Günter drückte auf den Knopf seines Autoschlüssels, und die Scheinwerfer des schwarzen Audis blinkten kurz auf. Auf der Motorhaube lag eine graue Katze, der die Alarmanlage völlig egal war – der Besitzer, die ganze Tiefgarage um sieben Uhr vierzig, nichts davon schien sie zu interessieren.
Die Katze lag genau in der Mitte. Die Vorderpfoten weit ausgestreckt, den Kopf darauf gebettet, die Augen halb geschlossen. Als wäre es nicht die Haube eines fremden Wagens, sondern eine warme Fensterbank im eigenen Zuhause. Das graue Fell auf dem schwarzen Lack sah seltsam aus, aber gleichzeitig so selbstbewusst, dass Günter für einen Moment vergaß, warum er überhaupt runter in die Garage gekommen war.
Er war wegen einer Verhandlung gekommen. In fünfzig Minuten begann auf der anderen Seite der Stadt ein Termin mit einem Lieferanten, von dem der Quartalsplan abhing. Die Aktentasche zog an seiner Hand. Schwer, aus Leder, vollgepackt mit Ausdrucken, Grafiken, zwei Exemplaren des Vertrags, auf jeder Seite mit Lesezeichen versehen, wo eine Unterschrift nötig war. Jede dieser fünfzig Minuten war verplant: Parken, Aufzug, Flur, Händedruck. Und jetzt eine gestreifte Katze auf der Motorhaube, mit einem Gesicht, als wäre sie hier der Boss.
Günter klatschte sich auf den Oberschenkel. Schnipste mit den Fingern. Leise, aber bestimmt sagte er: „Husch.“ Das Rauschen der Lüftung trug alle Geräusche zu den Betonwänden, und die Katze rührte sich nicht. Sie öffnete nur ein Auge, gelb, rund, blickte in Günters Richtung und schloss es wieder. Mit einem Ausdruck, wie Leute die Tür vor einem Werbevertreter zumachen.
Von der Motorhaube ging eine leichte Wärme aus: Günter war gestern spät gekommen, fast Mitternacht, und der Motor war über Nacht nicht ganz abgekühlt. Die Katze hatte wohl den warmen Platz gefunden und es sich gemütlich gemacht. Logisch, irgendwie. Aber diese Logik half Günter nicht weiter, denn die Minuten vergingen, und die Katze blieb liegen. Und sie lag nicht einfach nur da, sondern tat es mit einer Ruhe, die einen gleichzeitig zum Lachen und zum Anruf beim Tierheim brachte.
Lukas, der Parkhauswächter, tauchte auf, als Günter gerade die Nummer seines Fahrers wählte. Breitschultrig, in einer Uniformjacke mit Reißverschluss, mit einem kurzen Bart, der ungleichmäßig wuchs und daher wie aufgemalt wirkte. Er kam näher, sah auf die Motorhaube, knöpfte den oberen Knopf seiner Jacke auf.
Er sagte, dass diese graue Katze jeden Morgen hier sei. Seit über einer Woche schon. Sie komme früh, wenn die Garage noch leer sei, lege sich auf die Haube des Audis und bleibe liegen. Lukas habe sie ein paar Mal verscheucht, einmal mit einem Besen, einmal einfach mit den Händen. Umsonst. Nach zehn Minuten kam die Katze zurück und legte sich auf dieselbe Stelle. Als hätte ihr jemand erklärt, dass das genau ihre Haube sei, und die Katze hatte es geglaubt.
Günter senkte das Telefon. Ausgerechnet auf sein Auto? In der Garage standen fünfzig andere. Lukas zuckte die Schultern, drehte seinen Schlüsselbund in den Fingern und bestätigte: nur auf Ihrem. Am BMW des Finanzchefs vorbei, am silbernen Mercedes aus der Rechtsabteilung vorbei – aber auf den Audi legt sie sich, als wäre es ihr Zuhause. Lukas vermutete sogar, dass die Katze sich am Geruch orientierte, aber das klang wie der Versuch, etwas zu erklären, das sich nicht erklären ließ.
Das war seltsam, und Günter mochte nichts Seltsames. Seltsames passte nicht in den Zeitplan, ließ sich nicht in Formeln fassen, hatte keinen Paragrafen im Vertrag. Er stellte die Aktentasche auf den Betonboden, zog den rechten Handschuh aus, ging zur Motorhaube.
