Samstag, 12. Juni
Liebes Tagebuch,
ich halte hier fest, was meine Schwester Roswitha in den letzten zwei Jahren erlebt hat. Ich bin ihr Bruder, und ich habe gebraucht, um zu verstehen, warum sie am Ende so gehandelt hat, wie sie gehandelt hat. Sie hat mir die einzelnen Stücke nach und nach erzählt, manchmal am Telefon, manchmal in ihrem Wohnzimmer, wenn Jürgen nicht da war. Ich schreibe es auf, weil ich selbst nicht sicher bin, ob ich so viel Mut gehabt hätte.
Es begann an einem stickigen Samstag im Elektrofachmarkt. Roswitha stand vor den Warmwasserboilern und spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Es roch nach Plastik und warmem Blech. Der alte Boiler im Bad war an dem Morgen endgültig verreckt, und sie hatte schon einen Topf Wasser auf dem Herd stehen, um sich notdürftig zu waschen. Jürgen stand daneben und starrte auf sein Handy.
„Guck mal, dieser hier, fünfzig Liter“, sagte Roswitha und zeigte auf ein Modell mit einem Preisschild von 380 Euro. „Der reicht. Wir zahlen halbe-halbe, wie immer.“
Jürgen sah auf und grinste: „Halbe-halbe? Das ist deine Hobby-Kiste. Du duschst ja auch immer eine Stunde. Für mich reicht das Waschbecken.“
„Jürgen, das ist eine gemeinsame Sache. Du willst doch auch warmes Wasser.“
„Ich hätte den alten Boiler repariert. Du willst einen neuen. Dann kauf ihn dir. Ich gebe mein Geld für das aus, was ich für richtig halte.“
Roswitha umklammerte den Gurt ihrer Handtasche. Dieser Satz war nicht neu, aber heute klang er endgültig. „Das heißt, der Boiler ist meine Laune? Und deine Mutter, die zweimal im Monat Geld für ihre Massage bekommt, ist deine persönliche Ausgabe?“
Jürgen schaute sie kalt an, so wie man einen Verkäufer ansieht, der einem zu viel aufdrängen will. „Dann klären wir das ein für alle Mal. Jeder lebt von seinem eigenen Gehalt. Ich gebe mein Geld nach meinem Ermessen aus, du nach deinem. Nebenkosten halbe-halbe, Lebensmittel halbe-halbe. Was sonst noch kommt, geht jeden selbst etwas an. Und ich will nichts mehr über meine Mutter hören.“
Roswitha hätte sagen wollen: „Das ist keine Ehe, das ist eine Zweck-WG.“ Aber sie erinnerte sich an den Geburtstag ihrer Nichte, als Jürgen sich geweigert hatte, etwas zum Geschenk beizutragen. „Deine Verwandten, deine Ausgaben“, hatte er gesagt. Sie hatte geschwiegen. Sie hatte zugestimmt. Die Regel trat in Kraft.
In den nächsten zwei Jahren lief alles nach dieser Regel. Roswitha kaufte den Boiler selbst. Sie bezahlte ihre Zahnbehandlung selbst. Sie legte Geld für ihre Mutter zurück, für die Operation, die Gisela Berg brauchte. Das Hüftgelenk war bewilligt worden, aber einen Teil der Nachsorge, die Spezialbandage und das Einzelzimmer im Krankenhaus, musste die Tochter selbst zahlen. Roswitha sparte, wo sie nur konnte. Jürgen tat so, als wäre das völlig normal.
An einem Freitagabend saß Roswitha in der Küche und zählte im Kopf ihr Erspartes. Es fehlten noch vierhundertfünfzig Euro bis zur Summe für die Reha ihrer Mutter. Im nächsten Monat sollte eine Bonuszahlung kommen, dann würde es reichen. Ihr Handy piepste. In der Nachrichtengruppe, in der nur sie und Jürgen waren, lag eine Sprachnachricht von Hildegard Brandt, ihrer Schwiegermutter.
