Dreimal zurückgebracht aus dem Tierheim – bis die Freiwilligen merkten: Das Problem war nicht die Katze.

In der Karte von Moritz stehen drei Rückgaben in anderthalb Jahren. Die Freiwilligen streiten nicht mehr, wem sie ihn als Nächstes anbieten sollen.

Grete stellt die Transportbox auf den gefliesten Boden und öffnet den Reißverschluss. Der rote Kater kommt langsam heraus, beschnuppert die Ecke der Box, läuft um den Wassernapf herum und setzt sich mit dem Rücken zur Tür. Fünfeinhalb Kilo ruhige Sturheit. So macht er es jedes Mal, und Grete weiß bereits: Drehen wird er sich nicht.

Die Abendschicht ist vorbei, alle sind gegangen, und nur diejenigen sind geblieben, die nicht abgeholt wurden.

Grete fährt mit den Fingern über den kalten Gitterstab der Box.

»Na, Moritz. Willkommen zurück.«

Der Kater rührt sich nicht.

Am nächsten Tag breitet sie drei Rückgabeformulare auf dem Tisch aus.

Die erste Familie, ein junges Paar. Eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand, Balkon mit Blick auf den Parkplatz. Rückgabegrund: »aggressiv, versteckt sich, sucht keinen Kontakt.« Hielten zwei Wochen durch.

Die zweite Familie. Eine Frau um die vierzig, Einzimmerwohnung nach frischer Renovierung. »Hat sich nicht angepasst, faucht, verkriecht sich unter der Badewanne.« Zehn Tage.

Die dritte. Ein Mann mit seiner siebenjährigen Tochter. »Das Kind ist traurig, der Kater spielt nicht, sitzt in der Ecke.« Eine Woche.

Grete liest alle drei Blätter noch einmal durch und reibt sich den Nasenrücken. Das Papier riecht nach Druckertoner und fremden Küchen. Die Formulierungen ähneln sich, und von dieser Ähnlichkeit juckt etwas wie ein Splitter unter dem Nagel, aber sie kann nicht fassen, was es ist. Alle Familien haben ein Vorgespräch bestanden. Alle haben einen Vertrag unterschrieben. Alle haben Geduld versprochen.

Klaus schaut ins Büro, lehnt mit der Schulter am Türrahmen. Groß, dünn, in einem ausgeleierten grauen Pullover. Die Brille mit dünnem Rand rutscht ihm auf die Nasenspitze.

»Na ja… schon wieder Moritz?«

»Mhm.«

»Vielleicht ist er einfach so, Grete. Gibt es doch.«

»Wie? ›So‹?«

Er zuckt mit den Schultern und zieht die Vokale in die Länge, wie immer.

»Na ja… ein Pechvogel.«

Das Wort hängt zwischen ihnen. Grete drückt den Kaffeebecher zusammen, das Plastik knirscht und gibt nach. Sie lockert die Finger und stellt den Becher beiseite. Ein Kaffeefleck breitet sich auf dem Tisch aus, bis zum Rand des Formulars.

Der zweiten Familie ruft sie mittags an. Nach dem sechsten Klingeln wird abgenommen.

»Hallo? Ja, ich erinnere mich. Der Rote. Moritz. Nein, bei uns läuft alles gut ohne ihn, danke.«

Die Stimme der Frau ist ruhig, fast höflich-langweilig. Hinter der Wand schaltet jemand den Fernseher ein, und Grete hört das gedämpfte Lachen des Studiopublikums, als ob in der fremden Wohnung alles nach Plan liefe.

»Erzählen Sie, wie er sich am ersten Tag verhalten hat?«

»Am ersten? Er ist unter die Badewanne gekrochen und sitzen geblieben. Wir haben gerufen. Ihn rausgeholt. Das Futter direkt vor die Schnauze gestellt. Er hat gefaucht. Am zweiten Tag habe ich versucht, ihn zu streicheln. Er hat mir die Hand bis aufs Blut gekratzt.«

»Und dann?«

»Dann habe ich entschieden: Wenn die Katze nicht mit Menschen leben will, braucht man sie nicht quälen.«

Grete drückt das Telefon mit der Schulter ans Ohr und notiert in ihr Heft: »haben ihn unter der Badewanne hervorgeholt«. Sie unterstreicht.

»Haben Sie ihm Zeit gelassen, einfach allein zu sein? Ohne Kontaktversuche?«

Pause. Rascheln der Hörermuschel in einer fremden Hand.

»Wozu nimmt man dann eine Katze, wenn man sie nicht anfassen darf?«

Grete antwortet nichts. Sie verabschiedet sich, legt das Telefon auf den Tisch und sitzt lange da, das Kinn in die Hand gestützt. Draußen trommelt der Regen gleichmäßig auf das Blechdach, wie ein Metronom.

Auf der nächsten Seite des Hefts findet sich eine Notiz von der ersten Familie, vor Monaten gemacht: »haben ihn ab dem ersten Tag auf den Arm nehmen wollen.« Grete setzt ein Fragezeichen daneben und klappt das Heft zu. Aber die Frage klappt nicht zu.

Am Samstag bleibt Klaus bis spät.

Sie kommt leise herein. Nur im hinteren Korridor brennt Licht, wo die Langzeitkäfige stehen.

Klaus hockt vor Moritz’ Käfig auf den Fersen. Er sagt kein Wort. Sitzt nur da und schaut auf den Boden, und der Kater hinter dem Gitter tut das Gewohnte: Rücken zur Tür, Schwanz um die Pfoten gewickelt, Ohren leicht zurückgelegt.

