Der Kater sitzt auf dem Fensterbrett und schaut hinunter in den Hof, wo Tauben eine Brotkruste teilen. Und Klaus schaut den Kater an. Sieben Jahre leben sie jetzt zusammen, wenn man die Frau Greta und die Tochter Anneliese nicht mitzählt. Aber der Kater Max gehört ihm. Vom ersten Tag an, als ein drei Monate alter Fellknäuel sich in seinen Pullover krallt und in der Armbeuge einschläft.
Greta kocht Borschtsch, und durch die Küche zieht der Geruch von Lorbeerblättern. Anneliese, sie ist zwölf, sitzt am Tisch und fährt mit dem Finger über den Bildschirm ihres Handys. Ein normaler Samstagabend, wie es schon hundert gab und noch hundert geben wird. Aber Klaus fällt auf, dass die Tochter immer wieder erwartungsvoll zur Mutter schaut. Und die Mutter, während sie den Borschtsch umrührt, nickt ihr unauffällig zu, als hätten sie etwas im Voraus abgesprochen.
„Papa“, beginnt Anneliese mit der Stimme, mit der man um ein neues Handy bittet oder um die Erlaubnis, bei einer Freundin zu übernachten.
Klaus schiebt die Zeitung zur Seite.
„Ja?“
„Also, bei Lena hat die Katze Junge bekommen. Und ein Kätzchen nimmt niemand. Es hinkt ein bisschen, die vordere Pfote ist krumm. Sie wollen es … na ja …“
Sie spricht nicht zu Ende, aber es ist klar. Klaus schaut zu Greta. Die rührt den Borschtsch heftig um, obwohl es nichts mehr umzurühren gibt.
„Nein“, sagt er. Nicht böse, nicht schroff. Nur so.
„Aber warum?“
„Weil wir Max haben. Er ist sieben, er ist es gewohnt, allein zu sein. Wenn ihr ein zweites anschleppt, gibt es Kämpfe, Markierungen, noch mehr Fell. Ich bin dagegen.“
Anneliese schaut zur Mutter. Greta stellt den Topf ab und setzt sich neben ihren Mann.
„Klausilein, das Kätzchen ist drei Monate alt. Die Pfote ist falsch verheilt. Wenn es niemand nimmt, bringt Lena es ins Tierheim, und von da holt so keiner mehr raus.“
Klaus versteht das. Aber er nickt nicht.
„Ich bin dagegen“, wiederholt er und hebt die Zeitung.
***
Eine Woche vergeht. Anneliese bittet nicht mehr, aber beim Abendessen reicht sie ihm schweigend das Brot. Und Greta fragt nicht mehr, wie der Tag im Büro war. Klaus spürt das, wie man einen Durchzug spürt: die Fenster sind zu, und doch zieht es.
Am Freitag kommt Anneliese aus der Schule mit roten Augen. Den Rucksack wirft sie an die Tür, verschwindet in ihrem Zimmer. Greta geht zu ihr, kommt nach etwa zehn Minuten wieder raus.
„Was?“, fragt Klaus.
„Lena hat gesagt, das Kätzchen wird morgen früh abgeholt. Es hat sich ein Tierheim am Stadtrand gefunden, aber Anneliese hat Fotos von da gesehen. Kleine Käfige, an die zweihundert Katzen, der Geruch …“
Greta drängt nicht. Sie erzählt es nur und geht dann zum Spülen.
Klaus bleibt allein im Flur. Aus Annelieses Zimmer dringt kein Ton – das ist schlimmer als Weinen.
Am Morgen steht Klaus als Erster auf. So früh ist er sonst nur zum Angeln aufgestanden, und die Saison hat noch nicht begonnen. In der Küche brennt das Licht über dem Herd, draußen dämmert es. Er zieht sich eine Jacke an, nimmt die Autoschlüssel und geht.
Lenas Adresse hat er am Abend zuvor in Annelieses Handy gefunden, während die Tochter schlief. Er schreibt sie auf einen Zettel, steckt ihn in die Jackentasche.
Vor Lenas Haus parkt er und wählt ihre Nummer.
„Hallo?“, eine verschlafene, unwirsche Stimme.
„Hier ist Klaus, Annelieses Vater. Ist das Kätzchen noch da?“
Pause.
„Ja … ja, noch. Um elf soll das Tierheim kommen.“
„Nicht nötig. Ich hole es. Ich komme jetzt hoch.“
Er legt auf und sitzt noch eine Minute im Wagen.