„Söhnchen, Roswitha! Ich habe eine wunderbare Kurklinik in Bad Kissingen entdeckt, genau das Richtige für meinen Blutdruck und meine Gelenke. Die Kurwoche kostet nur achtzehnhundert Euro, aber ich muss bis morgen zahlen, sonst sind die Plätze weg. Roswitha, du bist doch so sparsam, du hast doch immer etwas auf der Seite. Überweist das, Mädchen? Jürgen, pass auf, dass sie es wirklich macht, sie versteckt sonst ihr Geld. Küsschen!“
Bei Roswitha fiel etwas in sich zusammen. Achttausend? Nein. Achtzehnhundert Euro. Genau so viel hatte sie für die Reha ihrer Mutter gespart. Hildegard sagte nicht „helft mir“, sondern „überweist“. Als wäre es selbstverständlich, dass Schwiegertochter und Sohn das bezahlen. Jürgen rief aus dem Wohnzimmer: „Du hast gehört, was Mama gesagt hat! Du musst überweisen. Morgen früh, solange es noch Plätze gibt.“
Roswitha blieb in der Küchentür stehen. „Ist das dein Ernst? Du hast gesagt, jeder lebt von seinem eigenen Gehalt. Deine Mutter ist deine Sache.“
Jürgen schaute vom Fernseher auf. „Du vergleichst die Gesundheit meiner Mutter mit einem Boiler? Bist du völlig abgestumpft?“
„Ich vergleiche nicht die Gesundheit, sondern das Prinzip“, antwortete Roswitha leise. „Du hast es selbst aufgestellt. Ich zahle keine Kur. Ich habe kein Geld dafür.“
Jürgen presste die Lippen zusammen, schwieg aber. Eine Minute später tippte er mit irgendwem.
Am nächsten Tag klingelte es. Roswitha öffnete, und vor der Tür stand Hildegard Brandt mit einer Torte in der Hand, schwerem Parfum und einer aufgesetzten Freundlichkeit. „Ich habe gebacken, ich wollte dich verwöhnen. Warum schaust du so sauer?“
Roswitha erinnerte sich an die letzte Torte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum drei Tage überschritten war. Sie stellte die Schachtel auf die Ablage. „Hildegard, ich weiß, warum Sie hier sind. Ich will die Kur nicht bezahlen.“
Die Schwiegermutter ging einfach an ihr vorbei in die Küche, setzte sich hin und nahm eine Tasse vom Regal. „Roswitha, Kindchen, du verstehst das nicht. Das ist keine Laune. Das ist Gesundheit. Du bist verpflichtet, der Mutter deines Mannes zu helfen. Wir sind doch Familie. Wir müssen zusammenhalten.“
Roswitha blieb in der Tür stehen. „Als meiner Mutter geholfen werden musste, hat Ihr Sohn gesagt: ‚Deine Verwandten, deine Ausgaben.‘ Und ich habe das akzeptiert. Jetzt soll das Prinzip auf einmal nicht mehr gelten?“
Hildegards Gesicht veränderte sich sofort. Die honigsüße Freundlichkeit verschwand, übrig blieben harte Wangenknochen und kalte Augen. „Du redest schlecht über meinen Sohn? Er ist ein Junge, der hat nur gescherzt. Und du, du Schlange, suchst nur einen Vorwand, um eine alte Frau betteln zu schicken!“
„Ich rede nicht schlecht über ihn. Ich wiederhole nur, was er gesagt hat. Jeder lebt von seinem eigenen Geld. Das war sein Satz.“
Hildegard sprang auf, griff nach dem Schmuckkästchen auf dem Fensterbrett und schüttelte es. „Sieh dir das an! All diese Kinkerlitzchen! Aber für die Gesundheit der Mutter ist es nicht genug? Weißt du, was Vergeltung bedeutet? Sie trifft den Menschen an seinem Liebsten. Deine Mutter ist krank. Vielleicht ist das schon ein Zeichen.“
