Sabine Krause trinkt seit mehr als zehn Jahren keinen Zitronensprudel mehr.
Sie meidet ihn. Wie man alte Wunden meidet. Wie man ein Café meidet, in dem man den Ring geschenkt bekam und später wieder hergeben musste. Wie man keine Filme mehr ansieht, die man zusammen gesehen hat.
Der Zitronensprudel war zum Symbol des Verlusts geworden. Für den, der nicht zurückkommt. Für den, den man nicht zurückholen will.
***
Sie erinnerte sich an alles, als wäre es gestern gewesen. Bis ins kleinste Detail.
Italien.
Sie waren Ende Mai an die Amalfiküste geflogen. Jörg Winter hatte gesagt:
– Das wird der schönste Urlaub deines Lebens.
Sie war achtundzwanzig, er zweiunddreißig. Seit acht Monaten waren sie ein Paar. Sie hatte bereits eine Zahnbürste in seiner Wohnung stehen. Er kannte ihre Freundinnen.
Alle um sie herum waren sicher: Bald würde geheiratet.
Das Hotel „La Sirena“ war nicht das teuerste, aber gemütlich. Weiße Wände, blaues Wasser im Pool, Palmen, ein Gärtner mit traurigen Augen.
Zimmer im dritten Stock, mit Blick aufs Meer.
Allerdings: Aus dem Hahn kam rostiges Wasser, die Klimaanlage fiel immer wieder aus, und die Nachbarn über ihnen machten nachts Lärm. Trotzdem waren sie glücklich. Jedenfalls schien es ihr so.
Am ersten Tag bestellte Jörg Sprudelwasser mit Zitrone.
– Hast du das probiert? – fragte er mit zusammengekniffenen Augen.
– Nein.
– Das ist der Geschmack der Liebe.
Sie lachte.
Er machte keine Witze.
Er glaubte wirklich an Zeichen, an Omen, daran, dass man solches Wasser bei Sonnenuntergang trinken musste, damit die Liebe ewig hielt.
Und sie tranken. Aus ein und derselben Flasche. Sauer, süß, die Kohlensäure prickelte auf der Zunge. Jörg sah sie mit verliebtem Blick an. Sie ertrank darin.
– Lass uns immer Sprudel mit Zitrone trinken, sagte er verträumt.
– Ja, sagte sie, ohne zu ahnen, dass dieser Geschmack ihr Fluch werden würde.
***
Kaum waren sie zurück in Deutschland, ging alles schief. Jörg wurde kühler. Er sagte ein Treffen ab, dann ein zweites, dann rief er nicht mehr an, dann meldete er sich kaum noch.
Sie hielt durch. Sie dachte: Er hat Stress, eine Krise, eine schwere Zeit.
Nach einem Monat sagte er: – Ich muss allein sein, um nachzudenken.
Nach zwei: – Ruf mich bitte nicht mehr an.
Nach drei war er verschwunden. Ohne ein Wort.
Das Handy blieb stumm. Gemeinsame Freunde wussten nichts. Seine Mutter sagte mit zusammengebissenen Zähnen: – Mein Sohn will nicht mit dir reden. Ruf nicht mehr an. Quäl nicht ihn, nicht dich.
Sie rief nicht an. Sie wartete. Ein Jahr.
Dann heiratete sie Dieter Brandt. Einen guten, zuverlässigen, aber völlig gewöhnlichen Mann. Er trank keinen Zitronensprudel, sah sie nicht mit verliebtem Blick an und sagte nicht: „Du bist mein Leben.“ Er war einfach da. Brachte das Gehalt nach Hause, machte etwas im Haushalt, wenn sie ihn bat.
Und sie dachte, das sei Liebe. Ruhig, alltäglich, erwachsen. Weder das eine noch das andere.
Sie brachte eine Tochter zur Welt. Dieter freute sich, aber irgendwie distanziert, als wäre das Kind ein neues Möbelstück von IKEA.
Nach fünf Jahren ließen sie sich scheiden.
Sie konnte nicht mehr im Sumpf leben. So nannte sie es. Nicht wegen des Zitronensprudels, nicht wegen Italiens, nicht wegen der Erinnerungen. Sondern weil sie begriffen hatte: Eine langweilige Ehe ist ein Käfig. Sie war kein Vogel. Sie war eine Frau. Und sie wollte leben. Nicht nur existieren.
***
Sie blieb allein zurück. Mit ihrer Tochter Frauke, einer Katze und dem Gefühl, das Leben verpasst zu haben.
Sie arbeitete als Buchhalterin in einer kleinen Firma, die Wohnung war mit einem laufenden Kredit belastet, das Auto ging ständig kaputt. Freundinnen waren weggezogen, die Mutter gestorben, den Vater hatte sie nie kennengelernt. Tochter. Katze.
Zitronensprudel trank sie nicht. Und auch nichts anderes, das nur entfernt an diesen verfluchten Geschmack erinnerte.
In Restaurants bestellte sie Cola, Saft, stilles Mineralwasser. Für alle hatte sie eine Zitrusallergie erfunden, sogar gegen den Geruch.
– Seit wann?
– Schon lange.
Niemand kannte die Wahrheit. Die Wahrheit war zu peinlich für eine Frau von vierzig.
