**19. Oktober –**
Heute, als ich mit Kleopatra im Park saß, musste ich wieder an all die Jahre denken. Die Jahre, in denen ich dachte, das Leben würde besser, wenn ich erst erwachsen wäre. Welch ein Irrtum.
Mein Name ist Fritz Müller, und ich war schon immer der Kleinste, der Schmächtigste, der, auf den man herabsah. In der Schule nannten sie mich „Schwächling” oder „Mäuschen”, und wehren konnte ich mich nicht. Zu schüchtern, zu ängstlich. Nur ein Freund stand mir bei: Paul, mein Schulkamerad. Er war der Einzige, der mich nicht verhöhnte.
„Warte nur, bis ich groß bin”, dachte ich damals. „Dann hört das auf. Erwachsene sind vernünftig.” – Wie sehr ich mich täuschte.
Zwar bekam ich als Erwachsener keine Kopfnüsse mehr, aber die Spitznamen blieben. „Kümmerling”, „Floh”, „Grashüpfer” – die Kolleginnen im Lager, wo ich als Lagerist arbeitete, nannten mich liebevoll „unser Kleiner”. Sie bemutten mich, steckten mir belegte Brote zu, als wäre ich ein Findelkind. Und ich ließ es geschehen, denn ich kannte es nicht anders.
Dann kam der Tag, an dem ich sie zum ersten Mal sah: Gertrud, die neue Kassiererin. Eine Frau, wie aus einem Guss – groß, laut, präsent. Sie war prachtvoll, und ich verliebte mich auf der Stelle, hoffnungslos und stumm. Wie hätte ich es wagen sollen, sie anzusprechen? Ich war doch nur eine Motte, ein Nichts vor ihr.
Doch das Leben hat einen seltsamen Humor. Es brachte uns zusammen – auf typische Weise: der Retterin und den Geretteten.
Ich stand an der Kasse, einen Joghurt in der Hand, und hinter mir drängelten zwei Halbstarke mit Bierflaschen. „Platz da, Onkel, wir sind in Eile”, sagte einer und schob mich zur Seite. An jedem anderen Tag hätte ich nachgegeben, aber heute nicht – sie sah zu!
„Halt, ihr! Ich war zuerst!”, piepste ich. Die Kerle lachten nur und einer stieß mich: „Halt die Luft an, Opa!” Doch dann donnerte Gertruds Stimme: „Schluss jetzt! In Reih und Glied! Und ihr beiden – Personalausweis! Vielleicht darf ich euch gar keinen Alkohol verkaufen.”
Die Jungs zögerten, fluchten leise und trollten sich. Der Sicherheitsdienst hatte sie schon im Blick.
„Lass dich nicht ärgern, Fritzchen”, sagte Gertrud danach sanft zu mir. „Du musst kräftiger essen. Solche Lausebuben merken gleich, wer schwach ist.”
Ich wollte im Boden versinken. Jetzt hatte sie mich endgültig als Versager gesehen. Aber es kam anders.
Ab diesem Tag begann Gertrud, mich anders zu behandeln. Sie lächelte, scherzte, brachte mir sogar selbstgemachte Leberwurstbrote mit. Die anderen Frauen im Laden traten beiseite. Einmal hörte ich sie tuscheln: „Unser Mäuschen ist jetzt Gertruds Trophäe.” – „Na und, vielleicht füttert sie ihn richtig.”
Trophäe – das Wort tat nicht weh. „Immerhin bin ich ihr etwas wert”, dachte ich. Und so überwand ich meine Schüchternheit und lud sie ein. Sie sagte Ja. Aus Treffen wurde eine Beziehung, und schließlich heirateten wir.
Doch die Ehe war eine Enttäuschung. Gertrud erklärte sich sofort zur Chefin. Sie bestimmte alles – und sie strafte. Jede Kleinigkeit: der Kronleuchter schief, der Boden nicht sauber, der Teller nicht gespült. Ich ertrug es, denn ich liebte sie noch. Ich hoffte, wir würden uns einspielen.
Die Hoffnung zerstörte eine einzige Ohrfeige. „Du Taugenichts! Nichts kriegst du hin!”, schrie sie, als ich ihre Lieblingstasse zerbrach. „Das war von meiner Oma! Deine Pfoten sind zu doof zum Abspülen!” Und dann schlug sie zu.
Als sich der Nebel in meinem Kopf lichtete, wusste ich: Schluss. Eine Kindheit voller Schläge reicht. Ich ließ mich scheiden.
Bald darauf besuchte ich Paul, meinen alten Freund. Er hatte inzwischen eine Familie und einen Hund – eine riesige schwarze Hündin namens Kleopatra. „Kleppi, nenn sie”, sagte Paul. „Ein Irrwisch. Ich krieg sie nicht erzogen. Sie knurrt unseren Kleinen an und versteckt sich unterm Bett. Ich will sie loswerden.”
Ich sah mir das Tier an. Es war groß, aber die Augen blickten klug. „Hast du sie je richtig erzogen?”, fragte ich. „Schimpfen und Schlagen ist keine Erziehung. Vielleicht fehlt ihr nur ein ruhiger Mensch.”
„Dann nimm du sie”, lachte Paul. „Bist doch jetzt Single. Passt perfekt.”
Ich zögerte, aber Kleppi wedelte mit dem Schwanz. Das genügte. Wir gingen zusammen nach Hause.
Mit Kleppi war es einfacher als mit meiner Ex-Frau. Sie bockte nicht, schrie nicht, schlug nicht. Wenn sie etwas nicht gleich verstand, begriff sie es beim zweiten Mal. Und sie liebte mich. Sie war mein ganzer Freund, meine Welt.
Wir besuchten die Hundeschule, trainierten, spielten. Und ich stellte fest: Hunde sind besser als Menschen. Kleppi ist der lebende Beweis. Klug, schön, treu.
Vorhin im Park lernte ich eine Frau kennen, die einen Dackel ausführte. Sie hieß Ingrid, war freundlich und verständnisvoll. Wir redeten über Hundeerziehung. Vielleicht – wer weiß – werde ich eines Tages wieder lieben. Nicht jetzt. Aber Kleppi hat mir gezeigt, dass es noch gute Menschen gibt. Man muss nur wissen, wo sie sich treiben.




