— Das soll alles auf den Tisch? — fragte Greta entrüstet und spähte in den Topf.
Auf dem Herd köchelte eine magere Gemüsesuppe. Daneben stand eine große Schale Haferbrei ohne Butter und ein Teller gedünsteter Kohl.
In der Küchentür blieb Friedrich stehen, der Bruder von Thomas. Seine Frau Greta blickte ratlos auf den Tisch, an dem weder ein Braten noch Salate oder Kuchen standen.
— Und wo bleibt das richtige Essen? — platzte Friedrich heraus und musterte die kargen Speisen.
Martha legte gelassen den Schöpflöffel vor die Gäste.
— Heute essen wir, was da ist.
Die Gäste warfen sich Blicke zu. Friedrich öffnete den Mund, schwieg aber. Greta zupfte nervös an ihrer Serviette. Sie wussten noch nicht, dass dieses Mittagessen das letzte in einer langen Reihe ihrer ungefragten Gratismahlzeiten war.
***
Martha und ihr Mann Thomas wohnten in einer kleinen, aber gemütlichen Wohnung im dritten Stock einer typischen Plattenbausiedlung in Hamburg. Beide arbeiteten, beide kochten leidenschaftlich gern. Freitagabends blätterte Martha durch Kochzeitschriften und plante das Wochenendmenü, während Thomas ihr bereitwillig am Herd half.
— Wie wär’s am Wochenende mit gefüllten Paprikaschoten? — schlug sie vor, und ihr Mann stimmte zu, schon ganz in Vorfreude auf den Duft von geschmortem Hackfleisch in Tomatensoße.
Gäste hatten sie gern. Nicht solche, die nach Fahrplan kamen, sondern solche, mit denen man gern bei einem gedeckten Tisch saß und über das redete, was zählte.
Vor einigen Jahren hatte Thomas seinem Bruder beim Umzug geholfen. Kisten geschleppt, Möbel auseinandergenommen, auf einer Luftmatratze genächtigt. Danach schauten Friedrich, seine Frau Greta und die beiden Kinder gelegentlich vorbei. Anfangs war alles nett: Friedrich brachte einen Kuchen mit, Greta Obst, die Kinder benahmen sich einigermaßen. Man saß zusammen, lachte, erinnerte sich an gemeinsame Bekannte.
Aber nach und nach änderte sich etwas Unbestimmtes.
Die Kuchen blieben aus. Das Obst auch. Dafür wurden die Besuche häufiger.
Jetzt tauchten die Verwandten jedes Wochenende auf – samstags oder sonntags, kurz vor dem Mittag- oder Abendessen. Ansagen gab es längst nicht mehr.
Greta schrieb vielleicht zehn Minuten vor dem Klingeln:
— Wir sind zufällig in der Gegend. Kommen schnell vorbei, okay?
Manchmal kamen sie auch ganz ohne Vorwarnung.
Martha fiel ein merkwürdiges Muster auf: Die Gäste erschienen genau dann, wenn der Duft von frischem Kuchen oder Braten durch die Wohnung zog. Als hätten sie eine Nase dafür.
Greta ging immer als Erste in die Küche.
— Oh, das riecht aber lecker! — rief sie und hob die Deckel der Töpfe. — Wir haben heute gar nichts gekocht.
Friedrich ließ sich derweil am Tisch nieder und begann gemächlich Neuigkeiten zu erzählen, während die Kinder zielstrebig den Kühlschrank öffneten und in den Fächern nach Süßigkeiten suchten.
Nach jedem Besuch war der Kühlschrank spürbar leerer, und Martha blieb übrig, einen Berg Geschirr zu spülen und Krümel vom Tisch zu wischen.
Besonders unangenehm war der Samstag vor dem Geburtstag von Marthas Mutter.
Zwei Tage hatte Martha in der Küche gestanden. Ente mit Apfelfüllung im Ofen, drei Salate, einen Kirschstreuselkuchen gebacken. Die Lebensmittel hatten einiges gekostet – sie hatte wochenlang extra für das Fest gespart.
— Morgen ist der große Tag, — sagte sie am Abend zu Thomas und ließ den Blick zufrieden über den vollen Kühlschrank gleiten. — Alles fertig.