Roswitha wurde eiskalt. Sie ging hinüber, nahm der Frau ruhig das Schmuckkästchen aus der Hand und sagte: „Gehen Sie. Jetzt sofort.“
„Du wirfst mich raus? Gut, dann rufe ich meinen Sohn an, der bringt dich schon zur Räson.“ Hildegard stürmte zur Tür und rief im Hinausgehen: „Dafür wirst du bluten, du Person!“
Eine Stunde später kam Jürgen. Der Schlüssel drehte sich wütend im Schloss, die Tür knallte. Er stand im Wohnzimmer, das Gesicht verzerrt. „Warum bringst du meine Mutter zum Weinen? Wer bist du, dass du ihr widersprichst? Du zahlst sofort diese Kur, ich habe dir die Kontonummer geschickt.“
Roswitha blieb auf dem Sofa sitzen, die Hände auf den Knien. „Dein Prinzip war: Jeder zahlt für seine eigenen Leute. Deine Mutter gehört zu deinen Leuten. Du zahlst. Ich habe kein Geld.“
Jürgen wurde rot. „Du vergleichst einen kaputten Boiler mit der Gesundheit meiner Mutter? Du bist eine herzlose, geldgierige Kreatur! Für dich bin ich also niemand, wenn du einem Familienmitglied keinen Cent gönnst?“
„Das hast du selbst gesagt“, wiederholte Roswitha. „Ich habe mir nichts ausgedacht.“
„Das habe ich nie gesagt!“, brüllte Jürgen. „Du bildest dir das ein, du bist paranoide. Wir haben nur die Ausgaben für Luxus getrennt. Meine Mutter ist heilig.“
Da holte Roswitha langsam ihr Handy, öffnete eine Sprachaufnahme und legte das Gerät auf den Tisch. „Hier ist alles aufgezeichnet. Unser Gespräch im Elektromarkt und auch das danach. Wiederhole bitte vor diesem Gerät, nach welcher Familienverfassung die Verwandten des anderen bezahlt werden.“
Jürgen erstarrte. Seine Finger ballten sich zu Fäusten. Er machte einen Satz zum Telefon, aber Roswitha war schneller.
„Hast du mich aufgenommen?“, keuchte er.
„Komm nicht näher“, sagte Roswitha mit eisiger Stimme. „Sonst rufe ich die Polizei. Du willst sicher nicht mit einer Anzeige wegen Bedrohung dastehen.“
Er blieb einen Schritt entfernt stehen und atmete schwer. Dann spuckte er aus: „Du wirst sehen, dass du ohne einen Cent dastehst. Die Wohnung gehört uns gemeinsam, aber ich finde einen Weg, dich rauszuekeln. Kein Gericht wird glauben, dass ich dich geschlagen habe. Und für die Beleidigung meiner Mutter wirst du noch büßen.“
Er schnappte seine Jacke und verschwand, die Tür knallte hinter ihm zu. Roswitha blieb mit dem Handy in der Hand stehen. In der Stille hörte sie ihren eigenen Puls.
Am Samstagmorgen wollte Roswitha endlich ausschlafen, aber kurz nach zehn klingelte es lange und aufdringlich. Sie schaute durch den Spion: Hildegard, Schwägerin Anke in einem knalligen Sportanzug und Ankes Mann Holger, ein massiger Kerl mit einem kurzen Hals. Die ganze Delegation stand vor ihrer Tür.
Roswitha öffnete nicht. „Geht wieder, ich habe euch nicht eingeladen.“
„Mach auf, sonst schämst du dich vor den Nachbarn!“, schrie Anke und drückte noch ein paar Mal auf die Klingel.
