**Tagebucheintrag von Hans Müller, 15. März**
Mein ganzes Leben lang hatte ich mir einen Sohn gewünscht. Sogar einen Namen hatte ich schon parat: Lukas. Aber das Schicksal wollte es anders – in unserer Familie wuchsen drei Töchter auf.
Meine Frau Elke ließ sich nicht unterkriegen: „Sieh sie dir an, was für hübsche Mädchen wir haben!”, sagte sie immer. Ich lächelte und nickte. Natürlich liebte ich meine klugen Kleinen über alles. Doch manchmal spürte ich einen leichten Neid, wenn ich sah, wie der Nachbar mit seinen Söhnen Fußball spielte.
„Ach was, Hans!”, meinte mein Freund Klaus. „Deine Marlene geht zum Karate. Die haut sich besser als jeder Junge.” Ich musste lachen. Mit ihren zehn Jahren war Marlene wirklich ein wildes Mädchen. Ihre Schwestern, die siebenjährigen Zwillinge Liesel und Gretel, waren auch nicht ohne.
Trotzdem ließ mich der Traum vom Sohn nicht los.
Auch meine Töchter hatten einen Traum: ein Haustier.
„Kommt nicht in Frage. Ich halte es nicht aus mit einem ewig bellenden Vieh im Haus”, wehrte ich ihre Bitten nach einem Hund ab.
„Eine Katze ruiniert die Tapeten. Hamster stinken. Papageien sind zu laut”, lehnte ich jeden Vorschlag ab.
Die Mädchen schmollten und waren beleidigt.
„Lena und Sophie haben zu Hause zwei Hunde! Und das geht doch!”, empörte sich Marlene leise, aber ich blieb hart.
„Wir werden uns schon etwas einfallen lassen”, tröstete Liesel, die nicht aufgeben wollte.
Mein Geburtstag rückte näher. Die Mädchen saßen in Marlenes Zimmer und stritten, was sie mir schenken sollten.
„Eine Thermoskanne? Ein Rasier-Set?”
„Nein, das ist zu banal!”
„Dann denk du dir was aus, wenn du so schlau bist! Wir malen eine Karte! In zwei Tagen ist das Fest!”
„Kindergarten! Ein Geschenk muss überraschend und unvergesslich sein, sagt Mama.”
Die Diskussion dauerte schon eine halbe Stunde und drohte in eine Schlägerei auszuarten, als plötzlich das Telefon klingelte:
„Marlene, habt ihr den Müll rausgebracht?”, fragte meine Frau.
„Klar … haben wir. Alles erledigt. Kommst du bald nach Hause?”, log Marlene, ohne mit der Wimper zu zucken. Und als sie sicher war, dass Mama noch eine Weile brauchte, machte sie sich schnell fertig.
„Wir kommen mit!”, riefen die Zwillinge.
„Wollt ihr etwa alle drei mit einem einzigen Müllsack rausgehen?”, runzelte Marlene die Stirn.
Wenig später verließ die ganze Gruppe das Haus.
„Hört ihr das? Da hinten bei der Mülltonne”, flüsterte Gretel.
Die anderen blieben stehen und nickten. Sie näherten sich und hörten ein klägliches Miauen aus der Tonne.
„Hat da etwa einer eine Katze reingesteckt?”, fragte Marlene unsicher.
Liesel zuckte nur die Schultern und begann energisch die vollen Müllsäcke aus dem Container zu werfen. Ihre Schwestern halfen ihr, angewidert aber entschlossen. Als ob es die Rettung spürte, stieß die Katze einen verzweifelten Schrei aus.
„Hoffentlich springt sie uns nicht an. Warum klettert sie nicht einfach raus? Steckt sie fest?”, keuchte Marlene, über den Rand gebeugt.
Auf der anderen Seite wühlten Liesel und Gretel.
Nach ein paar Minuten war die Antwort klar:
„Sind die Erwachsenen verrückt? Eine Katze in einen Müllsack stecken und wegwerfen!”, empörte sich Marlene, als sie den raschelnden Plastikbeutel aufband, in dem eine verängstigte, rostrote Katze saß.
„Wie schön und zutraulich! Wie kann man so ein armes Tier wegwerfen?”, seufzte Gretel.
Die Katze sprang sofort auf ihren Arm und schmiegte sich zitternd an.
„Was macht ihr da, ihr kleinen Banditen? Den ganzen Müll auf die Straße verstreut! Ich werd’s euren Eltern stecken. So eine Frechheit, solange der Vater und die Mutter nicht da sind!”, schimpfte Frau Schmidt vom Nachbarhaus quer über den Hof.
Mit der gestrengen Frau war nicht zu spaßen. Sie kam schnellen Schrittes näher, trotz ihres Alters.
