Jeden Abend kletterte eine rostrote Katze auf meinen Balkon. Sie miaute so, als ob sie um Hilfe flehte – sie ließ weder mich noch mein Gewissen in Ruhe. Fast hätte ich den Tierschutz angerufen, aber sobald ich die Tür öffnete, sprang sie davon. Direkt auf das zu, wovor ich mich so fürchtete.
»Schon wieder du!«
Ich schob den Vorhang beiseite und blickte zum Balkon. Die rostrote Katze saß auf dem Geländer und sah mich direkt an. Ihre Augen glühten in der Abenddämmerung, und aus ihrer Kehle kam ein lang gezogenes, fast menschliches Miauen.
»Verschwinde«, winkte ich ab und zog den Vorhang wieder zu.
Den fünften Abend in Folge wiederholte sich das Ganze bis zur Lächerlichkeit: kaum zu Hause nach der Arbeit – schon wieder diese Katze. Wieder auf meinem Balkon im vierten Stock! Wie sie dort hinaufkam, blieb mir ein Rätsel, aber da war sie – wieder.
Ich arbeitete als Buchhalterin in einer kleinen Firma, und die letzten Monate waren besonders schwer gewesen. Quartalsabschluss, Prüfungen, ständige Anrufe. Ich kam völlig erschöpft nach Hause. Alles, was ich brauchte, war Stille, heißer Tee und meine Lieblingsserie. Und dann diese Katze mit ihren Konzerten.
»Hör mal, vielleicht fütterst du sie einfach?«, schlug meine Kollegin Klara am nächsten Tag vor. »Dann frisst sie und lässt dich in Ruhe.«
»Ich werde keine Streuner anfüttern«, sagte ich knapp. »Ich hab genug eigene Probleme.«
Und das stimmte. Nach der Scheidung vor drei Jahren hatte ich mir mein Leben so eingerichtet, wie es mir gefiel. Keine Abhängigkeiten, keine Verpflichtungen. Die Wohnung war meine Festung, in der Ordnung und Berechenbarkeit herrschten. Tiere passten nicht in diese Pläne.
Aber die Katze schien anderer Meinung. Am sechsten Abend miaute sie so laut und eindringlich, dass die Nachbarin unter mir klingelte.
»Greta, könnten Sie bitte etwas wegen dieser Katze tun?«, bat sie. »Mir zerspringt der Schädel von diesem Geheul.«
»Entschuldigung, Frau Schneider«, murmelte ich. »Ich kümmere mich sofort darum.«
Mich kümmern wollte ich eigentlich gar nicht. Ich überlegte, den Tierschutz anzurufen, aber dann fiel mir ein, was mit herrenlosen Tieren dort passiert, und irgendwie brachte ich das nicht übers Herz.
»Was willst du?«
Ich öffnete die Balkontür und trat hinaus. Die Katze hörte auf zu miauen und musterte mich aufmerksam. Sie war dürr, das Fell verfilzt, aber ihre Augen waren völlig gesund und klug. Sehr klug.
»Na los, sag schon, was willst du? Futter?«
Ich streckte die Hand aus, um sie zu streicheln, doch die Katze sprang zurück, kletterte die Feuerleiter ein paar Stufen hinab und hielt inne. Sie drehte sich um. Sah mich an. Miaute erneut.
»Du willst, dass ich dir folge?«, fragte ich misstrauisch.
Die Katze stieg noch tiefer und schaute wieder zurück.
Neugier ist ein seltsames Ding. Sie treibt mich an – anders kann ich es nicht sagen. Ich griff nach meiner Jacke, schlüpfte hastig in die Turnschuhe, ohne auf Bequemlichkeit zu achten, und trat in den Flur. Die Katze, als hätte sie alles vorausgewusst, hatte sich bereits vor der Tür niedergelassen. Als sie mich sah, schoss sie die Treppe hinunter, ohne sich umzudrehen. Ein fast lautloser Schatten glitt voraus. Mir blieb nur, ihr zu folgen.
Wir erreichten das Erdgeschoss, aber die Katze hielt nicht an. Sie steuerte auf die Kellertür zu, die ich nie geöffnet hatte. Die Tür stand einen Spalt offen, dahinter gähnte schwarze Leere.
»Du willst, dass ich da hineinkrieche?«
Ich sah die Katze an.
»Kommt nicht infrage.«
Doch die Katze schlüpfte hinein und kam eine Sekunde später wieder zum Vorschein. Sie setzte sich auf die Schwelle. Sah mich mit ihren ungewöhnlichen Augen an.
Und da hörte ich es. Ein dünnes, kaum wahrnehmbares Fiepen. Mehrere Stimmen auf einmal.
»Kätzchen?«, flüsterte ich.
Ich holte mein Handy hervor, schaltete die Taschenlampe ein und betrat vorsichtig den Keller. Es roch nach Feuchtigkeit und Moder. Die Katze ging voraus, drehte sich ab und um, um zu prüfen, ob ich ihr folgte.
In der hinteren Ecke des Kellers, hinter alten Rohren, entdeckte ich sie. Vier winzige Kätzchen lagen auf einem schmutzigen Lappen. Sie waren so klein, dass sie noch keine Augen geöffnet hatten. Ihr Fiepen klang verzweifelt, hungrig.
»Mein Gott.«
Ich kniete mich hin.
»Wie seid ihr hierhergekommen?«
Die Katze trat zu den Jungen, legte sich neben sie, und sofort klammerten sie sich an sie. Aber ich sah, dass sie selbst erschöpft war, die Milch reichte offenbar nicht. Und die Temperatur im Keller lag bei höchstens zehn Grad. Nachts würde es noch kälter werden.