Die Nachbarin von gegenüber öffnete ihre Tür und schaute ängstlich heraus. Roswitha wollte keinen Auftritt im Treppenhaus. Sie machte auf, und sofort drängten sich die drei in den Flur, ohne die Schuhe auszuziehen.
„Na, du Miststück?“, fauchte Anke und stemmte die Hände in die Hüften. „Meine Mutter hat fast gestorben wegen dir, und du sitzt hier bequem zu Hause. Wir haben dich damals aufgenommen, obwohl du nichts hattest, und so dankst du es uns?“
Holger stellte sich schweigend an den Ausgang und versperrte den Weg.
„Jürgen setzt dich vor die Tür“, warf Hildegard ein. „Wir haben schon ganz andere geschafft.“
„Ich habe niemanden vor die Tür gesetzt“, antwortete Roswitha und bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Ich bezahle nur keine Kur für eine fremde Frau, wenn deren Sohn das Prinzip aufgestellt hat, dass jeder für sich selbst zahlt. Meine Mutter wartet auf eine Operation, und das Geld dafür ist zurückgelegt.“
„Ach, deine Mutter!“, Anke trat einen Schritt vor. „Deine Mutter soll gefälligst selbst für sich sorgen. Du lebst in der Familie deines Mannes, also hast du zu zahlen. Wo ist dein Portemonnaie?“
Sie sah die Handtasche auf dem Stuhl und riss sie an sich. Roswitha wollte dazwischen, aber Holger stellte sich mit seinem Körper dazwischen.
„Geh weg“, sagte Roswitha leise. „Das ist meine Tasche.“
Anke hatte den Reißverschluss schon offen und griff hinein. „Wenn du nicht freiwillig gibst, helfen wir eben nach. Wo ist die Karte?“
Roswitha riss sich los, doch Holger packte sie am Unterarm und stieß sie auf das Sofa. Da holte Roswitha ihr Handy, drückte die Videoaufnahme-Taste und sagte laut und deutlich: „Ich rufe jetzt die Polizei. Hausfriedensbruch nach § 123 StGB. Ihr seid ohne meine Erlaubnis eingedrungen. Raub nach § 249 StGB. Anke versucht gerade, mein Geld zu stehlen. Holger, du bist ihr Gehilfe. Ich nehme alles auf.“
Anke hielt den Geldbeutel in der Hand und starrte in die Kamera. Hildegard stieß einen Schrei aus. „Du filmst uns, du elendes Stück? Schalte das sofort ab!“
„Ich schalte es ab, wenn ihr sofort meine Wohnung verlasst“, sagte Roswitha, ohne das Handy zu senken. „Sonst geht das Video zur Polizei. Ich habe den Versuch einer offenen Wegnahme festgehalten. Wollen wir das durchspielen?“
Holger wurde blass und trat einen Schritt zurück. Anke warf den Geldbeutel auf den Boden. „Pff, kannst du mich mal. Jürgen, was für ein Idiot, dass er dich geheiratet hat!“ Sie stürmte aus der Wohnung, Holger folgte ihr. Hildegard blieb noch einen Moment stehen und lächelte bösartig: „Das ist noch nicht das Ende. Morgen kommt der Polizeibeamte, dann sagen wir, du hast mich geschlagen. Mal sehen, wem man glaubt.“
Roswitha schloss die Tür, schob die Kommode davor und kauerte sich hin. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie wusste: Es gab kein Zurück mehr.
In der Nacht schlief sie nicht. Jürgen kam nicht nach Hause, er blieb wohl bei seiner Mutter. Die Wohnung kam ihr fremd vor. Am frühen Morgen stand Roswitha auf, ging in das Zimmer, das Jürgen sein Arbeitszimmer nannte, und machte die Schreibtischlampe an. In der untersten Schublade lagen Ordner, in denen sie nie etwas zu suchen gehabt hätte. Sie hatte immer gedacht, auch in einer Ehe brauche jeder seinen persönlichen Bereich. Diese Regel war jetzt Geschichte.
