Im Urlaub traf ich meinen Ex-Verlobten, der vor achtzehn Jahren von mir vor der Hochzeit geflohen war.

Eine Frau, lassen Sie doch Ihr Handtuch von der Liege, wenn Sie gehen – bei uns ist es nicht erlaubt, morgens Plätze zu besetzen“, versperrte eine vollbusige Dame in geblümtem Pareo Ingrid den Weg zum Strandausgang. „Die Leute kommen, finden keinen Platz, und bei Ihnen liegen seit drei Stunden nur ein paar Badelatschen.“ Schweigend zog Ingrid das verblichene Tuch unter der Matratze hervor und rollte es zu einer festen Rolle. Zwischen ihren Fingern rieselte feiner Sand und hinterließ graue, staubige Schlieren auf der Haut. Die Promenade des kleinen Kurorts, eingeklemmt zwischen Felsen und Wasser, brodelte im mittäglichen Trubel. Der Lautsprecher am Rettungsturm krächzte und warb für eine abendliche Hafenrundfahrt, während sich am Trinkbrunnen eine Schlange aus kreischenden Kindern und erschöpften Müttern bildete.

Ingrid ging auf dem schmalen asphaltierten Weg zum Gästehaus, vorbei an unzähligen Ständen mit aufblasbaren Ringen und Muscheln. In der Shortstasche klingelte das Telefon – die Vermieterin, Frau Weber, erinnerte sie daran, die saubere Bettwäsche aus der Wäscherei abzuholen. Dieser Urlaub, gekauft vom Geld, das sie anderthalb Jahre lang gespart hatte, sollte eine Zeit der Stille sein, brachte aber bisher nur Hektik und die Müdigkeit, die von fremden Menschen kommt.

Sie hatte sich eine Reise ans Meer gekauft, doch der alte Scham wartete schon. Unter einer ausladenden alten Linde am Tor des Gästehauses stand ein Mann in hellen Leinenhosen und einem lockeren Hemd. Er rauchte, schüttelte Asche ins Hortensiengebüsch und musterte die Passanten. Die Haare an den Schläfen waren ergraut, die Stirn von tiefen Falten durchzogen, aber diese klaren Züge, die Art, wie er das Kinn hielt, und die Gewohnheit, den silbernen Ring zu drehen – Ingrid erkannte ihn sofort. Vor achtzehn Jahren hatte dieser Mann einen Zettel auf der Rückseite einer Stromrechnung auf dem Küchentisch hinterlassen und war zwei Tage vor ihrer Hochzeit einfach aus der Stadt verschwunden.

Im kleinen Zimmer im zweiten Stock, das Ingrid für zwei Wochen gemietet hatte, roch es nach getrockneten Kräutern und billigen Plastikmöbeln. Ein alter Ventilator auf der niedrigen Kommode summte und blies heiße Luft durch den Raum. Die Sachen lagen ordentlich: ein zusammengelegter Sommerrock auf der Stuhllehne, eine Reihe Cremes auf dem Spiegel, ein aufgeschlagener Krimi auf dem Bett. Diese Vorhersehbarkeit des Alltags gab ihr stets das Gefühl von Kontrolle über ein Leben, das sie einst wie eine zerbrochene Suppenschüssel wieder zusammenflicken musste.

Am Abend, als die Hitze einer kühlen Meeresbrise wich, klopfte es leise an die hölzerne Verandatür. Ingrid, die gerade Wasser in ein Glas goss, erstarrte. Sie ließ die Hand auf den Tisch sinken.

„Ingrid, ich bin‘s, mach auf“, erklang die vertraute Baritonstimme von draußen, etwas heiserer und tiefer geworden. „Ich habe bei der Vermieterin gefragt, in welchem Zimmer du wohnst. Habe ihr ein kleines Geschenk gemacht, da hat sie es mir verraten.“ Sie trat näher, schob den klapprigen Riegel zur Seite. Klaus stand auf der Schwelle, einen geflochtenen Korb mit reifen Erdbeeren und einer Flasche Wein in den Händen. Die Nachbarin aus dem Nebenzimmer, eine junge, blond gefärbte Frau, kam auf die gemeinsame Terrasse, um zu rauchen, und verlangsamte ihren Schritt, um den Gast zu mustern.