»Du bist Hilfe suchen gekommen«, sagte ich, keine Frage, eine Feststellung. »Du hast jemanden gesucht, der deinen Kindern hilft.«
Die Katze sah mich an und miaute leise. In ihrem Blick lag Dankbarkeit.
Ich holte mein Handy hervor und rief Klara an. Sie meldete sich erst nach einer Weile.
»Greta, was ist los? Es ist schon nach zehn.«
»Ich brauche Hilfe. Dringend. Ich hab hier eine Situation.«
Klara kam zwanzig Minuten später mit einem Karton, einer warmen Decke und einem Fläschchen zum Füttern der Kätzchen. Sie hatte Erfahrung; vor einem Jahr hatte sie einen ausgesetzten Welpen aufgepäppelt.
»Ganz schön«, befahl sie nach einem prüfenden Blick. »Die Kätzchen nehmen wir sofort mit nach oben. Die Mutter auch. Morgen früh zum Tierarzt. Ich brauche Hilfe beim Füttern, sie sind noch zu klein.«
»Ich helfe«, sagte ich leise.
Wir betteten die Kätzchen vorsichtig in den Karton. Die Katze wurde erst nervös, aber dann begriff sie, dass ihren Kindern keine Gefahr drohte, und sprang ruhig hinterher.
Zu Hause richtete ich ihnen einen Platz im Badezimmer ein, wo es am wärmsten war. Klara zeigte mir, wie man die Kätzchen am besten mit dem Fläschchen füttert, falls die Mutter nicht ausreichte. Die Katze fraß gierig, zum ersten Mal seit vielen Tagen, wie es schien.
»Weißt du«, sagte Klara und sah mich an, »ich habe immer gedacht, dass du dich nach der Scheidung zu sehr abgeschottet hast. Dass du Angst hast, dich wieder jemandem anzuvertrauen, selbst Tieren.«
»Vielleicht.«
Ich streichelte den rostroten Kopf.
»Aber diese Katze hat mir gezeigt, wie echte Hingabe aussieht. Sie hätte ihre Jungen einfach verlassen und für sich selbst Futter suchen können. Stattdessen suchte sie Hilfe für sie.«
Der Tierarzt am nächsten Tag sagte, die Kätzchen würden überleben, aber sie bräuchten sorgfältige Pflege. Die Mutterkatze brauchte Vitamine und kräftiges Futter.
»Selten sieht man so einen starken Mutterinstinkt«, sprach der Arzt wie zu sich selbst. »Normalerweise verstecken Streuner ihren Nachwuchs an abgelegenen Orten. Diese hier hat einen Weg gefunden, um Hilfe zu bitten.«
Die nächsten drei Wochen lebte ich nach einem Fütterungsplan. Der Wecker klingelte alle drei Stunden, Tag und Nacht. Klara half, wenn ich auf Arbeit war. Die Kätzchen wurden kräftiger, öffneten die Augen und begannen zu krabbeln.
Ach ja, und bei der Arbeit dachten alle, ich hätte ein Baby bekommen – so dunkel waren die Ringe unter meinen Augen vom Schlafmangel. Die Kollegen fragten, ob alles in Ordnung sei, ob ich krank wäre. Ich scherzte, die Schlaflosigkeit plage mich.
»Greta, dir ist klar, dass in deiner Einzimmerwohnung nicht fünf Katzen leben können?«, fragte Klara vorsichtig.
»Ich weiß«, nickte ich.
Ich gab eine Anzeige auf, um die Kätzchen in gute Hände zu vermitteln. Es gab viele Interessenten, aber ich wählte die zukünftigen Besitzer sorgfältig aus, prüfte die Bedingungen, unter denen die Kleinen leben würden.
Nach zwei Monaten hatten alle vier Kätzchen ein Zuhause gefunden. Eines übernahm die Nachbarin Frau Schneider, dieselbe, die sich über das Miauen beschwert hatte.
»Die Enkelkinder werden sich freuen«, lächelte sie. »Ich wollte schon lange eine Katze, hatte mich aber nie getraut.«
Die rostrote Katze blieb bei mir. Ich nannte sie Röschen, einfach und ohne Schnörkel. Sie erwies sich als erstaunlich klug und dankbar. Sie schlief auf meinem Kopfkissen, begrüßte mich nach der Arbeit und schnurrte abends, wenn sie sich auf meinem Schoß zusammenrollte.
»Weißt du, Röschen«, sagte ich ihr eines Abends, »du hast mir viel beigebracht. Ich dachte, ich wolle für niemanden verantwortlich sein. Aber auf einmal wurde mir klar: Wenn man anderen Wärme schenkt, wird das eigene Leben reicher.«
Röschen sah mich mit ihren klugen Augen an und legte den Kopf auf meine Hand.
Ein halbes Jahr später erzählte mir Klara, dass die Kätzchen gesund und glücklich heranwuchsen. Frau Schneider war vernarrt in ihren Schützling. Und ich hatte eine Tradition entwickelt: Jeden Abend öffne ich die Balkontür und lasse Röschen frische Luft schnuppern.
Manchmal kommt die Barmherzigkeit in der unerwartetsten Gestalt zu uns. In Gestalt einer hartnäckigen Streunerkatze, die nicht aufgab und einen Weg fand, ihre Kinder zu retten. Mutterliebe kennt keine Grenzen, weder bei Menschen noch bei Tieren. Und ein menschliches Herz kann selbst nach Jahren der Einsamkeit auftauen, wenn das Mitgefühl in ihm erwacht.
Haben Sie schon einmal auf herrenlose Tiere geachtet? Vielleicht bittet auch eines von ihnen um Hilfe. Erzählen Sie Ihre Geschichte in den Kommentaren.