Doch am Samstag um zwölf klingelte es an der Tür.
Im Flur standen Friedrich, Greta und die beiden Kinder.
— Wir kamen zufällig vorbei! — verkündete Greta fröhlich und zog bereits ihre Jacke aus.
Martha versuchte vorsichtig anzudeuten, dass das Essen für die Feier am nächsten Tag bestimmt war.
— Morgen hat meine Mutter Geburtstag, ich habe extra zwei Tage gekocht, — sagte sie, in der Hoffnung, die Gäste würden es verstehen.
Greta winkte ab:
— Ach was, du kochst doch so gern, das schaffst du schon wieder.
Innerhalb weniger Stunden hatten die Gäste fast die Hälfte der Festvorräte vertilgt. Die Kinder hatten sich am Kuchen bedient. Von der Ente blieb nur die Hälfte.
Als Martha am Abend den Kühlschrank öffnete, zog sich etwas in ihr zusammen. Es war nicht Wut – eher eine stille, bittere Enttäuschung. Es tat ihr nicht um die Lebensmittel leid. Es tat ihr um ihre eigenen Hände leid, um zwei Tage Arbeit, um den Duft von warmem Teig am Morgen.
Zum ersten Mal dachte sie es klar und ohne Einschränkung: Die Verwandten kamen nicht der Gesellschaft wegen. Sie wollten einfach gut und kostenlos essen.
Spät am Abend sprach Thomas von sich aus als Erster.
— Mir fällt das schon lange auf, — sagte er leise und blickte auf den Tisch. — Ich wusste nur nicht, wie ich es nennen soll. Und mit meinem Bruder zu reden, ist mir unangenehm.
Martha antwortete nicht. Aber beide wussten, dass sie nicht länger schweigen konnten.
Streiten wollten sie nicht. Stattdessen überlegten sie sich etwas anderes.
— Wir machen ein Experiment, — schlug Martha am Mittwochabend vor. — Kochen wir am Wochenende einfach das Alltäglichste. Mal sehen, was passiert.
Thomas grinste.
— Glaubst du, das bringt was?
— Ich denke schon.
Am Freitag setzte Martha Haferbrei ohne Butter auf, kochte eine magere Gemüsesuppe, dünstete Kohl und bereitete ungesüßten Apfelsaft zu. Sonst nichts. Alles andere – Fleisch, Käse, Wurst, Süßigkeiten – verstaute sie im Tiefkühlfach und in den oberen Regalen der Speisekammer.
Der Kühlschrank sah betont bescheiden aus.
Am Sonntag lief alles nach dem gewohnten Muster ab.
Es klingelte um zwölf. Vor der Tür standen Friedrich, Greta und die Kinder. Greta lächelte schon und zog die Luft durch die Nase ein – aber diesmal roch es nach nichts.
Sie ging wie gewohnt in die Küche und spähte in den Topf. Das Lächeln verblasste ein wenig. Sie öffnete den Kühlschrank. Machte ihn zu. Öffnete ihn wieder – als hoffte sie, beim zweiten Mal sei etwas anderes darin.
Am Tisch herrschte angespannte Stille. Die Kinder stocherten ratlos mit der Gabel im Kohl. Friedrich löffelte ein paar Bissen Suppe und warf dann immer wieder einen Blick auf die Uhr. Greta antwortete einsilbig und schielte zur Tür.
Martha schenkte den Saft ein und fragte ruhig:
— Wie läuft’s so? Beruf?
— Geht so, — antwortete Friedrich knapp.
Nach vierzig Minuten machte sich die Familie überraschend fertig für die Heimfahrt.
— So, wir müssen los, — sagte Greta und stand auf. — Noch einiges zu erledigen.
Als die Tür hinter den Gästen ins Schloss fiel, sagte Thomas leise:
— Ich glaube, sie haben verstanden.
In der darauffolgenden Woche wiederholte sich die Geschichte.
Martha kochte wieder nur das Einfachste: Buchweizenbrei, eine magere Kohlsuppe ohne Fleisch, gekochte Rote Bete. Friedrich kam mit seiner Familie, saß ohne rechten Appetit am Tisch und fuhr früher als sonst wieder ab.