„Na, hallo“, sagte Klaus, trat über die Schwelle, stellte den Korb auf die Tischkante und ließ sich auf einen Plastikstuhl sinken. „So viele Jahre. Du hast dich kaum verändert, nur dein Blick ist strenger geworden, unnahbar.“ „Was willst du?“ Sie trat zum Fenster zurück, die Schultern an die Fensterbank gelehnt. Ihr Blick glitt über sein Gesicht und nahm kleine Altersspuren wahr: eine leichte Fülle in den Schultern, die Geheimratsecken, die Tränensäcke unter den Augen. „Ich muss mit dir reden, Ingrid. So viel Zeit ist vergangen, wir waren dumm, zu stolz.“ Er beugte sich vor, die Handflächen auf den Knien. „Ich habe all die Jahre an dich gedacht. Habe dich gesucht, ehrlich. Nur die gemeinsamen Bekannten sagten, du seist in die Eifel gezogen, und dabei machst du hier im Süden Urlaub. Ich selbst bin im Kurhotel drei Häuser weiter untergekommen, habe dich zufällig am Strand in der Menge entdeckt.“ „Gesucht?“, lachte sie auf, ihr Gesicht blieb ruhig. „Achtzehn Jahre lang, Klaus? In der Nachbarprovinz? Oder drei Busstunden entfernt?“ „Ich hatte damals Probleme, verstehst du?“ Er seufzte und breitete die Arme aus. „Meine Firma fing gerade an, Schulden, Geschäfte mit fragwürdigen Leuten. Die haben mich unter Druck gesetzt, Ingrid. Wollten die Firma übernehmen, drohten. Wie hätte ich dich da mit reinziehen sollen? Ich bin nur für dich gegangen, um dich zu schützen. War jung, dumm, dachte, das sei besser. Wollte dich vor diesem Albtraum retten.“ Aus dem offenen Fenster drang lautes Kinderweinen – auf dem Spielplatz war jemand vom Roller gefallen. In der Küche im Erdgeschoss klapperten Töpfe, ein Messer schlug auf das Schneidebrett – die Vermieterin bereitete das Abendessen zu. Das gewöhnliche, geschäftige Leben eines Ferienhauses floss dahin und machte die Worte des Mannes zu leerem Lärm.

Das Morgenlicht drang durch die dünnen Vorhänge und malte lange gelbe Streifen auf das Linoleum. Ingrid saß in der Gemeinschaftsküche und wartete, bis der emaillierte Wasserkocher kochte. Die Nachbarinnen im Stockwerk, zwei ältere Frauen aus Dresden, tuschelten am Waschbecken, während sie einen Plastikbehälter säuberten. „Sag mal, Ingrid, dein Verehrer hat gestern bei Frau Weber gefragt, wie lange du bleibst und ob du allein bist“, wandte sich die Jüngere, mit auffällig lackierten Zehennägeln, ihr zu. „Ein seriöser Mann, sieht man gleich. Sein schwarzer Wagen steht am Tor – teuer, ein Mercedes. Super höflich, hat der Weber eine Pralinenschachtel gebracht. Pass auf, dass du die Gelegenheit nicht verpasst, in unserem Alter liegen solche Männer nicht auf der Straße.“ „Nein, nicht auf der Straße“, wiederholte Ingrid leise und blickte auf das kochende Wasser.