Lena öffnet im Bademantel, reicht ihm wortlos einen Schuhkarton. Darin liegt auf einem alten Handtuch das Kätzchen. Grau, gestreift, mager. Die vordere Pfote steht ein wenig ab, als wäre sie eilig zusammengeflickt. Die Augen sind gelb, voller Angst.
„Es ist ruhig“, sagt Lena. „Es miaut fast nie. Frisst alles. Ist stubenrein.“
Klaus nickt, nimmt den Karton und trägt ihn zum Auto.
Er kommt nach Hause, als alle noch schlafen. Stellt den Karton im Flur auf den Boden, zieht die Jacke aus. Das Kätzchen gibt keinen Laut von sich. Klaus schaut hinein: das Tier hat sich in eine Ecke verkrochen und starrt von unten zu ihm hoch, ohne zu blinzeln.
„Na, und was mach ich jetzt mit dir?“, sagt Klaus leise.
Das Kätzchen hebt die krumme Pfote, als wolle es nach seinem Finger greifen, kommt aber nicht ran. Klaus seufzt. Geht in die Küche, gießt Milch in eine Untertasse. Dann fällt ihm ein, dass Milch für Kleine nicht gut ist, schüttet sie weg, holt gekochtes Huhn aus dem Kühlschrank und schneidet es klein.
Als er mit der Untertasse in den Flur zurückkommt, sitzt Max bereits neben dem Karton. Er schaut hinein. Der Schwanz zuckt nicht, der Rücken wölbt sich nicht.
Das Kätzchen klettert aus dem Karton, humpelt zur Untertasse und beginnt zu fressen. Max schnaubt und zieht sich auf seinen Sessel zurück. Kein Kampf, kein Fauchen.
Anneliese findet das Kätzchen als Erste. Klaus hört aus dem Schlafzimmer einen unterdrückten Schrei, dann schnelle Schritte, und die Tochter stürmt zu ihnen herein, das Kätzchen auf dem Arm.
„Mama! Mama, wo kommt das her?!“
Greta setzt sich im Bett auf, blinzelt verschlafen. Sie schaut das Kätzchen an, dann Klaus. Der liegt da, die Hände hinter dem Kopf, und studiert eingehend die Zimmerdecke.
„Papa?“, Anneliese dreht sich zu ihm. Die Stimme zittert. „Warst du das?“
„Wenn ihr jetzt schreit, bringe ich es zurück“, brummt Klaus, ohne den Blick von der Decke zu lösen.
Anneliese setzt sich auf die Bettkante und fängt an zu weinen. Nicht so, wie man in der Schule aus Trotz weint, sondern anders – wenn man es nicht erklären kann. Das Kätzchen in ihren Armen erstarrt, drückt sich an ihren Pullover.
Greta sagt nichts. Sie legt ihre Hand auf Klaus’ Arm und drückt zu. Kurz, knapp. Dann steht sie auf und geht in die Küche, um den Wasserkocher anzustellen.
Das Kätzchen bekommt den Namen Kuno. Anneliese wollte Graf, aber Klaus sagt: „Was für ein Graf, der kommt aus ’nem Schuhkarton, der heißt Kuno.“ Und Kuno wird heimisch, als hätte er schon immer hier gelebt. Max geht ihm die erste Woche aus dem Weg, in der zweiten fängt er an, ihn zu dulden, und nach einem Monat schlafen sie auf demselben Sessel. Max, rot und würdevoll, und Kuno, grau mit der abstehenden Pfote, den Kopf an Max’ Seite gedrückt.
Klaus schaut sie abends an und schweigt. Greta fragt einmal:
„Du warst doch dagegen. Was hat sich geändert?“
Er überlegt, kratzt Kuno hinterm Ohr. Der schnurrt und schließt die Augen.
„Anneliese hat geweint. Und ich hab durch die Wand alles gehört. Da hab ich mir gedacht: Ich repariere hier ständig alles Mögliche, aber hier gibt es nichts zu reparieren – einfach hinfahren und holen. Einfacher geht’s nicht. Und ich hab mich gesträubt – wegen was? Wegen Fell?“
Greta lächelt und fügt nichts hinzu.
Ein halbes Jahr später ist Kuno groß, die Pfote bleibt krumm, aber er rast wie ein Wirbelwind durch die Wohnung, schießt Hausschuhe um und springt auf den Schrank. Max folgt ihm nur mit dem Blick.
Und Klaus ertappt sich dabei, dass er abends auf dem Sofa sitzt, auf dem Schoß liegt Max, auf der Schulter schläft Kuno, im Fernseher läuft Fußball – und er hört das Ergebnis nicht, weil er sich nicht traut, sich zu rühren.
Und das ist vielleicht besser als jedes Ergebnis.