Zwischen Verträgen und Kontoauszügen fand sie einen dünnen Plastikordner. Darin lagen Unterlagen zu einem Konto, von dem sie nichts gewusst hatte. Auf Jürgens Namen lief dort ein Sparplan, auf den regelmäßig fast die Hälfte seines Nettogehalts eingezahlt wurde. Von diesem Konto gingen monatliche Überweisungen an Anke Brandt, mal hundertfünfzig, mal vierhundert Euro, mit Vermerken wie „neue Küche“, „Hilfe“, „Darlehen“. Dazu lag ein Darlehensvertrag über fünfzehntausend Euro, nach dem Anke das Geld in drei Jahren hätte zurückzahlen sollen, ohne Zinsen und ohne festen Termin. Praktisch ein Geschenk.
Roswitha fotografierte jede Seite. Sie spürte keinen Triumph, keine Wut, nur eine seltsame Klarheit. Jürgen hatte seiner Schwester heimlich Geld zugeschoben, sich aber geweigert, den Boiler mitzubezahlen. Er hatte gepredigt, jeder solle für sich selbst sorgen, während seine Familie ein einziger Organismus war. Und sie, Roswitha, war nur ein externer Topf, aus dem sich die Schwiegermutter nach Belieben bedienen durfte.
Am Montag vereinbarte sie einen Termin bei einer Familienrechtlerin. Dr. Waltraud Henkel hatte ihr Büro in einem alten Gründerzeithaus in der Innenstadt, mit hohen Decken und dunklem Holz. Sie war eine schmale Frau von etwa fünfzig Jahren, mit scharfem Blick und leiser Stimme.
Roswitha erzählte alles: das getrennte Konto, die Sätze ihres Mannes, das Eindringen der Verwandten, die heimlichen Überweisungen, die Drohungen. Die Anwältin hörte zu, machte Notizen und sagte dann: „Nach § 1601 BGB sind Kinder zum Unterhalt ihrer Eltern verpflichtet, aber nicht Schwiegerkinder. Die Eigentumswohnung, in der Sie leben, ist gemeinschaftliches Eigentum, weil sie während der Ehe gekauft wurde. Die verheimlichten Konten und Überweisungen geben Ihnen nach § 1375 Absatz 2 BGB gute Argumente, beim Zugewinnausgleich von der Gleichstellung abzuweichen. Die Videoaufnahme von dem Versuch, Ihr Portemonnaie zu stehlen, ist strafrechtlich relevant. Sie sollten Anzeige erstatten, auch wenn das Verfahren nicht sofort eröffnet wird. Und eines ist wichtig: Verlassen Sie die Wohnung nicht. Das könnte als freiwilliger Verzicht gewertet werden. Wechseln Sie am besten sofort die Schlösser.“
In diesem Moment klingelte Roswithas Handy. Auf dem Bildschirm stand „Jürgen“. Die Anwältin nickte. Roswitha nahm ab und schaltete auf laut.
„Wenn morgen kein Geld für Mama da ist, brauchst du gar nicht erst zurückzukommen“, zischte ihr Mann. „Ich habe schon neue Schlösser bestellt. Verschwinde aus meiner Wohnung.“
Dr. Henkel schrieb schnell einen Zettel: „§ 241 StGB, Bedrohung. Aufzeichnen.“ Roswitha sagte ruhig: „Ich habe verstanden. Auf Wiederhören.“ Und legte auf.
Die Anwältin legte den Stift beiseite. „Er hat Ihnen gerade ein Druckmittel gegeben. Zeichnen Sie alle weiteren Gespräche auf. Und jetzt: Stellen Sie Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und versuchten Diebstahls, reichen Sie die Scheidung ein, und weichen Sie keinen Millimeter.“
Roswitha verließ das Büro mit einem Ordner voller Unterlagen und einem Gefühl, das nach langer Zeit wieder wie Stabilität aussah.