Klaus fing sie gegen Mittag am Pier ab, als ein feiner Regen einsetzte und die Leute sofort unter Vordächer und in Cafés trieb. Er war neben sie getreten, hielt einen großen schwarzen Schirm über sie und fasste sie am Ellenbogen. Es roch nach Tabak und Rasierwasser. „Lass uns heute Abend in einem guten Restaurant essen, Ingrid? Fünf Kilometer von hier gibt es ein fantastisches Lokal, direkt auf den Felsen. Setzen wir uns, erinnern uns an unsere Jugend. Ich bin jetzt frei, von meiner Frau seit drei Jahren getrennt, keine Kinder. Habe alles: eine Firma in Frankfurt, ein Landhaus, eine große Wohnung. Nur die Seele fehlt mir. Du fehlst mir, diese alte Aufrichtigkeit zwischen uns.“ Ingrid blieb stehen und machte ihren Arm frei. Sie drehte sich zu ihm um. Sie sah ihm fest in die Augen, versuchte, einen Schatten jenes neunzehnjährigen Burschen zu finden, den sie einst geliebt hatte, für den sie bereit war, ihr Studium hinzuwerfen und wegzuziehen. Aber vor ihr stand ein Fremder, ein überheblicher Vierzigjähriger, der ihre Zuneigung mit einem Abendessen in einem Edelrestaurant erkaufen wollte. „Ich habe andere Pläne für heute Abend, Klaus.“ „Ach was, was für Pläne soll es hier in der Einöde geben?“ Er verzog das Gesicht und winkte in Richtung der grauen Fünfgeschosser des Ortes. „Was hast du für diese Reise bezahlt? Peanuts. Ich gebe dir in einem Tag mehr, komm doch einfach in mein Kurhotel rüber, da gibt es eine freie Suite. Das ist nicht dein Niveau – dich hier in einer Privatpension herumzudrängen, in der Gemeinschaftsküche mit Töpfen zu klappern. Du wirst bei mir leben wie eine Königin. Was schweigst du? Ist denn gar nichts mehr übrig von dem, was einmal war?“ Eine einheimische Fischverkäuferin ging an ihnen vorbei, einen schweren Kühlkorb tragend. Sie warf Ingrid einen schnellen Blick zu, in dem die übliche Neugier lag: so eine Prinzessin, die vor so einem Mann die Nase rümpft. Von der Straße kam ein scharfes Bremsgeräusch – der Busfahrer hätte fast einen Hund erwischt. Für einen Moment herrschte Stille, nur unterbrochen von den Regentropfen, die auf die gespannte Stofffläche des Schirms trommelten. „Weißt du, Klaus“, sagte Ingrid, trat einen Schritt zurück und stellte sich in den feinen Regen. „Meine Mutter lag nach deiner Flucht zwei Monate im Krankenhaus. Blutdruck. Und mein Brautkleid hing drei Jahre im Schrank, ich konnte es nicht einmal wegwerfen, so widerlich war der Anblick. Ich dachte, dir sei ein Unglück passiert, habe über Bekannte gesucht. Und du hast mich gerettet. Vor Schulden. Im beschaulichen Kassel, wo dich jeder Hund kannte.“ „Warum rührst du in der alten Suppe?“ Klaus wich ihrem Blick aus, drehte seinen Ring am Finger. „Wer hat mit neunzehn keine Dummheiten gemacht? Geschäfte waren wichtig, ich habe mich gedreht und gewunden, wollte überleben. Jetzt kann ich alles wiedergutmachen. Jeden Wunsch erfülle ich dir, verstehst du? Willst du morgen in die Stadt fahren, ins Juweliergeschäft?“

Der Regen verstärkte sich am Abend zu einem Wolkenbruch mit Gewitter. Das Wasser peitschte gegen die Scheiben des Gästehauses, flutete den engen Hof und verwandelte die lehmigen Wege in Schlammbäche. Die Urlauber saßen in ihren Zimmern, aus den Fenstern drangen die Geräusche von laufenden Fernsehern und Dominosteinen. Ingrid saß auf dem Bett, die Beine angezogen. In ihr war eine Stille eingekehrt, als sei die alte Wunde endlich vernarbt. Da war keine Wut, kein Bedürfnis, den Groll auszusprechen, kein alter Schmerz mehr, der sie daran hinderte, neue Beziehungen einzugehen. Nur eine leichte Verwunderung, wie sehr dieser Mann mit seinen Versprechungen eines schönen Lebens zu spät kam.