Die Katze fühlte sich warm an. Das Fell war weich, sauber, ohne Verfilzungen, ohne den fettigen Glanz, den Straßenkatzen haben. Keine Streunerin. Günter strich mit der Handfläche über den rötlichen Rücken, und die Katze begann zu schnurren. Das Geräusch kam von irgendwo tief drinnen, leise, gleichmäßig, wie ein kleiner Motor im Leerlauf. Die Katze drehte leicht den Kopf und stupste mit der Stirn gegen seine Hand. Ohne Angst, ohne Unterwürfigkeit. So machen es die, die an Hände gewöhnt sind.
Lukas bemerkte, dass das Tier ein Haustier war, bestimmt keine Straßenkatze. Und fügte hinzu: sie habe ein Halsband, schmal, aus Leder, unter dem Fell nicht sofort zu sehen. Er selbst habe es erst am dritten Tag bemerkt, als die Katze ihn näher herangelassen hatte.
Günter schob mit den Fingern das dichte Fell am Hals auseinander. Und tatsächlich: ein schmales Lederband, weich von der Zeit, und daran ein Metallplättchen, so groß wie ein Euro-Stück. Abgenutzt an den Rändern, aber die Buchstaben waren lesbar.
* * *
Er hielt das Plättchen nah an seine Augen. Die Buchstaben waren klein, im Kreis eingraviert. Eine Adresse, Hausnummer, Wohnungsnummer. Ohne Telefonnummer, ohne Namen des Besitzers. Nur die Adresse.
Seine Hand blieb stehen.
Günter las noch einmal. Und ein drittes Mal. Die Buchstaben hatten sich nicht verändert. Das Metall des Plättchens war kalt unter seinen Fingerkuppen, und die Katze hörte auf zu schnurren, als würde auch sie auf etwas warten.
Weberstraße 14, Wohnung 6.
Er kannte diese Wohnung. Dort war er aufgewachsen. Die Tapete im Flur hatte er zweimal gewechselt, noch als Teenager. Den Griff der Balkontür hatte er mit Draht repariert, weil er jeden Frühling abfiel. Vom Küchenfenster aus sah man die Schule und eine Linde, die jeden Juni den Hof mit Blüten bestäubte.
In dieser Wohnung lebte seine Mutter, Waltraud Weber. Mit der er seit drei Jahren nicht gesprochen hatte. Drei Jahre, zwei Monate und ein paar Tage, aber die Tage zählte er nicht, denn wenn man zählt, heißt es, dass man sich erinnert, und wenn man sich erinnert, ist es einem nicht egal, und er hatte sich eingeredet, dass es ihm egal war.
Sein Mund war trocken. Günter richtete sich auf, trat einen Schritt zurück, dann noch einen. Die Katze hob den Kopf und sah ihn an, und in diesem Blick war nichts Katzenhaftes. Nur Geduld. Wie bei jemandem, der nicht zufällig gekommen war und bereit war, so lange zu warten, wie nötig. Und nötig, so stellte sich heraus, war mehr als eine Woche.
Lukas fragte, ob alles in Ordnung sei, weil Günters Gesicht grau geworden war. Günter hörte seine eigene Stimme von außen, wie eine fremde. Er sagte:
– Schon gut. Ich weiß, wem die Katze gehört.
Die Worte klangen ruhig, aber seine Finger, die gerade noch das Plättchen gehalten hatten, zitterten leicht, und er steckte die Hand in die Tasche.
Er setzte sich ans Steuer. Die Katze lag auf seinem Schoß, weil er sie nirgendwo sonst hinstellen konnte. Günter hatte sie vorsichtig von der Motorhaube genommen, mit beiden Händen, wie man etwas Zerbrechliches nimmt, und die Katze wehrte sich nicht. Sie drückte sich nur an seine Jacke und fing wieder an zu schnurren.
Die Aktentasche warf Günter auf den Beifahrersitz. Der Ordner mit den Verhandlungsunterlagen rutschte aus dem offenen Schloss und verteilte sich fächerförmig über das Leder des Sitzes. Zwei Exemplare des Vertrags. Lieferpläne. Margenberechnung auf drei Seiten.
Noch vor einer halben Stunde hätte er jedes Blatt aufgesammelt und in die richtige Reihenfolge gebracht. Jetzt sah er nicht einmal in die Richtung.