„Rennen!”, befahl Marlene.
Die Schwestern stürmten zum Hauseingang. Hinter ihnen ertönten die wütenden Rufe von Frau Schmidt.
„Puh, gerade noch mal gut gegangen”, keuchte Liesel, als sie die Tür zuschlug.
„Die petzt bestimmt. Erinnert ihr euch, wie wir das Fenster im Treppenhaus kaputt gemacht haben? Da stand sie auch gleich da und hat es Papa noch am selben Abend erzählt”, meinte Marlene.
Ich kam derweil von der Arbeit nach Hause. Beste Laune. Wochenende und mein Geburtstag standen bevor. Seit ich klein war, liebte ich diesen Tag und freute mich, ihn mit der Familie zu verbringen.
Plötzlich tauchte neben mir eine Wahrsagerin auf:
„Eine unerwartete Überraschung erwartet dich, mein Lieber! Du wirst dich freuen, du wirst lachen!”, sagte sie schnell, berührte meine Hand und ging weiter.
„Komische Wahrsagerin. Früher wollten sie immer Geld für die Handlesekunst”, dachte ich und schenkte ihren Worten keine Beachtung. Ich eilte nach Hause.
Zu Hause wurde eifrig diskutiert:
„Und was schenkt Mama? Habt ihr rausgekriegt?”, fragte Marlene ihre Schwestern, die nur die Schultern zuckten.
„Ich hab gefragt, aber Mama sagte, es sei eine Überraschung. Wir erfahren alles zur rechten Zeit”, antwortete Liesel.
Das war seltsam. Mama bereitete sonst immer zusammen mit den Mädchen mein Fest vor.
„Ich hab gesehen, wie sie etwas in einen Geschenkumschlag gesteckt hat. Vielleicht eine Reise ins Wellness-Hotel? Erinnert ihr euch, sie wollten mal gemeinsam verreisen”, überlegte Gretel.
„Kann sein. Aber unsere Überraschung ist auch nicht schlecht. Die wird er nie vergessen, und sie kommt völlig unerwartet”, kicherte Marlene.
„Hauptsache, er findet sie nicht vorher”, legte Liesel den Finger auf den Mund.
Da klingelte es, und die Mädchen rannten zur Tür. Ich und Elke standen davor.
„Ihr seid heute so leise. Na los, gesteht, was habt ihr diesmal angestellt?”, sagte Elke, als sie die Töchter musterte.
Die Schwestern beteuerten, alles sei in Ordnung.
„Sogar den Müll haben wir rausgebracht!”, meldete Marlene.
„Schön. Und warum ist im Bad alles nass?”, fragte die Mutter, als sie zum Waschbecken ging.
Die Mädchen sahen sich an.
„Tut mir leid, Mama, ich wollte mein T-Shirt waschen. Es war etwas dreckig”, senkte Gretel den Blick.
„Kein Tag ohne Abenteuer!”, lachte ich. Ich war bester Laune.
Die Mädchen verschwanden schnell in ihren Zimmern und gingen ohne Widerrede ins Bett.
„Die wachsen zusammen. Schau, wie brav sie heute sind. Bestimmt bereiten sie mir eine Überraschung”, sagte ich zu Elke und küsste sie.
„Eher die Ruhe vor dem Sturm”, meinte sie skeptisch. Sie kannte ihre Töchter nur zu gut.
Wir lagen schon im Bett, als aus Marlenes Zimmer ein Geräusch drang.
„Ich dachte, ich hätte jemanden miauen hören”, murmelte ich verschlafen.
Als wir ins Kinderzimmer gingen, saß Marlene mit Liesel zusammen:
„Ich hatte einen bösen Traum, aber jetzt ist alles gut. Ich schlafe bei Marlene, ja?”, sagte Liesel leise.
„Natürlich, mein Schatz. Braucht ihr Hilfe?”, fragte Elke.
Die Schwestern nickten, und die Nacht verlief ruhig.
Am Vorabend meines Geburtstags schlief ich schlecht. Mir träumte etwas von einer rothaarigen Wahrsagerin, die miaute und mich mit grünen Augen anstarrte.
Schließlich öffnete ich die Augen und erstarrte. Direkt auf meiner Brust saß ein rostrotes Monster und bohrte seinen Blick in mich!
„Miau”, begrüßte mich das Monster.
„Ahhh!”, entfuhr es mir.
Elke fuhr hoch, um zu verstehen, was los war.
„Was? Was ist das?”, stammelte ich schließlich und starrte die rostrote Katze an, die sich bereits an meinen Füßen niederließ.
Elke blinzelte verwirrt.
„Ach, Papa! Du hast unsere Überraschung schon gesehen!”, sagte Marlene, die mit betont munterer Stimme ins Zimmer trat.