Gegen zehn Uhr abends klingelte das Telefon erneut. Auf dem Display leuchtete eine unbekannte Nummer, aber Ingrid wusste, wer es war. „Denk gut nach, Ingrid“, rief Klaus laut, den Lärm des Regens übertönend. „Ich bleibe bis Ende der Woche hier. Zimmer 302, Haupthaus. Komm vorbei, setz dich ohne diesen ganzen Reisedreck. Hör auf, den Stolzen zu spielen, wir sind doch vertraute Menschen. So viele Jahre vergeudet wegen Dummheiten, warum jetzt noch Zeit mit Vorwürfen verschwenden?“ „Gute Nacht, Klaus“, sagte sie mit ruhiger Stimme und drückte die rote Taste. Sie stand auf, trat ans Fenster und zog die Vorhänge fest zu, um den Raum von dem tobenden Unwetter draußen abzuschirmen. Das Leben war längst auf einer anderen Schiene unterwegs, und auf dieser neuen Schiene gab es einfach keinen freien Platz für Klaus.

Am Freitag schlug das Wetter wieder um. Der Himmel klarte auf und wurde blau, die Sonne brannte seit dem Morgen, ließ den Asphalt einen schweren Geruch ausdünsten. Die Promenade füllte sich erneut mit Menschen in bunten Shorts und mit aufblasbaren Matratzen. Klaus tauchte nicht mehr am Tor des Gästehauses auf. Frau Weber hatte am Morgen beiläufig bemerkt, sie habe gesehen, wie der schwarze Wagen in Richtung Autobahn abfuhr – anscheinend war der Gast vorzeitig abgereist. „So ist dein Geschäftsmann abgehauen, Ingrid“, sagte die Vermieterin und klopfte auf dem Leinen einen Teppich aus dem Flur. „Und du bist ein dummes Mädchen, verzeih mir die alte Frau. So ein stattlicher Mann, gut bei Kasse. Du hättest jetzt in Frankfurt leben können, statt in deinem Büro für ein mageres Gehalt zu schuften. Was hat dir gefehlt? Na gut, er ist jung weggelaufen, hatte Angst vor Verantwortung. Jetzt wollte er es wiedergutmachen.“ Ingrid antwortete nicht, sie lächelte nur. Sie nahm ihr Handtuch, die Tasche mit einem Buch und ging Richtung Meer, bemüht, sich auf der schattigen Straßenseite zu halten.

Am Abend, als die Sonne am Horizont versank und das Wasser sich rosa färbte, saß sie am Ende des Piers, fern von dem Lärm der Cafés und Spielplätze. Es roch nach Salzwasser, Jod und Algen, die nach dem Sturm an den Strand gespült worden waren. Ingrid holte die am Markt gekauften Feigen aus der Tüte und brach eine Frucht vorsichtig auseinander. Unten, direkt am Wasser, angelte ein älterer Mann in einer verblassten Kappe geduldig einen Wurm auf den Haken, während sein etwa siebenjähriger Enkel den Schwimmer beobachtete. Ein gewöhnliches, einfaches Leben, das dahinfloss. Ingrid nahm einen Schluck von dem lauwarmen Mineralwasser und blickte in den verglühenden Sonnenuntergang. Vor ihr lag noch eine ganze Woche Urlaub.