Als sie nach Hause kam, stand die Tür offen. In ihrem Wohnzimmer saßen Jürgen, Hildegard, Anke und Holger. Auf dem Tisch standen schmutzige Kaffeetassen, und es roch nach Rauch, obwohl Jürgen früher nie geraucht hatte.
„Na, hast du es dir überlegt?“, fragte er zurückgelehnt. „Geld auf den Tisch, oder du fliegst raus. Die Schlösser werden morgen getauscht.“
Anke grinste. Hildegard zuckte zusammen: „Roswitha, sei nicht dumm. Zahl die Kur, und wir vergessen alles.“
Roswitha ging zum Tisch, stellte ihre Tasche ab und legte den Ordner daneben. „Ich bezahle die Kur. Sofort. Wie du es verlangt hast.“
Hildegard strahlte: „Siehst du, man muss nur Druck machen!“
Roswitha hob die Hand. „Aber zuerst unterschreibst du, lieber Jürgen, diese Vereinbarung über den Zugewinnausgleich. Hierin wird festgehalten, dass deine heimlichen Konten und die Überweisungen an Anke dein persönliches Eigentum sind und ich darauf keinen Anspruch erhebe. Außerdem verpflichtest du dich, künftig allein für deine Mutter und deine Schwester zu zahlen. Es ist alles notariell vorbereitet.“
Jürgen riss die Papiere an sich, überflog sie und wurde weiß. „Was für Überweisungen? Woher weißt du davon?“
„Aus dem Ordner in deinem Schreibtisch. Ich habe die Kontoauszüge gesehen. Du überweist Anke jeden Monat Hunderte von Euro, während wir nach deiner Regel leben. Meine Ersparnisse sind dagegen plötzlich gemeinschaftlich, sobald deine Mutter sie für sich beansprucht. Habe ich das richtig verstanden?“
Anke verschluckte sich an ihrem Kaffee. Holger schnaufte. Hildegard sprang auf: „Du wagst es, ihn zu erpressen?“
„Das ist keine Erpressung“, sagte Roswitha. „Ich biete euch eine Wahl. Entweder wir halten fest, wer wofür verantwortlich ist, oder ich gehe mit diesen Unterlagen zum Gericht und mit dem Video von Anke, die in meiner Handtasche gewühlt hat, zur Polizei. Die Kur zahlt dein Sohn aus seinem stillem Töpfchen. Mein Geld bleibt bei meiner Mutter.“
Jürgen knüllte die Papiere zusammen und warf sie gegen die Wand. „Bist du wahnsinnig? Ich unterschreibe nichts. Ich bring dich noch…“ Er machte einen Schritt auf Roswitha zu.
Da kreischte Anke: „Halt! Jürgen, sie hat das Video aufgenommen! Holger, sie hat gedroht! Ich habe noch Bewährung wegen der Schlägerei, ich darf da nicht reingeraten.“
Holger packte seine Frau am Arm: „Anke, beruhige dich, wir haben doch nichts gemacht.“
„Du Idiot, sie hat uns gefilmt, wie wir in ihre Wohnung eingebrochen sind!“, schrie Anke zurück. Sie fuhr ihren Bruder an: „Du hast gesagt, sie ist ein Schaf und macht, was man ihr sagt. Dann regle deinen Scheiß selbst, aber ich geh nicht ins Gefängnis.“
Hildegard flatterte ständig zwischen ihren Kindern hin und her. Jürgen stand mit geballten Fäusten da und starrte seine Frau hasserfüllt an. Roswitha blieb ruhig, den Ordner an der Brust.