Hinter ihr kamen die Zwillinge:
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papi! Wir wollten dir ein unvergessliches Geschenk machen. Darf ich vorstellen: Knuddel. Er ist sehr lieb, ruhig und erzogen.
Übrigens lebt er schon seit zwei Tagen bei uns, und ihr habt ihn nicht mal bemerkt. Alle Sofas sind heil, die Tapeten auch”, plapperten Liesel und Gretel durcheinander.
Elke lachte, als ich nach Luft schnappte.
„Keine Sorge, Papa. Mama schenkt dir gleich eine Reise ins Wellness-Hotel, und ihr könnt schön ausspannen ohne uns. Wir kommen schon klar”, platzte Marlene heraus.
„Welches Wellness-Hotel? Moment mal, Mädchen”, Elke sah ihre Töchter verwirrt an.
„Aber dein Geschenk im Umschlag war doch eine Reise? Ich hab’s selbst gesehen”, half Gretel ihrer Schwester.
Elke lachte nervös.
„Scheint, als könne man in diesem Haus nichts verbergen”, sagte sie schließlich.
„Aber was mach ich jetzt mit dem Tier?”, fragte ich ratlos, während die Katze leise schnurrend an meinen Füßen saß.
„Weißt du, Papa, das ist passiert. Wir sind rausgegangen und haben die Katze in einem Müllsack gefunden … im Container. Dann kam Frau Schmidt. Sie hat so geschrien. Du weißt ja, wie sie ist …”, begann Marlene.
„Wir hatten Angst und sind Hals über Kopf nach Hause gerannt”, fügte Liesel bestimmt hinzu.
„Irgendwie ist die Katze dann bei uns gelandet. Aber wir konnten sie doch nicht wieder auf den Müll werfen? Wir haben sie sogar gewaschen und hübsch gemacht. Sie ist ganz ruhig und geduldig”, sagte Gretel mit Tränen in den Augen.
Ich seufzte. Irgendwie kamen mir die Worte der Wahrsagerin über die unerwartete Überraschung in den Sinn.
„Na ja … ein Geschenk ist das allemal”, murmelte ich, während ich die ganze ehrliche Bande betrachtete.
„Schatz, vielleicht haben die Mädchen recht. Die Katze tut mir leid. Was sie wohl durchgemacht hat. Und von außen ist sie sehr ruhig und zutraulich”, kam mir Elke zu Hilfe.
Ich seufzte und dachte nach.
„Sie wird auch Mäuse fangen, bestimmt!”, brachte Liesel das stichhaltige Argument.
„Aber wir hatten noch nie Mäuse”, sagte ich traurig.
„Man weiß nie, ich habe neulich ein Rascheln hinter der Wand gehört”, unterstützte Gretel ihre Schwester.
„Also gut, ihr kleinen Banditen. Wir werden sehen, wie ihr euch weiterhin benehmt. Und natürlich auch das Benehmen von Knuddel”, lachte ich.
„Warum Knuddel?”, fragte Elke.
„Du solltest hören, wie lustig er schnurrt, wenn man ihn am Bauch kraulst”, lächelten die Mädchen.
„Und was war nun in dem Umschlag?”, wollte Gretel wissen.
Elke wurde leicht verlegen. Dann holte sie eine kleine Schachtel mit einem Umschlag darin.
„Das gibt’s doch nicht!”, rief ich aufgeregt, als ich den Inhalt sah.
Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten.
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„Klar, ein kleiner Bruder ist toll. Aber ich finde, unser Knuddel hat auf Papa auch einen bleibenden Eindruck gemacht”, flüsterte Gretel abends ihrer Schwester im Bett zu.
„Unser Knuddel ist ein richtiger Verräter. Zwei Nächte hat er bei uns geschlafen, und heute ist er zu den Eltern rübergegangen”, schmollte Liesel.
„Ach was. Es ist ja schließlich Papas Katze”, kicherte Gretel.
Ich lag glücklich im Bett und lauschte dem Schnurren von Knuddel.
„Was für ein beruhigendes Geräusch. Warum haben wir nicht schon früher eine Katze geholt? Ich versteh es nicht”, flüsterte ich und zog Elke an mich.
„Genieß die Ruhe, bald wird hier kein Auge mehr zu bekommen sein”, lachte sie.
„Weißt du, ich kann es gar nicht glauben, dass wir einen Sohn bekommen. Danke, mein Schatz, das ist das schönste Geschenk von allen!”, lächelte ich und schloss vor Glück die Augen.
**Was ich daraus gelernt habe:** Manchmal erfüllen sich Träume auf Umwegen – und das Wichtigste ist nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen, ein Tier oder ein Mensch ist, sondern dass man füreinander da ist und sich überraschen lässt.