Die Katze hatte es sich bequem gemacht, die Pfoten untergeschlagen, und die Wärme ihres Körpers war durch den Stoff seiner Hose zu spüren. Günter saß so eine Minute, vielleicht zwei, die Hände auf dem Lenkrad, ohne den Motor zu starten. Im Innenraum roch es nach Leder und ein bisschen nach Katzenfell, und dieser neue Geruch veränderte den ganzen Raum, machte das Auto nicht zu einem Arbeitsgerät, sondern zu etwas anderem. Etwas Lebendigem.
Drei Jahre. Sie hatten sich wegen Geld gestritten, wie das so ist. Günter hatte seiner Mutter eine Wohnung im Neubau gekauft, aber sie weigerte sich umzuziehen. Sie sagte, sie brauche seine Almosen nicht und er habe vergessen, woher er komme. Günter antwortete, er sei von dort gekommen, wo er sein ganzes Leben lang wegwollte. Knallte die Tür zu.
Danach rief er eine Woche nicht an, dann einen Monat, dann war es zu spät. Weil er das Schweigen hätte erklären müssen. Und erklären konnte Günter nicht. Er konnte Verträge unterschreiben, Lieferketten aufbauen, Rentabilität bis zur zweiten Dezimalstelle berechnen. Er konnte „regeln wir“ und „los geht’s“ sagen, und die Leute standen auf und machten es. Aber seine Mutter anrufen und „Entschuldigung“ sagen, konnte er nicht, weil dieses Wort irgendwo im Hals stecken blieb und sich nicht von der Stelle bewegte.
Er holte das Telefon raus. Öffnete den Chat mit seinem Geschäftspartner. Tippte: „Klaus, die Verhandlung verschiebe ich. Familiäre Gründe.“ Sein Finger schwebte über dem Senden-Knopf. Der Vertrag, von dem das Quartal abhing. Die Boni der Manager. Die Reputation. All das lag auf der einen Waagschale. Auf der anderen lag eine graue Katze, die höchstens vier Kilo wog.
Günter drückte auf „Senden“ und legte das Telefon mit dem Display nach unten. Eine Sekunde später vibrierte das Telefon. Die Antwort des Partners. Günter las sie nicht. Nicht, weil es unwichtig war, sondern weil in diesem Moment, genau jetzt, zwischen dem Lederlenkrad und der grauen Katze auf seinem Schoß, etwas anderes wichtig war. Und zum ersten Mal seit langer Zeit konnte er kein Wort dafür finden.
Er öffnete die Aktentasche. Zog alle Papiere raus, legte sie als Stapel neben sich. Die Tasche war leer und innen warm. Günter hob die Katze hoch und setzte sie vorsichtig auf den Boden der Tasche. Die Katze drehte sich, legte sich hin und sah nach oben. Aus der Achtzigtausend-Euro-Tasche ragte ein grauer Kopf mit gelben Augen, und der Ausdruck dieser Augen war, als ob alles nach Plan liefe.
Günter drehte den Zündschlüssel um.
Die Weberstraße sah fast genauso aus wie vor drei Jahren. Die Bank vor dem Haus war in einer anderen Farbe gestrichen, ein neues Vordach über der Tür angebracht, und neben der Gegensprechanlage hing eine Liste der Wohnungen, ausgedruckt und schief laminiert, mit einer Luftblase in der Ecke. Günter tippte die Sechs ein, und die Tür klickte ohne Rückfragen auf. Vielleicht hatte seine Mutter den Knopf gedrückt. Vielleicht war das Schloss einfach kaputt. Er versuchte gar nicht erst, es herauszufinden.
Der Geruch im Treppenhaus war derselbe. Gekochte Kartoffeln. Ein bisschen feuchter Putz. Und etwas Häusliches, das keinen Namen hatte, aber in die Rippen fuhr, wenn man es erkannte. Günter war seit drei Jahren nicht hier gewesen, aber er erinnerte sich an vieles. Er wusste, auf welche Stufe er treten musste, damit sie nicht knarrte. Er wusste, dass das Geländer im zweiten Stock wackelte. Er erinnerte sich an alles, von dem sein Kopf sich sechsunddreißig Monate lang bewusst abgewandt hatte.
Er stieg langsam hoch. Die Tasche mit der Katze in der rechten Hand, die linke glitt am Geländer entlang. Im zweiten Stock hörte man aus einer Wohnung leise Musik, Radio, mit Rauschen. Jemand briet Zwiebeln, und der Geruch zog die Treppe hoch, mischte sich mit den Kartoffeln.