Eines Abends ertappte sie sich dabei, dass sie sein Gesicht nicht mehr vor sich sah.
Sie saß in der Küche, trank Tee und blickte aus dem Fenster. Frauke machte Hausaufgaben, die Katze schlief auf dem Fensterbrett.
Da dachte sie: „Was für eine Nase hatte er eigentlich? Eine gerade oder eine mit Höcker? Und die Augen? Braun oder grün? Die Haare? Dunkel oder hell?“
Sie wusste es nicht.
Sie erinnerte sich nur an den Zitronensprudel.
***
Eines Abends ging sie zu Netto. Sie wollte Brot, Milch, Eier und Katzenfutter kaufen. Und dann entdeckte sie im Getränkeregal genau das: Sprudelwasser mit Zitrone. Dasselbe wie damals in Italien. Dasselbe Etikett, gelb, mit einer halbierten Zitrone. Dieselben Bläschen, die darin tanzten.
Sie nahm die Flasche, hielt sie in der Hand, stellte sie zurück. Sie ging weg, kam zurück, nahm sie wieder.
– Nehmen Sie die mit? – fragte ein junger Mann in Arbeitskleidung, der Kartons stapelte.
– Nein, sagte sie und ließ die Flasche stehen.
Auf dem ganzen Weg nach Hause dachte sie an das Wasser. An ihn. An Italien. Und daran, wie lächerlich es war, sich vor etwas zu fürchten, das schon lange nicht mehr existierte.
Nachts konnte sie nicht schlafen. Sie lag auf dem Sofa, starrte an die Decke und lauschte, wie Frauke sich im Zimmer hin und her wälzte. Die Katze kam, legte sich auf ihre Brust und schnurrte. Stille.
Plötzlich sprang sie auf, zog sich die Jacke über, schlüpfte in die Hausschuhe, griff nach den Schlüsseln und lief aus der Tür.
Im Netto kaufte sie genau diese eine Flasche Zitronensprudel. Sonst nichts.
Zu Hause ging sie in die Küche, nahm ein Glas. Ein ganz normales Glas, ohne Muster. Sie atmete tief durch. Sie öffnete die Flasche. Es zischte, die Bläschen drängten nach oben.
Sie schenkte ein halbes Glas ein. Vorsichtig roch sie daran. Es roch nach Italien. Nach Meer. Nach Jugend. Nach Schmerz. Nach dem Sonnenuntergang, an dem er gesagt hatte: „Das ist der Geschmack der Liebe.“
Sie trank.
Und es passierte nichts.
Keine Erinnerungen brachen hervor, keine Tränen kamen, kein Herzschmerz. Es war einfach… Sprudel mit Zitrone. Ganz gewöhnlich. Nichts Besonderes.
Sie trank das Glas leer, warf die Flasche in den Müll, spülte das Glas und stellte es in den Abtropfständer. Dann legte sie sich schlafen und schlief zum ersten Mal seit Jahren ohne Schlaftablette ein.
Am nächsten Morgen wachte sie mit einem Lächeln auf.
– Mama, ist was mit dir? – fragte Frauke.
– Nein.
– Du bist komisch.
– Ich bin normal. Ich habe einfach nur gut geschlafen.
Den ganzen Tag war ihr leicht. Nicht wie sonst: morgens das dumpfe Gefühl, mittags die Erschöpfung, abends die Gereiztheit. Heute fühlte sie sich frei. Als hätte sie einen Rucksack abgeworfen, den sie mehr als zehn Jahre mit sich herumgeschleppt hatte.
Am Abend kaufte sie sich noch eine Flasche. Sie trank, lächelte und sagte zu sich selbst: „Lächerlich. Wovor habe ich mich nur gefürchtet?“
Sie hatte verstanden: Der Zitronensprudel war nie ihr Feind gewesen. Der Feind saß in ihrem Kopf und flüsterte unaufhörlich: „Trink das nicht, sonst erinnerst du dich an alles. Du bekommst es nicht mehr vergessen und wirst wieder leiden.“
Und dann hatte sie getrunken – und war unversehrt geblieben. Mehr noch: Sie war ruhig. Sie war leicht. Sie war zufrieden.
Eine Woche später traf sie sich mit Ute Schneider, ihrer Freundin aus dem Studium.
– Ute, ich trinke wieder Sprudel mit Zitrone, sagte sie.
– Was? – Ute verschluckte sich.
– Fast jeden Tag.
– Und deine Allergie?
– Es gab nie eine Allergie.
– Und jetzt?
– Jetzt bin ich frei.
– Willst du ihm nicht schreiben?
– Wozu?
– Vielleicht denkt er noch an dich. Vielleicht liebt er dich noch.
– Soll er doch. Ich habe ihn vergessen.
Sie hatte sich entschieden zu vergessen. Jetzt stand der Zitronensprudel nicht mehr für die Vergangenheit. Er stand für das Leben, das weiterging. Trotz allem. Oder gerade deswegen.
Manchmal ist genau das, wovor wir uns am meisten fürchten, nichts als eine alte Geschichte, die wir uns selbst erzählen. Und die Geschichte endet, sobald wir den ersten Schluck wagen.