Grete will ihn rufen. Und bleibt stehen. Weil sie es hört.

Moritz schnurrt.

Leise, an der Grenze des Hörbaren. Ein gleichmäßiger, tiefer Ton, ähnlich dem Summen von Lampen, nur weicher. Als ob im Inneren des Katers ein kleiner Motor liefe, der nur in der Stille ansprang. Wenn niemand die Hände ausstreckt und Futter vor die Schnauze hält.

Klaus steht auf, dreht sich zum Ausgang um und stößt fast mit Grete zusammen.

»Na ja… ich hab nur… die Näpfe kontrolliert.«

»Er hat geschnurrt.«

»Ja. Macht er oft. Wenn er denkt, er ist allein.«

»Seit wann weißt du das?«

Klaus rückt seine Brille zurecht.

»Seit Oktober, schätze ich. Ich hatte damals meine Schlüssel vergessen und bin zurückgekommen. Da saß er und hat geschnurrt. Dann hat die Tür geknarrt, und er war sofort still. Wie ausgeschaltet.«

Grete lehnt sich an die Wand. Der Putz fühlt sich rau und kalt unter den Schulterblättern an. Aus dem Käfig dringt kein Laut. Moritz ist verstummt, als er den zweiten Menschen witterte.

Und in dieser Stille wird ihr klar, woran die drei Formulare erinnern.

Nicht an die Beschreibung einer schwierigen Katze.

Sondern an die Beschreibung von Menschen, die Liebe sofort wollten. Zärtlichkeit auf Knopfdruck. Dankbarkeit am ersten Abend, Kontakt nach Befehl, wie ein Lichtschalter an der Wand: gedrückt, bekommen.

Drei Familien haben Moritz genommen und sind sofort mit den Händen auf ihn zugegangen. Ihn aus dem Versteck geholt. Vors Gesicht gehalten. Auf den Schoß gesetzt. Und als das Lebewesen auf die einzige Art antwortete, die es hatte – als es sich versteckte, fauchte, zusammenzog – füllten sie sorgfältig das Formular aus: »aggressiv«, »nicht angepasst«, »spielt nicht«.

Grete öffnet ihr Heft. Und findet die dritte Notiz, die sie bei der Rückgabe der letzten Familie gemacht, aber nicht beachtet hatte: »Die Tochter hat geweint, weil die Katze nicht auf ihrem Schoß sitzen wollte.«

Die Formulierungen wechselten jedes Mal. Aber die Handlung blieb dieselbe.

Am Montag schreibt sie die Einweisung neu. Die alte Version, die alle bekamen, begann mit den Worten: »Die Katze braucht Zuneigung und Geduld.« Die neue beginnt anders.

Grete liest Klaus laut vor, das Blatt auf Armlänge haltend, als traue sie ihrer eigenen Handschrift nicht:

»In der ersten Woche nicht anfassen. Nicht rufen. Nicht herausholen. Napf, Wasser, Klo hinstellen und die Tür zu seinem Zimmer schließen. Nur zum Füttern reingehen. Nicht in die Augen sehen. Nicht versuchen zu streicheln.«

Klaus pfeift durch die Zähne.

»Na ja… das ist ja eine Anleitung, wie man eine Katze ignoriert.«

»Es ist eine Anleitung, wie man verhindert, dass die Katze daran gehindert wird, einen zu lieben.«

Sie schweigt einen Moment und fügt leiser hinzu:

»Wir haben anderthalb Jahre lang den Leuten erklärt, die Katze sei schwierig. Dabei ist sie nicht schwierig. Sie ist vorsichtig. Und wir haben sie zu denen geschickt, die Geduld mit Erwartung verwechseln.«

»Was ist der Unterschied?«

»Erwartung verlangt ein Ergebnis. Geduld verlangt nichts.«

Klaus zieht die Vokale in die Länge, als probiere er die Antwort an. Schweigt. Die Lampe über ihnen flackert, und Moritz zuckt im hinteren Korridor kurz mit dem Ohr bei dem Geräusch. Mit dem linken, eingerissenen.

Die vierte Familie kommt drei Wochen später. Eine Frau um die fünfzig mit leiser Stimme und sonnengebräunten Händen. Sie hört sich die neue Einweisung an, nickt. Nur eine Sache fragt sie nach:

»Und wenn er nach einem Monat immer noch mit dem Rücken dasitzt?«

Grete sieht ihr in die Augen.

»Dann braucht er mehr als einen Monat.«

Die Frau nickt. Und nimmt die Transportbox.

Moritz schweigt darin. Rücken zum Gitter, Schwanz um die Pfoten, Ohren leicht zurück. Wie immer.

Das Foto kommt einen Monat später. Ohne Unterschrift, ohne Kommentar. Einfach eine Aufnahme. Eine Fensterbank, dahinter ein winterlicher Hof, ein Blumentopf mit irgendeiner Pflanze.

Und die Katze. Rot, mit weißer Brust und eingerissenem linken Ohr.

Sie sitzt mit dem Gesicht zum Zimmer.

Grete zeigt Klaus das Bild. Der rückt seine Brille zurecht, schaut, dann noch einmal.

Und sagt leise, ohne die gewohnte gedehnte Vokale:

»Dann lag es nicht an ihm.«

Grete steckt das Telefon in die Tasche. Moritz’ Karte holt sie aus dem Ordner »Langzeitunterbringung« und legt sie in die unterste Schreibtischschublade. Dort, wo die wenigen Geschichten liegen, die man nicht erzählen muss. Es reicht, sie zu behalten.

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Homy
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