Auf dem Treppenabsatz zwischen dem zweiten und dritten Stock stand ein Kinderwagen, mit einer Wachstuchdecke abgedeckt. Früher hatte hier sein Kinderwagen gestanden, dann sein Fahrrad, dann nichts mehr, dann war er ausgezogen. Die Farbe am Geländer war stellenweise abgeblättert, und darunter kam eine alte Schicht zum Vorschein, grün, dick, mit feinen Rissen. Günter erinnerte sich an dieses Grün. Als Kind hatte er mit dem Fingernagel daran herumgekratzt, und seine Mutter schimpfte: „Schon wieder schmutzige Hände, schon wieder schwarze Fingernägel, was für eine Strafe bist du nur.“ Aber er kratzte nicht aus Langeweile. Er mochte es, dass unter einer Schicht eine andere war, und er versuchte, zur allerersten zu gelangen, zu der, die aufgetragen wurde, als das Haus gebaut wurde. Zum Anfang.
Vierter Stock. Die Tür war mit braunem Kunstleder bezogen, abgenutzt am Griff. In der oberen Ecke war ein kleiner Kranz aus Trockenblumen angebracht, den es vorher nicht gegeben hatte. Günter blieb vor der Tür stehen. Die Katze in der Tasche bewegte sich und miaute kurz. Als ob sie sagte: na los, genug gestanden.
Er drückte den Klingelknopf. Die Klingel war dieselbe, zweitönig, der zweite Ton klang scheppernd.
Hinter der Tür war es still. Dann Schritte, leise, schlurfend. Und eine Pause. Lang, zäh, als ob die Person auf der anderen Seite stand und überlegte.
Der Riegel klickte.
Waltraud Weber stand im Türrahmen. Klein, einssechsundfünfzig, in einer Schürze mit kleinen Punkten. Dieselbe Schürze. Oder eine gleiche, als Ersatz gekauft, weil die alte durch war. Sie sah zu ihrem Sohn auf und schwieg.
Günter schwieg auch. Alle Worte, die er im Auto gesammelt, auf der Treppe zurechtgelegt, auf jeder Stufe anprobiert hatte, waren weg. Keines war übrig.
Sie ließ den Blick nach unten wandern. Auf die Aktentasche. Aus der Tasche ragte ein grauer Kopf, und die Katze, als sie ihre Besitzerin sah, miaute und versuchte herauszuklettern, kratzte mit den Pfoten am Leder.
Waltraud Weber flüsterte:
– Gustav.
Pause. Und wiederholte leiser:
– Gustav, du meine Güte.
Sie hob den Blick zu Günter.
– Bist du doch gekommen.
Und es war unklar, von wem sie das sagte. Von der Katze, die jeden Morgen das Haus verließ und mittags zurückkam. Oder von dem Sohn, der vor drei Jahren gegangen war und nie zurückkam. Oder vielleicht von beiden, denn beide kamen mit derselben Aktentasche, und das wäre lustig, wenn es nicht so treffend wäre.
Aus der Wohnung kam warme Luft. Es roch nach Kartoffeln. Irgendwo im Hintergrund plapperte der Fernseher, und die Stimmen waren vertraut, weil seine Mutter immer denselben Kanal sah. Günter stand auf der Schwelle mit der Aktentasche, aus der eine graue Katze lugte.
Die Aktentasche, in der am Morgen noch Verträge, Grafiken, Kalkulationen lagen. Alles, was er für wichtig gehalten hatte, blieb auf dem Ledersitz seines Autos liegen. Aber das, was wirklich wichtig war, wog vier Kilo und schnurrte.
Waltraud Weber trat zur Seite. Sie sagte nicht „komm rein“. Sie sagte nicht „endlich“. Sie trat einfach zur Seite.
Günter trat über die Schwelle. Ohne die Schuhe auszuziehen, ohne die Tasche abzustellen. Seine Mutter sah auf seine Schuhe, und für einen Sekundenbruchteil huschte der Ausdruck über ihr Gesicht, mit dem sie früher sagte: „Schuhe aus, wie oft soll ich das noch sagen.“ Aber sie sagte nichts. Sie nickte nur leicht, wie man nickt, wenn man die Regeln aufgegeben hat, weil es Wichtigeres gibt als Regeln.
In der Küche begann der Wasserkocher zu kochen. Ein ganz normaler, mit Pfeife, wie in seiner Kindheit. Und diese Pfeife klang wie eine Stimme, die drei Jahre lang gerufen hatte, und jetzt endlich hatte sie gewartet.