Dann wiederholte es sich noch einmal. Und noch einmal.
Jeder neue Besuch wurde kürzer als der vorherige. Gretas begeisterte Ausrufe über die Düfte aus der Küche verschwanden. Die üblichen Bitten, den Kuchen zum Tee zu holen oder ein Glas eingelegtes Gemüse zu öffnen, blieben aus.
— Bei euch ist ja heute wieder mal nicht viel los, — bemerkte Friedrich einmal und musterte den Tisch.
— Ja, kommt vor, — antwortete Martha gelassen und stellte ihm den Teller hin.
Er schwieg.
Endgültig klar wurde alles an einem Donnerstag. Thomas ging in den Flur, um sein Handy zu holen, und hörte zufällig einen Gesprächsfetzen seines Bruders – der stand am Fenster und sprach leise mit jemandem:
— Was soll ich da noch? Die kochen jetzt überhaupt nichts Ordentliches mehr.
Thomas ging leise zurück in die Küche und sagte Martha zunächst nichts. Erst am Abend, nachdem die Gäste weg waren, erzählte er ihr den Satz.
Martha sah lange aus dem Fenster.
— Dann haben wir also richtig gelegen, — sagte sie schließlich.
Mehr mussten sie einander nicht erklären. Dieser kurze, zufällig gehörte Satz hatte alles an seinen Platz gerückt.
Einen Monat später waren die Besuche so gut wie eingestellt. Friedrich und seine Familie verbrachten die Wochenenden bei anderen Verwandten – bei der Schwiegermutter, bei alten Freunden, bei jemandem aus der Nachbarschaft der alten Wohnung.
In Marthas und Thomas’ Wohnung kehrte endlich Ruhe ein.
Die gewöhnliche, einfache, längst vergessene Stille eines Samstagmorgens.
Sie konnten wieder gemeinsam Kaffee trinken, ohne auf die Türklingel zu lauschen. Filme schauen, ohne daran zu denken, dass gleich Gäste hereinplatzen könnten. Einladen, wen sie selbst sehen wollten.
— Wie schön, — sagte Martha eines Sonntags und ließ sich mit einem Buch auf dem Sofa nieder. — Ich hatte ganz vergessen, dass Wochenende auch so sein kann.
Thomas lächelte und antwortete nicht.
Doch Anfang des nächsten Monats kam Friedrich doch noch – allein, ohne Greta und die Kinder. Setzte sich an den Küchentisch, nahm eine Tasse Tee. Das Gespräch drehte sich zunächst um Belangloses.
Aber Thomas ging nicht um den heißen Brei herum.
— Friedrich, wir sehen dich immer gern, — sagte er sachlich. — Aber ein kostenloses Restaurant an jedem Wochenende sind wir nicht mehr bereit zu machen. Das ist ehrlich gemeint.
Friedrich senkte den Blick auf die Tasse. Schweigen.
— Ich hab’s kapiert, — sagte er schließlich leise.
Sein Gesicht verriet, dass er zum ersten Mal wirklich von außen auf die ganze Sache geschaut hatte.
Ein paar Monate später war das Verhältnis zwischen den Verwandten ruhiger und, ehrlich gesagt, auch aufrichtiger als zuvor.
Friedrich kam ab und zu vorbei, aber jetzt klingelte er immer vorher an.
— Ist Samstag okay? — fragte er schlicht, ohne die alte Selbstverständlichkeit.
Oft brachte er Gebäck oder Lebensmittel für ein gemeinsames Abendessen mit. Einmal stand er mit einem Stück Lachs und einer Flasche gutem Wein da.
— Hier, ich dachte, ich steuere was bei, — sagte er etwas verlegen und reichte Martha die Tüte.
Greta verhielt sich ebenfalls anders – sie ging nicht mehr sofort in die Küche, öffnete nicht den Kühlschrank, spähte nicht in die Töpfe.
Und Martha begriff etwas Wichtiges, das sie vorher nie hätte formulieren können: Wenn Menschen sich an fremde Freundlichkeit gewöhnt haben, braucht es keinen lauten Streit oder Tränen. Manchmal reicht es, ihnen die Bequemlichkeit einfach zu entziehen. Und dann fügt sich alles wie von selbst.