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Homy
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Im Urlaub traf ich meinen Ex-Verlobten, der vor achtzehn Jahren von mir vor der Hochzeit geflohen war.
Er wird immer wieder zu seiner Geliebten zurückkehren. Eine Erzählung Herzlichen Dank für eure Unterstützung, die Likes, das ehrliche Mitgefühl und euer Feedback zu meinen Geschichten, fürs Folgen und ein ganz besonderes Dankeschön für alle Spenden von mir und meinen fünf Katzen! Teilt bitte gern die Geschichten, die euch gefallen haben, in den sozialen Netzwerken – das bedeutet der Autorin viel! – Auf Drängen seiner Mutter trennt sich Anton schließlich doch von Lilia. Auch ihm selbst war ihr Lebensstil nicht wirklich verständlich. Und dann übte seine Mutter zusätzlichen Druck aus, setzte die Akzente und lieferte die Fakten: Lilia sei keine anständige Frau, mit der man eine Ehe eingehen sollte. Anton spürte selbst, dass bei ihnen nichts wirklich passte. Lilia war ständig in ihrem Job unterwegs – mal in Cafés, mal in Restaurants, auf Hochzeiten, Jubiläen, Beerdigungen und bei Kinderfesten. Sie arbeitete als Event-Moderatorin, aber als Antons Mutter davon erfuhr, war sie empört: – Du bist ein anständiger Mensch, verkaufst Sofas und Matratzen. Morgens gehst du aus dem Haus, abends kommst du zurück, wie es sich gehört. Und diese Lilia schläft morgens aus, abends empfängt sie den Ehemann noch nicht einmal, kommt selbst erst gegen Mitternacht heim. Sie wird nach Rauch, Alkohol und fremden Männern riechen – willst du das? Ihr Blick – da sieht man es schon! Schau nur, wie sie lächelt! Antons Mutter hatte Lilia nur einmal gesehen, sich aber sofort ihr Urteil gebildet. Anton beugte sich dem; er litt und war eifersüchtig, wenn sie sich schick machte und zur Arbeit ins Café oder Restaurant ging. Schon das erschien ihm unanständig. Die Meinung seiner Mutter bestätigte ihn darin – auch wenn sie grummelig war, irrte sie sich selten. Nach einem Jahr heiratete Anton die Bibliothekarin Nadine. Seiner Mutter gefiel sie auf Anhieb: leise, bescheiden, fleißig. – Das ist eine richtige Ehefrau. Schau sie dir an! Die schminkt sich nicht für die Arbeit, kleidet sich anständig und zurückhaltend, alle Blusen hochgeschlossen, keine kurzen Röcke. Abends eilt sie nach Hause und wie sie dir in die Augen schaut – Goldstück! Jetzt bin ich stolz auf deine Wahl, Anton… Seine Mutter war eine wunderbare Frau, hatte einfach ein schweres Schicksal. Sie selbst war nie eine Schönheit gewesen, eine bescheidene Postangestellte. Sie hatte sich sehr eine Familie und ein Kind gewünscht, doch mit fünfunddreißig Jahren war ihr klar, dass eine Heirat unwahrscheinlich sein würde. Deshalb entschied sie sich, ein Kind ohne Ehemann zu bekommen, obwohl ihr das eigentlich sehr unangenehm war. So wurde Anton geboren, den sie nach ihrem Vater benannte. Anfangs halfen die Eltern, aber später starben Antons Großeltern, und er war allein mit seiner Mutter … Anton liebte seine Mutter sehr und half ihr, wo er nur konnte. Er war kein besonders guter Schüler, strengte sich aber an. Nach der neunten Klasse machte er seinen Abschluss an der Berufsschule und begann als Fachverkäufer im Möbelhaus zu arbeiten. Seine Mutter war sehr stolz: Ihr Sohn ging im Anzug zur Arbeit und verdiente gut. Und jetzt fand er endlich das passende Mädchen – Nadine. Nun würde das junge Paar glücklich leben, Kinder bekommen, Enkel für Inna Antonovna – davon träumte sie … Die Hochzeit feierte man zu Hause: keine Verwandten, nur Antons Freund Klaus von der Arbeit, dazu ein Schulfreund und zwei