, dass das so nicht weitergehen konnte.

Eine Woche später kam Lena mit leuchtenden Augen nach Hause. Zum ersten Mal seit langem sah Olga ein echtes Lächeln auf ihrem Gesicht.

Ich habe einen Job gefunden, verkündete Lena beim Abendessen.

Maximilian erstarrte mit dem Löffel halb im Mund. Sein Gesicht färbte sich rot.

Machst du Witze? Du hast doch erst ein vier Monate altes Kind! Du musst dich um ihn kümmern, nicht durch das Büro hetzen!

Lena antwortete kalt:

Das ist mein Leben.

Maximilian sprang vom Tisch auf.

Du bist egoistisch! Denkst nur an dich! Das ist falsch! Du bist die Mutter, dein Platz ist beim Kind!

Olga sah, wie Lena sich in sich zurückzog, wie ein geschlossener Vorhang. Die Schwiegertochter stand still, ging ins Schlafzimmer und wurde den Rest des Abends nicht mehr gesehen.

Am nächsten Tag gingen Olga und Maximilian mit Leon in den Park. Maximilian schob den Kinderwagen vor sich her und beschwerte sich unablässig.

Siehst du, wie sie zu ihm steht? Das eigene Kind, und sie kümmert sich kaum. Sie nimmt es nicht in die Arme, küsst es nicht. Was für eine Mutter? Nicht die Mutter, sondern die Kuckucksuhr!

Olga schwieg, wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie bedauerte ihren Bruder, doch ihr Inneres sagte ihr, dass die Geschichte nicht so einfach war, wie er dachte.

Sie kehrten nach ein paar Stunden nach Hause zurück. Das Appartement war ungewöhnlich still. Olga drückte den Lichtschalter im Flur.

Lena? Bist du zu Hause?, rief sie.

Stille. Olga ging durch die Zimmer die Küche leer, das Wohnzimmer ebenfalls. Maximilian mit Leon in den Armen ging ins Schlafzimmer. Sie hörte, wie ihr Bruder keuchend Luft holte, und eilte zu ihm.

Maximilian stand vor dem offenen Kleiderschrank. Die Hälfte der Regale war leer. Lenas Sachen waren nirgends zu finden.

Sie ist weg, hauchte Maximilian mit heiser Stimme.

Er ließ sich erschöpft auf das Bett sinken, immer noch den Sohn festhaltend. Seine Schultern zitterten.

Undankbar! Nach allem, was ich für sie getan habe! Ich habe ihr alles gegeben Wohnung, Liebe, Ehe, ein Kind! Und sie geht einfach!

Olga setzte sich zu ihrem Bruder, versuchte ihn zu beruhigen. In ihr wuchs ein dunkles Unbehagen.

Max, was hat sie zu diesem Schritt getrieben? Erzähl ehrlich, was ist zwischen euch passiert?

Maximilian hob die rotgegeröteten Augen zu ihr. Er schwieg, sammelte seine Gedanken.

Die Schwangerschaft war ein Unfall, begann er schließlich. Lena wollte kein Kind. Sie sagte, sie sei noch nicht bereit, will erst ihre Karriere voranbringen. Ich drängte sie, sagte, wir seien schon dreißig, es sei Zeit zu sesshaft zu werden, Familie zu gründen. Sie stimmte zu, aber nach der Geburt hat sie ihn nie geliebt. Ich hoffte, das Muttergefühl erwacht, dass sie sich an den Jungen bindet. Stattdessen zog sie sich immer weiter zurück.

Olga starrte weit aufgerissenen Augen. Das Bild, das sie von Lena gehabt hatte, zerbrach in einem Augenblick. Sie hatte gedacht, die Schwiegertochter sei einfach launisch, aber die Wahrheit war weit grausamer Lena wurde praktisch gezwungen, ein Kind zu bekommen, das sie nicht wollte.

Max, flüsterte Olga.

Einige Tage später endete Maximilians Urlaub. Er ging wieder zur Arbeit und schob die Verantwortung für Leon auf Olgas Schultern. Olga widersetzte sich nicht das Kind war nicht schuld an den Problemen seiner Eltern.

Eine Woche verging. Eines Morgens stürmte Maximilian nach Hause, schwenkte ein Bündel Papiere.

Sie hat die Scheidung eingereicht!, schrie er. Und sie will das Sorgerecht für Leon abgeben! Sie sagte am Telefon, wenn ich das Kind wollte, muss ich mich selbst darum kümmern! Ich habe einen Job, eine Wohnung, ich schaffe das. Sie will das alles nicht mehr!

Olga schaukelte weiter den Neffen, hörte die Tirade ihres Bruders und verstand immer besser, warum Lena geflüchtet war. Maximilian tat zu Hause nichts, half nicht, verlangte nur.

Schließlich erhielt Olga gute Neuigkeiten: Sie bekam eine Arbeit. Sie fand eine kleine Einzimmerwohnung nahe ihres Büros. Der Umzug war anstrengend, doch Maximilian war nicht froh darüber.

Du wirfst uns auch weg! Was ist mit Leon? Wer kümmert sich um ihn? Wie kannst du einfach gehen?

Olga sah ruhig zu ihrem Bruder. Sie musste ihm wehtun, aber sie wiederholte Lenas Worte:

Du wolltest das Kind, Max. Also kümmere dich selbst darum. Schiebe die Verantwortung nicht auf andere.

Olga stand in ihrer neuen Wohnung, stellte Kartons auf Regale. Die Stille beruhigte sie nach Wochen des Babygeschreis und der Geschrei ihres Bruders. Sie nahm ein altes Foto aus einer Kiste sie und Maximilian als Kinder, lachend. Sie fuhr mit dem Finger über das Bild und dachte darüber nach, wie selbst die engsten Menschen sich enttäuschen können. Der Bruder, den sie einst vergöttert hatte, erwies sich als egoistisch, zerbrach das Leben seiner Frau. Und Lena, die von allen verurteilt wurde, schützte nur sich selbst.

Sie legte das Foto ins Regal und wandte sich ab. Ein neues Leben lag vor ihr ihr eigenes Leben.

Die Geschichte lehrt: Verantwortung kann man nicht auf andere schieben; wahre Fürsorge beginnt bei einem selbst, und das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse führt oft zu größerem Leid für alle.

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Homy
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