„Ich will niemanden ins Gefängnis bringen“, sagte sie. „Ich will nur in Ruhe gelassen werden. Du, Jürgen, ziehst zu deiner Mutter. Die Scheidung machen wir zivilisiert. Die Wohnung wird verkauft und geteilt. Auf deine heimlichen Überweisungen erhebe ich keinen Anspruch, wenn du sie als dein Privatvermögen anerkennst. Und deine Mutter bezahlst du in Zukunft selbst.“
Jürgen sah sie lange an. In seinen Augen kämpften Wut und Einsicht. Dann drehte er sich wortlos um und ging in den Flur. Hildegard hinterher: „Söhnchen, wohin? Und was ist mit der Kur?“
Anke und Holger schnappten ihre Taschen und schoben sich rückwärts aus der Wohnung. „Du wirst das noch bereuen“, warf Anke an der Tür zu.
Roswitha antwortete nicht.
Eine Woche später war Jürgen ausgezogen. Er hatte seine Dokumente und Kleidung geholt und ihr geschrieben, er werde selbst die Scheidung einreichen. Roswitha kam ihm zuvor und reichte am nächsten Tag ihren Antrag beim Familiengericht ein. Die Audioaufnahmen und die heimlichen Kontoauszüge lagen dem Antrag bei. Bei der Polizei erstattete sie Anzeige wegen Hausfriedensbruchs, ohne ein Ermittlungsverfahren zu beantragen – sie wollte den Vorfall einfach dokumentiert haben. Anke ließ sich nicht mehr blicken. Hildegard goss ihren Hass in Online-Kommentaren aus, schrieb etwas von einer „Hexe“, die ihren Sohn ruiniert habe. Roswitha las das alles nicht.
Am nächsten Samstag saß sie mit einer Tasse Tee in der Küche und hielt die Überweisungsquittung für die Reha ihrer Mutter in der Hand. Der Betrag war vollständig bezahlt, es fehlte nur noch das Datum für die Hüftoperation. Ihr Handy blinkte: Jürgen rief an, legte auf, rief wieder an. Beim vierten Mal nahm sie ab.
„Du hast die Familie wegen achtzehnhundert Euro zerstört!“, brüllte er ohne jede Begrüßung.
Roswitha nahm eine Sprachnachricht auf und schickte sie ihm: „Nein, Schatz. Die Familie hat der zerstört, der gesagt hat, jeder lebe von seinem eigenen Gehalt. Ich habe nur angefangen, so zu leben. Leb wohl.“
Sie blockierte die Nummer.
Kurz darauf klingelte es. Roswitha erschrak, aber es war die Nachbarin von gegenüber, Renate Reuter. In den Händen hielt sie einen Apfelkuchen.
„Roswitha, ich habe gebacken, ich wollte dir was vorbeibringen. Und machen Sie sich keine Sorgen – wir haben damals alles gehört. Sie haben alles richtig gemacht. Mein Vetter macht Schlösser, er ist Schlüsseldienst. Ich habe ihn angerufen, er kommt gleich. Kostenlos, so was tut man für eine gute Nachbarin.“
Roswitha stand kurz davor, zu weinen. Sie nahm den Kuchen, schluckte und sagte: „Danke, Frau Reuter.“
Sie ging zurück in die Küche, zog den Ehering ab und legte ihn auf den Tisch. Auf dem Finger blieb eine blasse Linie zurück. Sie rieb darüber, und sie wusste, dass diese Linie noch eine Weile bleiben würde. Aber das war nicht schlimm. Vor ihr lagen die Operation ihrer Mutter und ein eigenes, ruhiges Leben, für das sie niemandem Rechenschaft schuldig war.
Was habe ich daraus gelernt? Wer zuerst sagt „jeder zahlt für sich“, darf sich nicht wundern, wenn plötzlich andere dieses Prinzip auf ihn anwenden. Und wer Familie zu einem Haushaltskonto macht, hat die Ehe längst gekündigt. Meine Schwester hat mir eines gezeigt: Regeln sind nicht grausam. Grausam ist nur, wenn sie für die anderen gelten, aber nicht für einen selbst.