Bibliothekskolleginnen von Nadine. Wozu viele Freundinnen, wenn man jetzt eine Familie gründet … So verheiratete sie also ihren Sohn, Gott sei Dank, mit einem guten Mädchen … Jetzt empfing Nadine Anton stets mit einem warmen Abendessen. Sie kochte recht fade und immer das Gleiche – daran war sie gewöhnt, ihr Vater hatte Gastritis. Nadine war langsam und zurückhaltend, lachte selten und las ständig Bücher. Den Fernseher hielt sie für überflüssig; Inna Antonovna schämte sich nun sogar, ihre geliebten Serien zu schauen, und stellte den Ton leiser. Auch die geliebten Berliner briet sie nicht mehr – Nadine fand das ungesund, genau wie Letscho, Plow, Soljanka und andere gebratene und scharfe Gerichte. Ihre Wohnung war jetzt immer ruhig und fade; Anton wirkte niedergeschlagen … Sechs Monate später blieb Anton eines Abends länger auf der Arbeit, schaltete dann ganz das Telefon aus und kam nicht nach Hause. Nadine weinte die ganze Nacht, nahm am nächsten Tag frei, packte ihre Sachen und ging zu ihren Eltern, mit einem bitteren Abschiedswort an Inna Antonovna: – Ich dachte, Ihr Sohn wäre ein anständiger Mensch, aber er hat mich betrogen … Die stille und nachgiebige Nadine erwies sich als stur und prinzipienfest wie ein Fels. Doch Anton versuchte sie nicht einmal zurückzuhalten, entschuldigte sich nur, ihre Erwartungen enttäuscht zu haben. – Wo warst du? Sag schon! – hakte Inna Antonovna nach, bald gab Anton nach. – Mama, es ist so gekommen: Lilia kam in mein Geschäft, um ein Sofa zu kaufen, sie wusste nicht, dass ich in genau diesem Laden arbeite. – Wusste sie nicht? Diese Frau hat sich das genau überlegt, dich so zurückzuholen, dir das Leben zu verderben! – empörte sich Inna Antonovna. – Mama, du weißt nichts, sie ist anders, als du denkst! Ich wollte sie nur nach Hause begleiten und ihr alles erklären, doch sie hat mich weggeschickt! – widersprach Anton. – Oh, wegschicken … das kennen wir. Wegschicken, damit du um sie bittest! Triff dich nicht mehr mit ihr, Anton, sie wird dir das ganze Leben zerstören! – Inna Antonovna war ehrlich besorgt, dass ihr Sohn wieder an diese Abenteurerin geriet … – Du weißt nichts, Mama, es ist kompliziert – versuchte Anton noch, doch seine Mutter schnitt ihn ab: – Schluss jetzt, Anton, meine Nerven machen das nicht mehr mit … Nach diesen Turbulenzen und der Scheidung von Nadine war ihr Sohn für lange Zeit völlig niedergeschlagen. Als Anton schließlich eine neue Freundin fand, war Inna Antonovna fast erleichtert – ohne Freundin würde sie wohl nie Enkel bekommen! Aline war nun Antons Kollegin im Möbelhaus. – Mama, wir wollen erstmal nur zusammenwohnen, ausprobieren, ob es passt, bevor wir heiraten, – sagte Anton bald zu Inna Antonovna – das gefiel ihr schon wieder nicht. Als Aline sich danach jedoch als schlampig und faul herausstellte und sogar den Job verlor wegen ihres groben Tons mit Kunden, war Inna Antonovna entsetzt. Aline lag den ganzen Tag auf dem Sofa mit dem Handy, trank Kaffee und tat so, als suche sie Arbeit. Warum hat ihr Sohn nur so ein Pech mit Frauen? Tag für Tag wurde Inna Antonovna reizbarer. Als Aline dann auch noch erklärte, dass sie und Anton bald heiraten würden, platzte es aus ihr heraus: – Heirate ihn nicht. Er kehrt immer wieder zur „Anderen“ zurück, – sagte die zukünftige Schwiegermutter, – Er hat längst eine andere, die sogar ein Kind von ihm hat! Zu ihr läuft er immer wieder, zahlt für das Kind. Die streiten und versöhnen sich dauernd – kapiert? Doch Aline lachte nur – sie glaubte, Inna schimpfe nur aus Bosheit, weil Anton nur sie liebte und ihr das Leben schön machte … Inna Antonovna blickte die dritte Freundin ihres Sohnes mitleidig an, wusste, mit Aline war nichts zu besprechen und winkte ab: – Lebt doch, wie ihr wollt, macht euren Kram, mir reicht das alles jetzt. Doch dann begab sie sich zu Lilia, wollte endlich wissen, was ihr Sohn an dieser Frau fand und warum er sie einfach nicht vergessen konnte, dafür aber jeder anderen das Herz brach … Sie kannte Lilias Wohnungsnummer nicht, aber das Schicksal meinte es gut: Kaum angekommen, kam Lilia aus dem Haus – an der Hand ein kleiner Junge. Inna Antonovna sah genauer hin – und blieb stehen. Das konnte nicht wahr sein – das war noch schlimmer, als sie geahnt hatte, das Herz hatte nicht getrogen, als sie Aline von dem Kind erzählte. Denn der Junge, den Lilia an der Hand führte, sah ihrem kleinen Anton wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich: dieselben lebhaften hellen Augen, dieselben Segelohren, dieselbe Nase, dasselbe Lächeln, eine Kopie! – Lilia, warte bitte, ich wollte mit dir sprechen – rief Inna Antonovna voller Flehen, die Knie wurden ihr weich. Wie konnte das sein – ihr Enkel lief schon, redete, und sie wusste nichts davon! Lilia sah sie an, erkannte sie sofort und presste die Lippen aufeinander, hielt aber an. – Guten Tag, Frau Antonovna, was möchten Sie? – Wie kann das sein, Lilia – ich wusste von nichts. Und Anton, wie konnte er nur – aber mein Sohn ist doch anständig – versuchte Inna Antonovna, irgendeinen Grund für ihren Sohn zu finden. – Keine Sorge, er wusste es einfach nicht, – erwiderte Lilia kühl und wollte gehen. Aber Inna Antonovna ließ nicht locker. – Er liebt dich doch. Ich bin Schuld, habe ihn durcheinandergebracht. Schmeiß ihn nicht raus, rede mit ihm in Ruhe, – bat sie und konnte den Blick vom Jungen nicht abwenden – er war wie Anton als Kind, ein Ebenbild! – Wie heißt dein Sohn? – fragte sie mit zitternder Stimme und sah so verzweifelt aus, dass Lilia weich wurde, – Er heißt Niklas. Komm, Niklas, wir müssen los. Ich moderiere jetzt nur noch Kinderfeste, Niklas ist immer dabei, wir haben ja sonst niemanden. – Aber ich könnte doch! Ich bin doch seine Oma! – bot Inna Antonovna an, doch Lilia antwortete nicht und zog mit Niklas davon. – Mama, warst du bei Lilia? – fragte Anton wenige Tage später. Sie war immer noch in schwermütiger Stimmung, hatte nicht einmal gemerkt, dass Aline ausgezogen war. – Mama, danke – Lilia hat mir verziehen, ich darf jetzt meinen Sohn sehen, aber ich werde sie überzeugen, mich zu heiraten. Inna Antonovna sah ihren Sohn überrascht an. Er war immer ein Muttersöhnchen gewesen, schien willensschwach – deshalb führte sie ihn immer. Aber jetzt war er anders. Und sie sagte nur: – Bravo, mein Sohn! Vergib mir, ich war dumm! Um das eigene Glück muss man kämpfen – manchmal sogar gegen die eigene Mutter. Anton und Lilia Anton und Lilia heirateten bald, wohnen jetzt gemeinsam bei Lilia, die Großmutter Inna passt auf Niklas auf, während beide arbeiten oder Enkel Niklas zu Besuch kommt. Und das Schönste: Bald kommt ihr zweites Kind – dieses Mal wird es ein Mädchen, sagt der Arzt. Nun kann Oma Inna sich von Anfang an um das kleine Enkelkind kümmern – sie träumt schon davon. In ihr Leben mischt sie sich nun nicht mehr ein. Lilia ist eine tolle Hausherrin, Anton ist einfach nur glücklich. Gut, dass ihr Herz ihr damals gezeigt hat, dass Anton nur mit Lilia glücklich sein kann, und ohne sie verkümmern würde. Man kann kein Glück auf den Ruinen fremder Leben bauen und die Ehefrau für den Sohn wählen oder für ihn entscheiden, mit wem er leben soll. Er soll die heiraten, ohne die er einfach nicht leben kann …